11 Hugo von Tschudi

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11 Hugo von Tschudi

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Hugo von Tschudi

»Kunst und Künstler«, 1912

Ein in zweifacher Hinsicht tragisches Leben ging mit Hugo von Tschudis Tode zu Ende. Der bis zu seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahre vollendet schöne Mann wird von einer entstellenden Krankheit befallen und muß ihr erliegen. Er, den seine hervorragenden geistigen Fähigkeiten prädestiniert erscheinen lassen für das Amt, das ihm der Zufall überträgt, muß dieses Amt aufgeben, weil er nicht seine Überzeugung aufgeben will.

In den Briefen Hans von Marées', die vor einigen Jahren in »Kunst und Künstler« veröffentlicht wurden, ist viel von einem gewissen Adonis die Rede: wehmütig erzählte mir Tschudi, daß er dieser Adonis sei. Und er war es noch zu der Zeit, als die Krankheit schon allzu deutliche Spuren in seinem Antlitz hinterlassen hatte. Groß, schlank und elastisch in seiner ganzen Erscheinung, etwas jugendlich Sieghaftes, etwas kindlich Naives, aber dabei auch trotzig Überlegenes: ein St. Georg, wie ihn breitbeinig Donatello vor Or San Michele hingestellt hat, als wollte er sagen: dem Mutigen gehört die Welt. Jeder Gefahr trotzend, und sie in seiner Naivität erst erkennend, wenn sie überwunden. Der Typus des Aristokraten. Wenn anders Aristokratie die Herrschaft der Besten bedeutet, wie kein anderer zum Herrschen geboren, dieser Sproß einer tausend Jahre alten Familie. Er war stolz auf seine Familie und er durfte es sein. Und ich erinnere mich, wie er mir, als wir einst zusammen in Paris waren, den Namen des großen Schweizer Geschichtsschreibers Tschudi zeigte, der mit goldenen Lettern auf der Fassade der Bibliothek von Sainte Geneviève eingemeiselt ist.

Ebenso wie sein Onkel, der berühmte Verfasser der Tierwelt in den Alpen, in dessen Hause Hugo erzogen wurde, muß sein Vater ein bedeutender Mann gewesen sein. Von Haus Mediziner, macht er weite Reisen, studiert besonders Land und Leute in Mexiko, schrieb von dort aus Briefe über – die Schäden im Auswandererwesen, auf Grund deren ihn die Schweiz zu ihrem Gesandten in Wien ernannte. Mütterlicherseits dem Malergeschlecht der Schnorr von Carolsfeld entstammend, lernt er in seinem elterlichen Hause alles kennen, was sich in Wien durch Geburt und geistige Bedeutung auszeichnet, und gelangt so schon als Gymnasiast zu dem ruhigen Auftreten, zu dem sicheren Selbstbewußtsein, das sich andere, in minder glücklichen Verhältnissen Geborne, selten und auch nur mühsam erwerben. Es erscheint ihm selbstverständlich, daß er etwas Hervorragendes leisten wird, schon zu einer Zeit, als ihm noch völlig dunkel war, worin er sich auszeichnen würde. Und dieser Mann, dem die Natur ihre herrlichsten Geschenke an Körper und Geist in die Wiege gelegt hatte und der durch Erziehung und fleißigste Selbstzucht diese Gaben so weit wie möglich entwickelt hatte, statt wie es so häufig bei schönen., von der Natur besonders bevorzugten Menschen geschieht, sie zu vergeuden: dieser Adonis wird in jugendlichem Alter von einer Krankheit heimgesucht, die ihn in den Selbstmord getrieben hätte, wenn er nicht Künstler genug gewesen wäre, um Optimist zu sein. Oft genug kam ihm der Gedanke, seinem Leiden gewaltsam ein Ende zu machen und nur der Glaube an seine Mission gab ihm den Mut, es weiter zu ertragen, und diesen Heroismus müssen wir doppelt bewundern bei einem Manne von so heftigem Temperament, daß er einst einen venetianischen Gondolier beinahe erwürgt hätte, weil der ihn übervorteilen wollte. Freilich hat er es durch feste Selbstdisziplinierung früh gebändigt. Äußerlich das Bild vornehmer, ja kalter Ruhe, stürmten in ihm alle Leidenschaften und Begierden, denn »nichts Menschliches blieb ihm fern«. Wer ihn so sah, den eleganten Mann mit den vornehmen lässigen Manieren, hätte ihn für einen Diplomaten halten mögen; er war eher verschlossen und schweigsam als gesprächig, ohne Spur von Sentimentalität, jede innere Regung hinter grimmigen Sarkasmen und manchmal brutalem Humor verbergend. Wie hätte sich der aber geirrt, der Tschudi für kalt oder gar temperamentlos gehalten hätte. Er war zu stolz, um seine Gefühle zur Schau zu stellen.

Ich lernte Tschudi vor fast einem Menschenalter kennen, als er nach längerem Aufenthalt in Italien, wo er in dem Marées- und Böcklin-Kreise verkehrte und dessen Anschauungen teilte, nach Berlin gekommen war, um an den Museen zu arbeiten. Er war dann jahrelang Direktorialassistent, besonders die alten Vlamen studierend und seine Forschungen in spärlichen Abhandlungen niederlegend. Auch in dieser vornehmen Zurückhaltung zeigt sich sein Charakter: während andere nie genug und nicht früh genug, was sie eben erforscht, durch den Druck zu veröffentlichen suchen, müssen ihn, den vollendeten Meister des geschriebenen Wortes, die Freunde und vor allem er selbst sich zur Drucklegung geradezu zwingen, denn nie glaubte er sich genug getan, nie sich treffend genug ausgedrückt zu haben. Tschudis Ausdrucksweise hatte nichts Gelerntes oder Erborgtes. Kein Element der Mode: er sprach und schrieb ein vollendetes Deutsch. Flaubert sagt mal, daß das richtige Wort, wenn er es endlich gefunden, auch das wohlklingendste sei: auch Tschudi arbeitete oft tagelang an einer Druckseite, aber das Wenige, was er geschrieben, ist von klassisch vollendeter Form. Nicht etwa von jener geheimrätlichen Klassizität, die nur formal ist, sondern ich meine jene natürliche Einfachheit und Selbstverständlichkeit im Ausdruck, die nicht zehn Worte gebraucht, wo man mit einem auskommen kann.

In seiner stetigen und eher langsamen Entwicklung tritt der Wendepunkt ein, der über sein Schicksal entscheiden sollte, als er im Alter von 45 Jahren zu seiner eigenen und der Welt Überraschung zum Direktor der Nationalgalerie ernannt wird. Aber die Überraschung der Welt wurde noch größer, als sie plötzlich in Tschudi alle Eigenschaften sich entfalten sah, deren Keime nicht nur ihr, sondern selbst seinen Freunden bis dahin verborgen geblieben waren.

Damals war Richard Schöne Generaldirektor der Museen, der das Verdienst hat, in dem ziemlich kaltgestellten Direktorial-Assistenten die Qualitäten erkannt zu haben, die zur Reinigung und Reorganisation der Galerie nötig waren. Denn damals glich die Nationalgalerie mehr einer zufälligen Anhäufung von Bildern, – wie sie es ja auch ihrer Entstehung nach war – mehr einer Altersversorgungsanstalt für invalide Künstler, als einem Tempel errichtet »der deutschen Kunst«, wie es stolz auf dem Frontispiz des Gebäudes heißt. Kurz nach seiner Ernennung zum Direktor reisten Tschudi und ich nach Paris: er wollte die dortige Kunst, vor allem aber die Pariser Künstler näher kennen lernen. In der Galerie Durand-Ruel erblickte er zum ersten Male Manets Werke in ihrer ganzen Originalität. Manets Genius offenbarte ihm eine neue Welt und wie eine plötzliche Erleuchtung kam ihm der Gedanke, daß die Kenntnis der neueren französischen Kunst absolut nötig sei, um die Entwicklung der zeitgenössischen deutschen Kunst zu verstehen. Ein ebenso einfacher wie genialer Gedanke – aber auch ebenso gefährlich in der Ausführung. Als mir Tschudi nachdem wir Durand-Ruel verlassen hatten, seinen Plan näher entwickelte, erwiderte ich ihm, daß ich ihn wenigstens jetzt noch für unausführbar hielte: was man in Paris in einem Menschenalter nicht aufzufassen vermocht hätte, würde man schwerlich in Deutschland von heut auf morgen durchzusetzen vermögen.

Und hierbei zeigte sich mir zum ersten Male die verhaltene Leidenschaft und Glut der Empfindung Tschudis. Von dem Ziele, das er sich gesteckt hatte, ließ er sich durch keine Schwierigkeit abschrecken, im Gegenteil: sie schienen seine Energie zu stählen und die Erreichung seines Zieles nur noch wünschenswerter zu machen. Kleinliche Intrigue, Neid der Künstler, Mißgunst seiner Vorgesetzten können ihn auch nicht um Haaresbreite von dem einmal als richtig erkannten Wege ableiten. Er spottet derer, die seine Liebe für Böcklin aus seiner Landsmannschaft mit dem Schweizer erklären, die ihm Vaterlandslosigkeit vorwerfen, weil er die Meisterwerke der Franzosen ankauft oder richtiger der Galerie schenken läßt. Er spottet seiner Freunde, die ihm zu größerer Diplomatie raten, weil er alles Diplomatisieren verachtet und des Glaubens lebt, daß der gerade Weg auch der einzig richtige sei.

Seine bestrickende Liebenswürdigkeit läßt ihn Freunde und Gönner finden, die ihm die Mittel darbieten, um die Bilder anzukaufen, für die Staatsmittel nicht vorhanden sind. Als erstes kauft er La Serre von Manet, und ein Amateur kann keine größere Freude über ein neuerworbenes Stück haben, als Tschudi über dieses Bild. (Notabene würde es jetzt mit dem zehnfachen Preise bezahlt werden.) Wie den Geruch einer kostbaren Havanna oder den Geschmack einer leckeren Frucht sog er die Schönheiten eines Manet oder Leibl in sich ein. Allen Ärger, alle Ekelhaftigkeit ertrug der sonst so stolze Mann, wenn es galt, ein gutes Bild zu erwerben: der Rest war ihm Hekuba. Und ich entsinne mich, wie er vor seiner Übersiedelung nach München beim Abschied mir das Versprechen abnahm, eins der mir gehörigen Bilder von Degas der Pinakothek zu überlassen, und als ich ihm sagte, daß er damit in München dasselbe begönne, was ihn um seine Berliner Stellung gebracht hatte, er mit selbstbewußter Lauterkeit antwortete: »Was liegt daran! – habe ich doch die Nationalgalerie gemacht!«

Mit tadellos blankem Schilde ging Tschudi aus dem jahrelangen Kampfe hervor, der mit der Niederlegung seiner Berliner Stellung endete: sein Amt konnte er aufgeben, aber nicht seine Überzeugung. Obgleich besiegt, Sieger; denn wenn er auch wie der Held in der Schlacht gefallen war, sein Werk blieb bestehen und wird bestehen bleiben.

Die ehrenvolle Berufung nach München war für den schwergekränkten Mann eine große Genugtuung, und mit jugendlicher Begeisterung ging der bald Sechzigjährige ans Werk. Was er in der kurzen Zeit seiner Münchener Wirksamkeit geleistet hat, ist staunenswert. Wie er, was wertlos, ausmerzte. Fehlendes aus den Provinzialmuseen ergänzte und die Pinakothek neu ordnete, gereicht ihm zu unvergänglichem Ruhme. Es zeigt nicht nur, daß er das ganze ungeheure Gebiet der alten Kunst durchaus beherrschte, sondern er bewies auch seinen phänomenalen Geschmack und seinen nie irrenden Instinkt für die Qualität der Werke. Denn in Tschudi war neben dem Gelehrten der Künstler. Nicht Akribie und die Untersuchung mit der Lupe, nicht der Taufschein, sondern der Augenschein waren ihm das Kriterium für die Echtheit und die Qualität des Werkes. In ihm durchdrang in wunderbarer und vielleicht deshalb so seltner Mischung der Gelehrte den Künstler, und aus dieser Mischung erklären sich seine Wirkung und sein kolossaler Erfolg. Er erkannte nicht nur die historischen Zusammenhänge der Kunst, sondern er erkannte das Wesen der Kunst, das ewig Werdende in ihr. Er legte beim Kunstgelehrten den Akzent auf Kunst, und er sammelte die Kunst, die er liebte, nicht die, die gerade beliebt war. Er sammelte nicht wie der Botaniker, der in seinem Herbarium sämtliche seltenen Exemplare der Flora vertreten haben will. Und während er einerseits mit dämonischer Leidenschaft und mit brutaler Energie in den Besitz der Kunstwerke zu gelangen suchte, die ihm für die Galerie nötig schienen, hat er sich andererseits nie von politischen Rücksichten oder – was noch gemeiner – von persönlichen Vorteilen bestimmen lassen, Mittelmäßiges in seine Sammlung aufzunehmen.

Die klassischen, lapidaren Worte, die er vor kaum einem halben Jahre in dem Vorwort zur Nemes-Sammlung geschrieben, sind sein künstlerisches Testament geworden, in dem modernen Museumsleiter, wie er sich ihn denkt, hat er sich selbst gezeichnet: von der modernen Kunst aus müsse man zum Verständnis der alten Kunst vordringen, und nicht, wie bisher, umgekehrt; er wußte, daß, wer nichts von neuer Kunst versteht (deren Verständnis uns um so viel näher steht), auch nichts von alter Kunst verstehen könne, denn es gibt nur eine Kunst, ob alt oder neu, die Kunst, die – lebt! Er erkannte, daß jeder Maler nur dann ein Künstler ist, wenn er seine eigene Sprache spricht und daß es eine Torheit ist, von einem modernen Künstler zu verlangen, daß er wie Rembrandt oder Velazquez malen solle. Und während seine Zunftgenossen Ach und Weh über den Verfall der modernen Kunst schrien, weil sie deren Sprache nicht gelernt hatten, und zu bequem waren, umzulernen: erkannte Tschudi, daß jede Renaissance in der Kunst nur in der Erfindung ihrer neuen Ausdrucksweise bestehen kann. Er erkannte, daß der Impressionismus nicht eine neue Richtung in der Malerei ist, sondern eine neue Weltanschauung, die nicht etwa den Verfall der Malerei bedeutet, sondern eine Wiederbelebung.

Leider versagte ihm das Schicksal zu vollenden, was er in München begonnen; aber er hat in der kurzen Zeit seines dortigen Wirkens das Wesentliche getan: sein Nachfolger kann, wie in Berlin so in München auf dem von ihm gebahnten Wege fortschreiten. Er starb wie der tragische Held im Zenith seines Ruhmes und seiner Wirksamkeit, nachdem er in München gefunden, was ihm in Berlin so schnöde versagt worden war: einen kunstsinnigen Prinzen, der ihm volles Vertrauen schenkt, eine vorgesetzte Behörde, die in ihm den Reorganisator des Museums erblickt und ihm in allen seinen Maßnahmen ihre Unterstützung leiht, eine Künstlerschaft, die zuerst zögernd abwartet, dann von seinen Leistungen bezwungen ihm folgt. Was hätte der seltene Mann noch schaffen können! Was hätte er uns allen noch sein können! Er ist uns auf ewig entrissen und nur in der Erinnerung an ihn werden wir schwachen Trost über seinen Verlust finden können. Aber sein Wirken wird unvergänglich bleiben, denn er war Förderer und Mehrer unserer Kultur.