1950 Offener Brief an P. Eluard

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André Breton

Offener Brief an Paul Eluard

 

Paris, am 13. Juni 1950

 

Vor fünfzehn Jahren sind wir, Du und ich, auf Einladung unserer Freunde, der tschechischen Surrealisten, nach Prag gereist. Wir

haben dort Vorträge gehalten und Interviews gegeben. Ich weiß, daß Du erst neulich dort sehr gefeiert worden bist, freilich auf eine konventionellere, offiziellere Weise. Du wirst den Empfang damals in Prag nicht vergessen haben.

Nichts trennte uns damals. Politisch hatten wir beide mit der Orthodoxie nichts im Sinn. Unsere Kraft zogen wir aus den Gedanken, die wir, ein paar Leute, gemeinsam dachten. Was wir dachten, war für uns durch die poetische Tätigkeit bedingt, der unsere oberste Aufmerksamkeit galt. Und wenn wir uns dem Projekt der Gesellschaftsveränderung verschrieben, wenn wir es allein in der gewalttätigen Gestalt gelten lassen wollten, die die bolschewistische Revolution ihm gegeben hatte, und wenn unsere ganze Anstrengung darauf gerichtet war, die Divergenzen, die zwischen gewissen »kulturellen« Auffassungen der Kommunistischen Partei und unseren bestanden, zu verringern, so hielten wir es doch für nicht weniger dringend, unsere Positionen zu verteidigen, sofern sie auf Einsichten beruhten, die wir durch unsere eigenen Forschungen erworben hatten. Es ging um die Authentizität unseres Zeugnisses auf beiden Ebenen: Der geringste Kompromiß in der einen oder anderen Richtung wäre uns als Verfälschung unseres Vorhabens erschienen, hätte uns in unseren Augen scheitern lassen.

In dieser Verfassung waren wir in Prag angekommen. Freilich waren wir unsicher, welche Aufnahme unsere Botschaft dort finden würde. Es ist eine Sache, einem ausländischen Publikum zu begegnen, wenn man entschlossen ist, komme, was da wolle, einzig die eigenen Überzeugungen vorzubringen; eine andere Sache ist es, als beauftragter Sprecher mächtiger Organisationen vor dieses Publikum zu treten, ohne daß man dabei etwas von sich selbst in die Waagschale zu werfen hat. Du und ich, wir waren, ich wiederhole es, nur wir selbst. In der eher hektischen Unruhe der ersten Tage tauchte ein Mann auf, der sich so oft wie möglich zu uns setzte, der sich bemühte, uns zu verstehen, ein offener Mann. Dieser Mann war kein Dichter, aber er hörte uns zu, so wie wir ihm zuhörten: Was wir sagten, erschien ihm nicht unannehmbar; was er einwendete, klärte uns auf, ja überzeugte uns. Er war es, der in der kommunistischen Presse scharfsinnige Analysen unserer Bücher und vernünftige Berichte über unsere Vorträge publizierte. Er scheute keine Anstrengung, unsere beträchtliche Zuhörerschaft, in der sich Intellektuelle und Arbeiter mischten, uns gewogen zu machen.

Diese Hilfe und diese Großzügigkeit waren von unschätzbarem Wert für uns. Das am 9. April 1935 in tschechischer und französischer Sprache in Prag veröffentlichte Bulletin, das von Dir und mir unterzeichnet worden war, bestätigte es ausdrücklich. Ich denke, Du hast den Namen dieses Mannes behalten: Er heißt — oder hieß — Závis Kalandra. Ich traue mich nicht, über die Zeitform des Verbs zu entscheiden, da die Zeitungen melden, daß er letzten Donnerstag von einem Prager Gericht zum Tod verurteilt worden ist, nach ordentlichen »Geständnissen« selbstverständlich. Einstmals wußtest Du so gut wie ich, was von derlei »Geständnissen« zu halten ist. Kalandra wußte es ebenfalls, als er aufgrund von Kommentaren, zu denen der »Prozeß der 16« ihn inspiriert hatte, aus der KP ausgeschlossen wurde. Mir ist durchaus bewußt, daß er damals einer der Führer der Internationalistischen Kommunistischen Partei (tschechische Sektion der IV. Internationale) geworden ist, aber wie kannst Du deshalb den Stein auf ihn werfen, Du, der Du ein paar Monate zuvor einen Text unterzeichnet hattest, der den Titel trägt Als die Surrealisten noch recht hatten und der mit einer Mißtrauenserklärung gegenüber dem stalinistischen Regime schloß, einen Text, den jeder heute nachlesen kann?

Sollten Krieg und Okkupation eine solche Scheidelinie zwischen den Menschen gezogen haben, daß Kalandra offen auf die falsche Seite übergewechselt ist? Ist er schuldig vor dem Widerstand? Aber nein, denn seine Artikel von 1939 — damals, als er sich während der Naziokkupation nicht scheute, die Propaganda Hitlers lächerlich zu machen — brachten ihm sechs Jahre Lagerhaft ein (namentlich in Ravensbrück und Sachsenhausen). Alles Quatsch! Verräter sind nicht aus solchem Holz geschnitzt. Erkennst Du, von dem ich lange Zeit wußte, daß er der menschlichen Stimme bis in die Intonation hinein mit Respekt und Verehrung begegnet, in diesem Rückstand schmutziger Propaganda Kalandras Stimme wieder: »Mein Ziel war, die Verschärfung der Blockade zu erreichen, die der Tschechoslowakei vom westlichen Imperialismus aufgezwungen wurde, um ihre wirtschaftliche Prosperität zu behindern und das Land der Marshallisierung in die Arme zu treiben«?

Wie kannst Du es in Deinem Innern ertragen, daß die Menschen in der Person dessen, der sich als Dein Freund erwiesen hat, auf diese Weise erniedrigt werden? (1)

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1 Paul Eluard hat sich damit begnügt, auf diesen Brief in Action zu antworten: »Ich habe zuviel mit Unschuldigen zu tun, die ihre Unschuld beteuern, um mich mit Schuldigen abzugeben, die ihre Schuld beteuern.« Závis Kal andra sollte wenig später exekutiert werden. — Cf. Louis Pauwels, »Des ›salauds‹ parmi les poètes« (»›Dreckschweine‹ unter den Dichtern«), in: Combat,2/.ium 1950.