1948 Die Lampe in der Uhr

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André Breton

Die Lampe in der Uhr

1948

 

In der Tiefe jener pestilenzialischen Grotte, in der wir uns heute befinden, ist es nahezu unmöglich, Atem zu schöpfen. Diese Grotte bezeichnet nämlich den Übergang vom sogenannten »Konzentrationslager«-Universum, dem unvorstellbarsten

Universum, zu einem durchaus möglichen Nicht-Universum, das heraufzuführen bereits ein endgültiges Werkzeugmodell fertiggestellt wird. Es ist ein geringer Trost und eine winzige Lehre, daß die Zivilisationen sich dabei als sterblich erkannt

haben. Ein Lichtstrahl blieb übrig, er glitt vom Deckel eines Sarkophags zu einem irdenen Geschirr aus Peru und einem Täfelchen von der Osterinsel und hielt den Gedanken lebendig, daß der Geist, der diese Kulturen nacheinander beseelte, wenigstens in Spurenelementen dem Zerstörungsprozeß entgehe, der die materiellen Trümmer hinter uns anhäuft. Wir sehen zu, wie er im Laufe der Jahrhunderte sich immer mehr verdüstert. Aber die rätselvollen Ziele dieser Verdunkelung haben den menschlichen Scharfsinn nicht lahmen können. Darin steckt das Geheimnis mancher Größe. Es gilt, sich auf sich selbst zu besinnen und sich ohne Nachsicht über die neuen Bedingungen des Denkens zu befragen. Außer Zweifel steht, daß das Bewußtsein selbst angegriffen und in seiner Substanz bedroht ist. Es hat eine Masse aus Bewußtlosigkeit und Sorglosigkeit gegen sich, die die Gefahr erst in dem Augenblick erkennen läßt, da ihr nicht mehr vorgebeugt werden kann, und die in der Zwischenzeit Nutzen zieht aus dem, was sie — undeutlich — von der allgemeinen Krise der Verantwortlichkeit wahrnimmt. Das Bewußtsein hat zugleich — und das wiegt schwerer — das kompakte Getriebe aus gutgeschmierten Routinen gegen sich, das vielleicht auch dann noch die Leute in Bewegung hält, wenn nur noch eine Handvoll von ihnen auf der Erde übrig sind. (Wer hätte gedacht, daß die alten Parolen der Parteien, die von einem kurzsichtigen Opportunismus alsbald verfälscht worden sind, das vom Krieg zerwühlte geistige Terrain wiederbedecken könnten, während mit Gründen gehofft worden war, die Katastrophe ließe neue Gedanken entstehen und sich entfalten?) Jeder will, ohne Abstriche und mit Erbitterung, eine Position verteidigen, die, weil untauglich, unhaltbar geworden ist. Noch schlimmer, zwei ungeheure Menschenmassen, deren Beschädigungen von einer blinden oder blindwütigen Propaganda noch verstärkt werden, fordern sich gegenseitig heraus und sehnen doch im Grunde nur den Augenblick, an dem sie ihren Streit werden beilegen können, herbei, auf die Gefahr hin, ihr Wasser auf ein und dieselbe Mühle zu leiten — ein Wasser, das zufällig Öl, und eine Mühle, die ein Vulkan ist. Politisch-philosophisch bleiben Materialismus und Idealismus, deren Gegensatz, wie die jüngsten physikalischen Entdeckungen bewiesen haben sollten, ein rein formaler ist, als die zwei großen unversöhnlichen Weltdeutungen aufgepflanzt, weil ein paar private oder »nationale« Interessen gewahrt und die Einfältigen beruhigt werden müssen. Die Verwesung geht von dieser Begriffsleiche aus und verbreitet die Praxis des

»Schwarzmarkts« im Feld der Ideen, und das ist milde ausgedrückt, denn so oder so spielt hier die Fälschung die Haupt- rolle. Die Veränderung der Verhältnisse, die heute notwendiger und ungleich dringender ist als jemals zuvor, die aber der allgemeinen Bedrohung wegen neu durchdacht werden muß, wird als exklusives Erbteil von einer Partei eingefordert, die in einem hundertjährigen Dogmatismus erstarrt ist und deren ursprünglich überaus beherzigenswerten Ideale seit langem den unlauteren und entwürdigenden Mitteln zum Opfer gefallen sind, mit denen ihre Kader sie vermengt haben. Die institutionalisierte Unredlichkeit und Verleumdung, der als unanfechtbares Zeichen der Konsequenz ausgegebene Widerruf, die Fertigkeit, alles mit einem Geheimnis zu umgeben, was man für die eigenen Zwecke verwerten kann — eine Fertigkeit, die freilich nicht hinreicht, um von dem Geräusch der Ketten und den dumpfen Explosionen auf der Treppe abzulenken —, und schließlich das Zerreden des beständigen menschlichen Verlangens nach sinnvollem Austausch und Glück — wer glaubt denn noch, auf diesen finsteren Wegen könne man zum Großen Tag gelangen? In dem ganzen entsetzlichen physischen und moralischen Elend dieser Zeit wartet man, immer noch hoffnungsvoll, darauf, daß Energien, die sich der Gängelung entziehen, das Werk der Emanzipation des Menschen von Grund auf neu beginnen. Ich wäre der letzte, der leugnen wollte, daß eine das Schicksal der Menschheit entscheidende Partie unter solch ungleichen Bedingungen eröffnet worden ist. Es ist schmerzlich, und wenn nicht entmutigend, so doch zumindest entkräftend im physischen Sinn des Wortes, zu beobachten, wie die Geschichte mit derart gezinkten Würfeln entschieden wird. Zweifellos ist es ein Jammer, daß sich die proletarischen Massen in dieses Spiel einzeichnen, das Marxens suchender Blick nicht mehr belebt, und sich im Namen des ihnen zustehenden Aufstiegs demütigen, da sie sich mit verbundenen Augen von Priestern führen lassen, die es nicht einmal mehr für nötig erachten, ihnen zu erklären, wohin die Reise geht. Dies hier sollte die Freiheit sein: Man sagt uns, sie sei es, aber nichts kommt heraus. Schauen Sie mich an, den kleinen Romantiker, der annahm, zu seinen Lebzeiten — der Spaß geht wirklich zu weit — werde die Welt tatsächlich Welt werden: » Ihr, die ihr eintretet, laßt alle Hoffnungen fahren.«

Nichts läßt sich daran ändern, daß es soweit gekommen ist, und ich sage nach reiflicher Überlegung, daß es sich das nächste Mal nicht mehr lohnen wird. Die gelehrtesten Finten und die brillantesten Sophismen werden rasch an ihre Grenzen stoßen. Doch noch ist das letzte Wort nicht gesprochen. Die allgemeine Spötterei wird nicht ewig dauern. Die großen Probleme werden in einer neuen Sprache und wie zum ersten Mal gestellt werden. Man wird nicht mehr beim Anblick zerfetzter Kinder schaudern müssen. Und wenn das Publikum nur besser informiert ist, wird es sich nicht mehr bei der Ankündigung imitierter römischer Zirkus-Nummern begeistern, sondern bei Aufführungen ganz anderer Art, da man bekanntgibt, daß Tribünen und Arena diesmal ein- und dasselbe sind.

Man wird einwenden, daß die Dichter merkwürdige — wankelmütige? — Leute sind. Haben nicht unzählige Untersuchungen nachgewiesen, daß sie seit einem Jahrhundert der Versuchung der Rede vom Untergang erlegen sind? Der alte Manichäismus und Sade bestimmten unbestreitbar die Haltung von Nerval, Borel, Baudelaire, Cros, Rimbaud, Lautréamont, Mallarmé, die wiederum unsere Haltung geprägt haben. Es ist nicht einmal der verrückteste unter ihnen, der gesagt hat: » Wenn ich mich zerstreuen will, male ich mir im stillen aus, [...] ob eine außerordentliche Menge von Steinen, Marmor, Statuen und Mauern, wenn sie mit Menschen zusammenprallen, mit Hirn, menschlichem Fleisch und Knochen besudelt sein wird...« (1) Es stimmt. Und doch empfinde ich nicht die geringste Verlegenheit, wenn ich sage, daß wir von diesem Ende der Welt nichts mehr wissen wollen. Wir wollen nichts mehr von ihm wissen, seit wir die Schleier kennen, unter denen es sich zeigt und die es, wider Erwarten, völlig absurd erscheinen lassen. Wir verspüren Widerwillen gegenüber dieser universellen Ohnmacht, seit wir wissen, daß die bloße Entfremdung des Menschen zu ihrer Ursache werden kann. Ein solches Ende der Welt, ausgelöst durch ein Versagen, das, weil gravierender als das frühere, weniger entschuldbar ist, verliert für uns jede Bedeutung; es ist nur noch eine jämmerliche Karikatur. Wir brauchen uns nicht lange zu fragen, was hinter den Kurven von Professor Einstein heranreift oder unter der Haarbürste des seltsamen Genossen Stalin, nein, es geht wirklich nicht um dieses letzte Jagdgemälde. Dieses Ende der Welt ist nicht unsere Sache. Und solange es möglich ist, werden wir nichts unversucht lassen, um einen radikalen Umschwung einzuleiten und einen Zeichenwechsel vorzunehmen. Die Chance dieses Zeichenwechsels wird von einer authentischen Sensibilität eröffnet, an Beispielen fehlt es nicht, eben bei Baudelaire, Rimbaud und Lautréamont. Ich erwähne hier nur jenes große poetische Geheimnis, das dafür gesorgt hat, daß Sade während des Terrors auf Kosten seiner Freiheit und zum Verdruß seiner künftigen Exegeten sich gegen die Todesstrafe aussprach.

Es kann nicht darum gehen, das Erbe der »schwarzen« Kunst auszuschlagen und mit einer Handbewegung die »Verfluchung« vom Tisch zu wischen, die von den größten Dichtern und Künstlern des vergangenen Jahrhunderts wie ein glühender Handschuh aufgegriffen wurde. Sie enthält Leidenschaft. Durch sie und die von ihr hervorgerufene Mißbilligung machen die Dichter und Künstler die absolute, ihre Wahl geltend zwischen Armut und Mißachtung, unter denen die Verfolgten und Ausgeplünderten leiden, einerseits und dem Wohlstand andererseits, an dem die »Glücklichen dieser Welt« die Dichter und Künstler unter Wahrung einer wachsamen Neutralität teilhaben lassen können. Lassen wir nicht außer acht, daß die Nähe zu den Verachteten und Ausgestoßenen eine Verwandtschaft andeutet und ein Bündnis besiegelt, die ganz andere Garantien der Unauflöslichkeit bieten als der Schwur auf eine Einstellung, die der Parole des »Soziali- stischen Realismus« von gestern und der des » Antiformalismus« von heute gehorcht. Die ganze Frage besteht im übrigen darin, ob sich der Geist ungestraft der meisten seiner unbewußten Funktionen entledigen kann — deren Komplexität und deren von einem Individuum zum anderen variierendes Zusammenspiel das Leben und den Kampf überhaupt erst lohnen —, um sich in ein bloßes Werkzeug der Übermittlung zu verwandeln. Diesseits des »Eisernen Vorhangs« sind wir immerhin noch zu mehreren, um nein sagen zu können.

Der Lump von der Wache und der Küche2 möge mir verzeihen, der Lump, der mir die Ehre erweist, meine Handlungen und Meinungen zunehmend genauer  zu  überwachen und die Provokationen auf meinen Wegen zu vervielfachen. Und ich füge hinzu, daß  die Bedingungen, die nicht reglementierbaren Bedingungen des schöpferischen Denkens, die meine Freunde und ich verteidigen, von einer Konstante definiert werden, die durch das Auftreten von Marx allein noch nicht einer Variablen gewichen ist und die als nicht zu disziplinierende Kraft der Gefahr der Verleugnung trotzt. Nichts kann etwas daran ändern, daß die freie menschliche Entdeckung, die vor Marx existiert und ihn überlebt hat, in der dunkelsten Ecke des Bildes den Bogen gespannt hält, der, wie der Mythos sagt, von Prometheus oder Luzifer in unsere Hände gelegt worden ist. Weder die vergangenen noch die künftigen Tyranneien werden daran etwas ändern. Und obschon wir in einer Periode krasser Ignoranz leben, in der auf dem Gebiet der Dichtung, der Kunst und — ich würde nicht einmal sagen: der Philosophie, sondern — des Denkens allgemein nur noch unmittelbar zugängliche, von der Mode korrumpierte und von Kommentaren entstellte Werke in Umlauf kommen, wird sich die Wiederherstellung der Person aus dem Ganzen speisen, das sie gemacht hat. Die Menschen werden wieder Geschmack daran gewinnen, sich selbst zu entwerfen, als Personen, die ihre selbst- bestimmten Zwecke haben und die nicht wiederholbar sind. Die Eitelkeit ist anderswo.

Die Okkultisten hatten recht, wenn sie die phänomenale Allmacht des Feuers hervorhoben.3 Wo kein Feuer ist, da ist auch keine Moral mehr (man sollte die halberloschene Glut, an der manche sich wärmen, nicht mit dem Feuer verwechseln). Selbst wenn man sich um die Wette bei dem Geschäft ablöst, Rimbaud »abzukühlen«, so brennt Rimbaud doch immer weiter. Gewiß war die Haltung des Dichters angesichts der deutschen Invasion 1870-71 wenig beispielhaft. Doch wie steht es mit den folgenden Sätzen und dem Unrecht, in das sich ihr Urheber gesetzt hat? »Die Franzosen brauchen Prügel. Siegen die Preußen, so die Zentralisation der state power nützlich der Zentralisation der deutschen Arbeiterklasse. Das deutsche Übergewicht würde ferner den Schwerpunkt der westeuropäischen Arbeiterbewegung von Frankreich nach Deutschland verlegen, und man hat bloß die Bewegung von 1866 bis jetzt in beiden Ländern zu vergleichen, um zu sehn, daß die deutsche Arbeiterklasse theoretisch und organisatorisch der französischen überlegen ist. Ihr Übergewicht auf dem Welttheater über die französische wäre zugleich das Übergewicht unsrer Theorie über die Proudhons etc.«

Wer hat diese für zeitgenössische Ohren ruchlosen Worte ge- schrieben, wer hat seine Fehlbarkeit zudem selbst eingestanden, indem er sich in seinen Voraussagen so schwach und unglücklich zeigte? Es war kein Dichter, sondern ein Mann, den man für solche Voraussagen verantwortlich machen muß. Wer ihn nicht erkennt, für den sage ich, daß es Marx ist.4 Wer heute in seinem Namen von nationalem Widerstand sprechen will — reden wir erst gar nicht von Feuer —, der muß sich einen Eismantel überziehen.

Ohne Rücksicht auf Einschüchterungsversuche und Drohungen, woher immer  sie kommen mögen, werden wir unsere Aufmerksamkeit mehr als jemals zuvor auf die großen vereinzelten Botschaften richten, die uns nach wie vor erreichen können, in ultrapositiver Voreingenommenheit werden wir  jede  freie Kommunikation aufnehmen, die uns einen neuen Ausweg anzuzeigen oder uns zu bestätigen vermag, daß dieser Ausweg am Ende einer wenn auch nicht aufgelassenen, so doch wenig befahrenen Straße zu finden ist. Genau dieser Vorsatz muß heute denen entgegengehalten werden, die sich, mit welcher Verspätung und mit welchen kraftlosen Ausdrücken immer, mühen, uns ein trügerisches »Fenster zur Zukunft« anzupreisen, an dem wir nur noch die Gitter erkennen. Wir halten selbstverständlich an der Offenlegung eines gemeinsamen sozialen Projekts fest, das die Zusammenfassung derer anstrebt, die sich, ohne sich von Haßparolen betäuben zu lassen, der unmittelbaren Gefahr bewußt sind, die die Menschheit bedroht, und die jetzt alles ins Werk setzen wollen, um sie zu bannen. Ich gebe hier meine unwiderrufliche Zugehörigkeit zur Bewegung Front humain bekannt — die von Robert Sarrazac geleitet wird —, einer Bewegung, die mir schon zu Anfang jede Garantie der Klarheit und der Strenge zu bieten scheint, die von einer solchen Organisation zu verlangen sind. Ich will hier nur auf die Veröffentlichungen von Front humain hinweisen, deren Geist und deren Sprache ebenso untadelig wie jedermann zugänglich sind. Sie drücken den Wunsch aus, daß Gruppierungen mit ähnlicher Zielrichtung sich unter ihrer Losung zusammenschließen mögen, und daß diejenigen von uns, die bislang geglaubt haben, ihre Unabhängigkeit gegenüber solchen Organisationen wahren zu müssen, sich ihr nach gegenseitiger Unterrichtung anschließen

mögen. (5)

An diesem 26. Februar 1948, an dem ein weiterer in Prag verübter Gewaltakt die Chancen noch mehr zu verringern scheint, daß eine verzweifelte Lösung der Krise vermieden werden kann, an dem man jenseits aller Gedanken an Schuld laut anerkennen muß, daß der Wald von Birnam unaufhaltsam auf das Schloß von Dunsinane vorrückt, bin ich dabei, einen Brief meines Freundes Henry Miller wiederzulesen. Man möge mir diese Abschweifung nachsehen. Er hatte mir vor einigen Tagen geschrieben, nachdem ich ihm beiläufig mitgeteilt hatte, was über ihn als zweifellos freien Mann bei uns in den am wenigsten »heiklen« Zeitungen geschrieben wird: »Miller in den USA verboten? Natürlich! Er ist für den Konsum im Ausland bestimmt. Wie die Atombombe.«6 Nebenbei berichtete ich ihm von Henri Matisse, den ich in Vence besucht hatte. Mir liegt daran, Millers Antwort zu zitieren, die zwei bedeutsame Aspekte des heutigen Dramas erhellt: »Was diesen Schlag angeht, so ›stecke‹ ich ihn mit vielen anderen dieser Art ein. Darüber braucht man nicht zu streiten. Selbst wenn Sie ihnen Ihre Seele ausliefern, zeigen sich diese Leute unerschütterlich. Es sind Blinde, die Blinde anführen, heute wie früher. [...] Wenn Sie von Matisse sprechen, denke ich an eine andere Menschenrasse. Bei uns sind die Alten oft die jüngsten, die lustigsten, die ausgeglichensten. Sie setzen ihre Arbeit fort — pfeifen sozusagen dabei. Matisse gehört zu einer anderen Zeit, in der man, wenn ich das richtig ausdrücke, das Heil in der Arbeit fand, und man gab den anderen durch diese Arbeit das Heil — Arbeiten im Sinne von Leben in der (oder mit) der Schönheit. Aber Arbeit soll es nicht heißen, nicht wahr? Im Englischen sagt man: ›a labour of love‹. Die Liebe — ich glaube, Rimbaud hat das Gültige dazu gesagt.«

Was die »großen vereinzelten Botschaften« mit ganz neuem Klang angeht, zu deren leidenschaftlicher Prüfung in einer so finsteren Zeit ich auffordere, so muß man zugeben, daß wir seit dem letzten Krieg mit ihnen nicht verwöhnt wurden. Dennoch muß solchen Botschaften die größte Bedeutung zugemessen werden, als Indiz. Im übrigen gilt dieses Indiz für beide Richtungen. Auf der einen Seite drückt es die Auswechselbarkeit einer bestimmten Menge von Zeichen aus, wobei wir in diesem Augenblick nur zu deutlich die unglückselige Vorherrschaft des einen über jenes andere erkennen, das die Dauerhaftigkeit und Wiederaufnahme des Lebens bezeichnet. Dieser Vorgang ist vielleicht nicht in klaren Begriffen zu beschreiben. Sein Geheimnis ruht, tief vergraben, in solchen Dokumenten wie der von Fulcanelli ans Licht gebrachten Reihe von Inschriften, die das »wunderbare Zauberbuch des Schlosses von Dampierre« bilden.7 Auf der anderen Seite hat das Indiz die Eigenschaft, in einer Kette weit nach rückwärts eine Folge von Schritten zu beleuchten, als deren Zielpunkt es angesehen werden kann. Diese Schritte, ob nun zufällig auf sie Anspruch erhoben wird oder nicht, werden auf diese Weise sichtbar und zugänglich gemacht und durch einen Eingriff untereinander verbunden, der den Blick näher an sie heranführt, während andere, bis dahin für wichtiger erachtete Verfahren mehr oder weniger endgültig in der Versenkung verschwunden sind. Der Surrealismus zum Beispiel sah sich in die Lage versetzt, sich als Endpunkt einer vielfach gewundenen, ansteigenden Linie zu definieren, bei deren Verfolgung die Kritik außer Atem gerät und ungeduldig wird, während die Sensibilität der Jugend sie von einem Ende zum anderen in sich aufnimmt, obwohl er zu einem erheblichen Teil für die Geringschätzung verantwortlich ist, die die selbe Jugend einem bestimmten Ensemble von Werken entgegenbringt, die wie jene des französischen 17. Jahrhunderts einmal »tabu« waren (ausgenommen das Werk von Retz, Bergerac, Pascal). Soll sich in den konservativen Gruppen erregen, wer mag, inmitten so vieler Trümmer sollte es heute wie gestern einzig darauf ankommen, sich toter Bürden zu entledigen, um die freie Stimme wiederzugewinnen. Es ist notwendig und von höchster Dringlichkeit, ins Weite zu gehen, weiterzugehen.

Durch das Periskop dieser Zeit blickend, dessen Linsen wir ständig abwischen müssen, habe ich für mein Teil nur eine einzige Botschaft von der Art, die ich verlange, auftauchen und sich real, nämlich die gewünschten Erweiterungen versprechend, durchsetzen sehen. Sie steckt in einem Band mit dem Titel Sens plastique II, dessen Autor, der aus Mauritius stammende und dort lebende Malcolm de Chazal, in Paris einen eher vertraulichen Pressedienst unterhalten hat. Doch es genügte, um die zu erreichen, die erreicht werden sollten, die Botschaft gelangte an die erste Stelle der Aktualität (ich spreche von authentischer geistiger Aktualität und nicht von dem, was man dafür ausgibt). Aimé Patri und Jean Paulhan sind die ersten gewesen, die diese Botschaft in Besitz genommen und gebührend verbreitet haben.8 Wir durften dabei erleben, wie zwei sehr verschiedenartige, aber offene Geister bei dieser Gelegenheit ihre treffenden, sich genau ergänzenden Reaktionen zusammenspannten. Die Hauptsache, die auf der Schwelle des Buches nach Freilegung verlangte, scheint mir von ihnen freigelegt worden zu sein. (9)  Einmal wenigstens ist das Zeremoniell der Rezeption eines großen Werkes, was Maß und Haltung angeht, das gewesen, was es sein sollte, und es ist buchstäblich tröstend, wenn man — am Vorabend des Tages, an dem die Verbreitung dieses Werkes eingeleitet wird — in einer Wochenzeitung die Photographie seines Verfassers neben der einer »offiziellen Persönlichkeit« entdeckt, die hier nur die Funktion der Kontrastierung haben kann.10 Jenseits des ersten Zugangs, den man zu diesem Werk finden kann und der von seiner Struktur her bewußt abrupt ist, fordert Malcolm de Chazal zu einem rückhaltlosen Eindringen in seine Gedankenwelt auf, was eine gründliche Reflexion seiner Thesen einschließt und folglich einiges Ausholen verlangt. In diesem Punkt muß sein Wille respektiert werden. Ich werde mich hier auf ein paar vorläufige Bemerkungen beschränken.

Zuallererst werde ich vor der Insel Mauritius einen Vorhang aus hohen Gräsern entfernen, die mich am Vormarsch hindern könnten. Alles in seinen Schriften deutet darauf hin, daß Malcolm de Chazal gegenwärtig eine besondere geistige Etappe durchmißt, die eine überraschende Analogie zu jener Etappe aufweist, die von Raymond Roussel mit Hilfe der klinischen Beobachtungen Doktor Janets rückblickend für ihn selbst nachgezeichnet worden ist. (11)

Man erinnert sich vielleicht, es geht dabei um so etwas wie eine zwischen Angst und Ekstase geschlagene Brücke, auf der der Passant die Fähigkeit verliert, sich nach menschlichen Maßstäben wahrzunehmen und sich Empfindungen wie bei einem Adlerflug über den Gipfeln zuschreibt. Beim gegenwärtigen Zustand der menschlichen Beziehungen (die primitiven Völker dagegen schätzen derlei Veranlagungen) erschlafft rasch das Band der Intelligenz, das solche Menschen mit ihrer Umgebung verknüpfen kann. Nach Maßgabe der Disziplinen, die sein Verfahren zur Voraussetzung hat, bin ich überzeugt, daß Malcolm de Chazal hier einem einmaligen Rausch des Prognostizierens erliegt, der denkbar weit von jenem entfernt ist, zu dem Nietzsche mit Ecce Homo gelangt ist.

Angesichts eines solchen Werkes, das in seiner Zeit vollkommen originell und beispiellos gelungen wirkt, liegt die Frage nahe,

welcher Vektor es zu einem der wenigen sichtbaren Punkte der Zukunft führte und was die Resultante dieses Vektors ist, anders gesagt, welche Kraft in ihm steckt, um die Undurchdringlichkeit der Zukunft aufzubrechen.

Was die erste Frage angeht, so zögere ich nicht, für mich zu antworten, daß der Schlüssel zu einem derartigen Werk — ein Schlüssel, den Malcolm de Chazal übrigens im Schloß hat stecken lassen — in der Wollust besteht, und zwar im genauen Sinn des Wortes, gedacht als Ort der Auflösung des Körperlichen und des Geistigen. Es ist erstaunlich, daß man bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts warten muß, bis die Wollust als ein Phänomen, das einen einzigartigen Platz in der Konditionierung des Lebendigen einnimmt, das Mittel findet, über sich selbst zu sprechen, ohne sich um die Schleier zu kümmern, mit denen die Heuchelei sie wie mit einem herausfordernd anzüglichen Aufputz verhüllt, unter dem sie sich wieder entziehen kann. Die freiesten Schriftsteller des französischen 18. Jahrhunderts, die bereit waren, das Joch abzuschütteln (Laclos, Sade), glaubten, während sie von der Wollust handelten, jeder Analyse enthoben zu sein. Man kennt die traurige Reihe von billigen Veröffentlichungen zu diesem Thema, die jenen ersten Extrapolationen des Verlangens gefolgt sind und die die Chancen vertan haben, unentdeckte Aspekte der Wirklichkeit unter diesem einzigartigen Blickwinkel zu erfassen. Vielleicht bedurfte es, um diesen Punkt zu erreichen, eines unvergleichlich kühlen Kopfes, den wir, nach seinen Porträts zu urteilen, Malcolm de Chazal gern zugestehen. Es bleibt unbe- stritten, daß Jarry (im Supermann) und Duchamp (in La Mariée mise à nu) nicht dahin gelangt sind, erst recht nicht Georges Bataille, der bekanntlich ganz davon in Anspruch genommen ist, die Sphäre zu beschreiben, die einer hyperbolischen Liebe ohne Gefühl und der religiösen Ekstase gemeinsam ist. Hier nun ist die zentrale Einsicht Malcolm de Chazals von höchster Bedeutung, und ich wundere mich, daß man sie nicht besonders hervorgehoben hat, um so mehr, als etwa sechzig der schönsten Aphorismen aus Sens plastique II sie bekräftigen und illustrieren. Es erscheint mir unerläßlich, ausführlich daraus zu zitieren: »Jede Introspektion im Bereich der Sinne ist vergeblich und unvollständig, wenn uns die beiden großen sinnlichen Phänomene des Daseins, die Geburt und der Tod, nicht an einem bestimmten Punkt ihre Geheimnisse offenbaren. [...] Und dennoch existiert ein Mittel, diese beiden wesentlichen Erscheinungen des Lebens zu ›erklären‹, und zwar dank einem Erfahrungsfeld, das jedem zugänglich ist: der Wollust — dieser Tod-Geburt in einem, die man bis heute entweder intellektualisiert hat, indem man Pornographie aus ihr machte, oder fatal sentimentalisiert hat. Da die Wollust der universelle Kreuzungspunkt der Sinne, des Geistes, des Herzens und der Seele ist, ein Ort, an dem Tod und Geburt sich auf halbem Wege treffen, der Mensch in sich selbst neu seine Karten abhebt, ist sie eine eminente Erkenntnisquelle [...].

 

Wenn ich [...] dieses Super-Laboratorium der Sinne betrete, versuche ich, diese zusammengesetzte Empfindung zu entwirren, um die Beziehungen zwischen der Wollust und der symbolischen Sprache der Natur zu entdecken. Ich versuche, die Ränder des Geistes sprechen zu lassen, um den Tod zu ›dechiffrieren‹, da Tod und Geburt eine einzige, das eine durch das andere vertauschende Erfahrung sind.«

Es gibt hier eine neue Einsicht, auch wenn sie zwangsläufig den Sarkasmus derer auf sich zieht, die darin nichts anderes als die naive Ausschlachtung eines veralteten Themas sehen wollen — dessen Sinn ihnen freilich entgeht —, das die Beziehungen zwischen Liebe und Tod berührt und das ein schöner Titel von Barres definitiv ins Gedächtnis eingeprägt hat. Es gibt hier die Proklamation einer revolutionären Wahrheit, und ich verdeutliche für diejenigen, denen der Sinn dieses Wortes nichts mehr sagt oder denen daran liegt, ihn zu pervertieren, daß es hier die Proklamation einer Wahrheit gibt, die gleichzeitig Bruch und Überschreitung ist. Es gibt hier einen leidenschaftlichen Rückgriff, einen Rückgriff in letzter Minute auf das, was die Unantastbarkeit des Lebens begründen kann.

Malcolm de Chazals Stimme — und wenn sich eine solche Stimme in Zeiten des Unglücks erhebt, ist sie stets ein Orakel — begnügt sich nicht damit, der Intelligenz zuzurufen: Es brennt! — wie seinerzeit die Stimme Fouriers —, sie zwingt die Intelligenz auch zur Rückbesinnung auf sich selbst. Wenn es nach mir ginge, müßten alle Schulbücher und Anthologien die Passage aus Sens plastique II abdrucken, die von der folgenden apodiktischen Erklärung eingeleitet wird: »Das Leben ist eine einzige Verdummung, von der Geburt bis zum Tod«, und die sich zu dem Appell aufschwingt: »Rufen wir, wie eine Sturmglocke, den Belagerten zu: ›Aber wehrt euch doch, wehrt euch doch!‹« (12)

Aufgepaßt, dieser Ton wird das Ohr und die Zustimmung der Jugend finden, die spürt, daß man für sie spricht — er hat bereits gesprochen. Seit Lautréamont hat man etwas vergleichbar Resolutes nicht mehr vernommen.

Der bilderstürmerische Charakter dieser Seiten sollte uns nicht glauben machen, daß die Auffassung de Chazals ohne Vorläufer in der Geschichte des Denkens sei. In diesem Betracht darf uns sein, wiewohl aufrichtig gemeintes, Leugnen nicht mehr beeindrucken als das täuscherische Leugnen Apollinaires, der behauptete, mit Ausnahme von Ubu roi nichts von Jarrys Werk zu kennen, um sich sodann überaus leichtfüßig auf das Magasin des Enfants und La Chute d'un Ange zu berufen. Ich sage noch einmal, die Besonderheit solcher Werke wie Sens plastique II besteht nicht nur darin, daß eine neue Wahrheit vorgebracht wird, ausgestattet mit der ganzen Anziehungskraft, über die das Genie verfügt, sondern auch darin, daß in vollendeter Gestalt eine einmalige Antwort auf das Spektakel dieser Welt geltend gemacht wird. Es ist spannend und in hohem Maße bezeichnend, daß Malcolm de Chazal eine Unruhe und Wendung des Geistes verkörpert und signalisiert, die sich im Lauf der letzten Jahre mehr und mehr bemerkbar gemacht und ihre Ansprüche angemeldet hat. Eine bestimmte Reihe unterdrückter Werke kehren wieder und ergreifen mit Hilfe seiner Stimme, ob er es weiß oder nicht, das Wort. Man hat kürzlich darauf aufmerksam gemacht, daß das Werk, das in diesem Chor alle anderen übertönt, das Werk Swedenborgs ist, das Balzac und Baudelaire noch  haben aufnehmen  können,  das  aber selbstverständlich nicht mehr zu Valéry gelangte — ein Band Voltaire lag aufgeschlagen auf seinem Totenbett. Auf den Stufenbänken des Geistes freilich ist nichts daran zu ändern, daß diese Stimme eine Folge von Antwortgesängen nach sich zieht, in denen sie selbst untergeht. Es geht hier nicht um die maßlosen Anstrengungen, die unternommen wurden, um heraus- zubekommen, worin das »Wesen des Lebens« besteht. Nein, die »großen Männer«, die ihr uns anbietet, sind bis auf ein paar Ausnahmen nicht unsere Männer. Ihr Schatten bedeckt nur einen winzigen Teil der Erde, die wir anerkennen. Gebt uns Auskunft, was ihr inzwischen aus der Befragung des Menschen gemacht habt. Wie kommt es, daß ihr uns Bilderbögen offeriert, die die belanglose Geschichte eurer Könige und, in noch fahleren Farben, die Trübsal eurer Unglücks-Sorbonne nachzeichnen? Genug der Elementargeschichte, was habt ihr vor uns zu verstekken? Die Gnostik, schlecht verstanden, damit ist man auch heute noch schnell bei der Hand. Gehen wir nicht einmal so weit, ihr habt beschlossen, uns für das Schicksal André Cheniers zu erwärmen: Wir sind dafür nicht empfänglich. Was uns an derselben Epoche interessiert, ist, zu erfahren, woher Martinez de Pasqually kam und wohin er ging. Zwar hören wir, was über Renan zu sagen ist, aber warum schweigt ihr zu Saint-Yves d'Alveydre? Schluß mit den Lappalien. Es ist allerhöchste Zeit, den Menschen ein höheres, geschärftes Bewußtsein ihres Schicksals zu ermöglichen. Die großen Dichter, die oft in für sie selbst undurchschauter Verbindung mit(den (im weitesten Sinn des Worts) unbekannten Vorläufern standen, wobei ich mich hier darauf beschränkt habe, einige wenige Namen zu nennen, haben es seit hundert Jahren immer wieder verkündet. Das Wörterbuch der Gemeinplätze, das Flaubert nur hatte beginnen können, würde erheblich gewinnen, wenn es von jemandem wie Raymond Queneau fortgesetzt würde, von jenem Queneau, der uns das Wörterbuch heute zur Kenntnis bringt. Bevor man für seine größere Verbreitung sorgt, sollte man erwägen, ihm als Anhang einen Auszug aus den Mœurs des Diurnales anzufügen, ebenfalls auf den neuesten Stand gebracht. Dies wäre ein Buch, für das der schönste Einband nicht gut genug wäre, zum Beispiel mit Schuhabsätzen bepflastert.

Antibes, Februar 1948

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1 Zitiert nach Georges Blin, Le Sadisme de Baudelaire, S. 53.

2 Insbesondere die sogenannten »re volutionären Surrealisten«, die nicht einmal merken, daß die Zusammenstellung der beiden Titel, mit denen sie sich schmücken, einen groben Pleonasmus darstellt.

3 Cf. Fulcanelli, Les Demeures philosophales, S. 22.

 

4 Brief vom 28. Juli 1870 an Engels.

5 Auskünfte erteilt Front humain, 46 rue Lepic, Paris (XVIII).

6 Von Maurice Nadeau gerügter Artikel: »Politique et culture« (Combat, 22./23.Februar 1948). — Vierzehn Tage vorher wurden Péret und ich am selben Ort als »Eunuchen« bezeichnet, und zwar von demselben Kanapa, dessen Name dazu reizt, seine Gaunersprache zu übernehmen: Kikana? Kikanapa? ( Von Ar mand Robin in Le Libertaire vom 29. Januar 1948 gerügter Artikel.)

7 Fulcanelli, op. cit., S. 184-293.

8 Bibliographie siehe Critique Nr. 20, S. 3.

9  Insbesondere die Prägung durch Okkultismus und die grundlegende Hetero- doxie auf religiösem Gebiet.

10 Siehe Le Figaro Littéraire, 21. Februar 1948.

11 Siehe Roussel in Anthologie des Schwarzen Humors.

12 Seite 520-522 der Originalausgabe