1947 Vor dem Vorhang

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André Breton

Vor dem Vorhang

1947

 

Fast ein Jahrzehnt — dem man eine einmalig zerstörerische Wirkung nicht absprechen kann — trennt uns von der letzten internationalen Ausstellung des Surrealismus. Die Erinnerung an ihre Eröffnung ist dennoch ziemlich lebendig geblieben (wie ein Kritiker schreibt, »hatten sich niemals seit dem Brand des Bazar de la Charité Leute so sehr gedrängelt«), so daß viele argwöhnten, die Ausstellung von 1947 könnte in einem ähnlichen oder schlimmeren Debakel enden. Das Interesse der einen würde in der Tat die Grenzen einer Zeremonie nicht überschreiten, die sie von der Vergangenheit her für ein von uns inszeniertes Ritual halten, während die anderen sich bereits anschicken, den beleidigenden - ja ehrenrührigen - Charakter einer solchen Veranstaltung in so geringem Abstand zu äußerst bitteren Ereignissen zu beklagen. Wir müssen sie enttäuschen. Heute kann man mit einiger Genugtuung die Artikel durchblättern, die die Presse 1938 der Ausstellung in der Galerie des Beaux-Arts widmete. Diese Artikel (1), und schon die Namen der Zeitungen, in denen sie erschienen (2), vermögen uns zu bestätigen, daß ihre Wut verglommen ist, daß ihr Gift seine Wirksamkeit verloren hat. Dennoch rechnen wir mit seiner Reaktualisierung, auf krummen Wegen, in leicht verhüllter Gestalt. Der Surrealismus fordert offenbar unwillentlich diesen diskriminierenden Angriff heraus.

Zehn Jahre Abstand ermöglichen es nicht nur, zu unterscheiden, was in dem Wirbel um die erste Ausstellung das geistige Klima von 1938 ziemlich deutlich ausdrückt, sondern auch in ihrer wahren Perspektive — die nicht, um es noch einmal zu sagen, die Perspektive der Kunst ist — Elemente ihrer Struktur auszumachen, die der Absicht dienten, das unsichere Gelände zugänglich zu machen, das sich an der Grenze des Poetischen und Realen eröffnet. Die Anstrengungen der Organisatoren hatten in der Tat zum Ziel gehabt, ein Ambiente zu schaffen, das so weit wie nur irgend möglich das Ambiente einer »Kunst«-Galerie ausschloß. Ich bestehe darauf, daß sie keinem anderen Imperativ folgten. Insgesamt haben ihre Versuche, wenn man heute daran zurückdenkt, ihr Ziel durchaus überschritten.

Von der damaligen Kritik, die glaubte, wie gewöhnlich, mit der Präsentation der Ausstellung von 1938 das Publikum verblüffen und die »Snobs« auf ihre Seite bringen zu können, und die die »Willkür«, die Dürftigkeit und den schlechten Geschmack, die wir wieder einmal bewiesen hätten, beklagte, ist zu vermerken, daß sie vor allem ihre Abdankung offenbart hat. Die lediglich von einem Kohlebecken erleuchteten Räume, vollgestellt mit ausrangierten Bordellbetten, wovon eins mit den Füßen in einem schilfgesäumten Tümpel stand, das Dickicht der Straßenschilder (»Schwache Straße«, »Straße aller Teufel«, »Straße der Blut- transfusion«, etc.), all das hat sich nachträglich als überaus vorausweisend, ja, als prophetisch erwiesen. Denjenigen, die uns damals heftig bezichtigten, uns an dieser Atmosphäre gelabt zu haben, werden wir unschwer klarmachen können, daß wir weit unterhalb der Düsternis und der heimtückischen Grausamkeit der Ereignisse, die dann eintraten, geblieben sind. Es hing nicht von uns ab, daß diese Atmosphäre anders war, an der wir die Signatur der näherrückenden vierziger Jahre abtasteten. Es ist ja durchaus möglich, daß der Surrealismus, indem er einige Türen öffnete, die der Rationalismus ein für allemal verriegelt wähnte, uns in die Lage versetzt hat, hier und da eine Exkursion in die Zukunft zu unternehmen, freilich keinesfalls bewußt. Erst im nachhinein hat sich die erhebliche Brisanz dieser Vorstöße herausgestellt.(3)

Diese Betrachtungen gelten natürlich auch für den Rahmen, in dem die internationale surrealistische Ausstellung 1942 in New York stattfand. Wie vier Jahre zuvor in Paris hatte der Surrealis- mus nicht den Einwänden der Versicherer und Experten nachgegeben, die in den mit Flitter bestreuten und mit Stroh gefüllten Kokssäcken einen bedrohlichen Explosions- und Brandherd vermuteten, und Marcel Duchamp hatte keine sonderliche Mühe, die Bedenken der Aussteller zu entkräften, deren Werke von den Besuchern durch einen lückenreichen, wie aus mehreren ineinander verschlungenen Takelagen zusammengesetzten Vorhang aus Schnüren abgetrennt waren. Die Schwierigkeiten, sich zu nähern, um gut zu sehen, die Unmöglichkeit, von irgendeinem Platz aus ein anschauliches Ganzes ohne Risse zu. erkennen, lassen, sofern man überhaupt darüber nachdenken will, die Malaise vorausahnen, die wir heute erleben.

Es versteht sich von selbst, daß die Ausstellung von 1947 wahrscheinlich derselben Struktur folgen wird, obwohl die Absichten, die ihrer Regie zugrunde liegen, sowenig wie die früheren Antizipation intendieren. Uns beispielsweise eine Vorstellung davon zu bilden, wie die Jahre 1950 bis 1955 aussehen werden, ist nur wie durch stark beschlagene Scheiben hindurch möglich. Hier lahmt uns die genaue Beobachtung ...

Die Auffassung, die wir hier nachdrücklich vertreten, unterscheidet sich nicht wesentlich von jener, die wir vor dem »weißen Blatt« entwickelt haben und deren Verallgemeinerungsfähigkeit ich seitdem unter Beweis gestellt habe. (4) Nach der geglückten  Formulierung unserer Bukarester Freunde bleibt »die Erkenntnis durch Verkennen« die große surrealistische Parole. »Ersetzen wir den rationalen Beweis durch den Glauben an das Wissen. Ersetzen wir die zerschlissenen Lumpen der Erinnerung durch die Inspiration,« (5)

Es bedeutet wenig, wenn einige von denen, die über uns urteilen, darin weiterhin nichts als Faulheit und Selbstgefälligkeit erblicken wollen. Wir sind nämlich der Meinung, daß Schlaffheit und Mattigkeit in etwas anderem bestehen. Wir haben oft genug wiederholt, daß einige Zeilen wahrhaft automatischen Schreibens, eine, wenn auch begrenzte, Aktion von Bedeutung, die sich den utilitären, rationalen, ästhetischen und moralischen Imperativen zu entziehen vermag — mit gleichem Recht wie der »wahre« Traum des wundervollen Peter Ibbetson —, hinreichend Verheißu ng und Imaginationskraft — wie in den ersten Tagen des Surrealismus — freisetzen, um uns die Enge und das Elend, die man uns aufzwingt, wiederrufen zu lassen. Dieses Verfahren, das, wenn es zu seinem Ziel gelangt, die Horizonte austauscht, zählt freilich nicht zu denen, die aus bloßer Neugier reproduziert werden können. Da es von der kategorischen Verneinung der den Menschen im 20. Jahrhundert auferlegten Lebens- und Denkbedingungen ausgeht, kann es nur um den Preis einer Askese fortgesetzt und zum Erfolg geführt werden.

Mehr als jemals zuvor will jene »Idee der Größe« gerettet werden, die, wie Thomas de Quincey sagte, »potentiell in den Träumen des Menschen überwintert«. Und er fügte hinzu: »Der Mensch, der von Rindern redet, wird wahrscheinlich von Rindern träumen. Und die Existenzbedingung, die die große Mehrheit unserer Artgenossen unter dem Joch einer täglichen, mit einem Aufschwung des Denkens unverträglichen Erfahrung hält, macht unsere Träume häufig unfruchtbar, indem sie sie jeder Größe beraubt, und zwar selbst bei den Geistern, in denen eine außerordentliche Bilderwelt lebt. [...] Unter allen menschlichen Fähigkeiten, die heute unter der Gewalt der sozialen Instinkte leiden, steht die Fähigkeit zu träumen obenan. Dies ist kein bedeutungsloses Detail. Die Maschinerie des Traums, die in unser Gehirn eingebaut ist, hat ihre Daseinsberechtigung. Diese Fähigkeit, die Berührungspunkte mit dem Geheimnis der Hölle hat, ist der einzige Weg, auf dem der Mensch mit der Dunkelheit in Verbindung tritt.«6 Man kann nicht gründlich genug über diese Bemerkungen nachdenken in einer Zeit, in der die Träume von Rindern alle anderen Träume zu ersetzen trachten, in der selbst der Sozialismus zu vergessen scheint, daß er aus dem (Wach-) Traum von einem besseren Zustand für alle hervorgegangen ist, und seine eigenen Ursprünge mit Mißtrauen überzieht anstatt sich an ihnen zu stärken. Eine Zeitung, die vorgibt, die Sache der Befreiung der Menschen zu vertreten, hat kürzlich die Hoffnung ausgedrückt, es möge der (sowjetischen) Wissenschaft bald gelingen, den »unproduktiven« Traum aus den Lebensverhältnissen der Menschen zu verbannen. So weit ist es also gekommen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem der Surrealismus nicht aufgefordert wird, den Platz zu räumen oder sich eine »neue Haut«7 zuzulegen. Die öffentliche Manifestation von 1947 kommt denen nicht entgegen, die solche Wünsche hegen. Sie widerspricht solchen Wünschen. Das surrealistische Projekt, das, wie wir in Erinnerung gerufen haben, lange vor seiner Kodifizierung existiert hat, könnte nicht, ohne sich zu ruinieren, umgebogen oder aus seiner Bahn gelenkt werden. Seine Vergangenheit ist auch der Treuhänder seiner Zukunft. Deshalb setzen wir uns leichten Herzens über derlei Rügen hinweg.

Worauf wir uns verlassen, sind unsere Sensibilität und die von Jahr zu Jahr wechselnden Impulse, die sie in sich aufnimmt: Impulse des Interesses, der Neugier und der Emotion, die für uns, am Rande der großen Kommunikation, immer neue Kristallisa- tionspunkte bilden, die Punkte der Erneuerung sind. Wir haben zu oft beobachten müssen, wie bedeutende Werke durch einfallslose Interpretation oder stereotype Ausschlachtung gefesselt, gelähmt und geknebelt worden sind. (So hat man beispielsweise aus dem Satz: »Die Poesie muß von allen, nicht von einem gemacht werden«, unter Mißachtung des Gesamtwerkes von Ducasse einen demagogischen Gemeinplatz zu machen gesucht.) Es darf nichts unversucht bleiben, um solchen Korrumpierungen, solcher Verdrängung durch Entstellung Einhalt zu gebieten. Im übrigen muß jede neue Epoche — und neu nennen wir eine Epoche, die einen Bruch mit der historischen Kontinuität vollzieht — neue Traditionen erschließen: Bürgen und Inspirationsquellen, die sich von denen unterscheiden, in denen sich die vorangegangene Epoche erkannt hat. Erst die Geschichte wird entscheiden, ob die Konstellationen, die der Existentialismus in den Vordergrund geschoben hat, eine solche Rolle werden spielen können.(8) Man hört heute sagen, daß die ästhetischen Fragen, die zwischen 1920 und 1940 die Gemüter beschäftigten, moralischen Fragen weichen werden. Aber das ist vielleicht nur ein Ausdruck von Wunschdenken. In einer anderen Weise symptomatisch ist die Beobachtung, daß Werke, die das P hantastische und das »Utopi- sche« verschmelzen, wieder Aufmerksamkeit an sich binden. Und es ist wohl auch kein Zufall, daß jüngste Forschungen am Knotenpunkt des poetischen und des sozialutopischen Denkens — bei den großen Konventsmitgliedern, bei Hugo, Nerval, Fourier — die fortdauernde Wirksamkeit einer mit Einbildungskraft gesättigten Weltdeutung entdeckt haben: Martinès, Saint-Martin, Fabre d'Olivet, Abbé Constant. (Die Universitätswissenschaft hat davon bis heute nicht Kenntnis genommen und sich damit selbst disqualifiziert.) Ich vermute — und es gibt gute Gründe für diese Vermutung —, daß die großen Dichter der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von diesen Vorstellungen mehr oder weniger direkt beeinflußt worden sind (Lautréamont, Rimbaud, Mallarmé, Jarry). Die gravierenden emotionalen Bewegungen, die uns noch immer umtreiben, und die Charta der Sinnlichkeit, die uns leitet, gehen also auf eine ganz andere Tradition zurück als jene, die man uns lehrt. Und über diese verdeckte, diese andere Tradition wird in ebenso unwürdiger wie unverschämter Weise Schweigen gebreitet. So ist denn damit zu rechnen, daß wir uns abermals kompakter Mißbilligung aussetzen werden mit der Entscheidung, der Ausstellung von 1947 einen »initiatorischen« Rahmen zu geben. Wir haben jedoch nichts anderes vor, als den Besucher, indem wir ihn mit einem Zyklus von Prüfungen konfrontieren, aufzufordern, seinen Geist frei schweifen zu lassen, die Beunruhigung wahrzunehmen, die sich im Lauf der Zeit in gewissen individuellen und kollektiven Verhaltensweisen und ihren Ausdrücken verdichtet hat. Ich zitiere dazu eine Bemerkung von Frazer. »Die Magie«, sagt er in Der Goldene Zweig, »hat dazu beigetragen, die Mensch- heit zu befreien, [...] und hat sie zu einem weiteren und freieren Blick auf die Welt erzogen. [...] Wir werden erkennen müssen, daß die Magie sowohl eine Tochter des Irrtums als auch die Mutter der Freiheit und der Wahrheit ist.«

Wie dem auch sei, wir können es den Spezialisten überlassen, anhand der zahlreichen Beweisstücke zu entscheiden, ob eine bestimmte Anzahl dichterischer Werke, und zwar jene, auf die sich die Aufmerksamkeit heute konzentriert, in engem Einvernehmen mit dem standen, was ihre Anhänger für die »erste religiöse, moralische und politische Doktrin der Menschheit« halten. Es wird die Aufgabe dieser Spezialisten sein, herauszufinden, ob Werke wie Theorie der vier Bewegungen, Les Chimères, Die Gesänge des Maldoror, La Science de Dieu von Brisset und La Dragonne von Jarry aus dieser Tradition geschöpft und zugleich eine neue Zone der Wahrnehmung, des Begreifens und des Handelns erschlossen haben. »Ich bin ein Anfang und ein Ende«, sagt Kafka. Man wird wohl noch lange über den mehr oder weniger metaphorischen Sinn streiten, der nach dem Willen Rimbauds in dem Ausdruck »Alchimie des Wortes« hinterlegt ist, und man wird sich immer wieder fragen, ob das leidenschaftliche Interesse, auf das innerhalb des Surrealismus selbst die »Wortspiele« Marcel Duchamps und Robert Desnos' stießen, sowie die »Entdeckung« des Gesamtwerkes von Jean-Paul Brisset und die Brisanz der letzten Arbeit Raymond Roussels: Comment j'ai écrit certains de mes livres, nicht mit dem Aufschwung zusammenhängen, den, wie wir heute sehen, die Aktivität der sogenannten »phonetischen Kabbala« auch durch diese Werke genommen hat. »Es ist traditionell kabbalistisch«, erinnert Ambelain, »zu versichern, daß in der ›Welt der Töne‹ zwei Wörter oder zwei Töne, deren Klänge benachbart sind (und nicht nur ihre Assonanzen), in der ›Welt der Bilder‹ unbestreitbare Entsprechungen aufweisen.«

Es ist hier nicht der Ort, zu erörtern oder gar zu klären, ob die Formel von der »Abwesenheit des Mythos« nicht ihrerseits einen Mythos, den Mythos von heute, signalisiert. Jedenfalls deutet vieles darauf hin, daß bestimmte poetische und bildnerische Werke eine Faszination ausstrahlen, welche in allen Belangen die eines Kunstwerks übertrifft. Ist es nicht frappierend zu beobachten, wie sich bei der Jugend die Zahl der Bewunderer solcher Werke ständig erhöht? Es scheint von diesen Werken ein neuer Imperativ auszugehen: zu sich selbst zu finden, ein Imperativ, der alles bislang Gewohnte in Frage stellt. »Er sprach, nach bestandener Probe, zu den Freunden der Offenbarung.« Es scheint, als trügen diese Werke in der Tat den Stempel der Offenbarung. Ihr inspirierender Charakter sowie die drängenden Zweifel und Erwartungen, deren Gegenstand sie sind, und der Widerstand, den sie den gängigen Wahrnehmungsformen entgegensetzen — nehmen wir nur Rimbauds Dévotion als Beispiel —, all das bekräftigt die Vermutung, daß hier ein Mythos im Spiele ist, den es zu definieren und dessen Zusammenhang es herzustellen gilt. Im Rahmen dieser Ausstellung haben wir uns lediglich vorgenommen, eine erste Übersicht über das zu geben, was ein solcher Mythos sein könnte — eine Übersicht nach Art einer geistigen »Parade«.

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1 Beschränken wir uns dar auf, einige Titel zu zitieren: »Der surrealistische Jahr- markt«, »Die Schule der Possenreißer«, »Eine Übertreibung aus dem Atelier«, »Die alten schrecklichen Kinder«, »Wo Dada Gaga wird«, »Die komplizierten Schweine«, etc., wobei sie nach besten Kräften in dem nekrologischen Klischee endeten: »Surrealismus tot, Ausstellung folgt«, »Die surrealistische Beerdigung«, »Der Surrealismus noch nicht tot«, »Agonie des Surrealismus«, »Pleite des Surrealismus« etc., ein Klischee, das seit zwanzig Jahren den armseligen Schreibern den Triumph einer Trouvaille zu verschaffen scheint.

2 Gringoire, Candide, Le Temps présent, Je suis partout, um nur die aggressivsten zu nennen.

3 Als Be weis für die Skeptiker, und um zu zeigen, daß diese Prognostik vom Einzelnen zum Allgemeinen und vom alltäglichen Zwischenfall bis zum histori- schen Ereignis ersten Ranges gehen kann, zitiere ich: »Die großen Magasins de la Ménagère könnten Feuer fangen ...« ( A.B. und Philippe Soupault, »Bitteschön«, in: Littérature, September 1920): Diese Kaufhäuser sind im Jahr darauf abgebrannt, und die Stelle, an der sie am Boule vard Bonne Nouvelle stande n, ist seitdem merkwürdig leer geblieben. Oder der Satz aus meinem »Brief an die Wahrsagerinnen« (in: La Révolution surrealiste, Oktober 1925), der den Krieg für das Jahr 1939 voraussagt: »Was hält 1940 für uns bereit? 1939 ist katastrophal gewesen. [...] Muß man sich die ritterlichen Linienkämpfe zur ückwünschen, oder soll man das we nig rühmliche Gemetzel des Stellungskrieges von heute vorziehen?« (Louis Aragon und A.B., »Der Schatz der Jesuiten«, in: Variétés, Juni 1929). Oder »Die Nacht der Sonnenblume« (in: L'Amour fou). Oder den Satz aus meiner Rede in Yale, der von einer »spekt akulären Entdeckung auf dem Gebiet der Physik« handelte (Dezember 1942). — Cf. auch Pierre Mabille, »Das Auge des Malers« (in: Minotaure, S. 12—13, 1939).

4 Muß man betonen, daß diese Auffassung derjenigen entgegengesetzt ist, der sich kürzlich einige Mitglieder der ehemaligen Surrealistengruppe um Magritte in Brüssel angeschlossen haben? Sie haben sich vorgenommen, i n ihre Werke nichts

anderes mehr Eingang finden zu lassen als »Charme, Vergnügen, Sonne, Lustobjekte«, unter Ausschluß von »Traurigkeit, Ekel, bedrohlichen Objekten«. Wenn darin auch ein ver zweifelter Versuch liegen mag, sich an die Beschlüsse des Schriftstellerkongresses von Leningrad (1946) zu halten, die den Optimismus vorschreiben, so fällt es doch schwer, diese Haltung nicht mit der eines (zurückgebliebenen) Kindes zu vergleichen, das den Barometerzeiger bei »Schön« feststellt, um sich einen angenehmen Tag zu verschaffen.

5 William Blake, zitiert von Jean Wahl ( Vorwort zur Blake- Ausstellung, Paris 1947).

6 »Suspiria de profundis«, übers. von Alexis Perneau, in: L'Age d'or, Dezember 1946.

7 »Wenn der Surrealismus«, schlägt Jean Maquet vor, »Eluar d und seine Abkömmlinge, den Automatismus und das freudianische Unbe wußte, die Magie und den Primitivismus und einen allzu schnell übernommenen Mar xismus hinter sich läßt, dann wird i hm immer noch das bleiben, was er vor allem war, was er im wesentlichen hätte sein müssen: Verfahren gegen sich selbst, Erfahrung im Rohzustand, Provokation zu seinem eigenen Untergang, kurz, Organisierung und Verinnerlichung der Revolte.« (in: Troisième Convoi, Oktober 1945)

8 Behalten wir für alle Fälle im Gedächt nis, daß »Heidegger in einigen seiner kleinen Schriften versucht hat, eine eher mythische als mystische Philosophie zu begründen, die uns eine Kommunion mit der Erde und der Welt zur Pflicht macht und sich dazu auf das Denken des Dichters Hölderlin beruft.« (Jean Wahl in: Petite Histoire de l‘existentialisme, ed. Club Maintenant, 1947).