1946 Artaud

Nach oben  Zurück  Weiter

 

André Breton

Hommage à Antonin Artaud

1946

 

Meine Damen, meine Herren,

nicht ohne Zögern bin ich dem Aufruf der Organisatoren dieser Veranstaltung gefolgt. Wäre da nicht die gebieterische moralische Verpflichtung, einen einzigartigen Menschen zu ehren und die Rückkehr eines besonders lieben Freundes zu weniger abscheulichen Lebensbedingungen zu feiern, hätte ich wohl nicht eingewilligt, hätte ich mir diese Vorrede versagt. Ich bin in der Tat erst seit zu kurzer Zeit wieder in Paris, und ich habe eine zu lange Abwesenheit hinter mir, um sicher sein zu können, daß ich mich in diese Stadt erneut hineingefunden habe, daß die Strömungen, die sie durchwandern, sich mir erschließen und daß ich meine Stimme ohne weiteres zu plazieren vermag. Vor allem aber verhehle ich nicht, daß ich mit Beunruhigung die neue Lage betrachte. Auf die Gefahr hin, daß sich unser Vorhaben auflöst — nämlich in die Norm zurückfällt, die heute empörender ist als jemals zuvor —, auf die Gefahr hin, möglich zu machen, daß eine Folge von individuellen Enttäuschungen sich als kollektives geistiges Scheitern darstellt, das, nach so vielen anderen, noch übermütiger machen wird, was wir verachtet und gehaßt haben, sollten wir, denke ich, unmißverständlich reagieren. Der Entscheidungsort für das, was sich in authentischer Weise unter dem Namen Surrealismus gesucht hat und sich, so jedenfalls hoffe ich, immer noch sucht, kann im Jahr 1946, täuschen wir uns da nicht, nicht die Öffentlichkeit sein. Die Bedingungen für das Denken und das Handeln sind heute allenthalben so sehr verdunkelt, es lastet eine derartige Vernichtungsdrohung auf der Welt, daß man nur Mitleid haben kann mit denen, die es nicht lassen können, persönlich um Stimmen zu betteln oder auf alte angebliche Ruhmestitel zu pochen. Im Hinblick auf die Ereignisse der letzten Jahre füge ich hinzu, daß für mich jede Form von »Engagement« Hohn und Spott verdient, das diesseits dieses dreifachen und zugleich unteilbaren Ziels verharrt: die Welt verändern, das Leben ändern, die Verständigung unter den Menschen neu begründen.

Antonin Artaud ist derjenige, der sich — allein — am weitesten auf diesem Weg vorgewagt hat, und doch verbieten mir die vorausgeschickten Überlegungen, seine dramatische Botschaft am hellichten Tage, vor aller Ohren zu kommentieren und seine überaus schmerzliche gesellschaftliche Erfahrung zu zitieren. Mir scheint, ich würde dabei die Sache verraten, die uns, ihm und mir, gemeinsam ist, ich würde etwas Unantastbares dem ersten besten preisgeben. Mehr als zwanzig Jahre zurückdenkend, empfinde ich wieder die untilgbare Hoffnung, die uns, zu mehreren, gestärkt und uns über uns selbst hinausgeführt hat. Ich denke an all das, was damals von uns Besitz ergriffen hat, an jenen Sturzbach, der uns vorwärtsgetrieben hat und der das, was sich uns entgegenstellte, in einem tosenden Gelächter mit sich fortriß. Dies ist das Geheimnis fundamentaler Energie, das jede neue Generation für sich entdecken muß. Jedesmal, wenn ich — mit einiger Wehmut — darauf zu sprechen komme, was die surrealistische Forderung gewesen ist, wie sie sich in ihrer originellen Reinheit und Unversöhnlichkeit ausdrückte, ist es die ebenso faszinierende wie düstere Person Antonin Artauds, die sich mir aufdrängt: Es ist eine gewisse Tonlage seiner Stimme, die Goldpailletten in das Gemurmel wirft, es ist die Nervenwaage, es ist L'Ombilic des Limbes, und es ist jene Nummer 3 der Revolution surréaliste, die von Artaud nach seinem Geschmack zusammengestellt worden war und die in der Serie dieser Zeitschrift den höchsten Grad an Leuchtkraft erreicht hat und in mir heute die Ahnung ungeschmälerter Lebendigkeit wiedererstehen läßt, indem sie mir jenen Menschen vorstellt, der unbeirrt, wider alle Gewitter den Weg zum Gipfel wagt. Antonin Artaud — ich habe nicht Rechenschaft zu geben von dem, was er gelebt, noch von dem, was er gelitten hat. Vor allem möge man von mir keine Kritik im einzelnen erwarten. Ich werde mich hüten, die klinischen Prozeduren, über die sich unser Freund hat beklagen können, einem Manne anzukreiden, der einigen von uns bekannt ist — alles deutet darauf hin, daß er verständnisvoll und aufgeschlossen ist —, ich kreide sie aber einer Institution an, deren anachronistischen und barbarischen Charakter wir unermüdlich denunzieren werden und deren Existenz — mit allem, was von Konzentrationslager und Folterkammer in ihr fortwirkt — allein schon eine grundsätzliche Anklage gegen die angebliche »Zivilisation« heute ist.

Verlieren wir nicht aus dem Auge, daß die inspirierte Sprache Antonin Artauds anderswo als unter dem leeren Himmel Europas mit großer Hochachtung aufgenommen wurde, daß sie die fernen Gemeinschaften zu erreichen vermochte. (Ich denke insbesondere an den bevorzugten Empfang, den die indianische Bevölkerung außergewöhnlichen Augenzeugen seines Schlags bereitet hat.) Ich bin zu wenig Anhänger des alten Rationalismus, den wir in unserer Jugend im Chor verhöhnt haben, um das exorbitante Zeugnis unter dem Vorwand in Zweifel zu ziehen, daß es dem gesunden Menschenverstand widerspricht. Antonin Artaud selbst möchte ich besänftigen, wenn er sich darüber ärgert, daß meine Erinnerung an das mehr oder weniger entsetzliche Jahrzehnt, das wir hinter uns haben, die seine nicht exakt bestätigt.(1)  Ich weiß, daß Artaud gesehen hat, in dem Sinn wie Rimbaud und vor ihm Novalis und Arnim von sehen gesprochen haben; seit der Veröffentlichung von Aurèlia bedeutet es ziemlich wenig, daß das, was so gesehen worden war, nicht mit dem übereinstimmt, was objektiv sichtbar ist. Das Drama besteht darin, daß die Gesellschaft, der anzugehören wir uns weniger und weniger beglückwünschen, es zum unsühnbaren Verbrechen erklärt, wenn einer hinter den Spiegel geschaut hat. Im Namen dessen, was mir heute mehr denn jemals am Herzen liegt, begrüße ich die Rückkehr Antonin Artauds in die Freiheit in einer Welt, in der die Freiheit selbst erst wieder- hergestellt werden muß. Jenseits der prosaischen Widersprüche gehört Artaud, der wunderbaren Person, mein ganzes Vertrauen. Ich grüße in Antonin Artaud die rasende, heroische Verneinung all dessen, was uns am Leben sterben läßt.

1946

---------------

1  Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus von Rodez fuhr Artaud fort, sich in exzentrischer Weise die Ereignisse zu vergegenwärtigen, die ihm zufolge sich im Oktober 1937 in Le Havre abgespielt hatten und die seiner Einlieferung vorausgingen. Er war überzeugt davon, daß ich damals mein Leben verloren hatte, als ich ihm zu Hilfe kommen wollte (der Umstand, daß er mich brieflich um ein Treffen bat, änderte daran nichts). Nachdem er mich seit dieser Zeit nicht mehr gesehen hatte, schrieb er mir am 31. Mai 1946: »Sie waren es, der im Oktober 1937 in Le Havre von Maschinengewehr kugeln der Polizei getötet wurde (ich sage getötet), und zwar vor dem Hôpital général von Le Havre, wo ich in der Zwangsjacke steckte und man mir die Füße am Bett festgebunden hatte. Sie haben dort mehr als Ihr Be wußtsein verloren, und Sie haben Ihren Körper gerade noch behalten, denn nach dem Tod kommt man nur mit Mühe zu sich.« Als wir am nächsten Tag zus ammen auf einer Cafeterrasse saßen, und er mich beinahe anflehte, das Ganze öffentlich zu bezeugen, um den Protesten und Einwendungen zu begegnen, auf die diese unwahrscheinliche Erzählung traf, war ich gezwungen — unter allen denkbaren Vorsichtsmaßnahmen —, ihn zu widerlegen. Kaum hatte ich es getan, füllten sich seine Augen mit Tränen. Solange wir an jenem Tag zusammenblieben, ließ er sich nicht von der Auffassung abbringen, daß ich ihm die Wahrheit verheimlichte, entweder weil ich das gleiche Interesse hätte wie die anderen, was er nicht ohne Pein sich hätte eingestehen mögen, oder, was sehr viel wahrscheinlicher sei, daß man mich durch Mani pulationen meiner richtigen Erinnerungen beraubt hätte, um sie durch falsche zu ersetzen. In einem Brief vom 3. Mai wird er seine Position, wenigstens teilweise, aufgeben: »Ich glaube, da Sie es mir gesagt haben, daß Sie im Oktober 1937 tatsächlich nicht in Le Havre waren, sondern in der Galerie Gradiva in Paris. Ich behaupte, daß ich niemals deliriert habe, daß ich niemals den Sinn für die Realität verloren habe und daß meine Erinnerunge n, oder was mir nach fünfzig Komas davo n geblieben ist, wirklich sind. Ich habe in Le Havre drei Tage lang vor dem Hôpital général die Maschinenge wehre der Polizei gehört, ich hörte einen ganzen Vormittag lang vo n allen Kirchen die Sturmglocken läuten. Seitdem habe ich nichts Vergleichbares mehr gehört. Man kann sich tatsächlich lange über die Deutung dieser Tatsache streiten. Von verschiedenen Seiten war mir gesagt worden, daß André Breton mich gewaltsam befreien wollte. Sie sagen mir, daß Sie es nicht getan haben: ich glaube Ihnen.« (Anmerkung des Autors, März 1952)