1938 Leo Trotzkji

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André Breton

Besuch bei Leo Trotzkij

Rede, gehalten in Paris am 11. No vember 1938 auf der Versammlung des P.O.I. (Parti Ouvrier Internationaliste) zum Jahrestag der Oktoberrevolution.

 

Genossen,

Ihr erwartet von mir keine politische Erklärung. Fast drei Monate sind seit meiner Rückkehr aus Mexiko vergangen, drei Monate, in denen die Stimme des Genossen Trotzkij wiederholt zu uns gedrungen ist, drei Monate, in denen der Genosse Trotzkij, der die neuen Aspekte der politischen und sozialen Entwicklung präzise analysiert hat und den Aktualitäten jeweils an die Wurzel gegangen ist, die große Entfernung zwischen uns überwunden und in den Organen der 4. Internationale die revolutionäre Bewegung immer wieder beraten hat. Die Ereignisse, die im Laufe der letzten drei Monate eingetreten sind, sind so undurchsichtig gewesen, daß die Analyse der internationalen Lage, die er, wie ich erlebt habe, mit ungebrochener Genauigkeit und Souveränität vorgenommen hat, eine neue Einstellung auf die neuen Gegebenheiten gebietet. Unschwer könnte nachgewiesen werden, daß Trotzkij in seinen Voraussagen von damals mehr als jeder andere dem nahegekommen ist, was heute Wirklichkeit ist. Genossen, ihr, deren Interesse mit seinem Interesse verschmilzt, seid ebensogut wie ich imstande, diesen Nachweis zu führen. Deshalb will ich mich hier auf ein individuelles Zeugnis beschränken. Es liegt auf der Hand, daß es in unserer Zeit nicht möglich ist, sich vom Beruf eines unabhängigen Schriftstellers zu ernähren, jedenfalls dann nicht, wenn man sich gezielt in einer Weise zu Problemen zu äußern gedenkt, die den Bruch mit der bürgerlichen Gesellschaft offenbar macht. Aus dieser Situation gibt es Auswege, gewiß: entweder die Kritik allmählich stumpf werden zu lassen, bis sich die Gesellschaft anschickt, ihren Kritiker als verlorenen Sohn zu feiern, oder sich in eine Opposition einzureihen, die, wenigstens vorläufig, durchaus erholsam ist und sich für den Intellektuellen zugleich finanziell lohnt: die stalinistische Opposition. Sofern dieser Schriftsteller sich bereit erklärt, einen entsetzlichen historischen Betrug zu kaschieren, hat der Stalinismus für ihn ein fast unbegrenztes Sortiment an Posten und Aufgaben parat, die wahrzunehmen überaus lukrativ ist. Weil ich weder in den einen noch in den anderen Verzicht, ja Verrat einwilligen wollte, hat mich meine äußerst angespannte materielle Lage dazu gezwungen, mich um ein Lehramt im Ausland zu bewerben. Die angeblich zuständigen Abteilungen des Außenministeriums, an die ich mich zu diesem Zweck wenden mußte, haben nach sorgfältiger Prüfung meiner »ideologischen Position«, wie sie sich in meinen früheren Tätigkeiten abzeichnet, den Schluß gezogen, daß ich nicht in ein Land geschickt werden sollte, das unter einem autoritären Regime lebt oder in dem über kurz oder lang mit einem solchen Regime zu rechnen ist. Unter diesen Umständen schrumpften meine Chancen so sehr zusammen — es ist bitter, das heute erwähnen zu müssen —, daß man mir einzig die Wahl zwischen der Tschechoslowakei und Mexiko blieb. Ich wählte Mexiko und hörte dann lange Zeit nichts mehr. Erst Ende letzten Jahres, als ich mich schon nach den Gründen für das Schweigen erkundigen wollte, schlug man mir vor, ich solle nach Mexiko-City reisen, um an der Universität dort in einer Folge von Vorträgen über den Stand der Dichtung und der Malerei in Europa zu berichten.

Ihr fragt euch sicher, Genossen, weshalb ich euch die Umstände dieser Reise darzulegen wünsche. Die Antwort ist einfach: einige unserer Gegner haben nichts unversucht gelassen, diese Umstände zu verdrehen, und sie versuchen dies immer noch. Ein Mitglied des »Maison de la Culture«, ein recht gefährlicher Hetzer mit Namen Tristan Tzara, fand offene Ohren für seine Lüge, ich sei in einer Mission des Außenministeriums zu Trotzkij entsandt worden.

Gleichzeitig mit meiner Abreise gingen in Paris Briefe ab — und kamen vor mir in Mexiko an, weil sie von New York mit dem Flugzeug befördert wurden —, in denen die bedeutendsten mexikanischen Schriftsteller und Künstler in verleumderischer Weise vor mir gewarnt wurden. Die meisten der Empfänger wußten zum Glück, was sie sowohl von mir als auch von den Methoden zu halten hatten, deren sich Stalinisten zu bedienen pflegen. Und einem der Adressaten habe ich zu verdanken, daß ich euch dieses Dokument zur Kenntnis bringen kann:

»Lieber Genosse und Freund,

es liegt uns daran, Sie über die Position André Bretons zu unterrichten, der sich zu einer Vortragsreise in Ihr Land begeben soll, und wir bitten Sie, Ihrerseits unsere Freunde in Mexiko zu unterrichten.

 

André Breton, Abgesandter der Propagandaabteilung des Außenministeriums, das immer noch für seine reaktionäre Politik bekannt ist, hat stets gegen die Volksfront Stellung bezogen und sich zu diesem Zweck mit undurchsichtigen politischen Elementen verbündet. Seine gegen die Spanische Republik gerichtete Aktion hat die hinterhältigsten Formen angenommen, auch wenn sie sich auf einen vagen verbalen Revolutionarismus beruft. Als erklärter Bewunderer Trotzkijs hat er sich stets gegen die Aktionen der Internationalen Vereinigung der Schriftsteller gewandt, und aus diesem Grund wurde ihm auf dem ersten Kongreß der Schriftsteller das Rederecht verweigert. Weil wir Mißverständnisse befürchten, liegt uns daran, Sie über die wirkliche Situation der Literatur in Frankreich zu informieren. Mit...

Für das Internationale Sekretariat:

gez. René Blech.«

Genossen, für diejenigen unter euch, die es nicht wissen, will ich in Erinnerung rufen, daß meine Haltung und die meiner surreali- stischen Freunde gegenüber dem spanischen Bürgerkrieg niemals Anlaß zu Zweifeln gegeben hat. Vom Beginn des Konflikts an habe ich, haben wir die Kräfte der Regression und der Verfinsterung, die für seinen Ausbruch verantwortlich waren, beim Namen genannt. Wir haben unsere ganze Hoffnung in den ersten Sprung gesetzt, der das arbeitende Spanien nach vorn gerissen hat, der die in der Gefahr eingeleitete Bildung der allein sinnvollen und stichhaltigen Allianz zum Ziel hatte und der die Zerschlagung der religiösen Apparate und, vor allem, den Entwurf einer aktiven revolutionären Konzeption begründete, einer Konzeption, die sich nach den Tatsachen richtete, ohne sich um die Reproduktion virulenter oder verlöschender Ideologien zu kümmern, und die die fundamentalen Interessen unserer Genossen von der F.A.L, der C.N.T., dem P.O.U.M. und, nicht zu vergessen, dem P.S.U.C.2 bündeln sollte, und zwar in dem Maße, wie der P.S.U.C. sein Zögern gegenüber den anderen aufgäbe. Ist das deutlich genug?

Wir haben bei jeder Gelegenheit kompromißlos gegen die Politik der Nichteinmischung argumentiert. Über all das gibt es gedruckte, datierte und unwiderrufliche Zeugnisse. Was man uns nicht verzeiht, was man mir persönlich nicht nachsieht, ist, daß ich im Verlauf der Ereignisse erkannt und öffentlich bekundet habe, daß die UdSSR eines der hauptsächlichen Hindernisse für den Sieg des spanischen Proletariats darstellt, daß ich beispielsweise 1937 gesagt habe: »Die Moskauer Prozesse sind die unmittelbare Folge des Kampfes, der in Spanien begonnen hat: Für Stalin geht es darum, um jeden Preis zu verhindern, daß eine neue revolutionäre Welle über die Welt hinweggeht. Es geht darum, die Spanische Revolution abzuwürgen, so wie man die Deutsche und die Chinesische Revolution abgewürgt hat. Man entgegnet uns, daß die UdSSR Waffen und Flugzeuge liefert. In der Tat. Aber warum? Erstens weil es unerläßlich ist, das Gesicht zu wahren, zweitens weil diese zweischneidigen Waffen dazu bestimmt sind, alles zu zerstören, was sich in Spanien regt. [...] Kurz, weil sie dazu bestimmt sind, die proletarische Revolution zu stoppen.« Man kann mir nicht durchgehen lassen, daß ich gesagt habe: »Wir lassen uns nicht täuschen, die Kugeln auf der Treppe in Moskau im Januar 1937 zielten auf unsere Genossen vom P.O.U.M. Nach ihnen werden unsere anarchistischen Genossen an die Reihe kommen. Man will offenbar Schluß machen mit allem Lebendigen, mit allem, was im spanischen antifaschistischen Kampf das Versprechen des Werdens enthält.« Verlieren wir nicht die Zuversicht, Genossen, im November 1938 ist der Prozeß gegen den P.O.U.M. von Stalin verloren worden: Angesichts der von der Verteidigung vorgelegten Dokumente hat er darauf verzichten müssen, unsere Genossen der Spionage zu beschuldigen, und er hat in seiner Anmaßung, die spanischen Revolutionäre zu entehren, zurückstecken müssen, da er sich der Behauptungen und beschworenen Falschaussagen des zwielichtigen Jesuiten Bergamin bedient hatte. Das Spanien der Arbeiter, das revolutionäre Spanien, dessen Entfaltung wir nicht gegen den Kompromiß des republikanischen Spanien einzutauschen gedenken, ist nach wie vor ungebeugt. Ihm, ihm allein gilt unsere leidenschaftliche Brüderlichkeit: Trotz aller Einmischungsversuche ist Stalin noch ebensowenig sein Herr wie Franco. Und das Urteil vom Oktober 1938 lehrt uns, daß es sein letztes Wort noch nicht gesprochen hat.

 

So als könnte der diskriminierende Brief, den ich vorgelesen habe, mich in Mexiko vielleicht doch nicht hinreichend in Mißkredit bringen, hat man zusätzlich eine gebieterische Botschaft, die ebenfalls nicht geheim geblieben ist, an den Generalsekretär der L.E.A.R.3  von Mexiko-City, die dem ehemaligen A.E.A.R. entspricht, gerichtet. Unverhohlen verlangte sie, »dafür zu sorgen, daß jede Arbeit«, die ich in Mexiko unternehmen wollte, »systematisch zu sabotieren« sei. Der Unterzeichner war niemand anderes als Aragon.

Ihr könnt euch vorstellen, mit welchen Empfindungen ich zu dem »blauen Haus« fuhr, von dem man so viel gesprochen hat und das die Wohnung des Genossen Trotzkij in Co yoacan ist. Sosehr ich mich zur Vorbereitung auf diesen Besuch auch bemüht hatte, möglichst viel über seine moralische Verfassung, seinen Tageslauf, seine Beweggründe, die Stille, die er um sich gelegt hat, in Erfahrung zu bringen, zwischen ihm und mir blieb eine Trennwand. Auf dieser Wand freilich bildete sich mir ein deutlich bewegteres und bewegenderes und ungleich dramatischeres Leben ab, als es mir vertrautere Menschenleben jemals sein könnten. Ich stellte mir diesen Mann vor, der der Kopf der Revolution von 1905 und einer der beiden Köpfe der Revolution von 1917 war, nicht lediglich den Mann, der sein Genie und seine ganze Kraft an das größte mir bekannte Projekt wendete, sondern auch den einzigartigen Augenzeugen, den scharfsinnigen Historiker, dessen Werke mehr leisten als zu belehren — sie machen den Menschen Lust, sich zu erheben. Ich stellte ihn mir an der Seite Lenins vor und später allein, wie er seine Auffassung, seine Theorie der Revolution auf manipulierten Kongressen verfocht. Ich sah ihn allein, aufrecht zwischen seinen erschossenen Genossen, allein, der Erinnerung an seine vier ermordeten Kinder preisgegeben, des schwersten Verbrechens beschuldigt, dessen man einen Revolutionär bezichtigen kann, stündlich bedroht und nun dem Haß derjenigen ausgeliefert, mit denen er gedacht und gehandelt und für die er sich aufgeopfert hat. Dennoch läßt sich die Öffentlichkeit hinters Licht führen!

Mit klopfendem Herzen beobachtete ich, wie sich die Tür des »blauen Hauses« öffnete. Man hat mich durch den Garten geführt, kaum habe ich im Vorübergehen Zeit gefunden, die Bougainvillen wahrzunehmen, deren rosa und violette Blüten den Erdboden bedeckten, die Kakteen und die steinernen Götzen, die Diego Rivera — der Trotzkij dieses Haus zur Verfügung gestellt hat — am Rand der Pfade versammelt hat. Ich betrat einen hellen Raum voller Bücher. In dem Augenblick, in dem Trotzkij aus dem Hintergrund des Zimmers hervortrat und das Bild ablöste, das ich mir von ihm gemacht hatte, habe ich den Impuls nicht unterdrücken können, ihm zu sagen, wie überraschend jung ich ihn fand. Selbstbeherrschung, die Gewißheit, sein Leben gegenüber jedermann in Übereinstimmung mit seinen Einsichten verbracht zu haben, und der außerordentliche, von vielen Bewährungsproben inspirierte Mut haben seine Züge beschützt, sie vor dem Verfall bewahrt. Die blauen Augen, die exzellente Stirn, das dichte, silbrig gewordene Haar und die bis in die Poren lebendig gebliebene Haut lassen erahnen, welche innere Sicherheit in diesem Mann versammelt ist, eine Sicherheit, welche die grausamsten Varianten von Unglück überwunden hat und immer wieder überwinden wird. Doch dies ist nur der erste, statische Eindruck. Denn sobald sich das Gesicht belebt und die Hände diesen oder jenen Satz mit konzentrierten Gesten unterstreichen, geht von der Person etwas Elektrisierendes aus. Genossen, daß die kapitalistischen Staaten sich bei der Ächtung Trotzkijs so entschieden und einmütig gezeigt haben, und daß Stalin unaufhörlich Druck auf sie ausgeübt hat, um diese Ächtung zu erwirken, war sozusagen ganz natürlich. Wäre Trotzkij frei, könnte Trotzkij heute in Paris auf einer Versammlung das Wort ergreifen, so ließe sich der Trompetenstoß der Revolution wieder vernehmen, ginge das Licht des Petersburger Sowjets und des Kongresses von Smolny noch einmal an. Von den Ausbeutern der Arbeiterklasse kann man nicht erwarten, daß sie dies zulassen. Zu erwarten ist es von der Arbeiterklasse, jener Arbeiterklasse, die im richtigen Augenblick das Joch abschütteln wird, das sie niederdrückt, die das thermidorische Talmi entzaubern und die die ihren erkennen wird.

Es ergab sich, daß ich häufig Gespräche mit Trotzkij führte. Sie haben für mich das ein wenig legendäre Leben, das ich ihm zuschrieb, durch den Einblick in seine verwundbare Existenz ersetzt. Kaum einer der mexikanischen Orte, die ich kennengelernt habe, ist in meiner Erinnerung nicht mit ihm verknüpft. Ich sehe ihn vor mir, wie er mit zusammengezogenen Augenbrauen im Schatten eines vor Hitze brennenden, von Kolibrigeschwirr erfüllten Gartens in Cuernavaca die Pariser Zeitungen auseinan- derfaltet, während die ebenso reizvolle wie verständnisvolle und sanfte Nathalie Trotzkij mir die Namen der wunderbaren Blumen erläutert; ich sehe ihn vor mir, wie er gemeinsam mit mir die Pyramide von Xochicalco besteigt; wie wir mit großem Appetit am Ufer eines erstarrten Sees mitten im Krater des Popocatepetl unseren Proviant verzehren; wie wir einen ganzen Vormittag lang über eine Insel im See von Patzcuaro wandern — der Lehrer, der Trotzkij und Rivera erkannt hat, läßt die Schulkinder in der alten Sprache Tarasco singen —, oder wie wir in einem flinken Waldbach Axolotl fangen. Ich kenne niemanden, der ähnlich genau wie Trotzkij das Neue, Ungewohnte beachtete, niemanden, der unterwegs so unternehmungslustig und einfallsreich ist wie er. Es ist offensichtlich, daß in ihm eine unzerstörbare kindliche Aufmerksamkeit lebendig geblieben ist. Gleichzeitig ist seine geistige Spannkraft unvergleichlich. Keiner meiner Bekannten wäre imstande, eine intensive und dauerhafte Anstrengung so konsequent auf sich zu nehmen wie er. Dafür liegen zahlreiche Belege vor. Ich will mich deshalb lieber ein wenig daran versu- chen, das Geheimnis seiner persönlichen Anziehung zu ergründen. Es ist eine außergewöhnliche Anziehung. Eines Abends, als er eingewilligt hatte, zu Hause eine etwa zwanzig Leute zählende Gruppe von Intellektuellen aus New York zu empfangen, ihnen kurz seine Position darzulegen und dann auf ihre Fragen zu antworten, an diesem Abend machte ich die Beobachtung, wie die Stimmung im Zimmer, je länger er sprach, sich zu seinen Gunsten veränderte, wie die Zuhörer die Lebhaftigkeit und Festigkeit seiner Erwiderungen anerkannten, sich auf seine Heiterkeit einließen und sich über seine Einfalle freuten. Mit großem Vergnügen verfolgte ich, wie sich diese Leute einzeln bei ihm bedankten und ihm die Hand drückten. Unter ihnen befanden sich der Gouverneur eines nordamerikanischen Bundesstaates sowie eine eulenhafte Frau, die Arbeitsministerin im Kabinett Macdonald gewesen war ... Die Anziehung, die von Trotzkij ausgeht, scheint mir nicht lediglich in dem Genuß zu gründen, den es bereitet, eine überlegene Intelligenz aus der Nähe agieren zu sehen, sondern auch in der überraschenden Erfahrung, daß und wie es dieser Intelligenz gleichsam spielerisch gelingt, die anderen an der Erkundung und der Beweisführung mitwirken zu lassen. Es ist vorgekommen, daß ich mit dem Genossen Trotzkij spazierenging oder mit ihm auf einer Bank saß, mitten auf einem der indianischen Märkte, die einer der aufregendsten Anblicke sind, die Mexiko zu bieten hat. Ob wir nun über die Architektur der Häuser am Platz spekulierten oder die bunten Gemüsekörbe oder die Karawanen der Bauern in ihren Sarapen, auf denen sich die Sonne mit der Nacht paart, oder die eingefleischte Würde der Gestik und Haltung der Dorfbewohner beobachteten, stets las Trotzkij in diesen unscheinbaren Szenen einen allgemeinen Sinn, eine Hoffnung auf die schließliche Aussöhnung der Werte dieser Welt und eine Inspiration zugunsten der gesellschaftlichen Kampfes.

Es gibt eine Frage, die für Trotzkij Vorrang vor allen anderen hat, eine Frage, bei deren Erörterung er keinerlei Abschweifung zuläßt und zu der er einen immer wieder hinführt. Diese Frage lautet: »Welche Perspektiven?« Keiner übertrifft ihn beim Belauern der Zukunft, so wie keiner weniger er selbst ist als Trotzkij, wenn er die Wolfsjagden beschreibt, an denen er im Kaukasus teilgenommen hat. Die Vergangenheit scheint ihn eher zu ermüden. Er sprüht vor Sarkasmus gegen jene, die sich auf altem, wenn auch ehrenvollem Ruhm ausruhen. Man muß es gehört haben, wie er von den »kleinen Rentnern der Revolution« spricht!

Da und dort hat man versucht, Trotzkij »zu erledigen«, ihn »loszuwerden«. Da es nicht ausgereicht hat, ihn in Moskau zum Tode zu verurteilen, ja, ihm in denjenigen, die ihm besonders teuer waren, nach und nach seine inneren Wurzeln zu zerstören sowie eine ebenso obskure wie armselige Kampagne gegen ihn zu entfesseln, hat die GPU, die letztes Jahr vergeblich versucht hat, ihm ein angeblich von einem Freund stammendes Paket mit einer Bombe zuzustellen, sich, jedenfalls vorläufig, darauf beschränkt, das Geschäft der ungeheuerlichen Verleumdungen wiederaufzu- nehmen, Verleumdungen, die gelegentlich um so wirkungsvoller sind, als diejenigen, die überredet und beeinflußt werden sollen, wenig über die politische Situation in Mexiko wissen. Man hat behauptet, Genossen, und die Wochenzeitung Marianne hat es wiederholt, Trotzkij habe den Präsidenten Cardenas Anfang des Jahres zu der Enteignung der ausländischen (englischen und amerikanischen)  Ölgesellschaften angestiftet, damit das mexikanische Öl Hitler, Mussolini und Franco zugute käme. Man hat behauptet — was in ausdrücklichem Widerspruch zu der ersten Verdächtigung steht, aber was tut's —, es sei Trotzkij gewesen, der die Rebellion des Generals Cedillo gegen Cardenas geschürt habe. Die Zeitungen im Solde der GPU sind sogar so weit gegangen, zu versichern, Trotzkij und Rivera hätten auf ihrer Reise von Mexiko- City nach Guadalajara, einer Reise über achthundert Kilometer, auf der ich ihnen nicht von der Seite gewichen bin, lange Besprechungen mit einem Doktor Atl geführt, der dort als Agent der deutschen Botschaft gilt. Ich war es, den man für diesen Faschisten ausgegeben hat! Doch ihr müßt beachten, Genossen, daß die Verleumdung, je nach Bedarf, auch weniger plump operieren, daß sie mitunter überaus geschickt vorgehen kann. So läßt man beispielsweise verlauten, der Genosse Trotzkij unterhalte enge Beziehungen zur mexikanischen Regierung, ja, er sorge sich weit weniger darum, die Interessen der mexikanischen Arbeiterklasse zu unterstützen, als General Cardenas zu schonen, der Gastfreundschaft halber, die dieser ihm gewährt. Auf diese Insinuation hat Trotzkij ein für allemal mit der folgenden Stellungnahme reagiert: »Überlassen wir die Taschenspieler und Intriganten ihrem Schicksal. Nicht mit ihnen befassen wir uns, sondern mit den Arbeitern in der ganzen Welt. Ohne sich Illusionen zu machen und ohne Verleumdungen auf den Leim zu gehen, werden die fortschrittlichen Arbeiter dem mexikanischen Volk ihre volle Unterstützung im Kampf gegen den Imperialismus gewähren. Enteignung des Öls bedeutet weder Sozialismus noch Kommunismus; aber sie ist eine höchst begrüßenswerte Maßnahme der nationalen Selbstverteidigung. Marx hielt Abraham Lincoln nicht für einen Kommunisten. Das hat Marx jedoch nicht daran gehindert, tiefe Sympathie für den Kampf zu empfinden, den Lincoln führte. Die Erste Internationale schickte an den Präsidenten während des Bürgerkrieges eine Grußadresse, und Lincoln wußte in seiner Antwort diese moralische Unterstützung hoch zu schätzen. Das internationale Proletariat hat keinen Anlaß, sein Programm mit dem Programm der mexikanischen Regierung zu verwechseln. Es nützt den Revolutionären überhaupt nichts, zu tarnen, zu fälschen oder zu lügen, wie es die Höflinge aus der Schule der GPU tun, die im Au genblick der Gefahr die schwächere Seite verraten und verkaufen. Will sie ihr Gesicht nicht verlieren, so ist jede Arbeiterorganisation in der Welt, vor allem diejenige Großbritanniens, gehalten, die imperialistischen Räuber schonungslos anzugreifen, ihre Diplomatie, ihre Presse und ihre faschistischen Lakaien. Die Sache Mexikos wie die Sache Spaniens wie die Sache Chinas sind die Sache der gesamten Arbeiterklasse.«

Man muß der Regierung Cardenas Gerechtigkeit widerfahren lassen und anerkennen, daß sie nichts unversucht läßt, um die Sicherheit Trotzkijs zu gewährleisten. Die Mitglieder dieser Regierung, von denen einige die großen Rollen bei der Revolution von 1910 gespielt und unter Zapata gekämpft haben oder in seiner Schule ausgebildet worden waren, bewundern Trotzkij. An ihnen liegt es keineswegs, es ist vielmehr eine Folge der Sicherheitsmaßnahmen, die sie für ihn ergreifen müssen, wenn Trotzkij darunter leidet, daß er sich nicht bewegen kann, wie er mag, wenn er sich manchmal darüber beklagt, wie ein Ding be- handelt zu werden.

Auch wenn es euch, Genossen, nicht alle in gleicher Weise interessiert, liegt mir daran, mit ein paar Worten auf eine Frage einzugehen, die mir besonders am Herzen lag und die ich Trotzkij unbedingt vorlegen wollte. Ich habe all die Jahre hindurch das Recht des Schriftstellers und des Künstlers verteidigt, über sich selbst zu verfügen, nicht im Schatten politischer Parolen, sondern aus seinen sehr besonderen geschichtlichen Bedingungen heraus zu handeln. Und über diese Bedingungen bestimmt allein der Künstler selbst. In diesem Punkt bin ich stets unnachgiebig gewesen. Als ich im Jahr 1926 der Kommunistischen Partei beitreten wollte, bin ich dieser Auffassung wegen vor mehrere Kontrollkommissionen zitiert worden, wo man in beleidigendem Ton von mir verlangt hat, Rechenschaft abzulegen über Reproduktionen von Picasso und André Masson, die in der von mir geleiteten Zeitschrift erschienen waren. Innerhalb der A.E.A.R. habe ich ohne Unterlaß die widersinnige Parole vom »sozialistischen Realismus« bekämpft. Wenn ich mich einer Aufgabe ohne Unterbrechung unterzogen habe, dann der, ungeachtet aller anderen Ereignisse, die Integrität der künstlerischen Tätigkeit zu schützen und dafür zu sorgen, daß die Kunst weiterhin ein Zweck bleibt und unter keinerlei Vorwand zu einem Mittel entstellt wird. Dies bedeutet nicht, daß es nicht Anlässe gegeben hätte, manchmal am Ausgang des Streits zu zweifeln und zu glauben, daß Unverständnis und böser Wille stärker seien. Hat man nicht meinen Freunden und mir immer wieder vorgeworfen, diese Auffassung, an der wir hartnäckig festhielten, sei unvereinbar mit dem Marxismus? Wie sehr ich auch vom Gegenteil überzeugt war, so konnte ich doch vor mir selbst nicht verhehlen, daß es in dieser Sache einen neuralgischen Punkt und etwas Ungeklärtes gab, das zu viele Leute beschäftigte, um nicht die Meinung Trotzkijs dazu erfahren zu wollen. Ich kann sagen, Genossen, er zeigte sich überaus aufgeschlossen. Doch glaubt bloß nicht, daß wir uns sogleich verstanden hätten. Er ist nicht der Mann, der sich überreden läßt. Da er meine Bücher ganz gut kannte, hat er darauf bestanden, meine Vorträge kennenzulernen, und vorgeschlagen, sie mit mir zu diskutieren. Bei diesem oder jenem Punkt kam es durchaus zu Reibereien zwischen uns. Auf Namen wie de Sade oder Lautréamont reagierte er zunächst unwirsch. Da er wenig über ihre Werke wußte, bat er mich, die Rolle erläutern, die sie für mich gespielt hatten. Er hörte aufmerksam zu und argumentierte dann unter einem Aspekt, den der Revolutionär und der Künstler miteinander teilen: dem der Befreiung der Menschen. Bei anderer Gelegenheit griff er diesen oder jenen Terminus auf, den ich hervorgehoben hatte, und unterzog ihn einer bündigen Kritik. So sagte er mir eines Tages: »Genosse Breton, das Interesse, das Sie den Erscheinungen des ›objektiven Zufalls‹ entgegenbringen, ist für mich nicht einsichtig. Ja, ich weiß wohl, daß Engels diesen Ausdruck gebraucht hat. Aber ich frage mich, ob es bei Ihnen nicht um etwas anderes geht. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie nicht daran denken, ein« — seine Hände wiesen in den Raum — »Hintertürchen zum Jenseits offenzuhalten.« Ich hatte meine Erwiderung noch nicht beendet, da rügte er schon wieder: » Ich bin nicht überzeugt. Und im übrigen haben Sie irgendwo geschrieben, ach ja, daß diese Erscheinungen für Sie etwas Beunruhigendes darstellten.« — »Verzeihen Sie«, sagte ich zu ihm, »ich habe geschrieben: beunruhigend beim gegenwärtigen Stand der Erkenntnis, sollen wir nachsehen?« Er stand auf, ging ein paar Schritte und kam dann wieder auf mich zu: »Wenn Sie gesagt haben ›beim gegenwärtigen Stand der Erkenntnis‹, dann gibt es nichts mehr auszusetzen. Ich ziehe meinen Einwand zurück.«

Sein eminenter, wenngleich ein wenig zum Argwohn neigender Scharfsinn, und die Aufrichtigkeit, von der ich ihn unter allen möglichen Umständen Zeugnis ablegen sah, haben dazu beigetragen, daß wir übereingekommen sind, gemeinsam ein Manifest zu verfassen, das die erwähnte Streitfrage beantwortet. Dieses Manifest ist von Diego de Rivera und mir unterzeichnet worden und trägt den Titel Für eine unabhängige revolutionäre Kunst.(4)

Es ruft zur Gründung der Fédération Internationale de l‘Art Révolutionnaire Indépendant (F.I.A.R.I.) auf, deren monatliches Bulletin erstmals Ende Dezember erscheinen wird. Ich füge hinzu, daß die Betonung der künstlerischen Unabhängigkeit, die dort gefordert wird, mehr Trotzkij zu verdanken ist als Rivera und mir. Trotzkij war es, der bei der Lektüre des Entwurfs, in dem ich

geschrieben hatte: » Alle Freiheit in der Kunst, außer gegen die proletarische Revolution«, uns vor dem Mißbrauch gewarnt hat, der mit dem letzten Teil des Satzes getrieben werden könnte, und ihn ohne zu zögern gestrichen hat. Trotzkij hat mir wiederholt gesagt, daß er sich in der gegenwärtigen Periode viel von der Aktivität einer Organisation wie der F.I.A.R.I. verspreche, um einem revolutionären Bündnis den Weg zu ebnen. Zweimal im Lauf der letzten Monate hat er es im übrigen für notwendig gehalten, seine Einstellung zu Problemen der künstlerischen Kreativität dazulegen — einmal in einem in Quatrième Internationale abgedruckten Brief an amerikanische Genossen, ein andermal in einem französisch noch unveröffentlichten Interview, aus dem ich hier nur die folgende Stelle zitieren will: »Die Kunst der stalinistischen Periode wird als Ausdruck des inneren Verfalls der proletarischen Bewegung in die Geschichte eingehen. Doch die babylonische Gefangenschaft der revolutionären Kunst kann und wird nicht ewig dauern. Die revolutionäre Partei hat nicht die Aufgabe, die Kunst zu lenken. Ein solcher Anspruch kann nur Leuten in den Sinn kommen, die von Omnipotenzgefühlen berauscht sind, wie die Moskauer Bürokratie. Kunst und Wissenschaft verlangen nicht nur nicht nach Befehlen, sie dulden sie, ihrem Wesen nach, nicht.«

Genossen, mir ist bewußt, daß ich mich dem Vorhaben, auf das ich mich eingelassen habe, nicht gewachsen zeige: den Genossen Trotzkij für uns ein wenig gegenwärtig zu machen. Zu meinem Trost erinnere ich mich an eine Unterhaltung, die ich vor einigen Jahren mit André Malraux führte, der damals gerade von einer Reise in die UdSSR zurückgekehrt war. Er berichtete mir, daß er bei einem Begrüßungsbankett während der Tischrede, die er halten mußte, Leo Trotzkij zitiert und plötzlich gespürt habe, wie sich die Atmosphäre verdüsterte — ein paar Gläser seien zu Boden gefallen und einige seiner Tischnachbarn seien aufgestanden, offenbar in der Absicht, ihn einzukreisen: einen Augenblick lang habe er um sein Leben gebangt. Er vertraute mir sogar an, er glaube, sein Heil nur einem plötzlichen Einfall verdankt zu haben, wie er einem manchmal in Augenblicken der Gefahr kommt, einem Einfall, der ihn etwas sagen ließ, was die zum Angriff entschlossenen Leute aus der Fassung brachte. Was mich bestürzte und immer noch bestürzt, ist freilich nicht vor allem dieser Vorfall, dessen Schatten seitdem von manchem tragischen Ereignis verstärkt worden ist, sondern die Schlußfolgerung, die Malraux daraus gezogen hat: unter keinem Vorwand und unter keinen Umständen mehr dort den Namen Leo Trotzkij auszusprechen. Genossen, hat man so etwas jemals erlebt, ist es in der Tat möglich, daß der Selbsterhal- tungstrieb den Intellektuellen zum Verzicht aufs Denken zwingt? Dabei weiß ich, oder glaube ich zu wissen, daß es André Malraux nicht an Mut fehlt. Der Name Trotzkij ist viel zu repräsentativ und zu markant, als daß man ihn verschweigen oder sich damit begnügen dürfte, ihn zu flüstern. Man wird uns nicht hindern können, ihn hochzuhalten und dafür Sorge zu tragen, daß er den Bütteln in aller Welt in den Ohren klingt. Über den zerstückelten Leichen der spanischen Kinder und der Menschen, die Tag für Tag fallen, damit das Spanien der Arbeiter triumphiere, über den Leichen der Revolutionäre des Oktober, der Leiche unseres Genossen Sedow und der Leiche unseres Genossen Klement, die, weil zerstückelt, die französische Polizei nicht erkannt haben will, über all diesen Toten und ihretwegen müssen wir an dem Gedanken, an dem Vorsatz festhalten: Sie werden nicht durchkommen! Ich grüße den überaus lebendigen Genossen Trotzkij, dessen Stunde wiederkommen wird, ich grüße den Sieger und Zeugen des Oktober, den unsterblichen Theoretiker der Permanenten Revolution.

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2 FAI, Federación Anar quista Ibérica, spanischer Anarchistenbund, dem u.a. Durruti angehörte; CNT, Confederación Nacional del Trabajo, spanische anarcho- syndikalistische Gewerkschaft; POUM, Partido Obrero de Unificación Marxista, linkssozialistische, oft fälschlich als trotzkistisch bezeichnete Arbeiterpartei; PSUC, Parti Socialista Unificat de Catalunya, Vereinigte Sozialistische Partei Kataloniens. (A.d.Ü.)

3  Liga de Escritores y Artistas Re volucionarios, linker Schriftsteller- und Künstlerverband in Mexiko ; AEAR, Association des Ecrivai ns et des Artistes Révolutionnaires, linker Schriftsteller- und Künstlerverband in Fr ankreich, der die Zeitschrift Commune herausgab. (A.d. Ü.)

4 Siehe Seite 28 ff. dieses Buches. (A.d.Ü.)