1938 Revolutionäre Kunst

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André Breton, Diego Rivera

Mexiko, am 25. Juli 1938

Für eine unabhängige revolutionäre Kunst

 

Man kann ohne Übertreibung behaupten, daß die menschliche Zivilisation nie zuvor von so vielen Gefahren bedroht worden ist wie heute. Die Vandalen zerstörten mit Hilfe ihrer barbarischen, daß heißt höchst unsicheren Mittel die antike Kultur in einem begrenzten Teil Europas. Jetzt ist es die Kultur der ganzen Welt in der Geschlossenheit ihres historischen Schicksals, die unter der Bedrohung reaktionärer, mit der ganzen modernen Technik bewaffneter Kräfte ins Wanken gerät. Wir haben dabei nicht nur den sich nahenden Krieg im Auge. Schon jetzt, in Friedenszeiten, ist die Situation der Wissenschaft und der Kunst absolut unerträglich geworden.

Was immer sie an Individuellem in ihrem Werdegang enthält, was sie an subjektiven Qualitäten auch immer ins Werk setzt, um ein bestimmtes Faktum freizulegen, das eine objektive Bereicherung zur Folge hat, eine philosophische, soziologische, naturwis- senschaftliche oder künstlerische Entdeckung erscheint doch immer als die Frucht eines kostbaren Zufalls, das heißt als eine mehr oder weniger spontane Manifestation der Notwendigkeit. Man sollte einen solchen Zu-Fall nicht außer acht lassen, sowohl vom Standpunkt der allgemeinen Wissenschaft (die danach trachtet, die Interpretation der Welt voranzubringen) als auch vom revolutionären Standpunkt aus (der, um die Veränderung der Welt zu erreichen, fordert, daß man sich eine genaue Vorstellung von den Gesetzen mache, die ihre Bewegung bestimmen). Genauer gesagt, man dürfte nicht desinteressiert bleiben an den geistigen Voraussetzungen, unter denen dieser Zu-Fall beständig vor sich geht, und sollte daher darüber wachen, daß die Achtung vor jenen spezifischen Gesetzen garantiert wird, an die das intellektuelle Schaffen gebunden ist.

Nun nötigt uns aber die gegenwärtige Welt, die immer allgemeiner werdende Verletzung dieser Gesetze festzustellen, eine Verletzung, der notwendigerweise eine zunehmend offenbar werdende Herabwürdigung nicht nur des Kunstwerkes, sondern auch der »künstlerischen Persönlichkeit« entspricht. Der Hitlerische Faschismus hat, nachdem er alle jene Künstler aus Deutschland entfernt hat, bei denen zu gewissem Grade Freiheitsliebe, und sei sie auch nur formaler Art, zum Ausdruck gekommen war, diejenigen, die noch willens waren, die Feder oder den Pinsel zu führen, genötigt, sich zu Knechten des Regimes zu machen und es in den äußerlichen Grenzen schlimmster Konvention gebührend zu feiern. Mit Ausnahme der publizistischen Medien ist es in der UdSSR in der Zeit der wildesten Reaktion, die im Au genblick ihren Höhepunkt erreicht hat, ebenso gewesen. Es muß nicht erst gesagt werden, daß wir uns zu keinem Zeitpunkt — wie günstig er auch sein mag — mit der Parole »Weder Faschismus noch Kommunismus!« solidarisch erklären, die der Natur des konservativen und erschreckten Philisters entspricht und sich an die Überreste einer »demokratischen« Vergangenheit klammert. Wahre Kunst, das heißt Kunst, die sich nicht mit Variationen über bereits gegebene Modelle zufriedengibt, sondern danach strebt, den inneren Bedürfnissen des Menschen und der heute lebenden Menschheit Ausdruck zu verleihen, kann nicht anders als revolutionär sein, das heißt, sie kann nur eine vollständige und radikale Neuordnung der Gesellschaft anstreben, und sei dies nur, um die intellektuelle Tätigkeit aus den Ketten zu befreien, die sie niederhalten, und um so der ganzen Menschheit möglich zu machen, sich in Höhen zu erheben, die in der Vergangenheit nur einsame Genies erreicht haben. Gleichzeitig bekennen wir, daß allein die soziale Revolution den Weg zu einer neuen Kultur bahnen kann. Wenn wir indessen alle Solidarität mit der gegenwärtig in der UdSSR regierenden Kaste zurückweisen, so nur deshalb, weil sie in unseren Augen nicht den Kommunismus repräsentiert, sondern vielmehr sein perfidester und gefährlichster Feind ist.

Unter dem Einfluß des totalitären Regimes der UdSSR und durch die Vermittlung der sogenannten »kulturellen« Organe, die sie in anderen Ländern kontrolliert, hat sich ein tiefer Dämmer über die ganze Welt gelegt, der der Hervorbringung jeder Art von geistigen Werten feind ist. Ein Dämmer aus Schmutz und Blut, in dem, als Intellektuelle und Künstler verkleidet, jene Männer die Hand im Spiele haben, die sich aus der Servilität einen Machtbereich, aus der Verleugnung ihrer eigenen Prinzipien ein perverses Spiel, aus käuflicher Verleumdung eine Gewohnheit und aus der Verherrlichung des Verbrechens ein Vergnügen gemacht haben. Die offizielle Kunst der stalinistischen Epoche spiegelt mit einer Grausamkeit, die in der Geschichte ohne Beispiel ist, ihre höhnischen Bemühungen wider, hinters Licht zu führen und ihre wahre Söldnerrolle zu maskieren. Die heimliche Mißbilligung, welche in der künstlerischen Welt eine schamlose Negation jener Prinzipien hervorgerufen hat, denen die Kunst immer gefolgt ist — und die so total abzustreiten selbst auf Sklaverei gegründete Staaten sich nicht unterstanden haben —, soll einer unerbittlichen Verurteilung Platz machen. Die künstlerische Opposition ist heute eine der Kräfte, die wirksam zur Diskreditierung und zum Untergang jener Regimes beitragen können, unter denen zugleich mit dem Recht der ausgebeuteten Klasse, eine bessere Welt anzustreben, auch jedes Gefühl für menschliche Größe und sogar Würde zugrunde geht. Die kommunistische Revolution fürchtet die Kunst nicht. Sie weiß, daß nach Abschluß der Forschungen, die man über die Entwicklung der künstlerischen Berufung in der sich auflösenden kapitalistischen Gesellschaft anstellen kann, die Determination dieser Berufung nur als das Resultat eines Zusammenpralls zwischen dem Menschen und einer gewissen Anzahl sozialer Formen angesehen werden kann, die ihm feindlich sind. Dieser Umstand allein macht, mit Ausnahme des Bewußtseinsgrades, der noch zu erwerben ist, den Künstler zum empfänglichen Verbündeten. Der Mechanismus der Sublimierung, der in solchen Fällen eintritt und den die Psychoanalyse nachgewiesen hat, hat den Zweck, das gestörte Gleichgewicht zwischen dem kohärenten » Ich« und den verdrängten Elementen wiederherzustellen. Diese Wiederherstellung geschieht zum Wohle des »Über-Ich«, das sich gegen die gegenwärtige unerträgliche Wirklichkeit auflehnt, gegen alle Mächte der Innenwelt, des »Ich«, das allen Menschen gemeinsam und beständig auf dem Weg der Entfaltung in das Werden ist.

Das Bedürfnis des Geistes nach Emanzipation braucht nur seiner natürlichen Bahn zu folgen, um schließlich mit dieser ursprünglichen Notwendigkeit zu verschmelzen und aus ihr neue Kräfte zu ziehen: dem Bedürfnis des Menschen nach

Emanzipation. Daraus folgt, daß die Kunst, wenn sie nicht verkommen will, sich keiner fremden Direktive beugen und nicht gefügig die Rahmen füllen kann, die manche ihr zu äußerst kurzsichtigen, pragmatischen Zwecken glauben zuweisen zu können. Es ist besser, sich der Fähigkeit zur Präfiguration anzuvertrauen, die das Erbe eines jeden wahren Künstlers ist, was den Beginn der (virtuellen) Auflösung der schwerwiegenden Widersprüche seiner Zeit in sich schließt und das Denken seiner Zeitgenossen auf die Vordringlichkeit der Setzung einer neuen Ordnung richtet. Die Vorstellung, die der junge Marx sich von der Rolle des Schriftstellers machte, verlangt heute lebhaft nach Erinnerung. Es ist klar, daß diese Idee auf künstlerischer wie auf wissenschaftlicher Ebene auf die verschiedenen Kategorien von schöpferisch Arbeitenden und Forschern erweitert werden muß.

»Der Schriftsteller«, sagte er, »muß natürlich Geld verdienen, um leben und arbeiten zu können, aber er darf auf keinen Fall leben und arbeiten, um Geld zu verdienen ...« »Der Schriftsteller«, sagte er, »muß allerdings erwerben, um existieren und schreiben zu können, aber er muß keineswegs existieren und schreiben, um zu erwerben. [...] Der Schriftsteller betrachtet keineswegs seine Arbeiten als Mittel. Sie sind Selbstzweck, sie sind so wenig Mittel für ihn selbst und für andere, daß er ihrer Existenz seine Existenz aufopfert, wenn's not tut. [...] Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein.« Es ist mehr denn je angebracht, diese Erklärung jenen vorzuhalten, welche vorgeben, die intellektuelle Aktivität Zielen unterzuordnen, die außerhalb von ihr liegen und welche, ungeachtet aller historischen Determinationen, die ihr eigen sind, im Dienste einer vermeintlichen Staatsräson die Themen der Kunst schulmeisterlich verwalten. Die freie Wahl dieser Themen und die absolute Uneingeschränktheit auf dem Gebiet seiner Forschung stellen für den Künstler ein Gut dar, das er zu Recht als unveräußerlich betrachtet. In Sachen der künstlerischen Arbeit ist es von größter Bedeutung, daß die Einbildungskraft jedem Zwang entrinnt, sich unter keinem Vorwand einen Instanzenweg aufzwingen läßt. Denjenigen, die uns dazu drängen, heute oder morgen zuzulassen, daß die Kunst einer Disziplin unterworfen werde, die wir für radikal unvereinbar mit ihren Mitteln halten, stellen wir ein Machtwort entgegen und unseren wohlüberlegten Willen, indem wir uns an die Formel halten: In der Kunst ist alles erlaubt. Selbstverständlich erkennen wir dem revolutionären Staat das Recht zu, sich gegen die aggressive bourgeoise Reaktion zu verteidigen, selbst wenn diese sich mit der Fahne der Wissenschaft oder der Kunst bemäntelt. Aber zwischen diesen  aufgezwungenen und temporären Maßnahmen revolutionärer Selbstverteidigung und dem Anspruch, über das intellektuelle Schaffen der Gesellschaft das Kommando zu führen, liegt ein Abgrund. Wenn die Revolution auch gehalten ist, zur Entwicklung produktiver materieller Kräfte ein sozialistisches Regime nach zentralem Plan aufzurichten, so muß sie doch von Anfang an für die intellektuelle Arbeit ein anarchistisches Regime individueller Freiheit etablieren und sichern. Keine Autorität, kein Zwang, nicht die geringste Spur von Befehl! Die verschiedenen Gesellschaften der Wissenschaftler und die Kollektive der Künstler, die daran arbeiten werden, Aufgaben von nie dagewesener Bedeutung zu lösen, können nur auf der Basis freier schöpferischer Freundschaft, ohne den geringsten Zwang von außen, fruchtbare Arbeit leisten und sie zur Entfaltung bringen. Aus allem, was bisher gesagt wurde, geht klar hervor, daß wir mit der Verteidigung der Freiheit künstlerischen Schaffens keinesfalls die politische Indifferenz zu rechtfertigen wünschen und daß es uns fern liegt, eine sogenannte »reine« Kunst wieder zum Leben erwecken zu wollen, die für gewöhnlich den unreinsten Zwecken der Reaktion dient. Nein, wir haben eine zu hohe Vorstellung von der Funktion der Kunst, um ihr einen Einfluß auf das Schicksal der Gesellschaft zu verweigern. Wir halten es für die höchste Aufgabe der Kunst unserer Zeit, bewußt und aktiv an der Vorbereitung der Revolution teilzunehmen. Jedoch kann der Künstler dem Emanzipationskampf nur dienen, wenn er subjektiv von dessen sozialem und individuellem Gehalt durchdrungen ist, wenn dessen Sinn und Drama durch seine Nerven gegangen sind und er in aller Freiheit versucht, seiner Innenwelt eine künstlerische Inkarnation zu verleihen.

Im gegenwärtigen Zeitraum, der vom Todeskampf des Kapitalismus, sei er nun demokratischer oder faschistischer Natur, gekennzeichnet ist, läuft der Künstler Gefahr, sogar ohne daß er es nötig hätte, seiner sozialen Dissidenz eine sichtbare Form zu geben, das Recht auf Leben aberkannt zu bekommen und sein Werk nur dann fortsetzen zu können, wenn er sich vor dieser Gefährdung aus allen Medien der Verbreitung zurückzieht. Es ist natürlich, daß er sich zunächst den stalinistischen Organisationen zuwendet, die ihm die Möglichkeit bieten, seiner Isolierung zu entgehen. Aber der Verzicht auf alles, was seine eigene Botschaft ausmachen kann, und die erschreckend degradierenden Willfäh- rigkeiten, die diese Organisationen im Austausch gegen gewisse materielle Vorteile von ihm fordern, verbieten es ihm, sich dort zu behaupten, solange die Demoralisierung nicht wirksam genug ist, mit seinem Charakter fertig zu werden. Von diesem Augenblick an muß er begreifen, daß sein Platz anderswo ist, nicht unter denen, die die Sache der Revolution und notwendigerweise damit zugleich auch die Sache der Menschen verraten, sondern bei denen, die ihre unerschütterliche Treue gegenüber den Prinzipien dieser Revolution unter Beweis stellen, bei denen, die aus diesem Grunde allein qualifiziert sind, ihr zu helfen, sich zu vollziehen und durch sie den späteren freien Ausdruck für alle Arten menschlicher Kreativität zu sichern.

Der Zweck dieses Aufrufs ist, für die Vereinigung der revolutio- nären Verfechter der Kunst eine Basis zu finden, der Revolution mit den Methoden der Kunst zu dienen und die Freiheit der Kunst selbst gegen die Usurpatoren der Revolution zu verteidigen. Wir sind davon überzeugt, daß eine Begegnung der verschiedensten Repräsentanten ästhetischer, philosophischer und politischer Tendenzen auf dieser Basis möglich ist. Die Marxisten können hier Hand in Hand gehen mit den Anarchisten, unter der Bedingung, daß sie beide unerbittlich mit dem reaktionären Polizeigeist brechen, sei er nun durch Josef Stalin oder durch seinen Vasallen García Oliver repräsentiert. Tausende und Abertausende isolierter Denker und Künstler, deren Stimme vom widerwärtigen Getöse angeworbener Verfälscher überdeckt wird, sind zur Zeit über die ganze Welt verstreut. Zahlreiche kleine lokale Zeitschriften versuchen, junge Kräfte um sich zu scharen, die neue Wege und nicht Subventionen suchen. Jede progressive Tendenz in der Kunst ist vom Faschismus als Entartung gebrandmarkt worden. Alle freie künstlerische Tätigkeit ist vom Stalinismus für faschistisch erklärt worden. Die unabhängige revolutionäre Kunst muß sich zum Kampf gegen die reaktionären Verfolgungen sammeln und ihre Daseinsberechtigung laut proklamieren. Eine solche Vereinigung ist das Ziel der »Fédération Internationale de l‘Art Révolutionnaire Indépendant« [F.I.A.R.I.], die zu gründen wir für notwendig erachten.

Wir haben keineswegs die Absicht, jede der in diesem Aufruf enthaltenen Ideen, die wir selbst nur für einen ersten Schritt auf dem neuen Wege halten, andern aufzudrängen. Alle Vertreter der Kunst, alle ihre Freunde und Verteidiger, die die zwingende Notwendigkeit dieses Aufrufes einsehen, fordern wir auf, unver- züglich ihre Stimme zu erheben. Wir richten den gleichen Wunsch an alle unabhängigen linken Publikationen, die bereit sind, an der Gründung der Fédération Internationale, bei der Sichtung ihrer Aufgaben und ihrer Aktionsmethoden mitzuwirken. Sobald durch Presse und Korrespondenz ein erster internationaler Kontakt hergestellt ist, werden wir zur Organisation bescheidener lokaler und nationaler Kongresse fortschreiten. Nach diesem Stadium wird sich ein Weltkongreß versammeln, der sich der Gründung der Föderation Internationale offiziell widmen wird.

Was wir wollen:

die Unabhängigkeit der Kunst — für die Revolution

die Revolution - für die endgültige Befreiung der Kunst.

 

André Breton, Diego Rivera

Mexiko, am 25. Juli 1938