1938 Mexiko

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André Breton

Erinnerung an Mexiko

1938

 

Rote, unberührte, mit edlem Blut getränkte Erde, eine Erde, auf der das Menschenleben keinen Preis hat, die jederzeit bereit ist, wie die unabsehbaren Agaven, in denen sie zum Ausdruck kommt, sich in einer Blüte aus Begehren und Gefahr zu verzehren. Wenigstens gibt es noch ein Land auf der Welt, in dem der Wind der Befreiung nicht abgeflaut  ist. 1810 und 1910 hat sich dieser Wind gebieterisch mit dem Klang der grünen Orgeln erhoben, die dort unter dem gewittrigen Himmel aufragen: Eines der bedeutendsten Phantasmen Mexikos ist aus einer riesigen Kandelaberkaktee gemacht, hinter der sich, mit feurigem Blick und einem Gewehr in der Hand, ein Mann erhebt. Über dieses romantische Bild sollte man  nicht richten: Jahrhunderte der Unterdrückung und des unermeßlichen Elends haben ihm bei zweierlei Gelegenheiten eine offenkundige Realität verliehen, und nichts kann etwas daran ändern, daß sie latent fortdauert und daß der scheinbare Schlaf der wüstenhaften Weiten sie weiter in sich birgt. Der bewaffnete Mann in seinen großartigen Lumpen ist stets gegenwärtig, er kann jählings aus dem Unbewußten und dem Unglück hervorbrechen. Abermals wird er sich aus dem erstbesten Gestrüpp an der Straße lösen, er wird, angetrieben von einer unbekannten Kraft, den anderen vorangehen, zum ersten Mal wird er sich in ihnen erkennen. Man soll sich nicht an der Unbeweglichkeit stoßen, die sich am Ende solcher Abenteuer als das Ergebnis militärischer Hierarchie einzustellen pflegt: In Mexiko kann sich jedermann mit dem Titel General schmücken, wenn er in der Lage gewesen ist oder es noch ist, durch eigene Initiative eine gewisse Anzahl von Männern in Bewegung zu setzen, nachdem er sie in den ländlichen Gegenden zusammengesucht hat. Die erwähnten »Generäle«, von denen die meisten in der rauhen Schule Emiliano Zapatas ausgebildet wurden und von denen einige an der Macht sind, haben nach wie vor, man muß es sagen, etwas von diesem wunderbaren Schwung an sich, der, es wird dreißig Jahre her sein, die »Peones« oder die indianischen Tagelöhner, den rigoros ausgeplünderten Teil der Bevölkerung, siegen ließ. Ich kenne nichts Aufregenderes als die photographischen Dokumente, die das Licht jener Epoche wiedergeben, so zum Beispiel die Ansicht eines der Lager der barfüßigen Aufständischen, die trotz der Unterschiede in Aufzug und Haltung die wilde Entschlossenheit des Blicks eint. Der große Elan mag erschöpft scheinen, die Dörfer, deren Einwohner von dem kärglichen Tausch von Piment gegen Töpferwaren leben, mögen aussehen, als hätten sie die Lider geschlossen, und selbst wenn hier wie anderswo die Korruption die Innenhöfe des Staatsapparats erobert hätte, so ist doch nicht weniger wahr, daß Mexiko von den Hoffnungen bebt, die, eine nach der anderen, in andere Länder gesetzt wurden — die UdSSR, Deutschland, China, Spanien — und die in der jüngsten Periode auf dramatische Weise vereitelt worden sind, von denen wir aber wissen, daß sie über die Mächte, an denen sie zerbrechen, schließlich obsiegen werden, daß sie  untrennbar  sind von den geheimsten und lebendigsten Regungen des Menschen, daß sie wiedererstehen werden, und sei es auf den Ruinen dieser Zivilisation. Mit seinen Pyramiden aus mehreren Steinschichten, die sehr unterschiedlichen, sich gegenseitig überdeckenden und einander undeutlich durchdringenden Kulturen entsprechen, lädt uns Mexiko zu dieser Betrachtung über  die Ziele der menschlichen Tätigkeit ein. Grabungen geben den Archäologen Gelegenheit, Vermutungen über die verschiedenen Rassen anzustellen, die auf diesem Boden aufeinander gefolgt sind und dabei ihren Waffen und ihren Göttern Geltung verschafft haben. Viele dieser Monumente aber verschwinden unter dichtem Gras und verschmelzen dem Blick mit den Kurven der Berge. Die große Botschaft der Gräber, die sich auf unverdächtigen Wegen sehr viel leichter verbreitet, als sie sich enthüllt, lädt die Atmosphäre elektrisch auf. Mexiko, kaum aus seiner mythologischen Vergangenheit erwacht, wird sich weiter unter dem Schutz Xochipillis entfalten, des Gottes der Blumen und der  Poesie, und Couatlicues, der Göttin der Erde und  des gewaltsamen Todes, deren Bildnisse, an Leidenschaftlichkeit und Intensität alle anderen übertreffend, von einem Ende des Nationalmuseums zum anderen, über die Köpfe der Indio-Bauern, der häufigsten und andächtigsten Besucher, hinweg geflügelte Worte und rauhe Schreie miteinander wechseln. Diese Kraft, das Leben und den Tod miteinander zu versöhnen, ist ohne Zweifel der hervorstechende Reiz Mexikos. In dieser Hinsicht hält es einen unerschöpflichen Vorrat an  Sensationen parat, von den angenehmsten bis zu den verfänglichsten. Ich wüßte nicht, was uns besser helfen könnte, ihre extremen Ausformungen zu entdecken, als die Photographien von Manuel Alvarez Bravo.(1)  Da ist eine Schreinerei für Kindersärge (die Kindersterblichkeit erreicht in Mexiko fünfundsiebzig Prozent): Die Beziehung zwischen Licht und Schatten, zwischen Kistenstapeln, der Leiter, dem Rost, und das poetisch mitreißende Bild, das durch den Schalltrichter im unteren  Sarg  zustande  kommt,  beschwört  exemplarisch  die Atmosphäre herauf, in die das ganze Land gehüllt ist. Da ist das Ensemble aus einem mumifizierten Kopf und einer mumifizierten Hand: Die Haltung der Hand und der Funken, den das Aneinanderdrücken der Zähne und des Fingernagels endlos hervorbringt, beschreiben eine schwebende, schwirrende, von gegensätzlichen Kräften beherrschte Welt. Da ist die Ecke in einem indianischen Friedhof, in dem die Margeriten, aus dem Schuttboden hervorsprießend, geheimnisvolle Beziehungen mit Bögen aus gebleichten Federn eingehen. Und schließlich ist da ein Mädchen oder eine Frau, eine Situation, in die bei hellichtem Tag ein dramatisches Element eingeführt wird durch den umgedrehten weißen Hut, mit dem sich die Luftöffnung verschließen läßt, das Bröckeln der Mauer, das Gefühl der Dauerhaftigkeit, das von der mühelosen, anmutigen Bewegung der Füße herrührt, und diese Dramatik wird verstärkt durch das unvermutete Auftauchen eines schwarzen Segels, das sich vor einem Eisberg aus trocknender Wäsche abhebt. Jeder Zufall scheint aus dieser Kunst verbannt — das schwarze Pferd auf dem schwarzen Haus — zugunsten der Wahrnehmung jenes einzig von Wahrsagereien durchlöcherten Verhängnisses, das die größten Werke aller Zeiten beseelt hat und dessen Verwahrer heute Mexiko ist.

Ist der Palast des Verhängnisses nicht jener Platz in Guadalajara, an dem ich mich mehrmals aufgehalten habe? Als Diego Rivera und ich nach alten Gemälden und Objekten Ausschau hielten, hatte uns  der Museumswärter zu einem alten Zwischenhändler geschickt, dessen Schädel dem von Elisée Reclus aufs Haar glich. Dieser zerlumpte und sympathische Mann, der sich anheischig machte, zu finden, was wir suchten, wies uns sogleich darauf hin, daß er als Kommission nur Lotteriescheine entgegennähme. Er vertraute uns an, daß er im Laufe seines Lebens schon sechsundzwanzigtausend Piaster für den Kauf solcher Scheine ausgegeben hatte und daß man, nachdem er niemals irgend etwas gewonnen hatte, von ihm billigerweise nicht erwarten dürfe, daß er es dabei bewenden lasse. Während er uns zu sich nach Hause führte, bot er mir einen kleinen polierten Stein an, in dessen Maserung er das Bild von Notre Dame de Guadalupe erkannt hatte; aber er lehnte in der Tat jede Bezahlung in Bargeld ab.

Um zu seinem Unterschlupf zu gelangen, mußten wir einen unbeschreiblichen Hof durchqueren und bizarre Treppenstufen erklimmen, eine Konstellation, deren Bestandteile an Aufrisse aus der Traumsphäre gemahnten. So vertraut das  Auge mit der barocken Architektur und Ornamentik der Kolonialzeit in Mexiko auch sein mag, es reagiert auf Szenerien wie das Interieur dieses ehemaligen Stadthauses, das die Beute einer zehrenden Schmarotzerkrankheit geworden ist, ebenso fasziniert wie befremdet. Die monumentalen Treppen erweitern sich zu Absätzen, die mit ihren Halb-Balustern in verblichenem Grün Freitreppen in einem Park nachgebildet sind.(2) Die Absätze ruhen auf hohen Straßenlaternen, deren Konfiguration sich in der trompe-l‘œil-Malerei auf den Wänden fortsetzt. Säulenreihen, deren Schäfte fast authentisch wirken, verlieren sich beim Weitergehen in einem Dunst von Illusion. Die Täfelungen, die von blauen Streifen durchbrochen sind und aus der Nähe nicht weniger enttäuschen als Theaterspiegel, sind in Schattierungen gestrichen, die Luftströmungen, die sich verdicken, oder stehendem Wasser nachgeformt scheinen. In der ersten Etage kommt man an einer ver- mauerten Tür vorbei, genauer: an einem Türumriß. Wie ich später erfahren habe, wurde der Raum, in den sie führte, verschlossen, nachdem dort die Einbalsamierung der ehemaligen Hausherrin vorgenommen worden  war,  der Mutter der rechtmäßigen Hausbesitzer, die den Wunsch gehabt hatte, für immer in diesem Gehäuse zu ruhen. Die offenbare Ungeordnetheit dieses Hauses sucht ihre Rechtfertigung in der unsichtbaren und deshalb um so übermächtigeren Anwesenheit der großen Dame. Auf der oberen Galerie sang an diesem Morgen ein elegant wirkender Mann aus vollem Halse. Nur mit Mühe konnte ich meinen Blick von ihm abwenden, obwohl ein anderes Schauspiel meine Aufmerksamkeit anzog: die halb abgeteilten und mit Fundstücken überdachten Winkel des Hofes; in ihnen waren ganze Familien von Armen untergekrochen, die so ungezwungen ihren Geschäften und Spielen nachgingen, als wären sie bei ihrem Wohnwagen. Andere Gemeinschaften hatten die kleinste Treppennische  in Besitz genommen: Im Halbdunkel hinter den Säulen entdeckte man dort Frauen, die sich an einem Wasserfaß zu schaffen machten, und zwei oder drei Männer an einer Hobelbank. Der Sänger, der seine Stimme keineswegs dämpfte, als wir uns näherten, schien uns nicht zu bemerken — er war einer von jenen Figuren, die in dieser merkwürdigen Welt Tag für Tag Bildern El Grecos entsteigen. Sein  Rang an  diesem  Ort  schien  mir  seiner  Statur  nicht angemessen und auch nicht der Veräußerung seines Deliriums, die unter außergewöhnlich günstigen Umständen stattfand. Dieser Rang war unbestreitbar gesellschaftlicher Natur,  was  sich bestätigte, als man mich darauf hinwies, daß er der älteste Sohn der ehemaligen Besitzerin sei, und daß allein sein Geisteszustand kraft Gesetz dem Verkauf des Hauses und der Teilung des Erlöses zwischen ihm und den beiden anderen Erben im Wege stehe. Ich staune immer noch über seine Einsamkeit in diesem Rahmen und über das, was sein Verhalten an Signalen der Feudalepoche lebendig hielt, während die Barbaren, zu denen ich gehörte, an den Türen der Zimmer lagerten und ihre ruchlose und immense Frechheit diesen letzten Altar mit Flügeln aus Pappe unterminierte ... Ganz Mexiko war hier gegenwärtig, in seiner plötzlichen Karriere, zu der es durch die Nachbarschaft eines ökonomisch hochentwickelten Landes gezwungen ist, übergangslos, in einer Folge schwindelerregender Aufschwünge wie am Trapez.

 

Unterdessen hatte ich Gelegenheit, den Bruder dieses sonderbaren Überlebenden kennenzulernen, der  auf der  Mastspitze seines Floßes zu dem Glauben gelangen konnte, er habe die Wogen der Zeit zum Stillstand gebracht. Ohne Anzeichen von Hochmut oder von Auffälligkeit war er mit einem kleinen Koffer an der Hand zum Essen nach Hause zurückgekehrt. Dieser Koffer, den er bedächtig vor unseren Augen aufschloß, enthielt die billigsten Schmuckstücke der Familie, und zwar jene, die er bei seinen täglichen Gängen zu den Händlern noch nicht hatte absetzen können. Er erzählte uns, daß man den ehemaligen Bediensteten — der Gelegenheitshändler, der uns hergebracht hatte, war einer von ihnen — als Ausgleich für das Gehalt, das man ihnen seit langem schuldete und das man ihnen auch nie mehr auszahlen würde, eine geringe Anzahl beweglicher Objekte überlassen hatte, wobei man ihnen anheimstellte, sich ihrer gewinnbringend zu entledigen. Diese  Objekte nun hatten offensichtlich nach und nach alle Beteiligten in die Korruption hineingezogen. Unter den gleichgültigen Blicken der Herrschaften hatten sich die Bediensteten ihrerseits in einem Schwindlerleben verschanzt, das sie rasch für Gaunereien empfänglich machen mußte: Während sie ständig nach dem Besucher Ausschau hielten, dem sie eine Lampe, eine Uhrkette oder ein Schachspiel anbieten könnten, war ihr Vorrat an Stücken stetig angewachsen und hatte sie dazu verleitet, das einst herrschaftliche Anwesen, ohne ihr Zimmer verlassen zu müssen, rüde auszuplündern. Bevor ich die Stadt verließ, wollte ich den verkommenen Palast wiedersehen. Ich hatte Angst, ihn ausgelöscht zu finden und den Schlüssel zu verlieren, mit dessen Hilfe er sich mir in einigem Abstand öffnen könnte. Was für eine Empfindung von noch nicht gekannter Art, die um so intensiver war, als sie sich von Sekunde zu Sekunde zu der Gewißheit steigerte, sich so niemals wieder einzustellen, erwartete mich hinter der Tür des Salons! Zu dieser Vormittagsstunde waren die Jalousien über dicken roten Vorhängen herabgelassen, der Raum mit seinem schweren Holzwerk war düster und leer, obwohl ein Klavier zurückgeblieben war. Ein zauberhaftes Geschöpf von sechzehn, siebzehn Jahren, mit gelösten Haaren, hielt sich darin auf, es hatte mir geöffnet, und nachdem es einen Besen abgestellt hatte, lächelte es mit einem Lächeln, das die Welt aus den Angeln hebt und in das nicht der mindeste Anflug von Verlegenheit Einlaß fand. Diese Jungfrau bewegte sich mit äußerster Anmut. An ihren ebenso aufregenden wie harmonischen Bewegungen konnte man ablesen, daß sie unter einem zerschlissenen weißen Abendkleid nackt war. Die Faszination, die sie in jenem Augenblick auf mich ausübte, war so mächtig, daß ich versäumte, mich nach ihrer Herkunft zu erkundigen: Wer mochte sie sein, die Tochter oder Schwester eines der Wesen, die an diesen Orten in der Epoche ihrer Pracht umgegangen waren, oder zählte sie zu der Sippschaft der Eindringlinge? Gleichviel, solange sie da war, kümmerte mich ihre Herkunft nicht, es genügte mir vollauf, für ihr Dasein dankbar zu sein. So ist die Schönheit.

1938

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1 Cf. Minotaure, Nr. 12-13, 1939.

2 Es ist sehr schwierig, solche Orte in Worte zu fassen. Ich sitze gerade über dieser Beschreibung, als man mir einen Brief von einem Freund bringt. Obwohl er von etwas ganz anderem handelt, erscheint er mir als eine merkwürdige Hilfe, die wunderbar rechtzeitig kommt, um bei mir die Lücken des Ausdrucks und der Erinnerung zu schließen. Mein Gefühl, daß in solchen Interferenzen eine dunkle Notwendigkeit stecke, verlockt mich, diesen Brief vollständig zu zitieren:

»Marseille, am 21. März 1939

In einem Laden in Marseille habe ich zufällig (für einen Franc) die Ombres de poésie von Xavier Forneret gefunden. Dieses Exemplar, das dem ›berühmten‹ Kritiker de  Pontmartin gehört  haben  mußte,  enthält  handgeschriebene,  in ironischer Manier verfertigte Verse des erwähnten Mannes. Dazu gehört auch dieses ›kritische‹ Blättchen, das ich Ihnen schicke.

Ich bin gespannt, was Sie von Mexi ko zu berichten haben werden. Gibt es weitere Nummern von Cl? Erscheint Minotaure nicht mehr? Ich arbeite zur Zeit an einem für Sie reizvollen Thema: die heilige Therese war nur eine Heilige.

Francois Secret PS. Kennen Sie den Turm des Wahnsinnigen zwischen Lourmarin und dem Schloß von La Coste (Sade)? Ein Turm, gebaut mitten im Luberon wie ein Leuchtturm, flankiert von einem eisenbeschlagenen Haus und geschützt von Befestigungsanlagen à la Vauban. Zu diesem mauerlosen Schloß gehört jedoch ein Rundgang, der zu einem Jagdpavillon mit Schießscharten führt. Mitten in dem Garten voller Buchsbäume stehen Klosterarkaden. Ein Datum: 1880.«