Enthüllung der Theorie Newtons

Nach oben  Zurück  Weiter

Enthüllung der Theorie Newtons

 

Johann Wolfgang v. Goethe

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

Einleitung 4

Zwischenrede 8

Der Newtonischen Optik Erstes Buch, Erster Teil 10

Erste Proposition. Erstes Theorem: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10

Beweis durch Experimente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12

Erster Versuch  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13

Zweiter Versuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17

Zweite Proposition. Zweites Theorem . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26

Dritter Versuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27

Vierter Versuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29

Fünfter Versuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31

Sechster Versuch  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36

Siebenter Versuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43

Achter Versuch  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52

Rekapitulation der acht ersten Versuche  . . . . . . . . . . . . . . . . 56

Dritte Proposition. Drittes Theorem  . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58

Neunter Versuch  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59

Zehnter Versuch  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61

Newtons Rekapitulation der zehn ersten Versuche . . . . . . . . . . . 61

Übersicht des Nachstfolgenden  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66

Vierte Proposition. Erstes Problem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68

Fünfte Proposition. Viertes Theorem . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71

Zwölfter Versuch. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72

Dreizehnter Versuch  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73

Vierzehnter Versuch  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74

Sechste Proposition. Fünftes Theorem  . . . . . . . . . . . . . . . . . 76

Fünfzehnten Versuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79

Siebente Proposition. Sechstes Theorem  . . . . . . . . . . . . . . . . 80

Sechzehnter Versuch  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82

Achte Proposition. Zweites Problem  . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83

 

Der Newtonischen Optik Erstes Buch, Zweiter Teil 85

Erste Proposition. Erstes Theorem  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86

Erster Versuch  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86

Zweiter Versuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92

Dritter Versuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92

Vierter Versuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96

Zweite Proposition. Zweites Theorem . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97

Fünfter Versuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98

Sechster Versuch  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101

Definition  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103

Dritte Proposition. Erstes Problem  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104

Siebenter Versuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104

Achter Versuch  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106

Vierte Proposition. Drittes Theorem  . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109

Fünfte Proposition. Viertes Theorem . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113

Neunter Versuch  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113

Zwolften Versuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115

Elfter Versuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119

Zehnter Versuch  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120

Glieder des zehnten Versuchs  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120

Dreizehnter Versuch  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121

Vierzehnter Versuch  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123

Fünfzehnter Versuch  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124

Siebente Proposition. Fünftes Theorem . . . . . . . . . . . . . . . . 130

Achte Proposition. Drittes Problem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130

Sechzehnter Versuch  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132

Neunte Proposition. Viertes Problem . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133

Zehnte Proposition. Fünftes Problem . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134

Siebzehnter Versuch  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135

Elfte Proposition. Sechstes Problem  . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145

Abschluß 146

Tafeln 148

Statt eines Nachworts 149

Newtonische Lehre: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149

Resultate meiner Erfahrung: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149

 

 

Einleitung

 

1.  Wenn wir in dem ersten Teile den didaktischen Schritt so viel als moglich gehalten und jedes eigentlich Polemische vermieden haben, so konnte es doch hie und da an mancher Mißbilligung der bis jetzt herrschenden Theorie nicht fehlen. Auch ist jener Entwurf unserer Farbenlehre seiner innern Natur nach schon polemisch, indem wir eine Vollständigkeit der Phänomene zusammenzu- bringen und diese dergestalt zu ordnen gesucht haben, daß jeder genötigt sei, sie in ihrer wahren Folge und in ihren eigentlichen Verhältnissen zu betrachten, daß ferner künftig denjenigen, denen es eigentlich nur darum zu tun ist, einzelne Erscheinungen herauszuheben, um ihre hypothetischen Aussprüche dadurch aufzustutzen, ihr Handwerk erschwert werde.

2.  Denn so sehr man auch bisher geglaubt, die Natur der Farbe gefaßt zu haben, so sehr man sich einbildete, sie durch eine sichere Theorie auszusprechen, so war dies doch keineswegs der Fall, sondern man hatte Hypothesen an die Spitze gesetzt, nach welchen man die Phänomene künstlich zu ordnen wußte und eine wunderliche Lehre kümmerlichen Inhalts mit großer Zuversicht zu überliefern verstand.

3.  Wie der Stifter dieser Schule, der außerordentliche Newton, zu einem solchen Vorurteil gelangt, wie er es bei sich festgesetzt und andern verschiedentlich mitgeteilt, davon wird uns die Geschichte künftig unterrichten. Gegenwartig nehmen wir sein Werk vor, das unter dem Titel der Optik bekannt ist, worin er seine  überzeugungen schließlich niederlegte, indem er dasjenige, was er vorher geschrieben, anders zusammenstellte und aufführte. Dieses Werk, welches er in späten Jahren herausgab, erklärt er selbst für eine vollendete Darstellung seiner  Überzeugungen. Er will davon kein Wort ab, keins dazu ge- tan wissen und veranstaltet die lateinische  Übersetzung desselben unter seinen Augen.

4.  Der Ernst, womit diese Arbeit unternommen, die Umständlichkeit, womit sie ausgeführt war, erregte das großte Zutrauen. Eine Überzeugung, daß dieses Buch unumstößliche Wahrheit enthalte, machte sich nach und nach allgemein, und noch gilt es unter den Menschen f ür ein Meisterst ück wissenschaftlicher Behandlung der Naturerscheinungen.

5.  Wir finden daher zu unserm Zwecke dienlich und notwendig, dieses Werk teilweise zu übersetzen, auszuziehen und mit Anmerkungen zu begleiten, damit denjenigen, welche sich künftig mit dieser Angelegenheit beschaftigen, ein Leitfaden gesponnen sei, an dem sie sich durch ein solches Labyrinth durchwinden konnen. Ehe wir aber das Geschaft selbst antreten, liegt uns ob, einiges vorauszuschicken.

6.  Daß bei einem Vortrag natürlicher Dinge der Lehrer die Wahl habe, entweder von den Erfahrungen zu den Grundsätzen oder von den Grundsätzen zu den Erfahrungen seinen Weg zu nehmen, versteht sich von selbst; daß er sich beider Methoden wechselweise bediene, ist wohl auch vergönnt, ja manchmal notwendig. Daß aber Newton eine solche gemischte Art des Vortrags zu seinem Zweck advokatenmäßig mißbraucht, indem er das, was erst eingeführt, abgeleitet, erklärt, bewiesen werden sollte, schon als bekannt annimmt und sodann aus der großen Masse der Phänomene nur diejenigen heraussucht, welche scheinbar und notdürftig zu dem einmal Ausgesprochenen passen, dies liegt uns ob, anschaulich zu machen und zugleich darzutun, wie er diese Versuche ohne Ordnung, nach Belieben anstellt, sie keineswegs rein vorträgt, ja, sie vielmehr nur immer vermannigfaltigt und  übereinander schichtet, so daß zuletzt der beste Kopf ein solches Chaos lieber gläubig verehrt, als daß er sich zur unabsehlichen Mühe verpflichtete, jene streitenden Elemente versöhnen und ordnen zu wollen. Auch würde dieses vollig unmöglich sein, wenn man nicht vorher, wie von uns mit Sorgfalt geschehen, die Farbenphänomene in einer ge- wissen natürlichen Verknüpfung nacheinander aufgeführt und sich dadurch in den Stand gesetzt hatte, eine künstliche und willkürliche Stellung und Entstellung derselben anschaulicher zu machen. Wir konnen uns nunmehr auf einen natürlichen Vortrag sogleich beziehen und so in die großte Verwirrung und Verwicklung ein heilsames Licht verbreiten. Dieses ganz allein ist’s, wodurch die Entscheidung eines Streites möglich wird, der schon über hundert Jahre dauert und, so oft er erneuert worden, von der triumphierenden Schule als verwegen, frech, ja als lächerlich und abgeschmackt weggewiesen und unterdrückt wurde.

7.  Wie nun eine solche Hartnäckigkeit moglich war, wird sich unsern Lesern nach und nach aufklären. Newton hatte durch eine künstliche Methode seinem Werk ein dergestalt strenges Ansehn gegeben, daß Kenner der Form es bewunderten und Laien davor erstaunten. Hinzu kam noch der ehrwürdige Schein einer mathematischen Behandlung, womit er das Ganze aufzust ützen wußte.

8.  An der Spitze namlich stehen Definitionen und Axiome, welche wir künftig durchgehen werden, wenn sie unsern Lesern nicht mehr imponieren konnen. Sodann finden wir Propositionen, welche das immer wiederholt festsetzen, was zu beweisen ware; Theoreme, die solche Dinge aussprechen, die niemand schauen kann; Experimente, die unter veränderten Bedingungen immer das Vorherige wiederbringen und sich mit großem Aufwand in einem ganz kleinen Kreise herumdrehen; Probleme zuletzt, die nicht zu losen sind, wie das alles in der weiteren Ausführung umständlich darzutun ist.

9.  Im Englischen führt das Werk den Titel: Optics, or a treatise of the reflections, refractions, inflections and colours of light. Obgleich das englische Wort optics ein etwas naiveres Ansehen haben mag als das lateinische optice und das deutsche Optik, so drückt es doch ohne Frage einen zu großen Umfang aus, den das Werk selbst nicht ausfüllt. Dieses handelt ausschließlich von Farbe, von farbigen Erscheinungen. Alles  übrige, was das natürliche oder künstliche Sehen betrifft, ist beinahe ausgeschlossen, und man darf es nur in diesem Sinne mit den optischen Lektionen vergleichen, so wird man die große Masse eigentlich mathematischer Gegenstände, welche sich dort findet, vermissen.

10.  Es ist notig, hier gleich zu Anfang diese Bemerkung zu machen; denn eben durch den Titel ist das Vorurteil entstanden, als wenn der Stoff und die Ausführung des Werkes mathematisch sei, da jener bloß physisch ist und die mathematische Behandlung nur scheinbar; ja, beim Fortschritt der Wissenschaft hat sich schon langst gezeigt, daß, weil Newton als Physiker seine Beobachtungen nicht genau anstellte, auch seine Formeln, wodurch er die Erfahrungen aussprach, unzulänglich und falsch befunden werden mußten; welches man  überall, wo von der Entdeckung der achromatischen Fernröhre gehandelt wird, umständlich nachlesen kann.

11.  Diese sogenannte Optik, eigentlicher Chromatik, besteht aus drei Büchern, von welchen wir gegenwartig nur das erste, das in zwei Teile geteilt ist, polemisch behandeln. Wir haben uns bei der  Übersetzung meistens des englischen Originals in der vierten Ausgabe, London 1730, bedient, das in einem natürlichen, naiven Stil geschrieben ist. Die lateinische Übersetzung ist sehr treu und genau, wird aber durch die romische Sprachweise etwas pomphafter und dogmatischer.

 

12.  Da wir jedoch nur Auszüge liefern und die samtlichen Newtonischen Tafeln nachstechen zu lassen keinen Beruf fanden, so sind wir genotigt, uns öfters auf das Werk selbst zu beziehen, welches diejenigen unserer Leser, die bei der Sache wahrhaft interessiert sind, entweder im Original oder in der Übersetzung zur Seite haben werden.

13.  Die wortlich übersetzten Stellen, in denen der Gegner selbst spricht, haben wir mit kleinerer Schrift, unsre Bemerkungen aber mit der großeren, die unsre Leser schon gewohnt sind, abdrucken lassen.

 

14.  Übrigens haben wir die Satze, in welche unsre Arbeit sich teilen ließ, mit Nummern bezeichnet. Es geschieht dieses hier, so wie im Entwurf der Farbenlehre, nicht um dem Werke einen Schein hoherer Konsequenz zu geben, sondern bloß um jeden Bezug, jede Hinweisung zu erleichtern, welches dem Freunde sowohl als dem Gegner angenehm sein kann. Wenn wir k ünftig den Entwurf zitieren, so setzen wir ein E. vor die Nummer des Paragraphen.

Zwischenrede

15.  Vorstehendes war geschrieben und das Nachstehende zum großten Teil, als die Frage entstand, ob es nicht ratlich sei, mit wenigem gleich hier anzu- geben, worin sich denn die Meinung, welcher wir zugetan sind, von derjenigen unterscheidet, die, von Newton herstammend, sich  über die gelehrte und ungelehrte Welt verbreitet hat.

16.  Wir bemerken zuerst, daß diejenige Denkweise, welche wir billigen, uns nicht etwa eigent ümlich angehört oder als eine neue, nie vernommene Lehre vorgetragen wird. Es finden sich vielmehr von derselben in den frühern Zeiten deutliche Spuren; ja, sie hat sich immer, durch alle schwankenden Meinungen hindurch, so manche Jahrhunderte her lebendig erhalten und ist von Zeit zu Zeit wieder ausgesprochen worden, wovon uns die Geschichte weiter unterrichten wird.

17.  Newton behauptet, in dem weißen farblosen Lichte  überall, besonders aber in dem Sonnenlicht, seien mehrere farbige (die Empfindung der Farbe erregende) verschiedene Lichter wirklich enthalten, deren Zusammensetzung das weiße Licht (die Empfindung des weißen Lichts) hervorbringe.

18.  Damit aber diese Lichter zum Vorschein kommen, setzt er dem weißen Licht gar mancherlei Bedingungen entgegen: durchsichtige Korper, welche das Licht von seiner Bahn ablenken, undurchsichtige, die es zurückwerfen, andere, an denen es hergeht; aber diese Bedingungen sind ihm nicht einmal genug. Er gibt den brechenden Mitteln allerlei Formen, den Raum, in dem er operiert, richtet er auf mannigfaltige Weise ein, er beschränkt das Licht durch kleine Öffnungen, durch winzige Spalten und bringt es auf hunderterlei Art in die Enge. Dabei behauptet er nun, daß alle diese Bedingungen  keinen andern Einfluß haben, als die Eigenschaften, die Fertigkeiten (fits) des Lichtes rege zu machen, so daß dadurch sein Inneres aufgeschlossen werde und, was in ihm liegt, an den Tag komme.

19.  Jene farbigen Lichter sind die integrierenden Teile seines weißen Lichtes. Es kommt durch alle obgemeldeten Operationen nichts zu dem Licht hinzu, es wird ihm nichts genommen, sondern es werden nur seine Fahigkeiten, sein Inhalt geoffenbart. Zeigt es nun bei der Refraktion verschiedene Farben, so ist es divers refrangibel; auch bei der Reflexion zeigt es Farben, deswegen ist es divers reflexibel: usw. Jede neue Erscheinung deutet auf eine neue Fahigkeit des Lichtes, sich aufzuschließen, seinen Inhalt herzugeben.

20.  Die Lehre dagegen, von der wir  überzeugt sind und von der wir diesmal nur insofern sprechen, als sie der Newtonischen entgegensteht, beschaftigt sich auch mit dem weißen Lichte. Sie bedient sich auch außerer Bedingungen, um farbige Erscheinungen hervorzubringen. Sie gesteht aber diesen Bedingungen Wert und Würde zu; sie bildet sich nicht ein, Farben aus dem Licht zu entwickeln; sie sucht uns vielmehr zu  überzeugen, daß die Farbe zugleich von dem Lichte und von dem, was sich ihm entgegenstellt, hervorgebracht werde.

21.  Also, um nur des Refraktionsfalles, mit dem sich Newton in der Optik vorz üglich beschaftigt, hier zu gedenken, so ist es keineswegs die Brechung, welche die Farben aus dem Licht hervorlockt; vielmehr bleibt eine zweite Bedingung unerläßlich, daß die Brechung auf ein Bild wirke und solches von der Stelle wegrücke. Ein Bild entsteht nur durch Grenzen; diese Grenzen  übersieht Newton ganz, ja er leugnet ihren Einfluß. Wir aber schreiben dem Bilde sowohl als seiner Umgebung, der hellen Mitte sowohl als der dunklen Grenze, der Tätigkeit sowohl als der Schranke in diesem Falle vollkommen gleiche Wirkung zu. Alle Versuche stimmen uns bei, und je mehr wir sie vermannigfaltigen, desto mehr wird ausgesprochen, was wir behaupten, desto planer, desto klarer wird die Sache. Wir gehen vom Einfachen aus, indem wir einen sich wechselseitig entsprechenden Gegensatz zugestehen und durch Verbindung desselben die farbige Welt hervorbringen.

22.  Newton scheint vom Einfacheren auszugehen, indem er sich bloß ans Licht halten will; allein er setzt ihm auch Bedingungen entgegen so gut wie wir, nur daß er denselben ihren integrierenden Anteil an dem Hervorgebrachten ableugnet. Seine Lehre hat nur den Schein, daß sie monadisch oder unitarisch sei. Er legt in seine Einheit schon die Mannigfaltigkeit, die er herausbringen will, welche wir aber viel besser auf der eingestandenen Dualität zu entwickeln und zu konstruieren glauben.

23.  Wie er nun zu Werke geht, um das Unwahre wahr, das Wahre unwahr zu machen, das ist jetzt unser Geschäft zu zeigen und der eigentliche Zweck des gegenwartigen polemischen Teils.

 

 

Der Newtonischen Optik Erstes Buch, Erster Teil

 

Erste Proposition. Erstes Theorem:

Lichter, welche an Farbe verschieden sind, dieselben sind auch an Refrangibilität verschieden, und zwar gradweise.

24.  Wenn wir gleich von Anfang willig zugestehen, das Werk, welches wir behandeln, sei vollig aus einem Gusse, so dürfen wir auch bemerken, daß in den vorstehenden ersten Worten, in dieser Proposition, die uns zum Eintritt begegnet, schon die ganze Lehre wie in einer Nuß vorhanden sei und daß auch zugleich eine kaptiöse Methode vollig eintrete, wodurch uns der Verfasser das ganze Buch hindurch zum besten hat. Dieses zu zeigen, dieses anschaulich und deutlich zu machen, dürfen wir ihm nicht leicht ein Wort, eine Wendung hingehen lassen, und wir ersuchen unsre Leser um die vollkommenste Aufmerksamkeit, dafür sie sich denn aber auch von der Knechtschaft dieser Lehre auf ewige Zeiten befreit fühlen werden.

25.  Lichter – Mit diesem Plural kommt die Sub- und Obreption, deren sich Newton durch das ganze Werk schuldig macht, gleich recht in den Gang. Lichter, mehrere Lichter! Und was denn für Lichter? welche an Farbe verschieden sind – In dem ersten und zweiten Versuche, welche zum Beweis dienen sollen, führt man uns farbige Papiere vor, und diejenigen Wirkungen, die von dorther in unser Auge kommen, werden gleich als Lichter behandelt. Offenbar ein hypothetischer Ausdruck; denn der gemeine Sinn beobachtet nur, daß uns das Licht mit verschiedenen Eigenschaften der Oberflächen bekannt macht; daß aber dasjenige, was von diesen zur ückstrahlt, als ein verschiedenartiges Licht angesehen werden konne, darf nicht vorausgesetzt werden.

Genug, wir haben schon farbige Lichter fertig, ehe noch von einem farblosen die Rede gewesen. Wir operieren schon mit farbigen Lichtern, und erst hinterdrein vernehmen wir, wie und wo etwa ihr Ursprung sein mochte. Daß aber hier von Lichtern die Rede nicht sein konne, davon ist jeder  überzeugt, der den Entwurf unserer Farbenlehre wohl erwogen hat. Wir haben namlich genugsam dargetan, daß alle Farbe einem Licht und Nicht-Licht ihr Dasein schuldig sei, daß die Farbe sich durchaus zum Dunkeln hinneige, daß sie ein (. . . ) sei, daß, wenn wir eine Farbe auf einen hellen Gegenstand hinwerfen, es sei auf welche Weise es wolle, wir denselben nicht beleuchten, sondern beschatten. Mit solchem Schattenlicht, mit solcher Halbfinsternis fangt Newton sehr künstlich seinen ganzen Vortrag an, und kein Wunder, daß er diejenigen, die ihm sein Erstes zugeben, von nun an im Dunkeln oder Halbdunkeln zu erhalten weiß.

26.  Dieselben sind auch an Refrangibilität – Wie springt doch auf einmal dieses abstrakte Wort hervor! Freilich steht es schon in den Axiomen, und der aufmerksam glaubige Schüler ist bereits von diesen Wundern durchdrungen und hat nicht mehr die Freiheit, dasjenige, was ihm vorgeführt wird, mit einigem Mißtrauen zu untersuchen.

27.  Verschieden – Die Refrangibilität macht uns also mit einem großen Geheimnis bekannt. Das Licht, jenes Wesen, das wir nur als eine Einheit, als einfach wirkend gewahr werden, wird uns nun als ein Zusammengesetztes, aus verschiedenartigen Teilen Bestehendes, auf eine verschiedene Weise Wirkendes dargestellt. Wir geben gern zu, daß sich aus einer Einheit, an einer Einheit ein Diverses entwickeln, eine Differenz entstehen konne; allein es gibt gar verschiedene Arten, wie dieses geschehen mag. Wir wollen hier nur zweier gedenken: erstens, daß ein Gegensatz hervortritt, wodurch die Einheit sich nach zwei Seiten hin manifestiert und dadurch großer Wirkungen fahig wird; zweitens, daß die Entwicklung des Unterschiedenen stetig in einer Reihe vorgeht. Ob jener erste Fall etwa bei den prismatischen Erscheinungen eintreten konne, davon hat Newton nicht die mindeste Vermutung, ob ihn gleich das Phänomen oft genug zu dieser Auslegungsart hindrängt. Er bestimmt sich vielmehr ohne Bedenken für den zweiten Fall. Es ist nicht nur eine diverse Refrangibilität, sondern sie wirkt auch

28.  gradweise – Und so ist denn gleich ein auf- und auseinanderfolgendes Bild, eine Skala, ein aus verschiedenen Teilen, aber aus unendlichen bestehendes, ineinander fließendes und doch separables, zugleich aber auch inseparables Bild fertig, ein Gespenst, das nun schon hundert Jahre die wissenschaftliche Welt in Ehrfurcht zu erhalten weiß.

29.  Sollte in jener Proposition etwas Erfahrungsgemäßes ausgesprochen werden, so konnte es allenfalls heißen: Bilder, welche an Farbe verschieden sind, erscheinen durch Refraktion auf verschiedene Weise von der Stelle bewegt. Indem man sich dergestalt ausdrückte, spräche man denn doch das Phänomen des ersten Versuchs allenfalls aus. Man konnte die Erscheinung eine diverse Refraktion nennen und alsdann genauer nachforschen, wie es denn eigentlich damit aussehe. Aber daß wir sogleich zu den Ibilitäten, zu den Keiten ge- f ührt werden, daß wir den Beweis derselben mit Gefallen aufnehmen sollen, ja, daß wir nur darauf eingehen sollen, sie uns beweisen zu lassen, ist eine starke Forderung.

 

Beweis durch Experimente

 

30.  Wir mochten nicht gern gleich von Anfang unsre Leser durch irgendeine Paradoxie scheu machen; wir konnen uns aber doch nicht enthalten zu behaupten, daß sich durch Erfahrungen und Versuche eigentlich nichts beweisen laßt. Die Phänomene lassen sich sehr genau beobachten, die Versuche lassen sich reinlich anstellen, man kann Erfahrungen und Versuche in einer gewissen Ordnung aufführen, man kann eine Erscheinung aus der andern ableiten, man kann einen gewissen Kreis des Wissens darstellen, man kann seine Anschauungen zur Gewißheit und Vollständigkeit erheben, und das, dachte ich, ware schon genug. Folgerungen hingegen zieht jeder für sich daraus; beweisen laßt sich nichts dadurch, besonders keine Ibilitäten und Keiten. Alles, was Meinungen  über die Dinge sind, gehört dem Individuum an, und wir wissen nur zu sehr, daß die Überzeugung nicht von der Einsicht, sondern von dem Willen abhängt, daß niemand etwas begreift, als was ihm gemäß ist und was er deswegen zugeben mag. Im Wissen wie im Handeln entscheidet das Vorurteil alles, und das Vorurteil, wie sein Name wohl bezeichnet, ist ein Urteil vor der Untersuchung. Es ist eine Bejahung oder Verneinung dessen, was unsre Natur anspricht oder ihr widerspricht; es ist ein freudiger Trieb unsres lebendigen Wesens nach dem Wahren wie nach dem Falschen, nach allem, was wir mit uns im Einklang fühlen.

31.  Wir bilden uns also keineswegs ein, zu beweisen, daß Newton unrecht habe; denn jeder atomistisch Gesinnte, jeder am Hergebrachten Festhaltende, jeder vor einem großen alten Namen mit heiliger Scheu Zurücktretende, jeder Bequeme wird viel lieber die erste Proposition Newtons wiederholen, darauf schworen, versichern, daß alles erwiesen und bewiesen sei, und unsere Bemühungen verwünschen. Ja, wir gestehen es gerne, daß wir seit mehreren Jahren oft mit Widerwillen dieses Geschaft aufs neue vorgenommen haben. Denn man konnte sich’s wirklich zur Sünde rechnen, die selige Überzeugung der Newtonischen Schule, ja, überhaupt die himmlische Ruhe der ganzen halbunterrichteten Welt in und an dem Kredit dieser Schule zu stören und in Unbehaglichkeit zu setzen. Denn wenn die samtlichen Meister die alte starre Konfession immer auf ihren Lehrstühlen wiederholen, so imprimieren sich die Schüler jene kurzen Formeln sehr gerne, womit das Ganze abgetan und beiseite gebracht wird, indessen das  übrige Publikum diese selige Überzeugung gleichsam aus der Luft aufschnappt; wie ich denn die Anekdote hier nicht verschweigen kann, daß ein solcher Glücklicher, der von den neueren Bemühungen etwas vernahm, versicherte: Newton habe das alles schon gesagt und besser; er wisse nur nicht, wo.

32.  Indem wir uns nun also zu den Versuchen wenden, so bitten wir unsre Leser, auf den ersten sogleich alle Aufmerksamkeit zu richten, den der Verfasser durch einen salto mortale gleich zu Anfang wagt und uns ganz unerwartet in medias res hineinreißt, wobei wir, wenn wir nicht wohl acht haben, überrascht werden, uns verwirren und sogleich die Freiheit des Urteils verlieren.

33.  Diejenigen Freunde der Wissenschaft, die mit den subjektiven dioptrischen Versuchen der zweiten Klasse, die wir umständlich genug vorgetragen und abgeleitet, gehörig bekannt sind, werden sogleich einsehen, daß Newton hier nicht auf eine Weise verfährt, die dem Mathematiker geziemt. Denn dieser setzt, wenn er belehren will, das Einfachste voraus und baut aus den begreiflichsten Elementen sein bewundernswürdiges Gebäude zusammen. Newton hingegen stellt den kompliziertesten subjektiven Versuch, den es vielleicht gibt, an die Spitze, verschweigt seine Herkunft, hütet sich, ihn von mehreren Seiten darzustellen, und  überrascht den unvorsichtigen Schüler, der, wenn er einmal Beifall gegeben, sich in dieser Schlinge gefangen hat, nicht mehr weiß, wie er zurück soll. Dagegen wird es demjenigen, der die wahren Verhältnisse dieses ersten Versuchs einsieht, leicht sein, sich auch vor den  übrigen Fesseln und Banden zu hüten, und wenn sie ihm früher durch Überlieferung umgeworfen worden, sie mit freudiger Energie abzuschütteln.

Erster Versuch

 

34.  Ich nahm ein schwarzes langliches steifes Papier, das von parallelen Seiten begrenzt war, und teilte es durch eine perpendikuläre Linie, die von einer der langern Seiten zu der andern reichte, in zwei gleiche Teile. Einen dieser Teile strich ich mit einer roten, den andern mit einer blauen Farbe an; das Papier war sehr schwarz und die Farben stark und satt aufgetragen, damit die Erscheinung desto lebhafter sein mochte.

35.  Daß hier das Papier schwarz sein müsse, ist eine ganz unnötige Bedingung. Denn wenn das Blaue und Rote stark und dick genug aufgetragen ist, so kann der Grund nicht mehr durchblicken, er sei, von welcher Farbe er will.

 

Wenn man jedoch die Newtonische Hypothese kennt, so sieht man ungefähr, was es heißen soll. Er fordert hier einen schwarzen Grund, damit ja nicht etwas von seinem supponierten unzerlegten Licht durch die aufgetragenen Farben als durchfallend vermutet werden konne. Allein, wie schon gezeigt ist, steht die Bedingung hier ganz unnütz, und nichts verhindert mehr die wahre Einsicht in ein Phänomen oder einen Versuch als  überflüssige Bedingungen. Eigentlich heißt alles nichts weiter als: man verschaffe sich zwei gleiche Vierecke von rotem und blauem steifem Papier und bringe sie genau neben einander. Wollte nun der Verfasser fortfahren, seinen Versuch richtig zu beschreiben, so mußte er vor allen Dingen die Lage, Stellung, genug die Lokalität dieses zweifarbigen Papiers genau angeben, anstatt daß sie jetzt der Leser erst aus dem spater Folgenden nach und nach mühsam und nicht ohne Gefahr, sich zu vergreifen, einzeln zusammensuchen muß.

36.  Dieses Papier betrachtete ich durch ein glasernes massives Prisma, dessen zwei Seiten, durch welche das Licht zum Auge gelangte, glatt und wohl poliert waren und in einem Winkel von ungefähr sechzig Graden zusammenstießen, den ich den brechenden Winkel nenne. Und indem ich also nach dem Papier schaute, hielt ich das Prisma gegen das Fenster dergestalt, daß die langen Seiten des Papiers und das Prisma sich parallel gegen den Horizont verhielten, da denn jene Durchschnittslinie, welche die beiden Farben trennte, gegen denselben rechtwinklig gerichtet war.

37.  Im Englischen steht anstatt rechtwinklig parallel, welches offenbar ein Druckfehler ist. Denn die langen Seiten des farbigen Papiers und die Durch- schnittslinie konnen nicht zugleich parallel mit dem Horizont sein. Im Lateinischen steht perpendikular, welches an sich ganz richtig ist; da aber nicht von einem Grundrisse, sondern einem raumlichen Verhältnisse die Rede ist, so versteht man leicht vertikal darunter, wodurch der Versuch in Konfusion geriete. Denn das farbige Papier muß flach liegen, und die kurzen Seiten m üssen, wie wir angeben, mit dem Horizont oder, wenn man will, mit der Fensterbank einen rechten Winkel machen.

38.  Und das Licht, das von dem Fenster auf das Papier fiel, einen Winkel mit dem Papier machte, demjenigen gleich, in welchem das Papier das Licht nach dem Auge zurückwarf.

39.  Wie kann man sagen, daß das allgemeine Tageslicht – denn hier scheint nicht vom Sonnenlichte die Rede zu sein – einen Winkel mit dem Papier mache, da es von allen Enden hier darauffällt? Auch ist die Bedingung ganz unnötig; denn man konnte die Vorrichtung ebenso gut an der Seite des Fensters machen.

 

40.  jenseits des Prismas war die Fensterbrüstung mit schwarzem Tuche beschlagen, welches also sich im Dunkeln befand, damit kein Licht von daher kommen konnte, das etwa an den Kanten des Papiers vorbei zu dem Auge gelangt ware, sich mit dem Lichte des Papiers vermischt und das Phänomen unsicher gemacht hatte.

41.  Warum sagt er nicht lieber: jenseits des farbigen Papiers? Denn dieses kommt ja naher an das Fenster zu stehen, und das schwarze Tuch soll nur dazu dienen, um dem farbigen Papier einen dunkeln Hintergrund zu verschaffen. Wollte man diese Vorrichtung gehörig und deutlich angeben, so würde es auf folgende Weise geschehen: Man beschlage den Wandraum unter einer Fensterbank bis an den Fußboden mit schwarzem Tuche, man verschaffe sich ein Parallelogramm von Pappe und  überziehe es zur Halfte mit rotem, zur Halfte mit blauem Papier, welche beide an der kurzen Durchschnittslinie zusammenstoßen. Diese Pappe bringe man flachliegend, etwa in der halben Hohe der schwarzbeschlagenen Fensterbrüstung vor derselben dergestalt an, daß sie dem etwas weiter abstehenden Beobachter wie auf schwarzem Grunde erscheine, ohne daß von dem Gestell, worauf man sie angebracht, etwas zu sehen sei. Ihre langeren Seiten sollen sich zur Fensterwand parallel verhalten, und in derselben Richtung halte der Beobachter auch das Prisma, wodurch er nach gedachtem Papier hinblickt, einmal den brechenden Winkel aufwärts und sodann denselben unterwärts gekehrt. Was heißt nun aber diese umständliche Vorrichtung anders als: man bringe das oben beschriebene doppelfarbige Papier auf einen schwarzen Grund,  oder man klebe ein rotes und ein blaues Viereck horizontal nebeneinander auf eine schwarzgrundierte Tafel und stelle sie vor sich hin; denn es ist ganz gleichgültig, ob dieser schwarze Grund auch einigermaßen erleuchtet sei und allenfalls ein dunkles Grau vorstelle, das Phänomen wird immer dasselbe sein. Durch die samtlichen Newtonischen Versuche jedoch geht eine solche pedantische Genauigkeit, alles nach seiner Hypothese unzerlegte Licht zu entfernen und dadurch seinen Experimenten eine Art von Reinlichkeit zu geben, welche, wie wir noch genugsam zeigen werden, durchaus nichtig ist und nur zu unn ützen Forderungen und Bedingungen die Veranlassung gibt.

42.  Als diese Dinge so geordnet waren, fand ich, indem ich den brechenden Winkel des Prismas aufwärts kehrte und das farbige Papier scheinbar in die Hohe hob, daß die blaue Halfte durch die Brechung hoher gehoben wurde als die rote Halfte. Wenn ich dagegen den brechenden Winkel unterwärts kehrte, so daß das Papier durch die Brechung herabgezogen schien, so war die blaue Halfte tiefer heruntergeführt als die rote.

 

43.  Wir haben in unserm Entwurf der Farbenlehre die dioptrischen Farben der zweiten Klasse und besonders die subjektiven Versuche umständlich genug ausgef ührt, besonders aber im 18. Kapitel von Paragraph 258 bis 284 auf das genaueste dargetan, was eigentlich vorgeht, wenn farbige Bilder durch Brechung verr ückt werden. Es ist dort auf das klarste gezeigt, daß an far- bigen Bildern, eben wie an farblosen, farbige Ränder entstehen, welche mit der Flache entweder gleichnamig oder ungleichnamig sind, in dem ersten Falle aber die Farbe der Fläche beg ünstigen, in dem andern sie beschmutzen und unscheinbar machen; und dieses ist es, was einem leichtsinnigen oder von Vorurteilen benebelten Beobachter entgeht und was auch den Autor zu der  übereilten Folgerung verführte, wenn er ausruft:

44.  Deshalb in beiden Fällen das Licht, welches von der blauen Halfte des Papiers durch das Prisma zum Auge kommt, unter denselben Umständen eine größere Refraktion erleidet als das Licht, das von der roten Halfte kommt und folglich refrangibler ist als dieses.

45.  Dies ist nun der Grund- und Eckstein des Newtonischen optischen Werks; so sieht es mit einem Experiment aus, das dem Verfasser so viel zu bedeuten schien, daß er es aus hunderten heraushob, um es an die Spitze aller chromatischen Erfahrungen zu setzen. Wir haben schon (E. 268) bemerkt, wie kaptiös und taschenspielerisch dieser Versuch angegeben worden; denn wenn die Erscheinung einigermaßen tauschen soll, so muß das Rote ein Zinnoberrot und das Blaue sehr dunkelblau sein. Nimmt man Hellblau, so wird man die Tauschung gleich gewahr. Und warum ist denn niemandem eingefallen, noch eine andre verfängliche Frage zu tun? Nach der Newtonischen Lehre ist das Gelbrot am wenigsten refrangibel, das Blaurot am meisten; warum nimmt er denn also nicht ein violettes Papier neben das rote, sondern ein dunkelblaues? Ware die Sache wahr, so m üßte die Verschiedenheit der Refrangibilität bei Gelbrot und Violett weit stärker sein als bei Gelbrot und Blau. Allein hier findet sich der Umstand, daß ein violettes Papier die prismatischen Ränder weniger versteckt als ein dunkelblaues, wovon sich jeder Beobachter nunmehr nach unsrer umständlichen Anleitung leicht  überzeugen kann. Wie es dagegen um die Newtonische Beobachtungsgabe und um die Genauigkeit seiner Experimente stehe, wird jeder, der Augen und Sinn hat, mit Verwunderung gewahr werden; ja, man darf dreist sagen: wer hatte einen Mann von so außerordentlichen Gaben, wie Newton war, durch ein solches Hokuspokus betrügen konnen, wenn er sich nicht selbst betrogen hätte? Nur derjenige, der die Gewalt des Selbstbetruges kennt und weiß, daß er ganz nahe an die Unredlichkeit grenzt, wird allein das Verfahren Newtons und seiner Schule sich erklären konnen.

 

46.  Wir wollen nur noch mit wenigem auf die Newtonische Figur, die elfte seiner zweiten Tafel, welche bei ihm selbst nachzusehen ware, die Aufmerksamkeit erregen. Sie ist perspektivisch konfus gezeichnet und hat nebenher noch etwas merkwürdig Kaptiöses. Die zweifarbige Pappe ist hier durch Dunkel und Hell unterschieden, die rechtwinklige Lage ihrer Fläche gegen das Fenster ist ziemlich deutlich angegeben; allein das durchs Prisma bewaffnete Auge steht nicht an der rechten Stelle; es müßte in einer Linie mit der Durchschnittslinie der gefarbten Pappe stehen. Auch ist die Verrückung der Bilder nicht glücklich angegeben; denn es sieht aus, als wenn sie in der Diagonale verrückt würden, welches doch nicht ist; denn sie werden nur, je nachdem der brechende Winkel gehalten wird, vorn Beobachter ab- oder zum Beobachter zugerückt. Was aber hochst merkwürdig ist, darf niemandem entgehen. Die verrückten, nach der Newtonischen Lehre divers refrangierten Bilder sind mit Saumen vorgestellt, die im Original an dem dunklen Teil undeutlich, an dem hellen Teil sehr deutlich zu sehen sind, welches letzte auch die Tafeln zur lateinischen Übersetzung zeigen. Wenn also bei diesem Experimente nichts weiter geschieht, als daß ein Bild weiter gerückt werde als das andre: warum laßt er denn die Bilder nicht in ihren Linien eingeschlossen, warum macht er sie breiter, warum gibt er ihnen verfließende Saume? Er hat also diese Saume wohl gesehen; aber er konnte sich nicht  überzeugen, daß diesen Saumen und keineswegs einer diversen Refrangibilität das Phänomen zuzuschreiben sei. Warum erwahnt er denn im Texte dieser Erscheinung nicht, die er doch sorgfältig, obgleich nicht ganz richtig, in Kupfer stechen laßt? Wahrscheinlich wird ein Newtonianer darauf antworten: Das ist eben noch von dem undekomponierten Lichte, das wir niemals ganz loswerden konnen und das hier sein Unwesen treibt.

 

Zweiter Versuch

 

47.  Inwiefern auch dieser Versuch auf einer Tauschung beruhe wie der vorige, ist nunmehr unsre Pflicht klarzumachen. Wir finden aber diesmal geratener, den Verfasser nicht zu unterbrechen, sondern ihn ausreden zu lassen, alsdann aber unsere Gegenrede im Zusammenhange vorzutragen.

48.  Um das vorgemeldete Papier, dessen eine Halfte blau, die andere rot ange- strichen und welches steif wie Pappe war, wickelte ich einen Faden schwarzer Seide mehrmals um, dergestalt, daß es aussah, als wenn schwarze Linien  über die Farbe ge- zogen wären oder als wenn schmale schwarze Schatten darauf fielen. Ich hätte ebenso gut schwarze Linien mit einer Feder ziehen konnen; aber die Seide bezeichnete feinere Striche.

 

49.  Dieses so gefarbte und linierte Papier befestigte ich an der Wand, so daß eine Farbe zur rechten, die andere zur linken Hand zu stehen kam. Genau vor das Papier, unten wo die beiden Farben zusammentrafen, stellte ich ein Licht, um das Papier stark zu beleuchten; denn das Experiment war bei Nacht angestellt.

50.  Die Flamme der Kerze reichte bis zum untern Rande des Papiers oder um ein weniges hoher. Dann, in der Entfernung von sechs Fuß und ein oder zwei Zoll von dem Papier an der Wand, richtete ich eine Glaslinse auf, welche vier und einen viertel Zoll breit war, welche die Strahlen, die von den verschiedenen Punkten des Papiers herkämen, auffassen und in der Entfernung von sechs Fuß, ein oder zwei Zoll auf der andern Seite der Linse, in so viel andern Punkten zusammenbringen und das Bild des farbigen Papiers auf einem weißen Papier, das dorthingestellt war, abbilden sollte, auf die Art, wie die Linse in einer Ladenöffnung die Bilder der Objekte draußen auf einen weißen Bogen Papier in der dunklen Kammer werfen mag.

51.  Das vorgedachte weiße Papier stand vertikal  zu dem Horizont und parallel mit der Linse. Ich bewegte dasselbe manchmal gegen die Linse, manchmal von ihr weg, um die Plätze zu finden, wo die Bilder der blauen und roten Teile des Papiers am deutlichsten erscheinen w ürden. Diese Platze konnte ich leicht erkennen an den Bildern der schwarzen Linien, die ich hervorgebracht hatte, indem ich die Seide um das Papier wand. Denn die Bilder dieser feinen und zarten Linien, die sich wegen ihrer Schwarze wie ein Schatten auf der Farbe absetzten, waren dunkel und kaum sichtbar, außer wenn die Farbe an jeder Seite einer jeden Linie ganz deutlich begrenzt war. Deswegen bezeichnete ich so genau als moglich die Platze, wo die Bilder der blauen und roten Hälfte des farbigen Papiers am deutlichsten erschienen. Ich fand, daß, wo die rote Hälfte ganz deutlich war, die blaue Halfte verworren erschien, so daß ich die darauf gezogenen schwarzen Linien kaum sehen konnte; im Gegenteil, wo man die blaue Halfte deutlich unterscheiden konnte, erschien die rote verworren, so daß die schwarzen Linien darauf kaum sichtbar waren. Zwischen den beiden Orten aber, wo diese Bilder sich deutlich zeigten, war die Entfernung ein und ein halber Zoll. Denn die Entfernung des weißen Papiers von der Linse, wenn das Bild der roten Halfte sehr deutlich  erschien, war um einen und einen halben Zoll größer als die Entfernung des weißen Papiers von der Linse, wenn das Bild der blauen Halfte sehr deutlich war. Daraus folgern Wir, daß, indem das Blaue und Rote gleichmaßig auf die Linse fiel, doch das Blaue mehr durch die Linse gebrochen wurde als das Rote, so daß es um anderthalb Zoll fr üher konvergierte, und daß es deswegen refrangibler sein m üsse.

52.  Nachdem wir den Verfasser angehört, seine Vorrichtung wohl kennen- gelernt und das, was er dadurch zu bewirken glaubt, vernommen haben, so wollen wir unsre Bemerkungen zu diesem Versuche unter verschiedenen Ru-

 

briken vorbringen und denselben in seine Elemente zu zerlegen suchen, worin der Hauptvorteil aller Kontrovers mit Newton bestehen muß.

53.  Unsre Betrachtungen beziehen sich also 1. auf das Vorbild, 2. auf die Beleuchtung, 3. auf die Linse, 4. auf das gewirkte Abbild und 5. auf die aus den Erscheinungen gezogene Folgerung.

54.  1. Das Vorbild. Ehe wir mit der aus dem vorigen Versuch uns schon bekannten doppelfarbigen Pappe weiter operieren, so m üssen wir sie und ihre Eigenschaften uns erst naher bekannt machen.

55.  Man bringe mennigrotes und sattblaues Papier nebeneinander, so wird jenes hell, dieses aber dunkel und, besonders bei Nacht, dem Schwarzen fast ahnlich erscheinen. Wickelt man nun schwarze Fäden um beide oder zieht man schwarze Linien dar über her, so ist offenbar, daß man mit bloßem Auge die schwarzen Linien auf dem hellroten in ziemlicher Entfernung erkennen wird, wo man eben diese Linien auf dem blauen noch nicht erkennen kann. Man denke sich zwei Manner, den einen im scharlachroten, den andern im dunkelblauen Rocke, beide Kleider mit schwarzen Knöpfen; man lasse sie beide nebeneinander eine Straße heran gegen den Beobachter kommen, so wird dieser die Knöpfe des roten Rocks viel eher sehen als die des blauen, und die beiden Personen m üssen schon nahe sein, wenn beide Kleider mit ihren Knöpfen gleich deutlich dem Auge erscheinen sollen.

56.  Um daher das richtige Verhältnis jenes Versuches einzusehen, vermannig- faltige man ihn. Man teile eine viereckte Fläche in vier gleiche Quadrate, man gebe einem jeden eine besondre Farbe, man ziehe schwarze Striche  über sie alle hin, man betrachte sie in gewisser Entfernung mit bloßem Auge oder mit einer Lorgnette, man verändre die Entfernung, und man wird durchaus finden, daß die schwarzen Faden dem Sinne des Auges fr üher oder später erscheinen, keineswegs weil die verschiedenen farbigen Gr ünde besondre Eigenschaften ha- ben, sondern bloß insofern, als der eine heller ist als der andre. Nun aber, um keinen Zweifel  übrigzulassen, wickle man weiße Faden um die verschiedenen farbigen Papiere, man ziehe weiße Linien darauf, und die Falle werden nun- mehr umgekehrt sein. ja, um sich vollig zu  überzeugen, so abstrahiere man von aller Farbe und wiederhole das Experiment mit weißen, schwarzen, grau- en Papieren, und immer wird man sehen, daß bloß der Abstand des Hellen und Dunkeln Ursache der mehreren oder wenigern Deutlichkeit sei. Und so werden wir es auch bei dem Versuche, wie Newton ihn vorschlägt, durchaus antreffen.

 

57.  2. Die Beleuchtung. Man kann das aufgestellte Bild durch eine Reihe angez ündeter Wachskerzen, welche man gegen die Linse zu verdeckt, sehr stark beleuchten, oder man bringt drei Wachskerzen unmittelbar aneinander, so daß ihre drei Dochte gleichsam nur eine Flamme geben. Diese verdeckt man gegen die Linse zu und laßt, indem man beobachtet, einen Gehilfen die Flamme ganz nahe an dem Bilde sachte hin und wieder f ühren, daß alle Teile desselben nach und nach lebhaft erleuchtet werden. Denn eine sehr starke Erleuchtung ist notig, wenn der Versuch einigermaßen deutlich werden soll.

58.  3. Die Linse. Wir sehen uns hier genötigt, einiges Allgemeine vorauszu- schicken, was wir sowohl an diesem Orte als auch k ünftig zur richtigen Einsicht in die Sache bed ürfen.

59.  Jedes Bild bildet sich ab auf einer entgegengesetzten glatten Fläche, wo- hin seine Wirkung in gerader Linie gelangen kann. Auch erscheint es auf einer rauhen Fläche, wenn die einzelnen Teile des Bildes ausschließlich von einzelnen Teilen der entgegengesetzten Fläche zur ückgesendet werden. Bei einer kleinen ö ffnung in der Camera obscura bilden sich die außern Gegenstände auf einer weißen Tafel umgekehrt ab.

60.  Bei einer solchen Abbildung wird der Zwischenraum als leer gedacht; der ausgef üllte, aber durchsichtige Raum verr ückt die Bilder. Die Phänomene, welche bei Verr ückung der Bilder durch Mittel sich aufdringen, besonders die farbigen Erscheinungen, sind es, die uns hier besonders interessieren.

61.  Durch Prismen von dreiseitiger Base und durch Linsen werden diejenigen

Operationen vollbracht, mit denen wir uns besonders beschaftigen.

62.  Die Linsen sind gleichsam eine Versammlung unendlicher Prismen, und zwar konvexe eine Versammlung von Prismen, die mit dem R ücken anein- anderstehen, konkave eine Versammlung von Prismen,  die mit der Schnei- de aneinanderstehen, und in beiden Fällen um ein Zentrum versammelt, mit krummlinigen Oberflächen.

63.  Das gew¨ohnliche Prisma, mit dem brechenden Winkel nach unten ge- kehrt, bewegt die Gegenstände nach dem Beobachter zu; das Prisma mit dem brechenden Winkel nach oben gekehrt, r ückt die Gegenstände vom Beobach- ter ab. Wenn man sich diese beiden Operationen im Kreise herum denkt, so verengt das erste den Raum um den Beobachter her, das zweite erweitert ihn. Daher muß ein konvexes Glas im subjektiven Fall vergrößern, ein konkaves ver-

 

kleinern; bei der Operation hingegen, die wir die objektive nennen, geschieht das Gegenteil.

64.  Die konvexe Linse, mit der wir es hier eigentlich zu tun haben, bringt die Bilder, welche durch sie hineinfallen, ins Enge. Das bedeutendste Bild ist das Sonnenbild. Laßt man es durch die Linse hindurchfallen und fangt es bald hinter derselben mit einer Tafel auf, so sieht man es zuerst bei wachsen- der Entfernung der Tafel immer mehr sich verkleinern, bis es auf eine Stelle kommt, wo es nach Verhältnis der Linse seine großte Kleinheit erreicht und am deutlichsten gesehen wird.

65.  Schon fr üher zeigt sich bei diesen Versuchen eine starke Hitze und eine Entz ündung der entgegengehaltenen Tafel, besonders einer schwarzen. Diese Wirkung außert sich ebenso gut hinter dem Bildpunkte der Sonne als vor dem- selben; doch kann man sagen, daß ihr Bildpunkt und der machtigste Brenn- punkt zusammenfalle.

66.  Die Sonne ist das entfernteste Bild, das sich bei Tage abbilden kann. Darum kommt es auch zuerst durch die Operation der Linse entschieden und genau begrenzt zusammen. Will man die Wolken auf der Tafel deutlich se- hen, so muß man schon weiterr ücken. Die Berge und Walder, die Hauser, die zunächst stehenden Baume, alle bilden sich stufenweise später ab, und das Son- nenbild hat sich hinter seiner Bildstelle schon wieder sehr stark ausgedehnt, wenn die nahen Gegenstände sich erst an ihrer Bildstelle zusammendrängen. Soviel sagt uns die Erfahrung in Absicht auf Abbildung außerer Gegenstände durch Linsen.

67.  Bei dem Versuche, den wir gegenwartig beleuchten, sind die verschieden- farbigen Flächen, welche mit ihren schwarzen Faden hinter der Linse abgebil- det werden sollen, nebeneinander. Sollte nun eine fr üher als die andre deutlich erscheinen, so kann die Ursache nicht in der verschiedenen Entfernung gesucht werden.

68.  Newton w ünscht seine diverse Refrangibilität dadurch zu beweisen; wir haben aber schon oben bei Betrachtung des Vorbildes auseinandergesetzt, daß eigentlich nur die verschiedene Deutlichkeit der auf verschiedenfarbigen Gr ün- den angebrachten Bilder die Ursache der verschiedenen Erscheinungen hinter der Linse sei. Daß dieses sich also verhalte, haben wir naher zu zeigen.

69.  Wir beschreiben zuerst die Vorrichtung, welche wir gemacht, um bei dem

Versuche ganz sicher zu gehen. Auf einem horizontal gelegten Gestelle findet

 

sich an einem Ende Gelegenheit, das Vorbild einzuschieben. Vor demselben in einer Vertiefung konnen die Lichter angebracht werden. Die Linse ist in einem vertikalen Brett befestigt, welches sich auf dem Gestelle hin und wieder bewegen laßt. Innerhalb des Gestells ist ein beweglicher Rahmen, an dessen Ende eine Tafel aufgerichtet ist, worauf die Abbildung vor sich geht. Auf diese Weise kann man die Linse gegen das Vorbild oder gegen die Tafel, und die Tafel entweder gegen beide zu- oder von beiden abr ücken, und die drei verschiedenen Teile, Vorbild, Linse und Tafel, stehen vollkommen parallel gegeneinander. Hat man den Punkt, der zur Beobachtung g ünstig ist, gefunden, so kann man durch eine Schraube den innern Rahmen festhalten. Diese Vorrichtung ist bequem und sicher, weil alles zusammensteht und genau aufeinander paßt. Man sucht nun den Punkt, wo das Abbild am deutlichsten ist, indem man Linse und Tafel hin und her bewegt. Hat man diesen gefunden, so fangt man die Beobachtung an.

70.  4. Das Abbild. Newton f ührt uns mit seiner hellroten und dunkelblau- en Pappe, wie er pflegt, in medias res, und wir haben schon oben bemerkt, daß erst das Vorbild vermannigfaltigt und untersucht werden m üsse, um zu erfahren, was man von dem Abbild erwarten konne. Wir gehen daher folgen- dermaßen zu Werke. Wir bringen auf eine Pappe vier Vierecke in ein großeres Viereck zusammen, ein schwarzes, ein weißes, ein dunkelgraues und ein hell- graues. Wir ziehen schwarze und weiße Striche dar über hin und bemerken sie schon mit bloßem Auge nach Verschiedenheit des Grundes mehr oder weniger. Doch da Newton selbst seine schwarzen Faden Bilder nennt, warum macht er denn den Versuch nicht mit wirklichen kleinen Bildern? Wir bringen daher auf die vier oben benannten Vierecke helle und dunkle kleine Bilder, gleich- falls Vierecke oder Scheiben oder Figuren wie die der Spielkarten an, und diese so ausger üstete Pappe machen wir zum Vorbilde. Nun konnen wir zuerst zu einer sichern Pr üfung desjenigen fortschreiten, was wir von dem Abbilde zu erwarten haben.

71.  Ein jedes von Kerzen erleuchtetes Bild zeigt sich weniger deutlich, als es beim Sonnenschein geschehen w ürde, und ein solches von Kerzen erleuchtetes Bild soll hier gar noch durch eine Linse gehen, soll ein Abbild hergeben, das deutlich genug sei, um eine bedeutende Theorie darauf zu gr ünden.

72.  Erleuchten wir nun jene unsere bemeldete Pappe so stark als moglich und suchen ihr Abbild auch moglichst genau durch die Linse auf die weiße Tafel zu bringen, so sehen wir immer doch nur eine stumpfe Abbildung. Das Schwarze erscheint als ein dunkles Grau, das Weiße als ein helles Grau, das dunkle und helle Grau der Pappe sind auch weniger zu unterscheiden als mit bloßem

 

Auge. Ebenso verhält es sich mit den Bildern. Diejenigen, welche sich, dem Hellen und Dunkeln nach, am stärksten entgegensetzen, diese sind auch die deutlichsten. Schwarz auf Weiß, Weiß auf Schwarz laßt sich gut unterscheiden; Weiß und Schwarz auf Grau erscheint schon matter, obgleich noch immer in einem gewissen Grade von Deutlichkeit.

73.  Bereiten wir uns nun ein Vorbild von farbigen Quadraten aneinander, so muß uns zum voraus gegenwartig bleiben, daß wir im Reich der halbbeschat- teten Flachen sind, und daß das farbige Papier sich gewissermaßen verhalten wird wie das graue. Dabei haben wir uns zu erinnern, daß die Farben beim Ker- zenlicht anders als bei Tage erscheinen. Das Violette wird grau, das Hellblaue gr ünlich, das Dunkelblaue fast schwarz, das Gelbe nahert sich dem Weißen, weil auch das Weiße gelb wird, und das Gelbrote wächst auch nach seiner Art, so daß also die Farben der aktiven Seite auch hier die helleren und wirksa- meren, die der passiven hingegen die dunkleren und unwirksameren bleiben. Man hat also bei diesem Versuch besonders die Farben der passiven Seite hell und energisch zu nehmen, damit sie bei dieser Nachtoperation etwas verlieren konnen. Bringt man nun auf diese farbigen Flächen kleine schwarze, weiße und graue Bilder, so werden sie sich verhalten, wie es jene angezeigten Eigenschaf- ten mit sich bringen. Sie werden deutlich sein, insofern sie als Hell und Dunkel von den Farben mehr oder weniger abstechen. Eben dasselbe gilt, wenn man auf die schwarzen, weißen und grauen sowie auf die farbigen Flachen farbige Bilder bringt.

74.  Wir haben diesen Apparat der Vorbilder, um zur Gewißheit zu gelan- gen, bis ins  überfl üssige vervielfältigt. Denn dadurch unterscheidet sich ja bloß der Experimentierende von dem, der zufällige Erscheinungen, als wären’s un- zusammenhängende Begebenheiten, anblickt und anstaunt. Newton sucht da- gegen seinen Sch üler immer nur an gewissen Bedingungen festzuhalten, weil veranderte Bedingungen seiner Meinung nicht g ünstig sind. Man kann daher die Newtonische Darstellung einer perspektivisch gemalten Theaterdekoration vergleichen, an der nur aus einem einzigen Standpunkte alle Linien zusammen- treffend und passend gesehen werden. Aber Newton und seine Sch üler leiden nicht, daß man ein wenig zur Seite trete, um in die offnen Kulissen zu sehen. Dabei versichern sie dem Zuschauer, den sie auf seinem Stuhle festhalten, es sei eine wirklich geschlossene und undurchdringliche Wand.

74, Satz 1–4. Bei dem im Goetheschen Sinne Experimentierenden hat jeder Versuch seine Stelle im Zusammenhange eines Ganzen. Und seine Erklärung liegt darinnen, wie er sich an die ihm vorhergehenden anschließt. Aus dieser

 

Reihe herausgerissen, kann er nur zu einem unstatthaften Theoretisieren f üh- ren, das Wert und Einfluß der einzelnen Bedingungen unter- oder  überschatzt.

75.  Wir haben bisher referiert, wie wir die Sache bei genauer Aufmerksam- keit gefunden, und man sieht wohl, daß einerseits die Tauschung dadurch moglich ward, daß Newton zwei farbige Flächen, eine helle und eine dunkle, miteinander vergleicht und verlangt, daß die dunkle leisten soll, was die hel- le leistet. Er f ührt sie uns vor nur als an Farbe verschieden und macht uns nicht aufmerksam, daß sie auch am Helldunkel verschieden sind. Wie er aber andrerseits sagen kann, Schwarz auf Blau sei alsdann sichtbar gewesen, wenn Schwarz auf Rot nicht mehr erschien, ist uns ganz und gar unbegreiflich.

76.  Wir haben zwar bemerkt, daß, wenn man f ür die weiße Tafel die Stelle gefunden hat, wo sich das Abbild am deutlichsten zeigt, man mit derselben noch etwas weniges vor- und r ückwarts gehen kann, ohne der Deutlichkeit merklich Abbruch zu tun. Wenn man jedoch etwas zu weit vor- oder zu weit zur ückgeht, so nimmt die Deutlichkeit der Bilder ab, und wenn man sie unter sich vergleicht, geschieht es in dem Masse, daß die stark vom Grunde abste- chenden sich langer als die schwach abstechenden erhalten. So sieht man Weiß auf Schwarz noch ziemlich deutlich, wenn Weiß auf Grau undeutlich wird. Man sieht Schwarz auf Mennigrot noch einigermaßen, wenn Schwarz auf Indigoblau schon verschwindet, und so verhält es sich mit den  übrigen Farben durch alle Bedingungen unserer Vorbilder. Daß es aber f ür das Abbild eine Stelle geben konne, wo das weniger abstechende deutlich, das mehr abstechende undeut- lich sei, davon haben wir noch keine Spur entdecken konnen, und wir m üssen also die Newtonische Assertion bloß als eine beliebige, aus dem vorgefaßten Vorurteil entsprungene, bloß mit den Augen des Geistes gesehene Erscheinung halten und angeben. Da der Apparat leicht ist und die Versuche keine großen Umstände erfordern, so sind andre vielleicht gl ücklicher, etwas zu entdecken, was wenigstens zu des Beobachters Entschuldigung dienen konne.

77.  5. Folgerung. Nachdem wir gezeigt, wie es mit den Prämissen stehe, so haben wir unsres Bed ünkens das vollkommenste Recht, die Folgerung ohne weiteres zu leugnen; ja, wir ergreifen diese Gelegenheit, den Leser auf einen wichtigen Punkt aufmerksam zu machen, der noch ofters zur Sprache kommen wird. Es ist der, daß die Newtonische Lehre durchaus zu viel beweist. Denn wenn sie wahr ware, so konnte es eigentlich gar keine dioptrischen Fernröh- re geben, wie denn auch Newton aus seiner Theorie die Unmoglichkeit ihrer Verbesserung folgerte. Ja, selbst unserm bloßen Auge m üßten farbige Gegen- stände neben einander durchaus verworren erscheinen, wenn sich die Sache wirklich so verhielte. Denn man denke sich ein Haus, das in vollem Sonnen-

 

licht st ünde; es hatte ein rotes Ziegeldach, ware gelb angestrichen, hatte gr üne Schaltern, hinter den offnen Fenstern blaue Vorhänge, und ein Frauenzimmer ginge im violetten Kleide zur T üre heraus. Betrachteten wir nun das Ganze mit seinen Teilen aus einem gewissen Standpunkte, wo wir es auf einmal ins Auge fassen konnten, und die Ziegel waren uns recht deutlich, wir wendeten aber das Auge sogleich auf das Frauenzimmer, so w ürden wir die Form und die Falten ihres Kleides keineswegs bestimmt erblicken, wir m üßten vorwarts treten, und sahen wir das Frauenzimmer deutlich, so m üßten uns die Ziegel wie im Nebel erscheinen, und wir hatten dann auch, um die Bilder der  übrigen Teile ganz bestimmt im Auge zu haben, immer etwas vor- und etwas zur ück- zutreten, wenn die pratendierte, im zweiten Experiment erwiesen sein sollende diverse Refrangibilität stattfände. Ein Gleiches gilt von allen Augengläsern, sie mogen einfach oder zusammengesetzt sein, nicht weniger von der Camera obscura.

78.  Ja, daß wir eine dem zweiten Newtonischen Experiment unmittelbar verwandte Instanz beibringen, so erinnern wir unsre Leser an jenen optischen Kasten, in welchem stark erleuchtete Bilder von Hauptstädten, Schlössern und Plätzen durch eine Linse angesehen und verhältnismäßig vergrößert, zugleich aber auch sehr klar und deutlich erblickt werden. Man kann sagen, es sei hier der Newtonische Versuch selbst, nur in großerer Mannigfaltigkeit subjektiv wiederholt. Ware die Newtonische Hypothese wahr, so k¨onnte man unmöglich den hellblauen Himmel, das hellgr üne Meer, die gelb und blaugr ünen Baume, die gelben Hauser, die roten Ziegeldächer, die bunten Kutschen, Livreen und Spaziergänger nebeneinander zugleich deutlich erblicken.

79.  Noch einiger andern wunderlichen Konsequenzen, die aus der Newto- nischen Lehre herfließen, m üssen wir erwähnen. Man gedenke der schwarzen Bilder auf verschiedenfarbigen, an Hellung nicht allzu sehr voneinander unter- schiedenen Flächen. Nun fragen wir, ob das schwarze Bild denn nicht auch das Recht habe, seine Grenze zu bestimmen, wenn es durch die Linse durchgegan- gen ist. Zwei schwarze Bilder, eins auf rotem, das andre auf blauem Grunde, werden beide gleich gebrochen; denn dem Schwarzen schreibt man doch keine diverse Refrangibilität zu. Kommen aber beide schwarze Bilder mit gleicher Deutlichkeit auf der entgegengehaltenen weißen Tafel an, so mochten wir doch wissen, wie sich der rote und blaue Grund gebärden wollten, um ihnen die einmal scharf bezeichneten Grenzen streitig zu machen. Und so stimmt denn auch die Erfahrung mit dem, was wir behaupten, vollkommen  überein, so wie das Unwahre und Ungehörige der Newtonischen Lehre immer in achtiger in die Augen springt, je langer man sich damit, es sei nun experimentierend oder nachdenkend, beschaftigt.

 

80.  Fragt man nun gar nach farbigen Bildern auf farbigem Grund, so wird der prätendierte Versuch und die daraus gezogene Folgerung ganz lacherlich; denn ein rotes Bild auf blauem Grunde konnte niemals erscheinen, und umge- kehrt. Denn wenn es der roten Grenze beliebte, deutlich zu werden, so hatte die blaue keine Lust, und wenn diese sich endlich bequemte, so war’ es jener nicht gelegen. F ürwahr, wenn es mit den Elementen der Farbenlehre so beschaf- fen ware, so hatte die Natur dem Sehen, dem Gewahrwerden der sichtbaren Erscheinungen auf eine saubre Weise vorgearbeitet.

81.  So sieht es also mit den beiden Experimenten aus, auf welche Newton einen so großen Wert legte, daß er sie als Grundpfeiler seiner Theorie an die erste Stelle des Werkes brachte, welches zu ordnen er sich  über dreißig Jahre Zeit nahm. So beschaffen sind zwei Versuche, deren Ungrund die Naturforscher seit hundert Jahren nicht einsehen wollten, obgleich das, was wir vorgebracht und eingewendet haben, schon ofters in Druckschriften dargelegt, behauptet und eingescharft worden, wie uns davon die Geschichte umständlicher belehren wird.

 

Zweite Proposition. Zweites Theorem

Das Licht der Sonne besteht aus Strahlen von verschiedener Refrangibilität.

82.  Nachdem wir also schon farbige Lichter kennengelernt, welche sogar durch das matte Kerzenlicht aus den Oberflächen farbiger Korper herausge- lockt werden, nachdem man uns das Abgeleitete oder erst Abzuleitende schon bekannt gemacht, so wendet sich der Verfasser an die rechte Quelle, zur Sonne namlich, als demjenigen Lichte, das wir gern f ür ein Urlicht annehmen.

83.  Das Licht der Sonne also, heißt es, besteht aus Strahlen von verschiede- ner Refrangibilität. Warum wird denn aber hier der Sonne vorz üglich erwähnt? Das Licht des Mondes, der Sterne, einer jeden Kerze, eines jeden hellen Bil- des auf dunklem Grunde ist in dem Fall, uns die Phänomene zu zeigen, die man hier der Sonne als eigent ümlich zuschreibt. Sei es auch, daß man sich der Sonne zu den Versuchen, welche wir die objektiven genannt haben, wegen ihrer machtigen Wirkung bediene, so ist dies ein Umstand, der f ür den Ex- perimentator g ünstig ist, aber keineswegs eine Grunderscheinung, an die man eine Theorie anlehnen konnte.

84.  Wir haben deswegen in unserm Entwurfe bei den dioptrischen Versu- chen der zweiten Klasse die subjektiven vorangestellt, weil sich aus denselben

 

deutlich machen laßt, daß hier keineswegs von Licht noch Lichtern, sondern von einem Bilde und dessen Grenzen die Rede sei; da denn die Sonne vor kei- nem andern Bilde, ja nicht vor einem hell- oder dunkelgrauen auf schwarzem Grunde den mindesten Vorzug hat.

85.  Jedoch nach der Newtonischen Lehre sollen ja die Farben im Lichte stecken, sie sollen daraus entwickelt werden. Schon der Titel des Werkes deu- tet auf diesen Zweck hin. Schon dort werden wir auf die colours of light hinge- wiesen, auf die Farben des Lichtes, wie sie denn auch die Newtonianer bis auf den heutigen Tag zu nennen pflegen. Kein Wunder also, daß dieser Satz auch hier also gestellt wird. Lasset uns jedoch untersuchen, wie der Verfasser dieses Fundament seiner chromatischen Lehre mit acht Experimenten zu beweisen denkt, indem er das dritte bis zum zehnten diesem Endzwecke widmet, welche wir nunmehr der Reihe nach durchgehen.

Dritter Versuch

 

86.  Wir verfolgen des Verfassers Vortrag hier nicht von Wort zu Wort; denn es ist dieses der allgemein bekannte Versuch, da man durch eine kleine ö ffnung des Fensterladens das Sonnenbild in eine dunkle Kammer fallen laßt, solches durch ein horizontal gestelltes Prisma, dessen brechender Winkel nach unten gerichtet ist, auffangt; da denn das Bild, an die entgegengesetzte Wand in die Hohe gebrochen, nicht mehr farblos und rund, sondern langlich und farbig erscheint.

87.  Wie es eigentlich mit diesem Phänomen beschaffen sei, wissen alle Teil- nehmende nunmehr genau, welche dasjenige wohl inne haben, was von uns  über die dioptrischen Farben der zweiten Klasse  überhaupt, vorz üglich aber  über die objektiven vom 20. bis 24. Kapitel umständlich vorgetragen worden, sowie wir uns deshalb noch besonders auf unsre zweite, f ünfte und sechste Tafel berufen. Es ist daraus klar, daß die Erscheinung, wie sie aus dem Prisma tritt, keineswegs eine fertige sei, sondern daß sie, je näher und je weiter man die Tafel halt, worauf sie sich abbilden soll, immer neue Verhältnisse zeigt. So- bald man dieses eingesehen hat, so bedarf es gegen dieses dritte Experiment, ja, gegen die ganze Newtonische Lehre keines Streites mehr; denn der Meister sowohl als die Sch üler stellen den Versuch, auf den sie ihr großtes Gewicht legen, vollig falsch vor, wie wir solches auf unserer Tafel, welche mit VI. a bezeichnet ist, vor die Augen bringen.

 

88.  Sie geben namlich, der Wahrheit ganz zuwider, vor, das Phänomen sei, wie es aus dem Prisma herauskomme, fertig, man sehe die Farben in dem ver- langerten Bilde gleich in derselben Ordnung und Proportion; in dieser Ord- nung und Proportion wachse nun das Bild bei mehr entfernter Tafel immer an Lange, bis es da, wo sie es endlich festzuhalten belieben, ungefähr um f ünfmal langer ist als breit. Wenn sie nun dies Bild auf diese Stelle fixiert, beobachtet, gemessen und auf allerlei Weise gehandhabt haben, so ziehen sie den Schluß: Wenn in dem runden Bilde, das sie den Abglanz eines Strahls nennen, alle Teile gleich refrangibel waren, so m üßten sie nach der Refraktion alle an dem gleichen Orte anlangen und das Bild also noch immer erscheinen wie vorher. Nun aber ist das Bild langlich, es bleiben also einige Teile des sogenannten Strahls zur ück, andre eilen vor, und also m üssen sie in sich eine verschiede- ne Determinabilitat durch Refraktion und folglich eine diverse Refrangibilität haben. Ferner ist dieses Bild nicht weiß, sondern vielfarbig und laßt eine auf- einander folgende bunte Reihe sehen, daher sie denn auch schließen, daß jene angenommenen divers refrangiblen Strahlen auch diverse Farben haben m üs- sen.

89.  Hierauf antworten wir gegenwärtig nichts weiter, als daß das ganze Rai- sonnement auf einen falsch dargestellten Versuch gebaut ist, der sich in der Natur anders zeigt als im Buche; wobei hauptsächlich in Betrachtung kommt, daß das prismatische Bild, wie es aus dem Prisma tritt, keineswegs eine stetige farbige Reihe, sondern eine durch ein weißes Licht getrennte farbige Erschei- nung darstellt. Indem nun also Newton und seine Sch üler dieses Phänomen keineswegs, wie sie es hatten tun sollen, entwickelten, so mußte ihnen auch seine eigentliche Natur verborgen bleiben und Irrtum  über Irrtum sich anhau- fen. Wir machen besonders auf das, was wir jetzt vortragen werden, den Leser aufmerksam.

90.  Newton, nachdem er die Erscheinung sorgfältig gemessen und mancherlei dabei vorkommende Umstände, nur die rechten nicht, beobachtet, fahrt fort: Die verschiedene Gr¨oße der ö ffnung in dem Fensterladen und die verschiedene Stärke der Prismen, wodurch die Strahlen hindurchgehen, machen keine merkliche

Veranderung in der Länge des Bildes.

91.  Diese beiden Assertionen sind vollig unwahr, weil gerade die Größe des Bildes sowie die Große des Winkels des gebrauchten Prismas vorz üglich die Ausdehnung der Lange des Bildes gegen seine Breite bestimmt und verschieden macht. Wir werden der ersten dieser beiden Wirkungen eine Figur auf unsern Tafeln widmen und hier das N¨otige zur naheren Einsicht des Verhältnisses aussprechen.

 

92.  Unsern aufmerksamen Lesern ist bekannt, daß, wenn ein helles Bild ver- r ückt wird, der gelbrote Rand und der gelbe Saum in das Bild hinein, der blaue Rand und der violette Saum hingegen aus dem Bilde hinaus strebe. Der gelbe Saum kann niemals weiter gelangen als bis zum entgegengesetzten blauen Rande, mit dem er sich zum Gr ün verbindet, und hier ist eigentlich das Ende des innern Bildes. Der violette Saum geht aber immer seiner We- ge fort und wird von Schritt zu Schritt breiter. Nimmt man also eine kleine ö ffnung und verr ückt das Lichtbild so lange, daß es nunmehr um f ünf Teile langer als breit erscheint, so ist dies keineswegs die Normallänge f ür großere Bilder unter gleicher Bedingung. Denn man bereite sich eine Pappe oder ein Blech, in welchem mehrere ö ffnungen von verschiedener Große oben an einer Horizontallinie anstehen; man schiebe diese Vorrichtung vor das Wasserprisma und lasse auf diese samtlichen ö ffnungen nun das Sonnenlicht fallen, und die durch das Prisma gebrochenen Bilder werden sich an der Wand in jeder belie- bigen Entfernung zeigen, jedoch so, daß, weil sie alle an einer Horizontallinie oben anstehen, der violette Saum bei keinem Bilde langer sein kann als beim andern. Ist nun das Bild großer, so hat es ein andres Verhältnis zu diesem Saume, und folglich ist seine Breite nicht so oft in der Lange enthalten als am kleinen Bilde. Man kann diesen Versuch auch subjektiv sehr bequem machen, wenn man auf eine schwarze Tafel weiße Scheiben von verschiedener Große nebeneinander klebt, die aber, weil man gewohnlich den brechenden Winkel unterwärts halt, unten auf einer Horizontallinie aufstehen m üssen.

93.  Daß ferner die Stärke des Prismas, d. h. die Vergrößerung seines Winkels, eine Differenz in der Länge des Bildes zur Breite machen m üsse, wird jeder- mann deutlich sein, der das, was wir im 210. und 324. Paragraph, und zwar im dritten Punkte angedeutet und im Gange des Vortrags weiter ausgef ührt haben, gegenwartig hat, daß nämlich eine Hauptbedingung einer starkern Far- bung sei, wenn das Bild mehr verr ückt werde. Da nun ein Prisma von einem großeren Winkel das Bild stärker verr ückt als ein anderes von einem kleinern, so wird auch die Farbenerscheinung, unter  übrigens gleichen Bedingungen, sehr verschieden sein. Wie es also mit diesem Experiment und seiner Beweis- kraft beschaffen sei, werden unsre Leser nun wohl ohne weitres vollkommen einsehen.

Vierter Versuch

 

94.  Der Beobachter blickt nun durch das Prisma gegen das einfallende Son- nenbild oder gegen die bloß durch den Himmel erleuchtete ö ffnung und kehrt also den vorigen objektiven Versuch in einen subjektiven um, wogegen nichts

 

zu sagen ware, wenn wir dadurch nur einigermaßen gefördert w ürden. Allein das subjektive Bild wird hier so wenig auf seine Anfänge zur ückgef ührt als vorher das objektive. Der Beobachter sieht nur das verlängerte stetig gefarbte Bild, an welchem der violette Teil abermals der längste bleibt.

95.  Leider verhehlt uns der Verfasser bei dieser Gelegenheit abermals einen Hauptpunkt, daß namlich die Erscheinung geradezu die umgekehrte sei von der, die wir bisher an der Wand erblickten. Bemerkt man dieses, so kann man die Frage aufwerfen: Was w ürde denn geschehen, wenn das Auge sich an die Stelle der Tafel setzte? W ürde es denn die Farben in eben der Ordnung sehen, wie man sie auf der Tafel erblickt, oder umgekehrt? Und wie ist denn eigentlich im ganzen das Verhältnis?

96.  Diese Frage ist schon zu Newtons Zeiten aufgeworfen worden, und es fanden sich Personen, die gegen ihn behaupteten, das Auge sehe gerade die entgegengesetzte Farbe, wenn es hinwarts blicke, von der, welche herwärts auf die Tafel oder auch auf ein Auge falle, das sich an die Stelle der Tafel setzte. Newton lehnt nach seiner Weise diesen Einwurf ab, anstatt ihn zu heben.

97.  Das wahre Verhältnis aber ist dieses: Beide Bilder haben nichts mitein- ander gemein. Es sind zwei ganz verschiedene Bilder, das eine heraufwärts, das andere herunterwärts bewegt, und also gesetzmäßig verschieden gefärbt.

98.  Von der Koexistenz dieser zwei verschiedenen Bilder, wovon das objek- tive heraufwärts, das subjektive herunterwärts gefärbt ist, kann man sich auf mancherlei Weise  überzeugen. Jedoch ist folgender Versuch wohl der bequem- ste und vollkommenste. Man lasse mittelst einer ö ffnung des Fensterladens von etwa zwei bis drei Zoll das Sonnenbild durch das große Wasserprisma auf ein weißes, feines,  über einen Rahmen gespanntes Papier hinaufwärts ge- brochen in der Entfernung anlangen, daß die beiden gefärbten Rander noch voneinander abstehen, das Gr ün noch nicht entstanden, sondern die Mitte noch weiß sei. Man betrachte dieses Bild hinter dem Rahmen; man wird das Blaue und Violette ganz deutlich oben, das Gelbrote und Gelbe unten sehen. Nun schaue man neben dem Rahmen hervor, und man wird durch das Prisma das hinunterger ückte Bild der Fensteröffnung umgekehrt gefärbt sehen. Da- mit man aber beide Bilder  über- und miteinander erblicke, so bediene man sich folgenden Mittels. Man mache das Wasser im Prisma durch einige Trop- fen Seifenspiritus dergestalt tr übe, daß das Bild auf dem Papierrahmen nicht undeutlich, das Sonnenlicht aber dergestalt gemaßigt werde, daß es dem Au- ge erträglich sei. Man mache alsdann, indem man sich hinter den Rahmen stellt, an dem Ort, wo sich das gebrochene und gefärbte Bild abbildet, ins

 

Papier eine kleine ö ffnung und schaue hindurch, und man wird wie vorher das Sonnenbild hinabger ückt sehen. Nun kann man, wenn die in das Papier gemachte ö ffnung groß genug ist, etwas zur ücktreten und zugleich das objek- tive, durchscheinende, aufwarts gefärbte Bild und das subjektive, das sich im Auge darstellt, erblicken; ja, man kann mit einiger Auf- und Abbewegung des Papiers die gleichnamigen und ungleichnamigen Ränder beider Erscheinungen zusammenbringen wie es beliebig ist, und indem man sich von der Koexistenz der beiden Erscheinungen  überzeugt,  überzeugt man sich zugleich von ihrem ewig beweglichen und werdend wirksamen Wesen. Man erinnere sich hierbei jenes hochst merkw ürdigen Versuchs (E. 350–354) und familiarisiere sich mit demselben, weil wir noch ofters auf ihn zur ückkommen m üssen.

F ünfter Versuch

 

99.  Auch diesen Versuch betrachtet Newton nur durch den Nebel des Vor- urteils. Er weiß nicht recht, was er sieht, noch was aus dem Versuche folgt. Doch ist ihm die Erscheinung zum Behuf seiner Beweise außerordentlich will- kommen, und er kehrt immer wieder auf dieselbe zur ück. Es wird namlich das Spektrum, das heißt jenes verlängerte farbige Bild der Sonne, welches durch ein horizontales Prisma im dritten Experiment hervorgebracht worden, durch ein vertikal stehendes Prisma aufgefangen und durch selbiges nach der Seite gebrochen, da es denn vollig wie vorher, nur etwas vorwarts gebogen, erscheint, so namlich, daß der violette Teil vorausgeht.

100.   Newton schließt nun daraus folgendermaßen:

Lage die Ursache der Verlangerung des Bildes in der Brechung etwa dergestalt, daß die Sonnenstrahlen durch sie zerstreut, zersplittert und ausgeweitet w ürden, so m üßte ein solcher Effekt durch eine zweite Refraktion abermals hervorgebracht und das lange Bild, wenn man seine Länge durch ein zweites Prisma parallel mit dessen Achse auffängt, abermals in die Breite gezogen und wie vorher auseinander geworfen werden. Allein dieses geschieht nicht, sondern das Bild geht lang, wie es war, heraus und neigt sich nur ein wenig; daher sich folgern laßt, daß die Ursache der Erscheinung auf einer Eigenschaft des Lichtes beruhe, und daß diese Eigenschaft, da sie sich nun in so viel farbigen Lichtern einmal manifestiert, nun keine weitere Einwirkung annehme, sondern daß das Phanomen nunmehr unveranderlich bleibe, nur daß es sich bei einer zweiten Refraktion etwas niederb ückt, jedoch auf eine der Natur sehr gemäße Weise, indem auch hier die mehr refrangibeln Strahlen, die violetten, vorausgehen und also auch ihre Eigenheit vor den  übrigen sehen lassen.

 

101.   Newton begeht hierbei den Fehler, den wir schon fr üher ger ügt haben und den er durch sein ganzes Werk begeht, daß er namlich das prismatische Bild als ein fertiges, unveränderliches ansieht, da es doch eigentlich immer nur ein werdendes und immer abanderliches bleibt. Wer diesen Unterschied wohl gefaßt hat, der kennt die Summe des ganzen Streites und wird unsre Einwen- dungen nicht allein einsehen und ihnen beipflichten, sondern er wird sie sich selbst entwickeln. Auch haben wir schon in unserm Entwurfe daf ür gesorgt (E. 205–207), daß man das Verhältnis dieses gegenwartigen Phanomens be- quem einsehen konne, wozu auch unsre zweite Tafel das ihrige beitragen wird. Man muß namlich Prismen von wenigen Graden, z. B. von f ünfzehn anwen- den, wobei man das Werden des Bildes deutlich beobachten kann. Verr ückt man subjektiv nun durch ein Prisma das Bild dergestalt, daß es in die Hohe gehoben erscheint, so wird es in dieser Richtung gefärbt. Man sehe nun durch ein andres Prisma, daß das Bild im rechten Winkel nach der Seite ger ückt er- scheint, so wird es in dieser Richtung gefärbt sein; man bringe beide Prismen nunmehr kreuzweise  über einander, so muß das Bild nach einem allgemeinen Gesetze sich in der Diagonale verr ücken und sich in dieser Richtung farben; denn es ist in einem wie in dem andern Falle ein werdendes, erst entstehendes Gebilde. Denn die Rander und Saume entstehen bloß in der Linie des Ver- r ückens. Jenes geb ückte Bild Newtons aber ist keineswegs das aufgefangene erste, das nach der zweiten Refraktion einen Reverenz macht, sondern ein ganz neues, das nunmehr in der ihm zugenötigten Richtung gefärbt wird. Man keh- re  übrigens zu unsern angef ührten Paragraphen und Tafeln nochmals zur ück, und man wird die vollige  ü berzeugung dessen, was wir sagen, zum Gewinn haben. Und auf diese Weise vorbereitet gehe man nun bei Newton selbst die sogenannte Illustration dieses Experiments und die derselben gewidmeten Fi- guren und Beschreibungen durch, und man wird einen Fehlschluß nach dem andern entdecken und sich  überzeugen, daß jene Proposition keineswegs durch dieses Experiment irgendein Gewicht erhalten habe.

102.   Indem wir nun, ohne unsere Leser zu begleiten, ihnen das Geschaft f ür einen Augenblick selbst  überlassen, m üssen wir auf die sonderbaren Wege aufmerksam machen, welche der Verfasser nunmehr einzuschlagen gedenkt.

103.   Bei dem f ünften Versuche erscheint das prismatische Bild nicht allein gesenkt, sondern auch verlängert. Wir wissen dieses aus unsern Elementen sehr gut abzuleiten; denn indem wir, um das Bild in der Diagonale erscheinen zu lassen, ein zweites Prisma notig haben, so heißt das eben so viel, als wenn die Erscheinung durch ein gedoppeltes Prisma hervorgebracht wäre. Da nun ei- ne der vorz üglichsten Bedingungen der zu verbreiternden Farbenerscheinung das verstärkte Maß des Mittels ist (E. 210), so muß also auch dieses Bild,

 

nach dem Verhältnis der Stärke der angewendeten Prismen, mehr in die Lan- ge gedehnt erscheinen. Man habe diese Ableitung beständig im Auge, indem wir deutlich zu machen suchen, wie k ünstlich Newton es anlegt, um zu sei- nem Zwecke zu gelangen. Unsern Lesern ist bekannt, wie man das bei der Refraktion entstehende farbige Bild immer mehr verlängern konne, da wir die verschiedenen Bedingungen hierzu umständlich ausgef ührt. Nicht weniger sind sie  überzeugt, daß, weil bei der Verlängerung des Bildes die farbigen Ränder und Saume immer breiter werden und die gegeneinander gestellten sich immer inniger zusammendrängen, daß durch eine Verlängerung des Bildes zugleich eine großere Vereinigung seiner entgegengesetzten Elemente vorgehe. Dieses erzählen und behaupten wir gerne, ganz einfach, wie es der Natur gemaß ist. Newton hingegen muß sich mit seiner ersonnenen Unnatur viel zu schaffen machen, Versuche  über Versuche, Fiktionen  über Fiktionen haufen, um zu blenden, wo er nicht  überzeugen kann. Seine zweite Proposition, mit deren Beweis er sich gegenwartig beschaftigt, lautet doch, das Sonnenlicht bestehe aus verschieden refrangiblen Strahlen. Da diese verschiedenen Lichtstrahlen und Lichter integrierende Teile des Sonnenlichtes sein sollen, so begreift der Verfasser wohl, daß die Forderung entstehen konne und m üsse, diese verschie- denen Wesen doch auch abgesondert und deutlich vereinzelt nebeneinander zu sehen. Schon wird das Phanomen des dritten Experiments, das gewohn- liche Spektrum, so erklärt, daß es die auseinandergeschobenen verschiedenen Lichter des Sonnenlichts, die auseinandergezogenen verschiedenfarbigen Bil- der des Sonnenbildes zeige und manifestiere. Allein bis zur Absonderung ist es noch weit hin. Eine stetige Reihe ineinander greifender, auseinander gleichsam quellender Farben zu trennen, zu zerschneiden, zu zerreißen, ist eine schwere Aufgabe, und doch wird Newton in seiner vierten Proposition mit dem Pro- blem hervortreten: man solle die heterogenen Strahlen des zusammengesetzten Lichtes voneinander absondern. Da er sich hierdurch etwas Unmogliches auf- gibt, so muß er freilich beizeiten anfangen, um den unaufmerksamen Sch üler nach und nach  überlisten zu konnen. Man gebe wohl acht, wie er sich hierbei benimmt.

104.   Aber daß man den Sinn dieses Experiments desto deutlicher einsehe, muß man bedenken, daß die Strahlen, welche von gleicher Brechbarkeit sind, auf einen Zirkel fallen, der der Sonnenscheibe entspricht, wie es im dritten Experiment bewie- sen worden.

105.   Wenn es bewiesen ware, ließe sich nichts dagegen sagen; denn es wäre nat ürlich: wenn die Teile, die von der Sonne herfließen, verschieden refrangibel waren, so m üßten einige, ob sie gleich von einer und derselben Sonnenscheibe herkommen, nach der Refraktion zur ückbleiben, wenn die andern vorwartsge-

 

hen. Daß die Sache sich aber nicht so verhalte, ist uns schon bekannt. Nun hore man weiter.

106.   Unter einem Zirkel verstehe ich hier nicht einen vollkommenen geometrischen Zirkel, sondern irgend eine Kreisfigur, deren Lange der Breite gleich ist, und die den Sinnen allenfalls wie ein Zirkel vorkommen konnte.

107.   Diese Art von Vor- und Nachklage, wie man es nennen mochte, geht durch die ganze Newtonische Optik. Denn erst spricht er etwas aus und setzt es fest; weil es aber mit der Erfahrung nur scheinbar zusammentrifft, so li- mitiert er seine Proposition wieder so lange, bis er sie ganz aufgehoben hat. Diese Verfahrungsart ist schon oft von den Gegnern releviert worden; doch hat sie die Schule weder einsehen konnen, noch eingestehen wollen. Zu mehrerer Einsicht der Frage nehme man nun die Figuren 4, 5, 6, 7 unserer siebenten Tafel vor sich. In der vierten Figur wird das Spektrum dargestellt, wie es New- ton und seine Sch üler, oft kaptiös genug, als eine zwischen zwei Parallellinien eingefaßte, oben und unten abgerundete lange Figur vorstellen, ohne auf ir- gendeine Farbe R ücksicht zu nehmen. Figur 5 ist dagegen die Figur, welche zu der gegenwärtigen Darstellung gehört.

108.   Man lasse also den obern Kreis f ür die brechbarsten Strahlen gelten, welche von der ganzen Scheibe der Sonne herkommen und auf der entgegengesetzten Wand sich also erleuchtend abmalen w ürden, wenn sie allein waren. Der untre Kreis bestehe aus den wenigst brechbaren Strahlen, wie er sich, wenn er allein ware, gleichfalls erleuchtend abbilden w ürde. Die Zwischenkreise mogen sodann diejenigen sein, deren Brechbarkeit zwischen die beiden außern hineinfällt, und die sich gleichfalls an der Wand einzeln zeigen w ürden, wenn sie einzeln von der Sonne kamen und aufeinander folgen konnten, indem man die  übrigen auffinge. Nun stelle man sich vor, daß es noch andre  Zwischenzirkel  ohne Zahl gebe, die vermoge unzähliger Zwischenarten der Strahlen sich nach und nach auf der Wand zeigen w ürden, wenn die Sonne nach und nach jede besondre Art herunterschickte. Da nun aber die Sonne sie alle zusammen von sich sendet, so m üssen sie zusammen als unzählige gleiche Zirkel sich auf der Wand erleuchtend abbilden, aus welchen, indem sie nach den verschiedenen Graden der Refrangibilität ordnungsgemäß in einer zusammenhängenden Reihenfolge ihren Platz einnehmen, jene langliche Erscheinung zusammengesetzt ist, die ich in dem dritten Versuche beschrieben habe.

109.   Wie der Verfasser diese hypothetische Darstellung, die Hieroglyphe sei- ner  ü berzeugung, keineswegs aber ein Bild der Natur, benutzt, um die B ück- linge seines Spektrums deutlich zu machen, mag der wißbegierige Leser bei ihm selbst nachsehen. Uns ist gegenwartig nur darum zu tun, das Unstatt-

 

hafte dieser Vorstellung deutlich zu machen. Hier sind keineswegs Kreise, die ineinander greifen; eine Art von Tauschung kann bloß entstehen, wenn das re- frangierte Bild rund ist, wodurch denn auch die Grenzen des farbigen Bildes, als eines Nebenbildes, rundlich erscheinen, da doch eigentlich der Fortschritt der verschiedenen Abteilungen des farbigen Bildes bei den prismatischen Ver- suchen immer in Parallellinien geschieht, welche die Linie des Vorschreitens jederzeit in einem rechten Winkel durchschneiden. Wir haben, um dieses deut- lich zu machen, auf unserer f ünften und sechsten Tafel angenommen, daß ein vierecktes Bild verr ückt werde; da man sich denn von dem parallelen Vorr ücken der verschiedenen farbigen Reihen einen deutlichen Begriff machen kann. Wir m üssen es daher abermals wiederholen: Hier kann weder von ineinandergrei- fenden f ünf noch sieben noch unzähligen Kreisen die Rede sein, sondern an den Grenzen des Bildes entstehet ein roter Rand, der sich in den gelben verliert, ein blauer Rand, der sich in den violetten verliert. Erreicht bei der Schmalre des Bildes oder der Starke der Refraktion der gelbe Saum den blauen Rand  über das weiße Bild, so entsteht Gr ün; erreicht der violette Saum den gel- broten Rand  über das schwarze Bild, so entsteht Purpur. Das kann man mit Augen sehen, ja man mochte sagen, mit Handen greifen.

110.   Nicht genug aber, daß Newton seine verschieden refrangibeln Strahlen zwar auseinanderzerrt, aber doch ihre Kreise noch ineinander greifen laßt, er will sie, weil er wohl sieht, daß die Forderung entsteht, noch weiter auseinan- derbringen. Er stellt sie auch wirklich in einer zweiten Figur abgesondert vor, laßt aber immer noch die Grenzlinien stehen, so daß sie getrennt und doch zu- sammenhängend sind. Man sehe die beiden Figuren, welche Newton auf seiner dritten Tafel mit 15 bezeichnet. Auf unsrer siebenten gibt die sechste Figur die Vorstellung dieser vorgeblichen Auseinanderzerrung der Kreise, worauf wir k ünftig abermals zur ückkommen werden.

111.   Worauf wir aber den Forscher aufmerksam zu machen haben, ist die Stelle, womit der Autor zu dem folgenden Experiment  übergeht. Er hatte nam- lich zwei Prismen  übereinandergestellt, ein Sonnenbild durch jedes durchfallen lassen, um beide zugleich durch ein vertikales Prisma aufzufangen und nach der Seite zu biegen. Wahrscheinlich war dieses letztere nicht lang genug, um zwei vollendete Spektra aufzufassen; er r ückte also damit nahe an die ersten Prismen heran und findet, was wir lange kennen und wissen, auch nach der Re- fraktion zwei runde und ziemlich farblose Bilder. Dies irrt ihn aber gar nicht; denn anstatt einzusehen und einzugestehen, daß seine bisherige Darstellung durchaus falsch sei, sagt er ganz naiv und unbewunden:

 

112.

 

ü brigens w ürde dieses Experiment einen vollig gleichen Erfolg haben, man

 

mag das dritte Prisma gleich hinter die beiden ersten oder auch in großere Entfernung Stellen, so daß das Licht im ersten  Falle, nachdem es durch die beiden vordern Prismen gebrochen worden, von dem dritten entweder weiß und rund oder gefärbt und länglich aufgenommen werde.

113.   Wir haben also hier auf einmal ein durch das Prisma durchgegangenes und gebrochenes Farbenbild, das noch weiß und rund ist, da man uns doch bisher dasselbe durchaus als langlich, auseinandergezogen und vollig gefarbt dargestellt hatte. Wie kommt nun auf einmal das Weiße durch die Hintert ür herein? Wie ist es abgeleitet? ja, wie ist es nach dem bisher Vorgetragenen nur moglich? Dies ist einer von den sehr schlimmen Advokatenstreichen, wo- durch sich die Newtonische Optik so sehr auszeichnet. Ein gebrochnes und doch weißes, ein zusammengesetztes und durch Brechung in seine Elemente nicht gesondertes Licht haben wir nun auf einmal durch eine beiläufige Erwah- nung erhalten. Niemand bemerkt, daß durch die Erscheinung dieses Weißen der ganze bisherige Vortrag zerstört ist, daß man ganz woanders ausgehen, ganz woanders anfangen m üsse, wenn man zur Wahrheit gelangen will. Der Verfasser fahrt vielmehr auf seinem einmal eingeschlagenen Wege ganz geru- hig fort und hat nun außer seiner gr ünen Mitte des fertigen Gespenstes auch noch eine weiße Mitte des erst werdenden, noch unfarbigen Gespenstes, er hat ein langes Gespenst, er hat ein rundes und operiert nun mit beiden wechsel- weise, wie es ihm beliebt, ohne daß die Welt, die hundert Jahre seine Lehre nachbetet, den Taschenspielerstreich gewahr wird, vielmehr diejenigen, die ihn ans Licht bringen wollen, verfolgt und  übel behandelt. Denn sehr k ünstlich ist diese Bemerkung hier angebracht, indem der Verfasser diese weiße Mitte, wel- che hier auf einmal in den Vortrag hereinspringt, bei dem nachsten Versuch hochst notig braucht, um sein Hokuspokus weiter fortzusetzen.

Sechster Versuch

 

114.   Haben wir uns bisher lebhaft, ja mit Heftigkeit vorgesehen und ver- wahrt, wenn uns Newton zu solchen Versuchen berief, die er vorsätzlich und mit Bewußtsein ausgesucht zu haben schien, um uns zu tauschen und zu ei- nem  übereilten Beifall zu verf ühren, so haben wir es gegenwartig noch weit ernstlicher zu nehmen, indem wir an jenen Versuch gelangen, durch welchen sich Newton selbst zuerst von der Wahrheit seiner Erklärungsart  überzeugte, und welcher auch wirklich unter allen den meisten Schein vor sich hat. Es ist dieses das sogenannte experimentum crucis, wobei der Forscher die Natur auf die Folter spannte, um sie zu dem Bekenntnis dessen zu n¨otigen, was er schon

 

vorher bei sich festgesetzt hatte. Allein die Natur gleicht einer standhaften und edelm ütigen Person, welche selbst unter allen Qualen bei der Wahrheit verharrt. Steht es anders im Protokoll, so hat der Inquisitor falsch gehört, der Schreiber falsch niedergeschrieben. Sollte darauf eine solche untergeschobene Aussage f ür eine kleine Zeit gelten, so findet sich doch wohl in der Folge noch jemand, welcher sich der gekränkten Unschuld annehmen mag; wie wir uns denn gegenwartig ger üstet haben, f ür unsere Freundin diesen Ritterdienst zu wagen. Wir wollen nun zuerst vernehmen, wie Newton zu Werke geht.

115.   In der Mitte zweier d ünner Bretter machte ich runde ö ffnungen, ein drittel Zoll groß, und in den Fensterladen eine viel größere. Durch letztere ließ ich in mein dunkles Zimmer einen breiten Strahl des Sonnenlichtes herein, ich setzte ein Prisma hinter den Laden in den Strahl, damit er auf die entgegengesetzte Wand gebrochen w ürde, und nahe hinter das Prisma befestigte ich eines der Bretter dergestalt, daß die Mitte des gebrochnen Lichtes durch die kleine ö ffnung hindurchging und das  übrige von dem Rande aufgefangen w ürde.

116.   Hier verfährt Newton nach seiner alten Weise. Er gibt Bedingungen an, aber nicht die Ursache derselben. Warum ist denn hier auf einmal die ö ffnung im Fensterladen groß, und wahrscheinlich das Prisma auch groß, ob er es gleich nicht meldet? Die Größe der ö ffnung bewirkt ein großes Bild, und ein großes Bild fallt auch nach der Refraktion mit weißer Mitte auf eine nah hinter das Prisma gestellte Tafel. Hier ist also die weiße Mitte, die er am Schluß des vorigen Versuches (112) heimlich hereingebracht. In dieser weißen Mitte operiert er; aber warum gesteht er denn nicht, daß sie weiß ist? Warum laßt er diesen wichtigen Umstand erraten? Doch wohl darum, weil seine ganze Lehre zusammenfällt, sobald dieses ausgesprochen ist.

117.   Dann  in einer Entfernung von zwölf Fuß von dem ersten  Brett befestigte ich das andre dergestalt, daß die Mitte des gebrochenen Lichtes, welche durch die ö ffnung des ersten Brettes hindurch fiel, nunmehr auf die ö ffnung dieses zweiten Brettes gelangte, das  übrige aber, welches von der Flache des Brettes aufgefangen wurde, das farbige Spektrum der Sonne daselbst zeichnete.

118.   Wir haben also hier abermals eine Mitte des gebrochenen Lichtes, und diese Mitte ist, wie man aus dem Nachsatz deutlich sieht, gr ün; denn das  übri- ge soll ja das farbige Bild darstellen. Uns werden zweierlei Mitten, eine farblose und eine gr üne, gegeben, in denen und mit denen wir nach Belieben operieren, ohne daß man uns den Unterschied im mindesten anzeigt, und einen so bedeu- tenden Unterschied, auf den alles ankommt. Wem hier  über die Newtonische Verfahrungsweise die Augen nicht auf gehen, dem mochten sie wohl schwer-

 

lich jemals zu offnen sein. Doch wir brechen ab; denn die angegebene genaue Vorrichtung ist nicht einmal notig, wie wir bald sehen werden, wenn wir die Il- lustration dieses Versuchs durchgehen, zu welcher wir uns sogleich hinwenden und eine Stelle des Textes  überschlagen, deren Inhalt ohnehin in dem Folgen- den wiederholt wird. Dem bessern Verständnis dieser Sache widmen wir unsre zw¨olfte Tafel, welche daher unsere Leser zur Hand nehmen werden. Sie finden auf derselben unter andern zwei Figuren, die eine falsch, wie sie Newton an- gibt, die andre wahr, so daß sie das Experiment rein darstellt. Beiden Figuren geben wir einerlei Buchstaben, damit man sie unmittelbar vergleichen konne.

119.   Es soll F eine etwas große ö ffnung im Fensterladen vorstellen, wodurch das Sonnenlicht zu dem ersten Prisma ABC gelange, worauf denn das gebrochne Licht auf den mittlern Teil der Tafel DE fallen wird. Dieses Lichtes mittlerer Teil gehe durch die ö ffnung G durch und falle auf die Mitte der zweiten Tafel de und bilde dort das längliche Sonnenbild, wie wir solches oben im dritten Experiment beschrieben haben.

120.   Das erste Mal ist also, wie oben schon bemerkt worden, der mittlere Teil weiß, welches hier abermals vom Verfasser nicht angezeigt wird. Nun fra- gen wir: Wie geht es denn zu, daß jener auf der Tafel DE anlangende weiße Teil, indem er durch die ö ffnung G durchgeht, auf der zweiten Tafel de ein vol- lig gefärbtes Bild hervorbringt? Darauf m üßte man denn doch antworten: es geschahe durch die Beschränkung, welche nach der Refraktion das Lichtbild in der kleinen ö ffnung G erleidet. Dadurch aber ware auch zugleich schon einge- standen, daß eine Beschränkung, eine Begrenzung zur prismatischen Farben- erscheinung notwendig sei; welches jedoch in dem zweiten Teile dieses Buches hartnäckig geleugnet werden soll. Diese Verhältnisse, diese notwendigen und unerläßlichen Bedingungen muß Newton verschweigen, er muß den Leser, den Sch üler im Dunkeln erhalten, damit ihr Glaube nicht wankend werde. Unsre Figur setzt dagegen das Faktum aufs deutlichste auseinander, und man sieht recht wohl, daß so gut durch Wirkung des Randes der ersten ö ffnung als des Randes der zweiten gefarbte Saume entstehen, welche, da die zweite ö ffnung klein genug ist, indem sie sich verbreitern, sehr bald  übereinandergreifen und das vollig gefarbte Bild darstellen. Nach dieser Vorrichtung schreitet Newton zu seinem Zweck.

121.   Nun kann man jenes farbige Bild, wenn man das erste Prisma ABC lang- sam auf seiner Achse hin und her bewegt, auf der Tafel de nach Belieben herauf- und herabf ühren, und wenn man auf derselben gleichfalls eine ö ffnung g anbringt, jeden einzelnen farbigen Teil des gedachten Bildes der Ordnung nach hindurchlas- sen. Inzwischen stelle man ein zweites Prisma abc hinter die zweite ö ffnung g und

 

lasse das durchgehende farbige Licht dadurch abermals in die Hohe gebrochen wer- den. Nachdem dieses also getan war, bezeichnete ich an der aufgestellten Wand die beiden Orte M und N , wohin die verschiedenen farbigen Lichter gef ührt wurden, und bemerkte, daß, wenn die beiden Tafeln und das zweite Prisma fest und unbe- weglich blieben, jene beiden Stellen, indem man das erste Prisma um seine Achse drehte, sich immerfort veranderten. Denn wenn der untere Teil des Bildes, das sich auf der Tafel de zeigte, durch die ö ffnung g gef ührt wurde, so gelangte er nach einer untern Stelle der Wand M ; ließ man aber den obern Teil desselben Lichtes durch gedachte ö ffnung gefallen, so gelangte derselbe nach einer obern Stelle der Wand N ; und wenn ein mittlerer Teil hindurch ging, so nahm er auf der Wand gleichfalls die Mitte zwischen M und N ein; wobei man zu bemerken hat, daß, da an der Stellung der ö ffnungen in den Tafeln nichts verändert wurde, der Einfallswinkel der Strahlen auf das zweite Prisma in allen Fällen derselbige blieb. Demungeachtet wurden bei gleicher Incidenz einige Strahlen mehr gebrochen als die andern, und die im ersten Prisma durch eine größere Refraktion weiter vom Wege abgenötigt waren, auch diese wurden durch das zweite Prisma abermals am meisten gebrochen. Da das nun auf eine gewisse und bestandige Weise geschah, so muß man die einen f ür refrangibler als die andern ansprechen.

122.   Die Ursache, warum sich Newton bei diesem Versuche zweier durchlö- cherter Bretter bedient, spricht er selbst aus, indem er namlich dadurch zeigen will, daß der Einfallswinkel der Strahlen auf das zweite Prisma bei jeder Bewe- gung des ersten derselbige blieb; allein er  übersieht oder verbirgt uns, was wir schon oben bemerkt, daß das farbige Bild erst hinter der ö ffnung des ersten Brettes entstehe, und daß man seinen verschiedenen Teilen, indem sie durch die ö ffnung des zweiten Brettes hindurchgehen, immer noch den Vorwurf einer verschiedenen Incidenz auf das zweite Prisma machen konne.

123.   Allein wir gehören nicht zu denjenigen, welche der Incidenz bei diesen Versuchen bedeutende Wirkung zuschreiben, wie es mehrere unter Newtons fr ühern Gegnern getan haben; wir erwahnen dieses Umstands nur, um zu zei- gen, daß man sich bei diesem Versuche wie bei andern gar wohl von angstlichen Bedingungen losmachen konne. Denn die doppelten Bretter sind in gegenwar- tigem Falle sehr beschwerlich; sie geben ein kleineres schwacheres Bild, mit welchem nicht gut noch scharf zu operieren ist. Und obgleich das Resultat zuletzt erscheint, so bleibt es doch oft wegen der Komplikation der Vorrich- tung schwankend, und der Experimentierende ist nicht leicht im Fall, die ganze Anstalt mit vollkommener Genauigkeit einzurichten.

124.   Wir suchen daher der Erscheinung, welche wir nicht leugnen, auf einem andern Wege beizukommen, um sowohl sie als das, was uns der folgende Ver-

 

such darstellen wird, an unsere fr üher begr ündeten Erfahrungen anzukn üpfen; wobei wir unsre Leser um besondre Aufmerksamkeit bitten, weil wir uns zu- nachst an der Achse befinden, um welche sich der ganze Streit umdreht, weil hier eigentlich der Punkt ist, wo die Newtonische Lehre entweder bestehen kann oder fallen muß.

125.   Die verschiedenen Bedingungen, unter welchen das prismatische Bild sich verlängert, sind unsern Lesern, was sowohl subjektive als objektive Falle betrifft, hinlänglich bekannt (E. 210, 324). Sie lassen sich meist unter eine Hauptbedingung zusammenfassen, daß namlich das Bild immer mehr von der Stelle ger ückt werde.

126.   Wenn man nun das durch das erste Prisma gegangene und auf der Tafel farbig erscheinende Bild ganz, mit allen seinen Teilen auf einmal, durch ein zweites Prisma im gleichen Sinne hindurchläßt und es auf dem Wege abermals verr ückt, so hebt man es in die Hohe, und zugleich verlängert man es. Was geschieht aber bei Verlängerung des Bildes? Die Distanzen der verschiedenen Farben erweitern sich, die Farben ziehen sich in gewissen Proportionen weiter auseinander.

127.   Da bei Verr ückung des hellen Bildes der gelbrote Rand keineswegs in dem Maße nachfolgt, in welchem der violette Saum vorausgeht, so ist es ei- gentlich dieser, der sich von jenem entfernt. Man messe das ganze, durch das erste Prisma bewirkte Spektrum; es habe z. B. drei Zoll, und die Mitte der gelbroten Farbe sei etwa von der Mitte der violetten um zwei Zoll entfernt; man refrangiere nun dieses ganze Spektrum abermals durch das zweite Prisma, und es wird eine Lange von etwa neun Zoll gewinnen. Daher wird die Mitte der gelbroten und violetten Farbe auch viel weiter voneinander abstehen als vorher.

128.   Was von dem ganzen Bilde gilt, das gilt auch von seinen Teilen. Man fange das durchs erste Prisma hervorgebrachte farbige Bild mit einer durch- locherten Tafel auf und lasse dann die aus verschiedenen farbigen isolierten Bildern bestehende Erscheinung auf die weiße Tafel fallen, so werden diese einzelnen Bilder, welche ja nur ein unterbrochenes ganzes Spektrum sind, den Platz einnehmen, den sie vorher in der Folge des Ganzen behauptet hatten.

129.   Nun fange man dieses unterbrochene Bild gleich hinter der durchlö- cherten Tafel mit einem Prisma auf und refrangiere es zum zweitenmal, so werden die einzelnen Bilder, indem sie weiter in die Hohe steigen, ihre Distan- zen verandern und besonders das Violette, als der vorstrebende Saum, sich in

 

stärkerer Proportion als die andern entfernen. Es ist aber weiter nichts, als daß das ganze Bild gesetzmäßig verlängert worden, von welchem im letztern Fall nur die Teile gesehen werden.

130.   Bei der Newtonischen Vorrichtung ist dieses nicht so deutlich, doch blei- ben Ursache und Resultat immer dieselbigen; er mag die Bilder einzeln, indem er das erste Prisma bewegt, durchs zweite hindurchf ühren: es sind immer Teile des ganzen farbigen Bildes, die ihrer Natur getreu bleiben.

131.   Hier ist also keine diverse Refrangibilität, es ist nur eine wiederholte Refraktion, eine wiederholte Verr ückung, eine vermehrte Verlängerung, nichts mehr und nichts weniger.

132.   Zu volliger  ü berzeugung mache man den Versuch mit einem dunklen Bilde. Bei demselben ist der gelbe Saum vorstrebend und der blaue Rand zur ückbleibend. Alles, was bisher vom violetten Teile prädiziert worden, gilt nunmehr vom gelben, was vom gelbroten gesagt worden, gilt vom blauen. Wer dieses mit Augen gesehen und recht erwogen hat, dem wird nun wohl die vermeinte Bedeutsamkeit dieses Hauptversuches wie ein Nebel verschwinden. Wir wollen auf unsrer zwolften Tafel und bei Erläuterung derselben noch alles nachholen, was zu mehrerer Deutlichkeit notig scheinen mochte, sowie wir auch den zu diesem Versuche notigen Apparat noch besonders beschreiben werden.

133.   Wir f ügen hier nur noch die Bemerkung hinzu, wie kaptiös Newton die Sache vorträgt (121), wenn er sagt, bei der zweiten Refraktion sei das rote Bildchen nach dem untern Teil der Wand, das violette nach dem obern gelangt. (Im Englischen steht went, im Lateinischen pergebat.) Denn es verhält sich keineswegs also. Sowohl der gelbrote Teil als der violette steigen beide nach der zweiten Refraktion in die Hohe, nur entfernt sich der letzte von dem ersten in dem Maße, wie das Bild gewachsen ware, wenn man es ganz und nicht in seinen Teilen refrangiert hatte.

134.   Da nun aber dieser Versuch gar nichts im Hinterhalte hat, nichts be- weist, nicht einmal abgeleitet oder erklärt zu werden braucht, sondern nichts als ein schon bekanntes Phänomen selbst ist; da die Sache sich nach dem, was wir in unserm Entwurfe dargelegt, leicht abtun laßt, so konnte man uns den Einwurf machen und die Frage erregen, warum wir denn nicht direkt auf diesen eingebildeten Haupt- und Grundversuch zugegangen, das unstatthafte der daraus gezogenen Argumente nachgewiesen, anstatt mit so vielen Um- ständen der Newtonischen Deduktion Schritt vor Schritt zu folgen und den Verfasser durch seine Irrwege zu begleiten. Hierauf antworten wir, daß, wenn

 

davon die Rede ist, ein eingewurzeltes Vorurteil zu zerstören, man keineswegs seinen Zweck erreicht, indem man bloß das Hauptaperc¸u  überliefert. Es ist nicht genug, daß man zeigt, das Haus sei baufällig und unbewohnbar, denn es konnte doch immer noch gest ützt und notd ürftig eingerichtet werden; ja, es ist nicht genug, daß man es einreißt und zerstört: Man muß auch den Schutt wegschaffen, den Platz abräumen und ebnen. Dann mochten sich allenfalls wohl Liebhaber finden, einen neuen kunstgemäßen Bau aufzuf ühren.

135.   In diesem Sinne fahren wir fort, die Versuche zu vermannigfaltigen. Will man das Phänomen, von welchem die Rede ist, recht auffallend machen, so bediene man sich folgender Anstalt. Man bringe zwei gleiche Prismen hart nebeneinander und stelle ihnen eine Tafel entgegen, auf welcher zwei kleine runde ö ffnungen horizontal nebeneinander in einiger Entfernung eingeschnit- ten sind; man lasse aus dem einen Prisma auf die eine ö ffnung den gelbroten Teil des Bildes und aus dem andern Prisma den violetten Teil auf die ande- re ö ffnung fallen; man fange die beiden verschiedenfarbigen Bilder auf einer dahinter stehenden weißen Tafel auf, und man wird sie horizontal nebenein- andersehen. Nun ergreife man ein Prisma, das groß und lang genug ist, beide Bildchen aufzufassen, und bringe dasselbe horizontal nahe hinter die durchlö- cherte Tafel und breche beide Bildchen zum zweitenmal, so daß sie sich auf der weißen Tafel abermals abbilden. Beide werden in die Hohe ger ückt er- scheinen, aber ungleich, das violette weit hoher als das gelbrote, wovon uns die Ursache aus dem Vorigen bekannt ist. Wir empfehlen diesen Versuch allen  übrig bleibenden Newtonianern, um ihre Sch üler in Erstaunen zu setzen und im Glauben zu stärken. Wer aber unserer Darstellung ruhig gefolgt ist, wird erkennen, daß hier an einzelnen Teilen auch nur das geschehe, was an den ganzen Bildern geschehen w ürde, wenn zwei derselben, wovon das eine tiefer als das andere st ünde, eine zweite Refraktion erlitten. Es ist dieses letzte ein Versuch, den man mit dem großen Wasserprisma recht gut anstellen kann.

136.   Genötigt finden wir uns  übrigens, noch eines Umstandes zu erwähnen, welcher besonders bei dem folgenden Versuch zur Sprache kommen wird, und der auch bei dem gegenwartigen mit eintritt, ob er hier gleich nicht von so großer Bedeutung ist. Man kann namlich die durch die objektive prismatische Wirkung entstandenen Bilder als immer werdende und bewegliche ansehen, so wie wir es durchaus getan haben. Mit diesen kann man nicht operieren, ohne sie zu verandern. Man kann sie aber auch, wie besonders Newton tut, wie wir aber nur mit der großten Einschränkung und f ür einen Augenblick tun, als fertig ansehen und mit ihnen operieren.

 

137.   Sehen wir nun die einzelnen durch eine durchlocherte Tafel durchgegan- genen Bilder als fertig an, operieren mit denselben und verr ücken sie durch eine zweite Refraktion, so muß das eintreten, was wir  überhaupt von Verr ückung farbiger Bilder dargetan haben: Es m üssen namlich an ihnen abermals Ränder und Saume entstehen, aber entweder durch die Farbe des Bildes beg ünstigte oder verk ümmerte. Das isolierte gelbrote Bild nehmen wir aus dem einwarts strebenden gelbroten Rande; an seiner untern Grenze wird es durch einen gleichnamigen neuen Rand an Farbe verstärkt, das allenfalls entspringende Gelb verliert sich, und an der entgegengesetzten Seite kann wegen des Wi- derspruchs kein Blau und folglich auch kein Violett entstehen. Das Gelbrote bleibt also gleichsam in sich selbst zur ückgedrängt, erscheint kleiner und gerin- ger als es sein sollte. Das violette Bild hingegen ist ein Teil des aus dem ganzen Bilde hinausstrebenden violetten Saumes. Es wird allenfalls an seiner untern Grenze ein wenig verk ümmert und hat oben die vollige Freiheit, vorwarts zu gehen. Dieses mit jenen obigen Betrachtungen zusammengenommen, laßt auf ein weiteres Vorr ücken des Violetten auch durch diesen Umstand schließen. Jedoch legen wir hierauf keinen allzugroßen Wert, sondern f ühren es nur an, damit man sich bei einer so komplizierten Sache eines jeden Nebenumstandes erinnere; wie man denn, um sich von der Entstehung dieser neuen Ränder zu  überzeugen, nur den gelben Teil des Bildes durch eine ö ffnung im Brette durchf ühren und alsdann zum zweitenmal hinter demselben refrangieren mag.

Siebenter Versuch

 

138.   Hier laßt der Verfasser durch zwei nebeneinander gestellte Prismen zwei Spektra in die dunkle Kammer fallen. Auf einen horizontalen schmalen Strei- fen Papier trifft nun die rote Farbe des einen Spektrums und gleich daneben die violette Farbe des andern. Nun betrachtet er diesen doppeltprismatisch gefarbten Streifen durch ein zweites Prisma und findet das Papier gleichsam auseinander gerissen. Die blaue Farbe des Streifens hat sich namlich viel wei- ter herunter begeben als die rote; es versteht sich, daß der Beobachter durch ein Prisma blickt, dessen brechender Winkel nach unten gekehrt ist.

139.   Man sieht, daß dies eine Wiederholung des ersten Versuches werden soll, welcher dort mit korperlichen Farben angestellt war, hier aber mit Flachen an- gestellt wird, die eine scheinbare Mitteilung durch apparente Farben erhalten haben. Der gegenwärtige Fall, die gegenwartige Vorrichtung ist doch von je- nen himmelweit unterschieden, und wir werden, da wir das Phanomen nicht leugnen, es abermals auf mancherlei Weise darzustellen, aus unsern Quellen abzuleiten und das Hohle der Newtonischen Erklärung darzutun suchen.

 

140.   Wir konnen unsre erstgemeldete (135) Vorrichtung mit zwei Prismen nebeneinander beibehalten. Wir lassen das rote und violette Bildchen neben- einander auf die hintere weiße Tafel fallen, so daß sie vollig horizontal stehen. Man nehme nun das horizontale Prisma vor die Augen, den brechenden Win- kel gleichfalls unterwärts gekehrt, und betrachte jene Tafel; sie wird auf die bekannte Weise verr ückt sein, allein zugleich wird man einen bedeutenden Umstand eintreten sehen: Das rote Bild namlich r ückt nur insofern von der Stelle, als die Tafel verr ückt wird; seine Stelle auf der Tafel hingegen behält es genau. Mit dem violetten Bilde verhält es sich nicht so; dieses verändert seine Stelle, es zieht sich viel weiter herunter, es steht nicht mehr mit dem roten Bilde auf einer horizontalen Linie.

141.   Sollte es den Newtonianern moglich sein, auch k ünftig noch die Far- benlehre in die dunkle Kammer einzusperren, ihre Sch üler in die Gangelbank einzuzwängen und ihnen jeden Schritt freier Beobachtung zu versagen, so wol- len wir ihnen auch diesen Versuch besonders empfohlen haben, weil er etwas  überraschendes und Imponierendes mit sich f ührt. Uns aber muß angelegen sein, die Verhältnisse des Ganzen deutlich zu machen und bei dem gegenwar- tigen Versuche zu leisten, was bei dem vorigen bestanden worden.

142.   Newton verbindet hier zum erstenmal die objektiven Versuche mit den subjektiven. Es hatte ihm also geziemt, den Hauptversuch (E. 350–356) zuerst aufzustellen und vorzutragen, dessen er nach seiner Unmethode erst viel spater erwahnt, wo das Phänomen, weit entfernt, zur wahren Einsicht in die Sache etwas beizutragen, nur wieder neue Verwirrungen anzurichten im Fall ist. Wir setzen voraus, daß jedermann diesen Versuch gesehen habe, daß jedermann, den die Sache interessiert, so eingerichtet sei, um ihn, so oft die Sonne scheint, wiederholen zu konnen.

143.   Dort wird also das langliche Farbenbild durch ein Prisma an die Wand in die H¨ohe geworfen; man nimmt sodann ein vollig gleiches Prisma, den bre- chenden Winkel unterwärts gekehrt, hält es vor die Augen und tritt nahe vor das Bild auf der Tafel. Man sieht es wenig verändert; aber je weiter man zu- r ücktritt, desto mehr zieht es sich, nicht allein herabwarts, sondern auch in sich selbst zusammen, dergestalt, daß der violette Saum immer k ürzer wird. Endlich erscheint die Mitte weiß und nur die Grenzen des Bildes gefärbt. Steht der Beobachter genau so weit als das erste Prisma, wodurch das farbige Bild entstand, so erscheint es ihm nunmehr subjektiv farblos. Tritt er weiter zur ück, so farbt es sich im umgekehrten Sinne herabwärts. Ist man doppelt so weit zur ückgetreten, als das erste Prisma von der Wand steht, so sieht man mit freiem Auge das auf strebende, durch das zweite Prisma aber das herabstre-

 

bende umgekehrte gleich stark gefärbte Bild, woraus so viel abermals erhellt, daß jenes erste Bild an der Wand keineswegs ein fertiges, im Ganzen und in seinen Teilen unveränderliches Wesen Sei, sondern daß es seiner Natur nach zwar bestimmt, aber doch wieder bestimmbar, und zwar bis zum Gegensatz bestimmbar gefunden werde.

144.   Was nun von dem ganzen Bilde gilt, das gilt auch von seinen Teilen. Man fasse das ganze Bild, ehe es zur gedachten Tafel gelangt, mit einer durch- locherten Zwischentafel auf, und man stelle sich so, daß man zugleich das ganze Bild auf der Zwischentafel und die einzelnen verschiedenfarbigen Bil- der auf der Haupttafel sehen konne. Nun beginne man den vorigen Versuch. Man trete ganz nahe zur Haupttafel und betrachte durchs horizontale Pris- ma die vereinzelt  übereinanderstehenden farbigen Bilder; man wird sie, nach Verhältnis der Nahe, nur wenig vom Platze ger ückt finden. Man entferne sich nunmehr nach und nach, und man wird mit Bewunderung sehen, daß das rote Bild sich nur insofern verr ückt, als die Tafel verr ückt scheint, daß sich hinge- gen die obern Bilder, das violette, blaue, gr üne nach und nach herab gegen das rote ziehen und sich mit diesem verbinden, welches denn zugleich seine Farbe, doch nicht vollig, verliert und als ein ziemlich rundes einzelnes Bild dasteht.

145.   Betrachtet man nun, was indessen auf der Zwischentafel vorgegangen, so sieht man, daß sich das verlängerte farbige Bild f ür das Auge gleichfalls zusammengezogen, daß der violette Saum scheinbar die ö ffnung verlassen, vor welcher diese Farbe sonst schwebte, daß die blaue, gr üne, gelbe Farbe gleichfalls verschwunden, daß die rote zuletzt auch vollig aufgehoben ist und f ürs Auge nur ein weißes Bild auf der Zwischentafel steht. Entfernt man sich noch weiter, so farbt sich dieses weiße Bild umgekehrt, wie schon weitläufig ausgef ührt worden (143).

146.   Man beobachte nun aber, was auf der Haupttafel geschieht. Das ein- zige dort  übrige, noch etwas rotliche Bild fangt nun auch an, sich am obern Teile stark rot, am untern blau und violett zu farben. Bei dieser Umkehrung vermögen die verschwundenen Bilder des obern Teils nicht sich einzeln wieder- herzustellen. Die Farbung geschieht an dem einzig  übrig gebliebenen untern Teil, an der Base, an dem Kern des Ganzen.

147.   Wer diese sich einander entsprechenden Versuche genau kennt, der wird sogleich einsehen, was es f ür eine Bewandtnis mit den zwei horizontal neben- einander gebrachten Bildern (140) und deren Verr ückung habe, und warum sich das Violette von der Linie des Roten entfernen m üsse, ohne deshalb eine diverse Refrangibilität zu beweisen. Denn wie alles dasjenige, was vom ganzen

 

Bilde gilt, auch von den einzelnen Teilen gelten muß, so gilt von zwei Bildern nebeneinander und von ihren Teilen eben dasselbe; welches wir nun durch Dar- stellung und Entwicklung der Newtonischen Vorrichtung noch umständlicher und unwidersprechlicher zeigen wollen.

148.   Man stelle einen schmalen, etwa fingerbreiten Streifen von weißem Pa- pier, quer  über einen Rahmen befestigt, in der dunklen Kammer dergestalt auf, daß er einen dunklen Hintergrund habe, und lasse nun von zwei neben- einander gestellten Prismen von einem die rote Farbe, vom andern die violette oder auch wohl blaue auf diesen Streifen fallen; man nehme alsdann das Pris- ma vors Auge und sehe nach diesem Streifen: Das Rote wird an demselben verharren, sich mit dem Streifen verr ücken und nur noch feuriger rot werden. Das Violette hingegen wird das Papier verlassen und als ein geistiger, jedoch sehr deutlicher Streif tiefer unten  über der Finsternis schweben. Abermals eine sehr empfehlenswerte Erscheinung f ür diejenigen, welche die Newtonische Ta- schenspielerei fortzusetzen gedenken, hochlich bewundernswert f ür die Sch üler in der Laufbank.

149.   Aber damit man vom Staunen zum Schauen  übergehen moge, geben wir folgende Vorrichtung an. Man mache den gedachten Streifen nicht sehr lang, nicht langer, als daß beide Bilderteile, jedes zur Halfte, darauf Platz haben. Man mache die Wangen des Rahmens, an die man den Streifen befe- stigt, etwas breit, so daß die andre Halfte der Bilder, der Lange nach geteilt, darauf erscheinen konne. Man sieht nun also beide Bilder zugleich mit allen ihren Schattierungen, das eine hoher, das andre tiefer, zu beiden Seiten des Rahmens. Man sieht nun auch einzelne Teile nach Belieben, z. B. Gelbrot und Blaurot von beiden Seiten auf dem Papierstreifen. Nun ergreife man jene Ver- suchsweise. Man blicke durchs Prisma nach dieser Vorrichtung, so wird man zugleich die Veranderung der ganzen Bilder und die Veranderung der Teile gewahr werden. Das hohere Bild, welches dem Streifen die rote Farbe mitteilt, zieht sich zusammen, ohne daß das Rote seine Stelle auf dem Rahmen, ohne daß die rote Farbe den Streifen verlasse. Das niedrigere Bild aber, welches die violette Farbe dem Streifen mitteilt, kann sich nicht zusammenziehen, oh- ne daß das Violette seine Stelle auf dem Rahmen und folglich auch auf dem Papier verlasse. Auf dem Rahmen wird man sein Verhältnis zu den  übrigen Farben noch immer erblicken, neben dem Rahmen aber wird der vom Papier sich herunterbewegende Teil wie in der Luft zu schweben scheinen. Denn die hinter ihm liegende Finsternis ist f ür ihn eben so gut eine Tafel, als es der Rahmen f ür das auf ihn geworfene und auf ihm sich verändernde objektive Bild ist. Daß dem also sei, kann man daraus aufs genauste erkennen, daß der herabschwebende isolierte Farbenstreif immer mit seiner gleichen Farbe im

 

halben Spektrum an der Seite Schritt halt, mit ihr horizontal steht, mit ihr sich herabzieht und endlich, wenn jene verschwunden ist, auch verschwindet. Wir werden dieser Vorrichtung und Erscheinung eine Figur auf unsrer zwolften Tafel widmen, und so wird demjenigen, der nach uns experimentieren, nach uns die Sache genau betrachten und  überlegen will, wohl kein Zweifel  übrig bleiben, daß dasjenige, was wir behaupten, das Wahre sei.

150.   Sind wir so weit gelangt, so werden wir nun auch diejenigen Versuche einzusehen und einzuordnen wissen, welche Newton seinem siebenten Versu- che, ohne ihnen jedoch eine Zahl zu geben, hinzuf ügt. Doch wollen wir selbi- ge sorgfältig bearbeiten und sie zu Bequemlichkeit k ünftigen Allegierens mit Nummern versehen.

151.   Man erinnere sich vor allen Dingen jenes f ünften Versuches, bei welchem zwei  übers Kreuz gehaltene Prismen dem Spektrum einen B ückling abzwan- gen, wodurch die diverse Refrangibilität der verschiedenen Strahlen erwiesen werden sollte, wodurch aber nach uns bloß ein allgemeines Naturgesetz, die Wirkung in der Diagonale bei zwei gleichen im rechten Winkel anregenden Kraften, ausgesprochen wird.

152.   Gedachten Versuch konnen wir nun gleichfalls durch Verbindung des Subjektiven mit dem Objektiven anstellen und geben folgende Vorrichtung dazu an, welche sowohl dieses als die nachstehenden Experimente erleichtert. Man werfe zuerst durch ein vertikal stehendes Prisma das verlängerte Son- nenbild seitwarts auf die Tafel, so daß die Farben horizontal nebeneinander zu stehen kommen; man halte nunmehr das zweite Prisma horizontal wie ge- wohnlich vor die Augen, so wird, indem das rote Ende des Bildes an seinem Platze verharrt, die violette Spitze ihren Ort auf der Tafel scheinbar verlassen und sich in der Diagonale herunterneigen. Also vorbereitet schreite man zu den zwei von Newton vorgeschlagenen Versuchen.

153.   VII. Jenem von uns angegebenen vertikalen Prisma f üge man ein andres gleichfalls vertikales hinzu, dergestalt, daß zwei langliche farbige Bilder in einer Reihe liegen. Diese beiden zusammen betrachte man nun abermals durch ein horizontales  Prisma, so werden sie sich beide in der Diagonale neigen, dergestalt, daß das rote Ende fest steht und gleichsam die Achse ist, worum sich das Bild herumdreht; wodurch aber weiter nichts ausgesprochen wird, als was wir schon wissen.

154.   VII b. Aber eine Vermannigfaltigung dieses Versuches ist dem unge- achtet noch angenehm. Man stelle die beiden vertikalen Prismen dergestalt,

 

daß die Bilder  übereinander fallen, jedoch im umgekehrten Sinne, so daß das Gelbrote des einen auf das Violette des andern, und umgekehrt, falle; man be- trachte nun durch das horizontale Prisma diese beiden f ürs nackte Auge sich deckenden Bilder, und sie werden sich f ür das bewaffnete nunmehr kreuzweise  übereinander neigen, weil jedes in seinem Sinn diagonal bewegt wird. Auch dieses ist eigentlich nur ein kurioser Versuch; denn es bleibt unter einer wenig verschiedenen Bedingung immer dasselbe, was wir gewahr werden. Mit den folgenden beiden verhält es sich ebenso.

155.   VII c. Man lasse auf jenen weißen Papierstreifen (148) den roten und violetten Teil der beiden prismatischen farbigen Bilder aufeinander fallen; sie werden sich vermischen und eine Purpurfarbe hervorbringen. Nimmt man nun- mehr ein Prisma vor die Augen, betrachtet diesen Streifen, so wird das Violette sich von dem Gelbroten ablösen, heruntersteigen, die Purpurfarbe verschwin- den, das Gelbrote aber stehen zu bleiben scheinen. Es ist dieses dasselbige, was wir oben (149) nebeneinander gesehen haben, und f ür uns kein Beweis f ür die diverse Refraktion, sondern nur f ür die Determinabilitat des Farbenbildes.

156.   VII d. Man stelle zwei kleine runde Papierscheiben in geringer Entfer- nung nebeneinander und werfe den gelbroten Teil des Spektrums durch ein Prisma auf die eine Scheibe, den blauroten auf die andre, der Grund dahinter sei dunkel. Diese so erleuchteten Scheiben betrachte man durch ein Prisma, welches man dergestalt halt, daß die Refraktion sich gegen den roten Zirkel bewegt; je weiter man sich entfernt, je näher r ückt das Violette zum Roten hin, trifft endlich mit ihm zusammen und geht sogar dar über hinaus. Auch dieses Phänomen wird jemand, der mit dem bisher beschriebenen Apparat umzugehen weiß, leicht hervorbringen und abzuleiten  verstehen. Alle diese dem siebenten Versuche angehängte Versuche sind, so wie der siebente selbst, nur Variationen jenes ob- und subjektiven Hauptversuches (E. 350–356). Denn es ist ganz einerlei, ob ich das objektiv an die Wand geworfene prismatische Bild, im ganzen oder teilweise, in sich selbst zusammenziehe, oder ob ich ihm einen B ückling in der Diagonale abzwinge. Es ist ganz einerlei, ob ich dies mit einem oder mit mehreren prismatischen objektiven Bildern tue, ob ich es mit den ganzen Bildern oder mit den Teilen vornehme, ob ich sie nebeneinan- der,  übereinander, verschrankt oder sich teilweise deckend richte und schiebe: immer bleibt das Phanomen eins und dasselbe und spricht nichts weiter aus, als daß ich das in einem Sinn, z. B. aufwärts, hervorgebrachte objektive Bild durch subjektive im entgegengesetzten Sinn, z. B. herabwarts, angewendete Refraktion zusammenziehen, aufheben und im Gegensatze farben kann.

 

157.   Man sieht also hieraus, wie sich eigentlich die Teile des objektiv entstan- denen Farbenbildes zu subjektiven Versuchen keineswegs gebrauchen lassen, weil in solchem Falle sowohl die ganzen Erscheinungen als die Teile dersel- ben verändert werden und nicht einen Augenblick dieselbigen bleiben. Was bei solchen Versuchen f ür eine Komplikation obwalte, wollen wir durch ein Beispiel anzeigen und etwas oben Geäußertes dadurch weiter ausf ühren und vollig deutlich machen.

158.   Wenn man jenen Papierstreifen in der dunklen Kammer mit dem ro- ten Teile des Bildes erleuchtet und ihn alsdann durch ein zweites Prisma in ziemlicher Nähe betrachtet, so verläßt die Farbe das Papier nicht, vielmehr wird sie an dem obern Rande sehr viel lebhafter. Woher entspringt aber diese lebhaftere Farbe? Bloß daher, weil der Streifen nunmehr als ein helles rotes Bild wirkt, welches durch die subjektive Brechung oben einen gleichnamigen Rand gewinnt und also erhöht an Farbe erscheint. Ganz anders verhält sich’s, wenn der Streifen mit dem violetten Teile des Bildes erleuchtet wird. Durch die subjektive Wirkung zieht sich zwar die violette Farbe von dem Streifen weg (148, 149), aber die Hellung bleibt ihm einigermaßen. Dadurch erscheint er in der dunklen Kammer wie ein weißer Streif auf schwarzem Grunde und farbt sich nach dem bekannten Gesetz, indessen das herabgesunkene violette Scheinen dem Auge gleichfalls ganz deutlich vorschwebt. Hier ist die Natur abermals durchaus konsequent, und wer unsern didaktischen und polemischen Darstellungen gefolgt ist, wird hieran nicht wenig Vergn ügen finden. Ein Glei- ches bemerkt man bei dem Versuche VII d.

159.   Ebenso verhält es sich in dem oben beschriebenen Falle (144), da wir die einzelnen  übereinander erscheinenden farbigen Bilder subjektiv herabziehen. Die farbigen Scheinen sind es nur, die den Platz verlassen; aber die Hellung, die sie auf der weißen Tafel erregt haben, kann nicht aufgehoben werden. Diese farblosen hellen zur ückbleibenden Bilder werden nunmehr nach den bekannten subjektiven Gesetzen gefärbt und bringen dem, der mit dieser Erscheinung nicht bekannt ist, eine ganz besondere Konfusion in das Phanomen.

160.   Auf das vorhergehende, vorz üglich aber auf unsern 135. Paragraph be- zieht sich ein Versuch, den wir nachbringen. Man habe im Fensterladen hori- zontal nahe nebeneinander zwei kleine runde ö ffnungen. Vor die eine schiebe man ein blaues, vor die andere ein gelbrotes Glas, wodurch die Sonne her- einscheint. Man hat also hier wie dort (135) zwei verschiedenfarbige Bilder nebeneinander. Nun fasse man sie mit einem Prisma auf und werfe sie auf eine weiße Tafel. Hier werden sie nicht ungleich in die Hohe ger ückt, sondern sie bleiben unten auf einer Linie; aber genau besehen sind es zwei prismatische

 

Bilder, welche unter dem Einfluß der verschiedenen farbigen Gläser stehen und also insofern verändert sind, wie es nach der Lehre der scheinbaren Mischung und Mitteilung notwendig ist.

161.   Das eine durch das gelbe Glas fallende Spektrum hat seinen obern violetten Schweif fast gänzlich eingeb üßt; der untere gelbrote Saum hingegen erscheint mit verdoppelter Lebhaftigkeit; das Gelbe der Mitte erhöht sich auch zu einem Gelbroten, und der obere blaue Saum wird in einen gr ünlichen ver- wandelt. Dagegen behalt jenes durch das blaue Glas gehende Spektrum seinen violetten Schweif vollig bei; das Blaue ist deutlich und lebhaft, das Gr üne zieht sich herunter, und statt des Gelbroten erscheint eine Art Purpur.

162.   Stellt man die gedachten beiden Versuche entweder nebeneinander oder doch unmittelbar nacheinander an, so  überzeugt man sich, wie unrecht Newton gehandelt habe, mit den beweglichen physischen Farben und den fixierten chemischen ohne Unterschied zu operieren, da sie doch ihrer verschiedenen Natur nach ganz verschiedene Resultate hervorbringen m üssen, wie wir wohl hier nicht weiter auseinanderzusetzen brauchen.

163.   Auch jenen objektiv-subjektiven Versuch (E. 350–354) mit den eben gedachten  beiden verschiedenen prismatischen Farbenbildern vorzunehmen, wird belehrend sein. Man nehme wie dort das Prisma vor die Augen, betrachte die Spektra erst nahe, dann entferne man sich von ihnen nach und nach; sie werden sich beide, besonders das blaue, von oben herein zusammenziehen, das eine endlich ganz gelbrot, das andere ganz blau erscheinen und, indem man sich weiter entfernt, umgekehrt gefärbt werden.

164.   So mochte denn auch hier der Platz sein, jener Vorrichtung abermals zu gedenken, welche wir schon fr üher (E. 284) beschrieben haben. In einer Pappe sind mehrere Quadrate farbigen Glases angebracht; man erhellet sie durch das Sonnen-, auch nur durch das Tageslicht, und wir wollen hier genau anzeigen, was gesehen wird, wenn man an ihnen den subjektiven Versuch macht, indem man sie durch das Prisma betrachtet. Wir tun es um so mehr, als diese Vorrichtung k ünftig bei subjektiver Verr ückung farbiger Bilder den ersten Platz einnehmen und mit einiger Veränderung und Zusatzen beinahe allen  übrigen Apparat entbehrlich machen wird.

165.   Zuvörderst messe man jene Quadrate, welche aus der Pappe herausge- schnitten werden sollen, sehr genau ab und  überzeuge sich, daß sie von einerlei Große sind. Man bringe alsdann die farbigen Gläser dahinter, stelle sie gegen den grauen Himmel und betrachte sie mit bloßem Auge. Das gelbe Quadrat als

 

das hellste wird am großten erscheinen (E. 16). Das gr üne und blaue wird ihm nicht viel nachgeben, hingegen das gelbrote und violette als die dunkelsten werden sehr viel kleiner erscheinen. Diese physiologische Wirkung der Far- ben, insofern sie heller oder dunkler sind, nur beiläufig zu Ehren der großen Konsequenz nat ürlicher Erscheinungen.

166.   Man nehme sodann ein Prisma vor die Augen und betrachte diese ne- beneinander gestellten Bilder. Da sie spezifiziert und chemisch fixiert sind, so werden sie nicht, wie jene des Spektrums, verändert oder gar aufgehoben, sondern sie verharren in ihrer Natur, und nur die beg ünstigende oder verk üm- mernde Wirkung der Rander findet statt.

167.   Obgleich jeder diese leichte Vorrichtung sich selbst anschaffen wird, ob wir schon dieser Phänomene öfters gedacht haben, so beschreiben wir sie doch wegen eines besondern Umstands hier k ürzlich, aber genau. Am gelben Bilde sieht man deutlich den obern hochroten Rand, der gelbe Saum verliert sich in der gelben Fläche; am untern Rande entsteht ein Gr ün, doch sieht man das Blaue sowie ein maßig herausstrebendes Violett ganz deutlich. Beim Gr ü- nen ist alles ungefähr dasselbige, nur matter, gedämpfter, weniger Gelb, mehr Blau. Am Blauen erscheint der rote Rand braunlich und stark abgesetzt, der gelbe Saum macht eine Art von schmutzigem Gr ün, der blaue Rand ist sehr beg ünstigt und erscheint fast in der Größe des Bildes selbst. Er endigt in einen lebhaften violetten Saum. Diese drei Bilder, gelb, gr ün und blau, scheinen sich stufenweise herabzusenken und einem Unaufmerksamen die Lehre der diversen Refrangibilität zu beg ünstigen. Nun tritt aber die merkw ürdige Erscheinung des Violetten ein, welche wir schon oben (45) angedeutet haben. Verhältnismä- ßig zum Violetten ist der gelbrote Rand nicht widersprechend; denn Gelbrot und Blaurot bringen bei apparenten Farben Purpur hervor. Weil nun hier die Farbe des durchscheinenden Glases auch auf einem hohen Grade von Reinheit steht, so verbindet sie sich mit dem an ihr entspringenden gelbroten Rand; es entsteht eine Art von braunlichem Purpur, und das Violette bleibt mit seiner obern Grenze unverr ückt, indes der untere violette Saum sehr weit und lebhaft herabwarts strebt. Daß ferner das gelbrote Bild an der obern Grenze beg ün- stigt wird und also auf der Linie bleibt, versteht sich von selbst, sowie daß an der untern wegen des Widerspruchs kein Blau und also auch kein daraus entspringendes Violett entstehen kann, sondern vielmehr etwas Schmutziges daselbst zu sehen ist.

168.   Will man diese Versuche noch mehr vermannigfaltigen, so nehme man farbige Fensterscheiben und klebe Bilder von Pappe auf dieselben. Man stelle sie gegen die Sonne, so daß diese Bilder dunkel auf farbigem Grund erscheinen,

 

und man wird die umgekehrten Ränder, Saume und ihre Vermischung mit der Farbe des Glases abermals gewahr werden. Ja, man mag die Vorrichtung ver- mannigfaltigen, soviel man will, so wird das Falsche jenes ersten Newtonischen Versuchs und aller der  übrigen, die sich auf ihn beziehen, dem Freunde des Wahren, Geraden und Folgerechten immer deutlicher werden.

Achter Versuch

 

169.   Der Verfasser laßt das prismatische Bild auf ein gedrucktes Blatt fal- len und wirft sodann durch die Linse des zweiten Experiments diese farbig erleuchtete Schrift auf eine weiße Tafel. Hier will er denn auch wie dort die Buchstaben im blauen und violetten Licht naher an der Linse, die im roten aber weiter von der Linse deutlich gesehen haben. Der Schluß, den er daraus zieht, ist uns schon bekannt, und wie es mit dem Versuche, welcher nur der zweite, jedoch mit apparenten Farben, wiederholt, beschaffen sein mag, kann sich jeder im allgemeinen vorstellen, dem jene Ausf ührung gegenwartig geblie- ben. Allein es treten noch besondere Umstände hinzu, die es ratlich machen, auch den gegenwartigen Versuch genau durchzugehen, und zwar dabei in der Ordnung zu verfahren, welche wir bei jenem zweiten der Sache gemäß gefun- den, damit man vollig einsehe, inwiefern diese beiden Versuche parallel gehen und inwiefern sie voneinander abweichen.

170.   1) Das Vorbild (54–57). In dem gegenwartigen Falle stehen die Lettern der Druckschrift anstatt jener schwarzen Faden, und nicht einmal so vorteil- haft; denn sie sind von den apparenten Farben mehr oder weniger  überlasiert. Aber der von Newton hier wie dort vernachlassigte Hauptpunkt ist dieser: daß die verschiedenen Farben des Spektrums an Hellung ungleich sind. Denn das prismatische Sonnenbild zerfällt in zwei Teile, in eine Tag- und Nachtseite. Gelb und Gelbrot stehen auf der ersten, Blau und Blaurot auf der zweiten. Die unterliegende Druckschrift ist in der gelben Farbe am deutlichsten, im Gelbroten weniger; denn dieses ist schon gedrängter und dunkler. Blaurot ist durchsichtig, verd ünnt, aber beleuchtet wenig. Blau ist gedrängter, dich- ter, macht die Buchstaben tr über, oder vielmehr seine Tr übe verwandelt die Schwarze der Buchstaben in ein sch¨ones Blau, deswegen sie vom Grunde we- niger abstechen. Und so erscheint nach Maßgabe so verschiedener Wirkungen diese farbig beleuchtete Schrift, dieses Vorbild, an verschiedenen Stellen ver- schieden deutlich.

171.   Außer diesen Mangeln des hervorgebrachten Bildes ist die Newtonische

Vorrichtung in mehr als einem Sinne unbequem. Wir haben daher eine neue

 

ersonnen, die in folgendem besteht. Wir nehmen einen Rahmen, der zu un- serm Gestelle (69) paßt,  überziehen denselben mit Seidenpapier, worauf wir mit starker Tusche verschiedene Z üge, Punkte u. dgl. kalligraphisch anbrin- gen und sodann den Grund mit feinem ö l durchsichtig machen. Diese Tafel kommt vollig an die Stelle des Vorbildes zum zweiten Versuche. Das prisma- tische Bild wird von hinten darauf geworden, die Linse ist nach dem Zimmer zu gerichtet, und in gehöriger Entfernung steht die zweite Tafel, worauf die Abbildung geschehen soll. Eine solche Vorrichtung hat große Bequemlichkei- ten, indem sie diesen Versuch dem zweiten gleichstellt, auch sogar darin, daß die Schattenstriche rein schwarz dastehen und nicht von den prismatischen Farben  überlasiert sind.

172.   Hier drängt sich uns abermals auf, daß durchaus das experimentie- rende Verfahren Newtons deshalb tadelhaft ist, weil er seinen Apparat mit auffallender Ungleichheit einmal zufällig ergreift, wie ihm irgend etwas zur Hand kommt, dann aber mit Komplikation und  ü berk ünstelung nicht fertig werden kann.

173.   Ferner ist hier zu bemerken, daß Newton sein Vorbild behandelt, als war’ es unveränderlich wie das Vorbild des zweiten Versuchs, da es doch wan- delbar ist. Nat ürlicherweise laßt sich das hier auf der R ückseite des durchsichti- gen Papiers erscheinende Bild, durch ein entgegengesetztes Prisma angesehen, auf den Nullpunkt reduzieren und sodann vollig umkehren. Wie sich durch Linsen das prismatische Bild verandern laßt, erfahren wir k ünftig, und wir halten uns um so weniger bei dieser Betrachtung auf, als wir zum Zwecke des gegenwartigen Versuchs dieses Bild einstweilen als ein fixes annehmen d ürfen.

174.   2) Die Beleuchtung (57). Die apparenten Farben bringen ihr Licht mit; sie haben es in und hinter sich. Aber doch sind die verschiedenen Stellen des Bildes nach der Natur der Farben mehr oder weniger beleuchtet und daher jenes Bild der  überfärbten Druckschrift hochst ungleich und mangelhaft.  ü ber- haupt gehört dieser Versuch sowie der zweite ins Fach der Camera obscura. Man weiß, daß alle Gegenstände, welche sich in der dunklen Kammer abbilden sollen, hochst erleuchtet sein m üssen. Bei der Newtonischen sowie bei unserer Vorrichtung aber ist es keine Beleuchtung des Gegenstandes, der Buchstaben oder der Z üge, sondern eine Beschattung derselben, und zwar eine ungleiche; deshalb auch Buchstaben und Z üge als ganze Schatten in helleren oder dunk- leren Halbschatten und Halblichtern sich ungleich darstellen m üssen. Doch hat auch in diesem Betracht die neuere Vorrichtung große Vorz üge, wovon man sich leicht  überzeugen kann.

 

175.   3) Die Linse (58–69). Wir bedienen uns eben derselben, womit wir den zweiten Versuch anstellten, wie  überhaupt des ganzen dort beschriebenen Apparates.

176.   4) Das Abbild (70–76). Da nach der Newtonischen Weise schon das Vor- bild sehr ungleich und undeutlich ist, wie kann ein deutliches Abbild entstehen! Auch legt Newton, unsern angegebenen Bestimmungen gemäß, ein Bekennt- nis ab, wodurch er, wie ofters geschieht, das Resultat seines Versuches wieder aufhebt. Denn ob er gleich zu Anfang versichert, er habe sein Experiment im Sommer bei dem hellsten Sonnenschein angestellt, so kommt er doch zuletzt mit einer Nachklage und Entschuldigung, damit man sich nicht wundern mo- ge, wenn die Wiederholung des Versuchs nicht sonderlich gelänge. Wir horen ihn selbst:

177.   Das gefärbte Licht des Prismas war aber doch noch sehr zusammengesetzt, weil die Kreise, die ich in der zweiten Figur des f ünften Experiments beschrieben habe, sich ineinander schoben und auch das Licht von glanzenden Wolken, zunächst bei der Sonne, sich mit diesen Farben vermischte; ferner weil das Licht durch die Ungleichheiten in der Politur des Prismas unregelmäßig zersplittert wurde. Um aller dieser Nebenumstände willen war das farbige Licht, wie ich sagte, noch so mannigfal- tig zusammengesetzt, daß der Schein von jenen schwachen und dunklen Farben, dem Blauen und Violetten, der auf das Papier fiel, nicht so viel Deutlichkeit gewährte, um eine gute Beobachtung zuzulassen.

178.   Das Unheil solcher Reservationen und Restriktionen geht durch das ganze Werk. Erst versichert der Verfasser, er habe bei seinen Vorrichtungen die großte Vorsicht gebraucht, die hellsten Tage abgewartet, die Kammer her- metisch verfinstert, die vortrefflichsten Prismen ausgewählt, und dann will er sich hinter Zufälligkeiten fl üchten, daß Wolken vor der Sonne gestanden, daß durch eine schlechte Politur das Prisma unsicher geworden sei. Der homoge- nen, nie zu homogenisierenden Lichter nicht zu gedenken, welche sich einander verwirren, verunreinigen, ineinander greifen, sich stören und niemals das sind, noch werden konnen, was sie sein sollen. Mehr als einmal muß uns daher je- ner ber ühmte theatralische Hetman der Kosaken einfallen, welcher sich ganz zum Newtonianer geschickt hatte. Denn ihn w ürde es vortrefflich kleiden, mit großer Behaglichkeit auszurufen:  Wenn ich Zirkel sage, so mein’ ich eben, was

nicht rund ist; sage ich gleic ” so heißt das immer noch zusammengesetzt,

und sag’ ich weiß, so kann es f ürwahr nichts anders heißen als schmutzig.“

179.   Betrachten wir nunmehr die Erscheinung nach unserer Anstalt, so fin- den wir die schwarzen Z üge deutlicher oder undeutlicher, nicht in bezug auf

 

die Farben, sondern aufs Hellere oder Dunklere derselben, und zwar sind die Stufen der Deutlichkeit folgende: Gelb, Gr ün, Blau, Gelbrot und Blaurot; da denn die beiden letztern, je mehr sie sich dem Rande, dem Dunklen nahern, die Z üge immer undeutlicher darstellen.

180.   Ferner ist hierbei ein gewisser Bildpunkt offenbar, in welchem so wie auf der Flache, die ihn parallel mit der Linse durchschneidet, die samtlichen Ab- bildungen am deutlichsten erscheinen. Indessen kann man die Linse von dem Vorbilde ab- und zu dem Vorbilde zur ücken, so daß der Unterschied beinahe einen Fuß beträgt, ohne daß das Abbild merklicher undeutlich werde.

181.   Innerhalb dieses Raumes hat Newton operiert, und nichts ist nat ürli- cher, als daß die von den helleren prismatischen Farben erleuchteten Z üge auch da schon oder noch sichtbar sind, wenn die von den dunkleren Farben erleuch- teten oder vielmehr beschatteten Z üge verschwinden. Daß aber, wie Newton behauptet, die von den Farben der Tagseite beleuchteten Buchstaben alsdann undeutlich werden, wenn die von der Nachtseite her beschienenen deutlich zu sehen sind, ist ein f ür allemal nicht wahr, so wenig wie beim zweiten Experi- mente, und alles, was Newton daher behaupten will, fallt zusammen.

182.   5) Die Folgerung. Gegen diese bleibt uns nach allem dem, was bisher ausgef ührt und dargetan worden, weiter nichts zu wirken  übrig.

183.   Ehe wir aber uns aus der Gegend dieser Versuche entfernen, so wollen wir noch einiger andern erwähnen, die wir bei dieser Gelegenheit anzustellen veranlaßt worden. Das zweite Experiment so energisch als moglich darzustel- len, brachten wir verschiedenfarbige, von hinten wohl erleuchtete Scheiben an die Stelle des Vorbildes und fanden, was vorauszusehen war, daß sich die durch ausgeschnittene Pappe oder sonst auf denselben abzeichnenden dunklen Bil- der auch nur nach der verschiedenen Helle oder Dunkelheit des Grundes mehr oder weniger auszeichneten. Dieser Versuch f ührte uns auf den Gedanken, ge- malte Fensterscheiben an die Stelle des Vorbildes zu setzen, und alles fand sich einmal wie das andre Mal.

184.   Hiervon war der  ü bergang zur Zauberlaterne ganz nat ürlich, deren Erscheinungen mit dem zweiten und achten Versuche Newtons im wesentlichen zusammentreffen;  überall spricht sich die Wahrheit der Natur  und unserer naturgemäßen Darstellung sowie das Falsche der Newtonischen verk ünstelten Vorstellungsart energisch aus.

 

185.   Nicht weniger ergriffen wir die Gelegenheit, in einer portativen Camera obscura an einem Festtage bei dem hellsten Sonnenschein die buntgeputzten Leute auf dem Spaziergange anzusehen. Alle nebeneinander sich befindenden variegierten Kleider waren deutlich, sobald die Personen in den Bildpunkt oder in seine Region kamen; alle Muster zeigten sich genau, es mochte bloß Hell und Dunkel oder beides mit Farbe oder Farbe mit Farbe wechseln. Wir konnen also hier abermals k ühn wiederholen, daß alles nat ürliche und k ünstliche Sehen unmöglich wäre, wenn die Newtonische Lehre wahr sein sollte.

186.   Der Hauptirrtum, dessen Beweis man durch den achten sowie durch die zwei ersten Versuche erzwingen will, ist der, daß man farbigen Flächen, Farben, wenn sie als Massen im Malersinne erscheinen und wirken, eine Eigen- schaft zuschreiben mochte, vermöge welcher sie, nach der Refraktion, fr üher oder später in irgendeinem Bildpunkt anlangen; da es doch keinen Bildpunkt ohne Bild gibt und die Aberration, die bei Verr ückung des Bildes durch Bre- chung sich zeigt, bloß an den Randern vorgeht, die Mitte des Bildes hingegen nur in einem außersten Falle affiziert wird. Die diverse Refrangibilität ist also ein Marchen. Wahr aber ist, daß Refraktion auf ein Bild nicht rein wirkt, son- dern ein Doppelbild hervorbringt, dessen Eigenschaft wir in unserm Entwurf genugsam klargemacht haben.

 

Rekapitulation der acht ersten Versuche

 

187.   Da wir nunmehr auf einen Punkt unserer polemischen Wanderung ge- kommen sind, wo es vorteilhaft sein mochte, still zu stehen und sich umzu- schauen nach dem Weg, welchen wir zur ückgelegt haben, so wollen wir das Bisherige zusammenfassen und mit wenigen Worten die Resultate darstellen.

188.   Newtons bekannte, von andern und uns bis zum  ü berdruß wiederholte Lehre soll durch jene acht Versuche bewiesen sein. Und gewiß, was zu tun war, hat er getan; denn im folgenden findet sich wenig Neues; vielmehr sucht er nur von andern Seiten her seine Argumente zu bekräftigen. Er vermannig- faltigt die Experimente und notigt ihnen immer neue Bedingungen auf. Aus dem schon Abgehandelten zieht er Folgerungen, ja er geht polemisch gegen Andersgesinnte zu Werke. Doch immer dreht er sich nur in einem engen Krei- se und stellt seinen k ümmerlichen Hausrat bald so, bald so zurechte. Kennen wir den Wert der hinter uns liegenden acht Experimente, so ist uns in dem Folgenden weniges mehr fremd. Daher kommt es auch, daß die  ü berlieferung der Newtonischen Lehre in den Kompendien unserer Experimentalphysik so

 

lakonisch vorgetragen werden konnte. Mehrgedachte Versuche gehen wir nun einzeln durch.

189.   In dem dritten Versuche wird das Hauptphänomen, das prismatische Spektrum, unrichtig als Skale dargestellt, da es urspr ünglich aus einem Entge- gengesetzten, das sich erst später vereinigt, besteht. Der vierte Versuch zeigt uns eben diese Erscheinung subjektiv, ohne daß wir mit ihrer Natur  tiefer bekannt w ürden. Im f ünften neigt sich gedachtes Bild durch wiederholte Re- fraktion etwas verlängert zur Seite. Woher diese Neigung in der Diagonale sowie die Verlängerung sich herschreibe, wird von uns umständlich dargetan.

190.   Der sechste Versuch ist das sogenannte experimentum crucis, und hier ist wohl der Ort, anzuzeigen, was eigentlich durch diesen Ausdruck gemeint sei. Crux bedeutet hier einen in Kreuzesform an der Landstraße stehenden Wegweiser, und dieser Versuch soll also f ür einen solchen gelten, der uns vor allem Irrtum bewahrt und unmittelbar auf das Ziel hindeutet. Wie es mit ihm beschaffen, wissen diejenigen, die unserer Ausf ührung gefolgt sind. Eigentlich geraten wir dadurch ganz ins Stocken und werden um nichts weiter gebracht, nicht einmal weiter gewiesen. Denn im Grunde ist es nur ein idem per idem. Refrangiert man das ganze prismatische Bild in derselben Richtung zum zwei- tenmal, so verlängert es sich, wobei aber die verschiedenen Farben ihre vorigen Entfernungen nicht behalten. Was auf diese Weise am Ganzen geschieht, ge- schieht auch an den Teilen. Im Ganzen r ückt das Violette viel weiter vor als das Rote, und eben dasselbe tut das abgesonderte Violette. Dies ist das Wort des Ratsels, auf dessen falsche Auflosung man sich bisher so viel zugute getan hat. In dem siebenten Versuche werden ahnliche subjektive Wirkungen gezeigt und von uns auf ihre wahren Elemente zur ückgef ührt.

191.   Hatte sich nun der Verfasser bis dahin beschäftigt, die farbigen Lichter aus dem Sonnenlichte herauszuzwingen, so war schon fr üher eingeleitet, daß auch korperliche Farben eigentlich solche farbige Lichtteile von sich schicken. Hierzu war der erste Versuch bestimmt, der eine scheinbare Verschiedenheit in Verr ückung bunter Quadrate auf dunklem Grund vors Auge brachte. Das wahre Verhältnis haben wir umständlich gezeigt und gewiesen, daß hier nur die Wirkung der prismatischen Ränder und Saume an den Grenzen der Bilder die Ursache der Erscheinung sei.

192.   Im zweiten Versuche wurden auf gedachten bunten Flächen kleinere Bilder angebracht, welche, durch eine Linse auf eine weiße Tafel geworfen, ihre Umrisse fr üher oder später daselbst genauer bezeichnen sollten. Auch hier haben wir das wahre Verhältnis umständlich auseinandergesetzt, so wie

 

bei dem achten Versuch, welcher, mit prismatischen Farben angestellt, dem zweiten zu Hilfe kommen und ihn außer Zweifel setzen sollte. Und so glauben wir durchaus das Verfängliche und Falsche der Versuche sowie die Nichtigkeit der Folgerungen enth üllt zu haben.

193.   Um zu diesem Zwecke zu gelangen, haben wir immerfort auf unsern Entwurf hingewiesen, wo die Phanomene in naturgemäßerer Ordnung aufge- f ührt sind. Ferner bemerkten wir genau, wo Newton etwas Unvorbereitetes einf ührt, um den Leser zu  überraschen. Nicht weniger suchten wir zugleich die Versuche zu vereinfachen und zu vermannigfaltigen, damit man sie von der rechten Seite und von vielen Seiten sehen moge, um sie durchaus beurteilen zu konnen. Was wir sonst noch getan und geleistet, um zu unserm Endzweck zu gelangen, dar über wird uns der g ünstige Leser und Teilnehmer selbst das Zeugnis geben.

 

Dritte Proposition. Drittes Theorem

Das Licht der Sonne besteht aus Strahlen, die verschieden reflexibel sind, und die am meisten refrangiblen Strahlen sind auch die am meisten reflexiblen.

194.   Nachdem der Verfasser uns genugsam  überzeugt zu haben glaubt, daß unser weißes, reines, einfaches helles Licht aus verschiedenen farbigen dunklen Lichtern insgeheim gemischt sei, und diese innerlichen Teile durch Refraktion hervorgenötigt zu haben wahnt, so denkt er nach, ob nicht auch noch auf andere Weise diese Operation gl ücken m¨ochte, ob man nicht durch andere verwandte Bedingungen das Licht notigen konne, seinen Busen aufzuschließen.

195.   Der Refraktion ist die Reflexion nahe verwandt, so daß die erste nicht ohne die letzte vorkommen kann. Warum sollte Reflexion, die sonst so machtig ist, nicht auch diesmal auf das unschuldige Licht ihre Gewalt aus üben? Wir haben eine diverse Refrangibilität; es ware doch schon, wenn wir auch eine diverse Reflexibilität hatten. Und wer weiß, was sich nicht noch alles fernerhin daran anschließen laßt! Daß nun dem Verfasser der Beweis durch Versuche, wozu er sich nunmehr anschickt, vor den Augen eines gewarnten Beobachters ebensowenig als seine bisherigen Beweise gelingen werde, laßt sich vorausse- hen, und wir wollen von unserer Seite zur Aufklärung dieses Fehlgriffs das Moglichste beitragen.

 

Neunter Versuch

 

196.   Wie der Verfasser hierbei zu Werke geht, ersuchen wir unsere Leser in der Optik selbst nachzusehen; denn wir gedenken, anstatt uns mit ihm einzu- lassen, anstatt ihm zu folgen und ihn Schritt vor Schritt zu widerlegen, uns auf eigenem Wege um die wahre Darstellung des Phänomens zu bem ühen. Wir haben zu diesem Zweck auf unserer achten Tafel die einundzwanzigste Figur der vierten Newtonischen Tafel zum Grunde gelegt, jedoch eine natur- gemaßere Abbildung linearisch ausgedr ückt, auch zu besserer Ableitung des Phanomens die Figur f ünfmal nach ihren steigenden Verhältnissen wieder- holt, wodurch die in dem Versuch vorgeschriebene Bewegung gewissermaßen vor Augen gebracht und, was eigentlich vorgehe, dem Beschauenden offenbar wird.  ü brigens haben wir zur leichtern  ü bersicht des Ganzen die Buchstaben der Newtonischen Tafeln beibehalten, so daß eine Vergleichung sich bequem anstellen laßt. Wir beziehen uns hierbei auf die Erläuterung unserer Kupferta- feln, wo wir noch manches  über die Unzulänglichkeit und Verfänglichkeit der Newtonischen Figuren  überhaupt beizubringen gedenken.

197.   Man nehme nunmehr  unsere achte Tafel vor sich und betrachte die erste Figur. Bei F trete das Sonnenbild in die finstre Kammer, gehe durch das rechtwinklige Prisma ABC bis auf dessen Base M , von da an gehe es weiter durch, werde gebrochen, gefärbt und male sich auf die uns bekannte Weise auf einer unterliegenden Tafel als ein langliches Bild GH . Bei dieser ersten Figur erfahren wir weiter nichts, als was uns schon lange bekannt ist.

198.   In der zweiten Figur trete das Sonnenbild gleichfalls bei F in die dunkle Kammer, gehe in das rechtwinkliche Prisma ABC und spiegle sich auf dessen Boden M dergestalt ab, daß es durch die Seite AC heraus nach einer unter- liegenden Tafel gehe und daselbst das runde und farblose Bild N aufwerfe. Dieses runde Bild ist zwar ein abgeleitetes, aber ein vollig unverändertes; es hat noch keine Determination zu irgendeiner Farbe erlitten.

199.   Man lasse nun, wie die dritte Figur zeigt, dieses Bild N auf ein zweites Prisma V X Y fallen, so wird es beim Durchgehen eben das leisten, was ein ori- ginares oder von jedem Spiegel zur ückgeworfenes Bild leistet; es wird namlich nach der uns genugsam bekannten Weise auf der entgegengestellten Tafel das langliche gefarbte Bild pt abmalen.

200.   Man lasse nun nach unsrer vierten Figur den Apparat des ersten Pris- mas durchaus wie bei den drei ersten Fallen und fasse mit einem zweiten

 

Prisma V X Y  auf eine behutsame Weise nur den obern Rand des Bildes N auf, so wird sich zuerst auf der entgegengesetzten Tafel der obere Rand p des Bildes pt blau und violett zeigen, dahingegen der untere t sich erst etwas später sehen laßt, nur dann erst, wenn man das ganze Bild N durch das Prisma V X Y aufgefaßt hat. Daß man eben diesen Versuch mit einem direkten oder von ei- nem Planspiegel abgespiegelten Sonnenbilde machen konne, versteht sich von selbst.

201.   Der grobe Irrtum, den hier der Verfasser begeht, ist der, daß er sich und die Seinigen  überredet, das bunte Bild GH der ersten Figur habe mit dem farblosen Bilde N der zweiten, dritten und vierten Figur den innigsten Zusam- menhang, da doch auch nicht der mindeste stattfindet. Denn wenn das bei der ersten Figur in M anlangende Sonnenbild durch die Seite BC hindurchgeht und nach der Refraktion in GH gefarbt wird, so ist dieses ein ganz anderes Bild als jenes, das in der zweiten Figur von der Stelle M nach N zur ückge- worfen wird und farblos bleibt, bis es, wie uns die dritte Figur  ü berzeugt, in pt auf der Tafel, bloß als kame es von einem direkten Lichte, durch das zweite Prisma gefärbt abgebildet wird.

202.   Bringt man nun, wie in der vierten Figur gezeichnet ist, ein Prisma sehr schief in einen Teil des Bildes (200), so geschieht dasselbe, was Newton durch eine langsame Drehung des ersten Prismas um seine Achse bewirkt – eine von den scheinbaren Feinheiten und Akkuratessen unseres Experimentators.

203.   Denn wie wenig das Bild, das bei M durchgeht und auf der Tafel das Bild GH bildet, mit dem Bilde, das bei M zur ückgeworfen und farblos bei N abgebildet wird, gemein habe, wird nun jedermann deutlich sein. Allein noch auffallender ist es, wenn man bei der f ünften Figur den Gang der Linien ver- folgt. Man wird alsdann sehen, daß da, wo das Bild M nach der Refraktion den gelben und gelbroten Rand G erzeugt, das Bild N nach der Refraktion den violetten p erzeuge, und umgekehrt, wo das Bild M den blauen und blauroten Rand H erzeugt, das Bild N , wenn es die Refraktion durchgegangen, den gel- ben und gelbroten Rand t erzeuge; welches ganz nat ürlich ist, da einmal das Sonnenbild F in dem ersten Prisma herunterwärts und das abgeleitete Bild M in N hinaufwärts gebrochen wird. Es ist also nichts als die alte, uns bis zum  ü berdruß bekannte Regel, die sich hier wiederholt und welche nur durch die Newtonischen Subtilitäten, Verworrenheiten und falschen Darstellungen dem Beobachter und Denker aus den Augen ger ückt wird. Denn die Newtonische Darstellung auf seiner vierten Tafel, Figur 21, gibt bloß das Bild mit einer ein- fachen Linie an, weil der Verfasser, wie es ihm beliebt, bald vom Sonnenbild, bald vom Licht, bald vom Strahle redet; und gerade im gegenwartigen Falle ist

 

es hochst bedeutend, wie wir oben bei der vierten Figur unserer achten Tafel gezeigt haben, die Erscheinung als Bild, als einen gewissen Raum einnehmend zu betrachten. Es w ürde leicht sein, eine gewisse Vorrichtung zu machen, wo alles das Erforderliche auf einem Gestelle fixiert beisammen st ünde, welches notig ist, damit man durch eine sachte Wendung das Phänomen hervorbrin- gen und das Verfängliche und Unzulängliche des Newtonischen Versuchs dem Freunde der Wahrheit vor Augen stellen konne.

Zehnter Versuch

 

204.   Auch hier ware es Not, daß man einige Figuren und mehrere Blätter Widerlegung einem Versuch widmete, der mit dem vorigen in genauem Zu- sammenhang steht. Aber es wird nun Zeit, daß wir dem Leser selbst etwas zutrauen, daß wir ihm die Freude g¨onnen, jene Verworrenheiten selbst zu ent- wickeln. Wir  übergeben ihm daher Newtons Text und die daselbst angef ührte Figur. Er wird eine umständliche Darstellung, eine Illustration, ein Scholion finden, welche zusammen weiter nichts leisten, als daß sie den neunten Ver- such mit mehr Bedingungen und Umständlichkeiten belasten, den Hauptpunkt unfaßlicher machen, keineswegs aber einen bessern Beweis gr ünden.

205.   Dasjenige, worauf hierbei alles ankommt, haben wir schon umständlich herausgesetzt (201), und wir d ürfen also hier dem Beobachter, dem Beurteiler nur k ürzlich zur Pflicht machen, daran festzuhalten, daß die beiden prisma- tischen Bilder, wovon das eine nach der Spiegelung, das andere nach dem Durchgang durch das Mittel hervorgebracht wird, in keiner Verbindung, in keinem Verhältnis zusammen stehen, jedes vielmehr f ür sich betrachtet wer- den muß, jedes f ür sich entspringt, jedes f ür sich aufgehoben wird, so daß alle Beziehung untereinander, von welcher uns Newton so gern  überreden mochte, als ein leerer Wahn, als ein beliebiges Märchen anzusehen ist.

 

Newtons Rekapitulation der zehn ersten Versuche

 

206.   Wenn wir es von unserer Seite f ür n¨otig und vorteilhaft hielten, nach den acht ersten Versuchen eine  ü bersicht derselben zu veranlassen,  so tut Newton dasselbige auf seine Weise nach dem zehnten, und indem wir ihn hier zu beobachten alle Ursache haben, finden wir uns in dem Falle, unsern Widerspruch abermals zu artikulieren. In einem hochst verwickelten Perioden drängt er das nicht Zusammengehörende neben- und  übereinander, dergestalt,

 

daß man nur mit innerster Kenntnis seines bisherigen Verfahrens und mit ge- nauester Aufmerksamkeit dieser Schlinge entgehen kann, die er hier, nachdem er sie lange zurecht gelegt, endlich zusammenzieht. Wir ersuchen daher unsere Leser, dasjenige nochmals mit Geduld in anderer Verbindung anzuhören, was schon ofter vorgetragen worden; denn es ist kein ander Mittel, seinen bis zum  ü berdruß wiederholten Irrtum zu vertilgen, als daß man das Wahre gleichfalls bis zum  ü berdruß wiederhole.

207.   Findet man nun bei allen diesen mannigfaltigen Experimenten, man mache den Versuch mit reflektiertem Licht, und zwar sowohl mit solchem, das von nat ür- lichen K¨orpern (Exper. 1, 2), als auch mit solchem, das von spiegelnden (Exper. 9) zur ückstrahlt;

208.   Hier bringt Newton unter der Rubrik des reflektierten Lichtes Versu- che zusammen, welche nichts gemein miteinander haben, weil es ihm darum zu tun ist, die Reflexion in gleiche W ürde und Wirkung mit der Refraktion, was Farben hervorbringen betrifft, zu setzen. Das spiegelnde Bild im neunten Experiment wirkt nicht anders als ein direktes, und sein Spiegeln hat mit Her- vorbringung der Farbe gar nichts zu tun. Die nat ürlichen gefärbten Korper des ersten und zweiten Experiments hingegen kommen auf eine ganz andere Weise in Betracht. Ihre Oberflächen sind spezifiziert, die Farbe ist an ihnen fixiert, das daher reflektierende Licht macht diese ihre Eigenschaften sicht- bar, und man will nur, wie auch schon fr üher geschehen, durch das Spiel der Terminologie hier abermals andeuten, daß von den nat ürlichen Korpern far- bige Lichter, aus dem farblosen Hauptlicht durch gewisse Eigenschaften der Oberfläche herausgelockte Lichter, reflektieren, welche sodann eine diverse Re- fraktion erdulden sollen. Wir wissen aber besser, wie es mit diesem Phänomen steht, und die drei hier angef ührten Experimente imponieren uns weder in ihrer einzelnen falschen Darstellung noch in ihrer gegenwartigen erzwungenen Zusammenstellung.

209.   oder man mache denselben mit gebrochenem Licht, es sei nun, bevor die ungleich gebrochenen Strahlen durch Divergenz voneinander abgesondert sind, bevor sie noch die Weiße, welche aus ihrer Zusammensetzung entspringt, verloren haben, also bevor sie noch einzeln, als einzelne Farben erscheinen (Exper. 5);

210.   Bei dieser Gelegenheit kommen uns die Nummern unserer Paragraphen sehr gut zustatten; denn es w ürde Schwierigkeit haben, am f ünften Versuche das, was hier geaußert wird, aufzufinden. Es ist eigentlich nur bei Gelegenheit des f ünften Versuches angebracht, und wir haben schon dort auf das Einpa- schen dieses konterbanden Punktes alle Aufmerksamkeit erregt. Wie k ünstlich

 

bringt Newton auch hier das Wahre gedämpft herein, damit es ja sein Falsches nicht  überleuchte. Man merke sein Bekenntnis! Die Brechung des Lichtes ist also nicht allein hinreichend, um die Farben zu sondern, ihnen ihre anfängliche Weiße zu nehmen, die ungleichen Strahlen einzeln als einzelne Farben erschei- nen zu machen; es gehort noch etwas anderes dazu, und zwar eine Divergenz. Wo ist von dieser Divergenz bisher auch nur im mindesten die Rede gewe- sen? Selbst an der angef ührten Stelle (112) spricht Newton wohl von einem gebrochnen und weißen Lichte, das noch rund sei, auch daß es gefärbt und langlich erscheinen konne; wie aber sich eins aus dem andern entwickele, eins aus dem andern herfließe, dar über ist ein tiefes Stillschweigen. Nun erst in der Rekapitulation spricht der kluge Mann das Wort Divergenz als im Vorbeigehen aus, als etwas, das sich von selbst versteht. Aber es versteht sich neben seiner Lehre nicht von selbst, sondern es zerstört solche unmittelbar. Es wird also oben (112) und hier abermals zugestanden, daß ein Licht, ein Lichtbild, die Brechung erleiden und nicht vollig farbig erscheinen konne. Wenn dem so ist, warum stellen denn Newton und seine Sch üler Brechung und vollige Farbener- scheinung als einen und denselben Akt vor? Man sehe die erste Figur unserer siebenten Tafel, die durch alle Kompendien bis auf den heutigen Tag wieder- holt wird; man sehe so viele andere Darstellungen, sogar die ausf ührlichsten, z. B. in Martins Optik. wird nicht  überall Brechung und vollkommene Diver- genz aller sogenannten Strahlen gleich am Prisma vorgestellt? Was heißt denn aber eine nach vollendeter Brechung eintretende spatere Divergenz? Es heißt nur gestehen, daß man unredlich zu Werke geht, daß man etwas einschieben muß, was man nicht brauchen und doch nicht leugnen kann.

211.   Auch oben (112) geht Newton unredlich zu Werke, indem er das gebro- chene Lichtbild f ür weiß und rund angibt, da es zwar in der Mitte weiß, aber doch an den Randern gefarbt und schon einigermaßen langlich erscheint. Daß die Farbenerscheinung bloß an den Rändern entstehe, daß diese Ränder diver- gieren, daß sie endlich  übereinander greifen und das ganze Bild bedecken, daß hierauf alles ankomme, daß durch dieses simple Phänomen die Newtonische Theorie zerstört werde, haben wir zu unserem eigenen  ü berdruß hundertmal wiederholt. Allein wir versäumen hier die Gelegenheit nicht, eine Bemerkung beizubringen, wodurch der Starrsinn der Newtonianer einigermaßen entschul- digt wird. Der Meister namlich kannte recht gut die Umstände, welche seiner Lehre widerstrebten. Er verschwieg sie nicht, er verh üllte, er versteckte sie nur; doch erwahnt war derselben. Brachte man nun nachher den Newtonia- nern einen solchen Umstand als der Lehre widerstreitend vor, so versicherten sie, der Meister habe das alles schon gewußt, aber nicht darauf geachtet, seine Theorie immerfort f ür gegr ündet und unumstößlich gehalten, und so m üßten denn doch wohl diese Dinge von keiner Bedeutung sein. Was uns betrifft, so

 

machen wir auf das Bekenntnis: Refraktion tue es nicht allein, sondern es ge- hore Divergenz dazu, aber und abermals aufmerksam, indem wir uns in der Folge des Streites noch manchmal darauf werden beziehen m üssen.

212.   oder nachdem sie voneinander gesondert worden und sich gefarbt zeigen (Ex- per. 6, 7, 8);

213.   Wem durch unsere umständliche Ausf ührung nicht klar geworden, daß durch gedachte drei Experimente nicht das mindeste geleistet und dargetan ist, mit dem haben wir weiter nichts mehr zu reden

214.   man experimentiere mit Licht, das durch parallele Oberflachen hindurchge- gangen, welche wechselseitig ihre Wirkung aufheben (Exper. 10):

215.   Ein Sonnenbild, das rechtwinklig durch parallele Oberflächen hindurch- gegangen ist, findet sich wenig verändert und bringt, wenn es nachher durch ein Prisma hindurchgeht, vollig diejenige Erscheinung hervor, welche ein un- mittelbares leistet. Das zehnte Experiment ist wie so viele andere nichts als eine Verk ünstelung ganz einfacher Phänomene, vermehrt nur die Masse des- sen, was  überschaut werden soll, und steht auch hier in dieser Rekapitulation ganz m üßig.

216.   Findet man, sage ich, bei allen diesen Experimenten immer Strahlen, welche, bei gleichen Incidenzen auf dasselbe Mittel, ungleiche Brechungen erleiden,

217.   Niemals findet man Strahlen, man erklärt nur die Erscheinungen durch Strahlen; nicht eine ungleiche, sondern eine nicht ganz reine, nicht scharf ab- geschnittene Brechung eines Bildes findet man, deren Ursprung und Anlaß wir genugsam entwickelt haben. Daß Newton und seine Schule dasjenige mit Augen zu sehen glauben, was sie in die Phänomene hineintheoretisiert haben, das ist es eben, wor über man sich beschwert.

218.   und  das nicht etwa durch Zersplitterung oder Erweiterung der einzelnen

Strahlen,

219.   Hier wird eine ganz unrichtige Vorstellung ausgesprochen. Newton be- hauptet namlich, dem farbigen Lichte begegne das nicht, was dem weißen Lichte begegnet; welches nur der behaupten kann, der unaufmerksam ist und auf zarte Differenzen nicht achtet. Wir haben umständlich genug gezeigt, daß einem farbigen Bilde eben das bei der Brechung begegne, was einem weißen begegnet, daß es an den Randern gesetzmäßig prismatisch gefärbt werde.

 

220.   noch durch irgendeine zufällige Ungleichheit der Refraktion (Exper. 5 u. 6);

221.   Daß die Farbenerscheinung bei der Refraktion nicht zufällig, sondern gesetzmäßig sei, dieses hat Newton ganz richtig eingesehen und behauptet. Die Geschichte wird uns zeigen, wie dieses wahre Aperc¸u seinem falschen zur Base gedient; wie uns denn dort auch noch manches wird erklärbar werden.

222.   findet Man ferner, daß die an Brechbarkeit verschiedenen Strahlen voneinan- der getrennt und sortiert werden konnen, und zwar sowohl durch Refraktion (Exper.

3) als durch Reflexion (Exper. 10),

223.   Im dritten Experiment sehen wir die Farbenreihe des Spektrums; daß das aber getrennte und sortierte Strahlen seien, ist eine bloße hypothetische und, wie wir gen ügsam wissen, h¨ochst unzulängliche Erklärungsformel. Im zehnten Experiment geschieht nichts, als daß an der einen Seite ein Spektrum verschwindet, indem an der andern Seite ein neues entsteht, das sich jedoch weder im ganzen noch im einzelnen keineswegs von dem ersten herschreibt, nicht im mindesten mit demselben zusammenhängt.

224.   und daß diese verschiedenen Arten von Strahlen jede besonders bei gleichen Incidenzen ungleiche Refraktion erleiden, indem diejenigen, welche vor der Scheidung mehr als die andern gebrochen wurden, auch nach der Scheidung mehr gebrochen werden (Exper. 6 u. ff.);

225.   Wir haben das sogenannte experimentum crucis, und was Newton dem- selben noch irgend zur Seite stellen mag, so ausf ührlich behandelt und die da- bei vorkommenden verfänglichen Umstände und verdeckten Bedingungen so sorgfältig ins plane und klare gebracht, daß uns hier nichts zu wiederholen  üb- rig bleibt, als daß bei jenem Experiment, welches uns den wahren Weg weisen soll, keine diverse Refrangibilität im Spiel ist, sondern daß eine wiederholte fortgesetzte Refraktion nach ihren ganz einfachen Gesetzen immer fort- und weiterwirkt.

226.   findet man endlich, daß, wenn man das Sonnenlicht durch drei oder mehrere kreuzweis gestellte Prismen nach und nach hindurchgeht, diejenigen Strahlen, welche in dem ersten Prisma mehr gebrochen waren als die andern, auf dieselbe Weise und in demselben Verhaltnis in allen folgenden Prismen abermals gebrochen werden:

227.   Hier ist abermals ein Kreuz, an das der einfache Menschensinn geschla- gen wird; denn es ist auch hier derselbe Fall wie bei dem experimentum crucis. Bei diesem ist es eine wiederholte fortgesetzte Refraktion auf geradem Wege

 

im Sinne der ersten; beim f ünften Versuch aber ist es eine wiederholte fortge- setzte Refraktion nach der Seite zu, wodurch das Bild in die Diagonale und nachher zu immer weiterer Senkung genotigt wird, wobei es denn auch wegen immer weiterer Verr ückung an Länge zunimmt.

228.   so ist offenbar, daß das Sonnenlicht eine heterogene Mischung von Strahlen ist, deren einige beständig mehr refrangibel sind als andre; welches zu erweisen war.

229.   Uns ist nur offenbar, daß das Sonnenbild so gut wie jedes andre helle oder dunkle, farbige oder farblose, insofern es sich vom Grunde auszeichnet, durch Refraktion an dem Rand ein farbiges Nebenbild erhält, welches Neben- bild unter gewissen Bedingungen wachsen und das Hauptbild zudecken kann.

230.   Daß Newton aus lauter falschen Prämissen keine wahre Folgerung zie- hen konnte, versteht sich von selbst. Daß er durch seine zehn Experimente nichts bewiesen, darin sind gewiß alle aufmerksamen Leser mit uns einig. Der Gewinn, den wir von der zur ückgelegten Arbeit ziehen, ist erstlich, daß wir eine falsche, hohle Meinung los sind, zweitens, daß wir die Konsequenz eines fr üher (E. 178–356) abgeleiteten Phänomens deutlich einsehen, und drittens, daß wir ein Muster von sophistischer Entstellung der Natur kennenlernten, das nur ein außerordentlicher Geist wie Newton, dessen Eigensinn und Hartnäckig- keit seinem Genie gleich kam, aufstellen konnte. Wir wollen nun, nachdem wir so weit gelangt, versuchen, ob wir zunächst unsere Polemik uns und unsern Lesern bequemer machen konnen.

ü bersicht des Nächstfolgenden

 

231.   Wenn wir uns hatten durch die Newtonische Rekapitulation  überzeugen lassen, wenn wir geneigt waren, seinen Worten Beifall zu geben, seiner Theorie beizutreten, so w ürden wir uns verwundern, warum er denn die Sache nicht f ür abgetan halte, warum er fortfahre, zu beweisen, ja, warum er wieder von vorn anfange. Es ist daher eine  ü bersicht desto n¨otiger, was und wie er es denn eigentlich beginnen will, damit uns deutlich werde, zu welchem Ziele er nun eigentlich hinschreitet.

232.   Im allgemeinen sagen wir erst hier über so viel. Newtons Lehre war der naturforschenden Welt lange Zeit nur aus dem Briefe an die Londoner So- zietät bekannt; man untersuchte, man beurteilte sie hiernach mit mehr oder weniger Fahigkeit und Gl ück. Der Hauptsatz, daß die aus dem weißen hete-

 

rogenen Licht geschiedenen homogenen Lichter unveranderlich seien und bei wiederholter Refraktion keine andere Farbe als ihre eigene zeigten, ward von Mariotte bestritten, der wahrscheinlich, indem er das experimentum crucis untersuchte, bei der zweiten Refraktion die fremden Farbenränder der kleinen farbigen Bildchen bemerkt hatte. Newton griff also nach der Ausflucht: jene durch den einfachen prismatischen Versuch gesonderten Lichter seien nicht genugsam gesondert, hierzu gehore abermals eine neue Operation, und so sind die vier nachsten Versuche zu diesem Zweck ersonnen und gegen diesen Wi- dersacher gerichtet, gegen welchen sie in der Folge auch durch Desaguliers gebraucht werden.

233.   Zuerst also macht er aufs neue wunderbare Anstalten, um die verschie- denen in dem heterogenen Licht steckenden homogenen Lichter, welche bisher nur gewissermaßen getrennt worden, endlich und schließlich vollig zu scheiden, und widmet diesem Zweck den elften Versuch. Dann ist er bem üht, abermals vor Augen zu bringen und einzuscharfen, daß diese nunmehr wirklich geschie- denen Lichter bei einer neuen Refraktion keine weitere Veränderung erleiden. Hierzu soll der zwolfte, dreizehnte und vierzehnte Versuch dienstlich und hilf- reich sein.

234.   Wie oft sind uns nicht schon jene beiden Propositionen wiederholt wor- den; wie entschieden hat der Verfasser nicht schon behauptet, diese Aufgaben seien gelost: und hier wird alles wieder von vorn vorgenommen, als ware nichts geschehen! Die Schule halt sich deshalb um so sichrer, weil es dem Meister ge- lungen, auf so vielerlei Weise dieselbe Sache darzustellen und zu befestigen. Allein genauer betrachtet, ist seine Methode die Methode der Regentraufe, die durch wiederholtes Tropfen auf dieselbige Stelle den Stein endlich aushöhlt; welches denn doch zuletzt ebensoviel ist, als wenn es gleich mit t üchtiger, wahrer Gewalt eingeprägt ware.

235.   Um sodann zu dem Praktischen zu gelangen, scharft er die aus sei- nem Wahn nat ürlich herzuleitende Folgerung nochmals ein, daß bei gleicher Incidenz des zusammengesetzten, heterogenen Lichts nach der Brechung jeder gesonderte homogene Strahl sein besonderes Richtungsverhältnis habe, so daß also dasjenige, was vorher beisammen gewesen, nunmehr unwiederbringlich voneinander abgesondert sei.

236.   Hieraus leitet er nun zum Behuf der Praxis, wie er glaubt, unwider- leglich ab, daß die dioptrischen Fernröhre nicht zu verbessern seien. Die di- optrischen Fernröhre sind aber verbessert worden, und nur wenige Menschen haben sogleich r ückwarts geschlossen, daß eben deshalb die Theorie falsch

 

sein m üsse; vielmehr hat die Schule, wie es uns in der Geschichte besonders interessieren wird, bei ihrer volligen theoretischen  ü berzeugung noch immer versichert, die dioptrischen Fernröhre seien nicht zu verbessern, nachdem sie schon lange verbessert waren.

237.   Soviel von dem Inhalt des ersten Teils von hier bis ans Ende. Der Ver- fasser tut weiter nichts, als daß er das Gesagte mit wenig veranderten Worten, das Versuchte mit wenig veranderten Umständen wiederholt; weswegen wir uns denn abermals mit Aufmerksamkeit und Geduld zu waffnen haben.

238.   Schließlich f ührt Newton sodann das von ihm eingerichtete Spiegeltele- skop vor, und wir haben ihm und uns Gl ück zu w ünschen, daß er, durch eine falsche Meinung beschränkt, einen so wahrhaft n ützlichen Ausweg gefunden. Gestehen wir es nur: der Irrtum, insofern er eine Notigung enthält, kann uns auch auf das Wahre hindrängen, so wie man sich vor dem Wahren, wenn es uns mit allzu großer Gewalt ergreift, gar zu gern in den Irrtum fl üchten mag.

 

Vierte Proposition. Erstes Problem

Man soll die heterogenen Strahlen des zusammengesetzten Lichts voneinander ab- sondern.

239.   Wie mag Newton hier abermals mit dieser Aufgabe hervortreten? Hat er doch oben schon versichert, daß die homogenen Strahlen voneinander ge- sondert (212), daß sie voneinander getrennt und sortiert worden (223)! Nur zu wohl f ühlt er bei den Einwendungen seines Gegners, daß er fr üher nichts geleistet, und gesteht nun auch, daß es nur gewissermaßen geschehen. Deshalb bem üht er sich aufs neue mit einem weitläufigen Vortrag, mit Aufgabe des Elften Versuchs, mit Illustration der zu demselben gehörigen Figur, und be- wirkt dadurch ebensowenig als vorher; nur verwickelt er die Sache nach seiner Weise dergestalt, daß nur der Wohlunterrichtete darin klar sehen kann.

240.   Indem nun dies alles nach schon abgeschlossener Rekapitulation ge- schieht, so laßt sich denken, daß nur dasjenige wiederholt wird, was schon dagewesen. Wollten wir, wie bisher meist geschehen, Wort vor Wort mit dem Verfasser kontrovertieren, so w ürden wir uns auch nur wiederholen m üssen und unseren Leser aufs neue in ein Labyrinth f ühren, aus dem er sich schon mit uns herausgewickelt hat. Wir erwahlen daher eine andere Verfahrungs- art; wir gedenken zu zeigen, daß jene Aufgabe unmöglich zu losen sei, und

 

wir brauchen hierzu nur an das zu erinnern, was von uns schon an mehreren

Stellen, besonders zum f ünften Versuch, umständlich ausgef ührt worden.

241.   Alles kommt darauf an, daß man einsehe, die Sonne sei bei objektiven prismatischen Experimenten nur als ein leuchtendes Bild zu betrachten; daß man ferner gegenwartig habe, was vorgeht, wenn ein helles Bild verr ückt wird. An der einen Seite erscheint namlich der gelbrote Rand, der sich hineinwärts, nach dem Hellen zu, ins Gelbe verliert, an der andern der blaue Rand, der sich hinauswärts, nach dem Dunkeln zu, ins Violette verliert.

242.   Diese beiden farbigen Seiten sind urspr ünglich getrennt, gesondert und geschieden; dagegen ist das Gelbe nicht vom Gelbroten, das Blaue nicht vom Blauroten zu trennen. Verbreitert man durch weitere Verr ückung des Bildes diese Ränder und Saume dergestalt, daß Gelb und Blau einander ergreifen, so mischt sich das Gr ün, und die auf eine solche Weise nunmehr  entstan- dene Reihe von Farben kann durch abermalige Verlängerung des Bildes so wenig auseinandergeschieden werden, daß vielmehr die innern Farben, Gelb und Blau, sich immer mehr  übereinander schieben und sich zuletzt im Gr ünen vollig verlieren, da denn statt sieben oder f ünf Farben nur drei  übrigbleiben.

243.   Wer diese von uns wiederholt vorgetragene Erscheinung recht gefaßt hat, der wird das Newtonische Benehmen ohne weiteres beurteilen konnen. Newton bereitet sich ein sehr kleines leuchtendes Bild und verr ückt es durch eine wunderliche Vorrichtung dergestalt, daß er es f ünfundsiebzigmal langer als breit will gefunden haben. Wir gestehen die Moglichkeit dieser Erscheinung zu; allein was ist dadurch gewonnen?

244.   Die eigentliche Verlängerung eines hellen großen oder kleinen Bildes bewirkt nur der außere violette Saum; der innre gelbe verbindet sich mit dem blauen Rande und geht aus dem Bilde nicht heraus. Daher folgt, daß bei gleicher Verr ückung ein kleines Bild ein ander Verhältnis seiner Breite zur Lange habe als ein großes, welches Newton gern leugnen mochte, weil es freilich seiner Lehre geradezu widerspricht (90–93),

245.   Hat man den wahren Begriff recht gefaßt, so wird man das Falsche der Newtonischen Vorstellung gleich erkennen, die wir (E. 103–10?) genugsam er- ortert haben. Gegenwartig bringen wir folgendes bei. Nach Newton besteht das verlängerte Bild aus lauter ineinander greifenden Kreisen, welche in dem weißen Sonnenbilde, sich gleichsam deckend,  übereinander liegen und nun we- gen ihrer diversen Refrangibilität durch die Refraktion auseinander geschoben werden. Nun kommt er auf den Gedanken, wenn man die Diameter der Kreise

 

verkleinerte und das prismatische Bild soviel als moglich verlängerte, so w ür- den sie nicht mehr wie beim großren Bilde  übereinandergreifen, sondern sich mehr voneinander entfernen und auseinandertreten. Um sich dieses zu versinn- lichen, stelle man eine Saule von Speziestalern und eine andere von ebensoviel Groschen nebeneinander auf den Tisch, lege sie um und schiebe sie in gleicher Richtung sacht auseinander, und zwar, daß die Mittelpunkte der Taler und Groschen jederzeit gegeneinander  überliegen, und man wird bald sehen, daß die Groschen schon lange voneinander abgesondert sind, wenn die Peripherien der Taler noch  übereinander greifen. Auf eine so krude Weise hat sich Newton die diverse Refrangibilität seiner homogenen Strahlen gedacht, so hat er sie abgebildet; man sehe seine 15. und 23. Figur und auf unserer siebenten Tafel Figur 5, 6, 7. Allein da er bei allem Zerren des Bildes weder in dem vorigen Versuche noch beim gegenwärtigen die Farben auseinandersondern kann, so faßt er in der Zeichnung die Kreise immer noch mit punktierten Linien ein, so daß sie als gesondert und nicht gesondert auf dem Papier angedeutet sind. Da fl üchtet man sich denn hinter eine andere Supposition; man versichert, daß es nicht etwa f ünf oder sieben, sondern unendliche homogene Strahlen gebe. Hat man also diejenigen, die man erst f ür nachbarlich annahm, vonein- ander abgesondert, so tritt immer ein Zwischenstrahl gleich hervor und macht die m ühselige, schon als gl ücklich gelungen angegebene Operation abermals unmöglich.

246.   Auf dieses elfte Experiment hin, ohne solches im mindesten zu untersu- chen, hat man die Moglichkeit einer vollkommnen Absonderung jener homo- genen supponierten Strahlen in Schulen fortgelehrt und die Figuren nach der Hypothese, ohne die Natur oder den Versuch zu fragen, kecklich abgebildet. Wir konnen nicht umhin, den 370. Paragraph der Erxlebenschen Naturlehre hier Wort vor Wort abdrucken zu lassen, damit man an diesem Beispiel sehe, wie verwegen ein kompilierender Kompendienschreiber sein muß, um ein un-

bearbeitetes oder falsch bearbeitetes Kapitel fertig zu machen. ”

Licht besteht aus so viel Kreisen, als Farben darin sind, wovon der eine rot, der

andere orangegelb usw. der letzte violett ist, und die ineinander in den farbi- gen Streifen zusammenfließen. Jeder dieser Kreise ist das Bild der Sonne, das von solchem Lichte, dessen Brechbarkeit verschieden ist, auch nicht an einen Ort fallen kann. Weil aber diese Kreise so groß sind, daß sie nur deswegen in- einander zusammenfließen, so kann man sie dadurch kleiner machen, daß man ein erhobenes Glas zwischen das Prisma und das Loch im Fensterladen halt; dann stellt sich jedes einfache Licht in Gestalt kleiner runder Scheiben einzeln vor, in einer Reihe  übereinander; 75 Fig. a ist das rote, b das violette Licht.“ In gedachter Figur nun sind die sieben Lichter als sieben Zirkelchen ganz rein und ruhig  übereinander gesetzt, eben als wenn sie doch irgend jemand einmal

 

so gesehen hatte; die verbindenden Strichelchen sind weggelassen, welche New- ton denselben kl üglich doch immer beigegeben. Und so steht diese Figur ganz sicher zwischen andern mathematischen Linearzeichnungen und Abbildungen mancher zuverlässigen Erfahrung, und so hat sie sich durch alle Lichtenbergi- sche Ausgaben erhalten.

247.   Daß wir  über dieses elfte Experiment schneller als  über die andern weg- gehen, dazu bewegt uns außer obgemeldeten Ursachen auch noch folgende. Newton verbindet hier zum erstenmal Prisma und Linse, ohne uns auch nur im mindesten belehrt zu haben, was denn eigentlich vorgehe, wenn man mit diesen so nah verwandten und so sehr verschiedenen Instrumenten zusammen operiere. Diesmal will er durch ihre Verbindung seine marchenhaften Lichter sondern, in der Folge wird er sie auf eben dem Weg vereinigen und sein wei- ßes Licht daraus wiederherstellen, welches letztere Experiment besonders mit unter diejenigen gehört, deren die Newtonianer immer im Triumph erwähnen. Wir werden daher, sobald wir einen schicklichen Ruhepunkt finden, deutlich machen, was eigentlich vorgeht, wenn man zu einem Versuche Prismen und Linsen vereinigt. Ist dieses geschehen, so konnen wir das elfte Experiment wie- der vorf ühren und sein wahres Verhältnis an den Tag bringen, wie wir denn auch bei Gelegenheit der Kontrovers des Desaguliers gegen Mariotte dieses Versuchs abermals zu gedenken haben.

 

F ünfte Proposition. Viertes Theorem

Das homogene Licht wird regelmäßig, ohne Erweiterung, Spaltung oder Zerstreuung der Strahlen refrangiert, und die verworrene Ansicht der Gegenstände, die man durch brechende Mittel im heterogenen Lichte betrachtet, kommt von der verschiedenen Refrangibilität mehrerer Arten und Strahlen.

248.   Der erste Teil dieser Proposition ist schon fr üher durch das f ünfte Experiment genugsam erwiesen worden;

249.   Daß das f ünfte Experiment nichts bewies, haben wir umständlich dar- getan.

250.   Und die Sache wird durch nachstehende Versuche noch deutlicher werden.

251.   Durch unsre Bemerkung wird noch deutlicher werden, daß die Behaup- tung grundlos und unerweislich ist.

 

Zwolfter Versuch.

 

252.   Ein schwarzes Papier

253.   Warum ein schwarzes Papier? Zu diesem Zweck ist jede durchlöcherte Tafel von Holz, Pappe oder Blech vollkommen geeignet; vielleicht auch wieder ein schwarzes Papier, um recht vorsichtig zu scheinen, daß kein störendes Licht mitwirke.

254.   Ein schwarzes Papier, worin eine runde ö ffnung befindlich war, deren Durch- messer etwa den f ünften oder sechsten Teil eines Zolls hatte,

 

255.   Warum  war die

 

ö ffnung so klein? Doch nur, daß die Beobachtung

 

schwerer und jeder Unterschied unbemerklicher wäre.

256.   stellte  ich so, daß es ein Bild aus homogenem Lichte, so wie wir es in der vorhergehenden Proposition beschrieben haben, aufnahm und ein Teil dieses Lichts durch die ö ffnung durchging. Dann fing ich diesen durchgegangenen Teil mit einem hinter das Papier gestellten Prisma dergestalt auf, daß es in der Entfernung von zwei bis drei Fuß auf eine weiße Tafel senkrecht auffiel. Nach dieser Vorrichtung bemerkte ich, daß jenes Bild, das auf der weißen Tafel durch Brechung jenes homogenen Lichtes abgemalt war, nicht langlich sei wie jenes, als wir im dritten Experiment das zusam- mengesetzte Sonnenlicht gebrochen hatten. Vielmehr war es, insofern ich mit bloßen Augen urteilen konnte, an Lange und Breite gleich und vollkommen rund. Woraus folgt, daß dieses Licht regelmäßig gebrochen worden sei, ohne weitere Verbreiterung der Strahlen.

257.   Hier tritt abermals ein Kunstgriff des Verfassers hervor. Dieses Expe- riment ist vollig dem sechsten gleich, nur mit wenig veränderten Umständen; hier wird es aber wieder als ein neues gebracht, die Zahl der Experimente wird unnötig vermehrt, und der Unaufmerksame, der eine Wiederholung ver- nimmt, glaubt eine Bestätigung, einen neuen Beweis zu horen. Das einmal ge- sagte Falsche dr ückt sich nur starker ein, und man glaubt in den Besitz neuer  ü berzeugungsgr ünde zu gelangen. Was wir daher gegen den sechsten Versuch umständlich angef ührt, gilt auch gegen diesen, und wir enthalten uns, das oft Wiederholte zu wiederholen.

258.   Doch machen wir noch eine Bemerkung.  Der Verfasser sagt, daß er ein homogenes Licht durch die ö ffnung gelassen und sodann zum zweitenmal gebrochen habe; er sagt aber nicht, welche Farbe. Gewiß war es die rote, die

 

ihm zu diesen Zwecken so angenehme gelbrote, weil sie gleichsam mit ihm konspiriert und das verhehlt, was er gern verhehlen mochte. Versuch’ er es doch mit den  übrigen Farben, und wie anders werden die Versuche, wenn er recht zu beobachten Lust hat, ausfallen!

259.   Die beiden folgenden Experimente sind nun prismatisch subjektive, von denen unsre Leser durch den Entwurf genugsam unterrichtet sind. Wir wollen jedoch nicht verschmahen, auch beide hier nochmals zu entwickeln.

Dreizehnter Versuch

 

260.   Ins homogene Licht

261.   Doch wohl wahrscheinlich wieder ins rote.

262.   stellte ich eine papierne Scheibe, deren Diameter ein Viertelszoll war.

263.   Was soll nun wieder dieses winzige Scheibchen? Was ist f ür eine Be- merkung daran zu machen? Doch freilich sind wir mit winzigen ö ffnungen im Laden zu operieren gewohnt, warum nicht auch mit Papierschnitzeln!

264.   Dagegen stellte ich in das weiße heterogene Sonnenlicht,

265.   Man merke noch besonders: nun ist das homogene und heterogene Licht vollkommen fertig. Das, was noch immer bewiesen werden soll, wird schon als ausgemacht, bestimmt, benamset ausgesprochen und dr ückt sich in das Gehirn des glaubigen Sch ülers immer tiefer ein.

266.   das noch nicht gebrochen war, eine andre papierne Scheibe von derselbigen

Große.

267.   Wohl auch deshalb so klein, damit die ganze Flache nachher, durchs

Prisma angeschaut, sogleich gefarbt w ürde.

268.   Dann trat ich einige Schritte zur ück und betrachtete beide Scheiben durch das Prisma. Die Scheibe, welche von dem heterogenen Sonnenlicht erleuchtet war, erschien sehr verlangert, wie jene helle ö ffnung im vierten Experiment, so daß die Breite von der Lange vielmal  übertroffen wurde; die Scheibe aber, vom homogenen Lichte erleuchtet, schien vollig rund und genau begrenzt, ebenso als wenn man sie mit nackten Augen ansah;

 

269.   Wahrscheinlich war also diese letzte, wie schon oben erwahnt, im roten Lichte, und wir konnen, da Newton selbst im ersten Experiment gefarbtes Pa- pier an die Stelle der prismatischen Farben setzt, unsre Leser vollkommen auf das, was teils bei Gelegenheit des sechsten Experiments, teils bei Gelegenheit des ersten gesagt worden, verweisen. Man nehme unsre dritte Tafel wieder zur Hand, worauf sich neben andern Vierecken auch ein rotes und weißes auf schwarzem Grunde finden wird; man betrachte sie durch ein Prisma und lese dazu, was wir fr üher ausgef ührt (E. 271–272), und man wird begreifen, wo- her der Schein kam, durch welchen Newton sich tauschte, ja ein f ür allemal tauschen wollte. Wenn er nun fortfährt

270.   mit welchem Versuch denn also beide Teile dieser Proposition bewiesen wer- den,

271.   so wird wohl niemand, der sich besser belehrte, mit ihm einstimmen, vielmehr den alten Irrtum erkennen und, wenn er ihn je selbst gehegt haben sollte, auf immer von sich werfen.

Vierzehnter Versuch

 

272.   Damit unsre Leser den Wert dieses Versuchs sogleich beurteilen kon- nen, haben wir auf einer Tafel sechs Felder, mit den Hauptfarben illuminiert, angebracht und auf selbige verschiedene dunkle, helle und farbige Korper ge- zeichnet. Man betrachte diese Tafeln nunmehr durchs Prisma, lese alsdann die Newtonische Darstellung der eintretenden Erscheinung und bemerke wohl, daß er bloß dunkle Korper in dem sogenannten homogenen Licht beobachtet und beobachten kann, daß unser Versuch hingegen eine Mannigfaltigkeit von Fal- len darbietet, wodurch wir allein  über das Phänomen zu einer volligen und reinen Einsicht gelangen mogen.

273.   Wenn ich Fliegen und andre dergleichen kleine Korper, vom homogenen Lich- te beschienen, durchs Prisma betrachtete, so sah ich ihre Teile so genau begrenzt, als wenn ich sie mit bloßen Augen beschaute.

274.   Das hier eintretende Verhältnis muß unsern Lesern, besonders denen, auf die unser didaktischer Vortrag Eindruck gemacht, schon genugsam bekannt sein. Es ist namlich dieses, daß die Ränder eines farbigen Bildes auf dunklem Grunde, besonders wenn die Farben selbst dunkel sind, sich nur mit Aufmerk- samkeit beobachten lassen. Hier ist der Fall umgekehrt. Newton bringt dunkle Bilder auf farbigen Grund, welche noch  überdies von dem farbigen Lichte, das

 

den Grund hervorbringt, selbst beschienen und einigermaßen tingiert werden. Daß die prismatischen Rander sodann weniger an diesen Gegenständen er- scheinen, sondern sich mit ihnen vermischen oder am entgegengesetzten Ende aufgehoben werden, ist nat ürlich, so daß sie also ziemlich begrenzt und ohne merkliche Saume gesehen werden. Um aber das Phänomen von allen Seiten auf einmal deutlich zu machen, so haben wir auf unserer zwolften Tafel auf den farbigen Gr ünden helle, dunkle und farbige Bilder angebracht. Der Beob- achter kann sie sogleich durchs Prisma anschauen und wird die Rander und Saume nach den verschiedenen Verhältnissen des Hellen und Dunklen sowie nach den Eigenschaften der verschiedenen Farben  überall erkennen und be- obachten lernen. Er wird einsehen, wie ungl ücklich der Newtonische Vortrag ist, der aus allen Phanomenen immer nur eins, nur dasjenige heraushebt, was ihm g ünstig sein kann, alle die  übrigen aber verschweigt und verbirgt und so von Anfang bis zu Ende seiner belobten Optik verfährt. Kaum ware es notig, den  ü berrest, der sich auf dieses Experiment bezieht, zu  übersetzen und zu beleuchten; wir wollen uns aber diese kleine M ühe nicht reuen lassen.

275.   Wenn ich aber dieselben Korper im weißen, heterogenen, noch nicht gebro- chenen Sonnenlicht

276.   Man merke wohl: Schwarz auf Weiß!

277.   gleichfalls durch das Prisma ansah, so erschienen ihre Grenzen sehr verwor- ren, so daß man ihre kleineren Teile nicht erkennen konnte.

278.   Ganz recht! Denn die kleineren, schmaleren Teile wurden vollig von den

Saumen  überstrahlt und also unkenntlich gemacht.

279.   Gleichfalls, wenn ich kleine gedruckte Buchstaben erst im homogenen, dann im heterogenen Licht durchs Prisma ansah, erschienen sie in dem letztern so verwor- ren und undeutlich, daß man sie nicht lesen konnte, in dem ersteren aber so deutlich, daß man sie bequem las und so genau erkannte, als wenn man sie mit bloßen Augen sahe. In beiden Fallen habe ich die Gegenstände in derselben Lage, durch dasselbe Prisma, in derselben Entfernung betrachtet.

280.   Hier gebärdet sich der Verfasser, als wenn er recht genau auf die Um- stände achtgabe, da er doch den Hauptumstand außer acht gelassen.

281.   Nichts war unterschieden, als daß sie von verschiedenem Licht erleuchtet wurden, davon das eine einfach und das andre zusammengesetzt war.

 

282.   Und nun hatten wir denn also das einfache und zusammengesetzte Licht vollig fertig, das freilich schon viel fr üher fertig war; denn es stak schon in der ersten Proposition und kam immer gleich unerwiesen in jeder Proposition und in jedem Experimente zur ück.

283.   Deswegen also keine andre Ursache sein kann, warum wir jene Gegenstände in einem Fall so deutlich, in dem andern so dunkel sehen, als die Verschiedenheit der Lichter.

284.   Jawohl, der Lichter; aber nicht insofern sie farbig oder farblos, einfach oder zusammengesetzt sind, sondern insofern sie heller oder dunkler scheinen.

285.   Wodurch denn zugleich die ganze Proposition bewiesen wird.

286.   Wodurch denn aber, wie wir unter hoffentlicher Beistimmung aller un- serer Leser ausrufen, nichts bewiesen ist!

287.   Ferner ist in diesen drei Experimenten das auch hochst bemerkenswert, daß die Farbe des homogenen Lichtes bei diesen Versuchen um nichts verandert worden.

288.   Es ist freilich hochst bemerkenswert, daß Newton erst hier bemerkt, was zu dem ABC der prismatischen Erfahrungen gehort, daß namlich eine farbige Fläche so wenig als eine schwarze, weiße oder graue durch Refraktion verändert werde, sondern daß allein die Grenzen der Bilder sich bunt bezeichnen. Be- trachtet man nun durch ein Prisma das farbige Spektrum in ziemlicher Nahe, so daß es nicht merklich vom Flecke ger ückt und seine Versatilität (E. 350–

356) nicht offenbar werde, so kann man die von demselben beschienene Flache als eine wirklich gefärbte zu diesem Zwecke annehmen. Und somit gedenken wir denn, da der Verfasser gl ücklich ans Ende seines Beweises gelangt zu sein glaubt, wir hingegen  überzeugt sind, daß ihm seine Arbeit, ungeachtet aller Bem ühung, hochst mißgl ückt sei, seinen ferneren Konsequenzen auf dem Fuße zu folgen.

 

Sechste Proposition. F ünftes Theorem

Der Sinus der Incidenz eines jeden besondern Strahls ist mit dem Sinus der Refrak- tion im gegebenen Verhaltnis.

289.   Anstatt mit dem Verfasser zu kontrovertieren, legen wir die Sache, wie sie ist, naturgemäß vor und gehen daher bis zu den ersten Anfangen der Er-

 

scheinung zur ück. Die Gesetze der Refraktion waren durch Snellius entdeckt worden. Man hatte sodann gefunden, daß der Sinus des Einfallswinkels mit dem Sinus des Refraktionswinkels im gleichen Mittel jederzeit im gleichen Verhältnis steht.

290.   Dieses Gefundene pflegte man durch eine Linearzeichnung vorzustellen, die wir in der ersten Figur unserer elften Tafel wiederholen. Man zog einen Zir- kel und teilte denselben durch eine Horizontallinie; der obere Halbzirkel stellt das d ünnere Mittel, der untere das dichtere vor. Beide teilt man wieder durch eine Perpendikularlinie; alsdann laßt man im Mittelpunkt den Winkel der In- cidenz von oben und den Winkel der Refraktion von unten zusammenstoßen und kann nunmehr ihr wechselseitiges Maß ausdr ücken.

291.   Dieses ist gut und hinreichend, um die Lehre anschaulich zu machen und das Verhältnis in abstracto darzustellen; allein, um in der Erfahrung die beiden Winkel gegeneinander wirklich zu messen, dazu gehört eine Vorrich- tung, auf die bei dieser Linearfigur nicht hingedeutet ist.

292.   Die Sonne scheine in ein leeres Gefäß (E. 187), sie werfe den Schatten genau bis an die gegen überstehende Wand, und der Schatten bedecke den Boden ganz. Nun gieße man Wasser in das Gefäß, und der Schatten wird sich zur ückziehen gegen die Seite, wo das Licht herkommt. Hat man in dem ersten Falle die Richtung des einfallenden Lichtes, so findet man im zweiten die Richtung des gebrochnen. Woraus erfährt man denn aber das Maß dieser beiden Richtungen als aus dem Schatten, und zwar aus des Schattens Grenze? Um also in der Erfahrung das Maß der Refraktion zu finden, bedarf es eines begrenzten Mittels.

293.   Wir schreiten weiter. Man hatte das oben ausgesprochene Gesetz der Refraktion entdeckt, ohne auf die bei dieser Gelegenheit eintretende Farbener- scheinung nur im mindesten zu achten, indem sie freilich bei parallelen Mitteln sehr gering ist; man hatte die Refraktion des hellen, weißen, energischen Lich- tes zu seiner Incidenz gemessen, betrachtet und auf obige Weise gezeichnet; nun fand aber Newton, daß bei der Refraktion  gesetzmäßig eine Farbener- scheinung eintrete; er erklärte sie durch verschiedenfarbige Lichter, welche in dem weißen stecken sollten und sich, indem sie eine verschiedene Brechbarkeit hatten, sonderten und nebeneinander erschienen.

294.   Hieraus folgte nat ürlich, daß, wenn das weiße Licht einen gewissen ein- zigen Einfallswinkel, wie z. B. bei uns 45 Grad hatte, der Refraktionswinkel der nach der Brechung gesonderten Strahlen verschieden sein mußte, indem

 

einige mehr als andre r ückwarts gingen, und daß also, wenn bei dem einfal- lenden Licht nur ein Sinus in Betracht kam, bei den Refraktionswinkeln f ünf, sieben, ja unzählige Sinus gedacht werden mußten.

295.   Um dieses faßlich zu machen, bediente sich Newton einer Figur von derjenigen entlehnt, wie man das Verhältnis der Refraktion zur Incidenz bisher vorgestellt hatte, aber nicht so vollständig und ausf ührlich.

296.   Man hatte einen Lichtstrahl, der Bequemlichkeit wegen, angenommen, weil die abstrakte Linie die Stelle von Millionen Strahlen vertritt; auch hatte man bei der gedachten Figur der Schranke nicht erwähnt, weil man sie vor- aussetzte; nun erwähnt Newton der Schranke auch nicht, setzt sie auch nicht voraus, sondern  ü bergeht, beseitigt sie und zeichnet seine Figur, wie man bei uns in Nr. 2 sehen kann.

297.   Bedenke man aber, wie oben schon eingeleitet, selbst bei diesen Figuren den Erfahrungsfall. Man lasse unendliche Sonnenstrahlen durch den obern Halbkreis des d ünnern Mittels auf den untern Halbkreis des dichtern Mittels in einem Winkel von 45 Graden fallen; auf welche Weise soll man denn aber beobachten konnen, welch ein Verhältnis die auf die freie Horizontallinie oder - flache des dichtern Mittels fallenden Lichtstrahlen nunmehr nach der Brechung haben? Wie will man den Bezug des Einfallswinkels zum Brechungswinkel auffinden? Man muß doch wohl erst einen Punkt geben, an welchem beide bemerkbar zusammenstoßen konnen.

298.   Dieses ist auf keine Weise zu bewirken, als wenn man irgendein Hinder- nis, eine Bedeckung  über die eine Seite bis an den Mittelpunkt schiebt. Und dieses kann geschehen entweder an der Lichtseite, wie wir es in Nr. 4, oder an der entgegengesetzten, wie wir es in Nr. 3 dargestellt haben. In beiden Fallen verhält sich der Sinus des Einfallswinkels zu dem Sinus des Refraktionswinkels ganz gleich, nur daß im ersten Falle das Licht gegen die Finsternis zur ückt, im zweiten die Finsternis gegen das Licht. Daher denn im ersten der blaue und blaurote Rand und Saum, im zweiten der gelbe und gelbrote zum Vorschein kommen; wobei  übrigens keine Differenz ihrer Refraktion, noch weniger also einer Refrangibilität eintritt.

299.   Es steht also hier die Bemerkung wohl am rechten Platze, daß man zwar irgendein durch Erfahrung ausgemitteltes allgemeines Naturgesetz li- nearsymbolisch ausdr ücken und dabei gar wohl die Umstände, wodurch das zum Grunde liegende Phanomen hervorgebracht wird, voraussetzen konne; daß man aber von solchen Figuren auf dem Papiere nicht gegen die Natur

 

weiter operieren d ürfe, daß man bei Darstellung eines Phanomens, das bloß durch die bestimmtesten Bedingungen hervorgebracht wird, eben diese Be- dingungen nicht ignorieren, verschweigen, beseitigen d ürfe, sondern sich M ühe zu geben habe, diese gleichfalls im allgemeinen auszusprechen und symbolisch darzustellen. Wir glauben dieses auf unsrer elften Tafel geleistet, dem, was wir in unserm Entwurf m ühsam auferbaut, hierdurch den Schlußstein eingesetzt und die Sache zur endlichen Entscheidung gebracht zu haben, und d ürfen wohl hoffen, daß man besonders diese Figuren k ünftig in die Kompendien aufneh- men werde, da man an ihnen Lehre und Kontrovers am besten und k ürzesten vortragen kann.

300.   Um endlich alles auf einem Blatte  übersehen zu konnen, haben wir in der f ünften Figur dasjenige Phänomen dargestellt, woraus die Achromasie und sogar die Hyperchromasie entspringt. Wir nehmen an, daß ein mit dem vorigen gleich brechendes Mittel die chemische Kraft und Gabe besitze, die Farbenerscheinung mehr zu verbreiten. Hier sieht man, daß bei gleicher Inci- denz mit Nr. 1 und gleicher Refraktion dennoch eine ansehnliche Differenz in der Farbenerscheinung sei. Vielleicht ist dieses Phänomen auch in der Natur darzustellen, wie es hier nur in abstracto steht; wie man denn schon jetzt die Farbenerscheinung eines Mittels vermehren kann, ohne an seiner Refraktions- kraft merklich zu andern. Auch wiederholen wir hier die Vermutung (E. 686), daß es moglich sein m¨ochte, irgendeinem refrangierenden Mittel die chemische Eigenschaft, farbige Rander und Saume hervorzubringen, ganzlich zu beneh- men.

301.   Wem nunmehr dieses bisher von uns Dargestellte deutlich und geläufig ist, dem wird alles, was Newton von Messung, Berechnung und Raisonnement bei dieser Proposition anbringt, weiter nicht imponieren, umso weniger, als durch die neuern Erfahrungen jenes alte Sparrwerk langst eingerissen ist. So bekriegen wir auch nicht den

F ünfzehnten Versuch

 

302.   Es wird in demselben die Seitenbewegung des Spektrums, die uns durch den f ünften Versuch bekannt geworden, durch mehrere Prismen wiederholt, dadurch aber weiter nichts geleistet, als daß das immer verlängerte Spektrum sich immer mehr b ückt; welches alles uns nach dem, was wir schon genugsam kennen, weiter nicht interessiert.

 

Siebente Proposition. Sechstes Theorem

Die Vollkommenheit der Teleskope wird verhindert durch die verschiedene Refran- gibilität der Lichtstrahlen.

303.   Man kann von verschiedenen Seiten in eine Wissenschaft herein oder auch zu einem einzelnen Phänomen herankommen, und von dieser ersten An- sicht hangt sehr oft die ganze Behandlung des Gegenstandes ab. Gibt man hierauf in der Geschichte des Wissens wohl acht, bemerkt man genau, wie ge- wisse Individuen, Gesellschaften, Nationen, Zeitgenossen an eine Entdeckung, an die Bearbeitung eines Entdeckten herankommen, so klärt sich manches auf, was außerdem verborgen bliebe oder uns verwirrt machte. In der Geschichte der Chromatik werden wir diesen Leitfaden ofters ankn üpfen, und auch bei Beurteilung des gegenwartigen Abschnittes soll er uns gute Dienste tun. Wir bemerken also vor allen Dingen, daß Newton sein Interesse f ür die Farbenlehre dadurch gewann, daß er die dioptrischen Fernröhre zu verbessern suchte.

304.   Bei Entdeckung der Refraktionsgesetze hatte man die Farbenerschei- nung nicht beachtet, und zwar mit Recht; denn bei Versuchen mit parallelen Mitteln ist sie von keiner Bedeutung. Als man aber geschliffene Gläser zu Brillen und Teleskopen anwendete,  kam dieses Phänomen naher zur Spra- che. Sobald die Teleskope einmal entdeckt waren, gingen Mathematiker und Techniker mit Ernst auf ihre Verbesserung los, der sich besonders zwei Man- gel entgegenstellten, die man Aberrationen, Abirrungen nannte. Die eine kam von der Form her; denn man bemerkte,  daß die aus Kugelschnitten beste- henden Linsen nicht alle Teile des Bildes rein in einen Punkt versammelten, sondern die Strahlen (indem man sich dieser Vorstellung dabei bediente) teils fr üher, teils spater zur Konvergenz brachten. Man tat daher den Vorschlag und machte Versuche, elliptische und parabolische Gläser anzuwenden, welche jedoch nicht vollkommen gelingen wollten.

305.   Wahrend solcher Bem ühungen ward man auf die zweite Abweichung, welche farbig war, aufmerksam. Es zeigte sich, daß der Deutlichkeit der Bilder sich eine Farbenerscheinung entgegensetzte, welche besonders die Grenzen, worauf es doch hauptsächlich bei einem Bilde ankommt,  unsicher machte. Lange hielt man diese Erscheinung f ür zufällig; man schob sie auf eine un- regelmäßige Brechung, auf Unrichtigkeiten des Glases, auf Umstände, welche vorhanden und nicht vorhanden sein konnten, und war indes unablässig be- m üht, jene erste von der Form sich herschreibende Abweichung auszugleichen und aufzuheben.

 

306.   Newton wendete hingegen seine Aufmerksamkeit auf die zweite Art der Aberration. Er findet die Farbenerscheinung konstant und, da er von pris- matischen Versuchen ausgeht, sehr machtig; er setzt die Lehre von diverser Refrangibilität bei sich fest. Wie er sie begr ündet, haben wir gesehen; wie er dazu verleitet worden, wird uns die Geschichte zeigen.

307.   Nach seinen Erfahrungen, nach der Art, wie er sie auslegt, nach der Weise, wie er theoretisiert, ist die in der Proposition ausgesprochne Folgerung ganz richtig; denn wenn das farblose Licht divers refrangibel ist, so kann die Farbenerscheinung von der Refraktion nicht getrennt werden, jene Aberrati- on ist nicht ins Gleiche zu bringen, die dioptrischen Fernröhre sind nicht zu verbessern.

308.   jedoch nicht allein dieses, sondern weit mehr folgt aus der Hypothese der diversen Refrangibilität. Unmittelbar folgt daraus, daß die dioptrischen Fernröhre ganz unbrauchbar sein m üssen, indem wenigstens alles, was an den Gegenständen weiß ist, vollkommen bunt erscheinen m üßte.

309.   ja, ganz abgesehen von dioptrischen Fernröhren, Brillen und Lorgnet- ten, m üßte die ganze sichtbare Welt, wäre die Hypothese wahr, in der hochsten Verworrenheit erscheinen. Alle Himmelslichter  sehen wir durch Refraktion; Sonne, Mond und Sterne zeigen sich uns, indem sie durch ein Mittel hindurch- blicken, an einer andern Stelle, als an der sie sich wirklich befinden, wie bei ihrem Auf- und Untergang die Astronomen besonders zu bemerken wissen. Warum sehen wir denn diese samtlichen leuchtenden Bilder, diese großeren und kleinern Funken, nicht bunt, nicht in die sieben Farben auf gelöst? Sie haben die Refraktion erlitten, und ware die Lehre von der diversen Refrangi- bilität unbedingt wahr, so m üßte unsre Erde bei Tag und bei Nacht mit der wunderlichsten bunten Beleuchtung  überschimmert werden.

310.   Newton f ühlt diese Folgerung wohl; denn da er in Gefolge obiger Pro- position eine ganze Weile gemessen und gerechnet hat, so bricht er sehr naiv Wobei man sich denn verwundern muß, daß

Fernröhre die Gegenstände noc ” deutlich zeigen, wie sie es tun.“ Er rechnet h so

wieder fort und zeigt, daß die Aberration, die aus der Form des Glases her- kommt, beinahe sechstehalbtausendmal geringer sei als die, welche sich von

der Farbe herschreibt, und kann daher die Frage nicht unterlassen: ”

die Abweichungen, die aus der verschiedenen Refrangibilität der Strahlen ent-

springen, so ungeheuer sind, wie sehen wir durch Fernröhre die Gegenstände nur noch so deutlich, wie es geschieht?“ Die Art, wie er diese Frage beantwor- tet, wird der nunmehr unterrichtete Leser mit ziemlicher Bequemlichkeit im

 

Original wahrnehmen konnen. Es ist auch hier hochst merkw ürdig, wie er sich herumdr ückt, und wie seltsam er sich gebardet.

311.   Ware er aber auch auf dem rechten Wege gewesen und hatte er, wie Descartes vor ihm, eingesehen, daß zu der prismatischen Farbenerscheinung notwendig ein Rand gehöre, so hatte er doch immer noch behaupten kon- nen und d ürfen, daß jene Aberration nicht auszugleichen, jene Randerschei- nung nicht wegzunehmen sei. Denn auch seine Gegner, wie Rizzetti und andre, konnten eben deshalb nicht recht Fuß fassen, weil sie jene Randerscheinung der Refraktion allein zuschreiben mußten, sobald sie als konstant anerkannt war. Nur erst die spätere Entdeckung, daß die Farbenerscheinung nicht allein eine allgemeine physische Wirkung sei, sondern eine besondre chemische Ei- genschaft des Mittels voraussetze, konnte auf den Weg leiten, den man zwar nicht gleich einschlug, auf dem wir aber doch gegenwartig mit Bequemlichkeit wandeln.

Sechzehnter Versuch

 

312.   Newton bem üht sich hier, die Farbenerscheinung, wie sie durchs Prisma gegeben ist, mit der, welche sich bei Linsen findet, zu vergleichen und durch einen Versuch zu beweisen, daß sie beide vollig miteinander  übereintreffen. Er wahlt die Vorrichtung seines zweiten Versuches, wo er ein rot und blaues, mit schwarzen Faden umwickeltes Bild durch eine Linse auf eine entgegengestellte Tafel warf. Statt jenes zwiefach gefärbten Bildes nimmt er ein gedrucktes oder auch mit schwarzen Linien bezogenes weißes Blatt, auf welches er das prisma- tische Spektrum wirft, um die deutlichere oder undeutlichere Erscheinung der Abbildung hinter der Linse zu beobachten.

313.   Was  über die Sache zu sagen ist, haben wir weitläufig genug bei jenem zweiten Experiment ausgef ührt, und wir betrachten hier nur k ürzlich aber- mals sein Benehmen. Sein Zweck ist, auch an den prismatischen Farben zu zeigen, daß die mehr refrangiblen ihren Bildpunkt naher an der Linse, die we- niger refrangiblen weiter von der Linse haben. Indem man nun denkt, daß er hierauf losgehen werde, macht er nach seiner scheinbaren großen Genauigkeit die Bemerkung, daß bei diesem Versuche nicht das ganze prismatische Bild zu brauchen sei; denn das tiefste Violett sei so dunkel, daß man die Buchstaben oder Linien bei der Abbildung gar nicht gewahr werden konne; und nachdem er hiervon umständlich gehandelt und das Rote zu untersuchen anfangt, spricht er, wie ganz im Vorbeigehen, von einem sensiblen Roten; alsdann bemerkt er, daß auch an diesem Ende des Spektrums die Farbe so dunkel werde, daß

 

sich die Buchstaben und Linien gleichfalls nicht erkennen ließen, und daß man daher in der Mitte des Bildes operieren m üsse, wo die gedachten Buchstaben und Linien noch sichtbar werden konnen.

314.   Man erinnere sich alles dessen, was wir oben angef ührt, und bemerke, wie Newton durch diese Ausflucht den ganzen Versuch aufhebt. Denn wenn eine Stelle ist im Violetten, wo die Buchstaben unsichtbar werden, und ebenso im Roten eine, wo sie gleichfalls verschwinden, so folgt ja nat ürlich, daß in diesem Falle die Figuren auf der meist refrangiblen Farbenfläche zugleich mit denen auf der mindest refrangiblen verschwinden, und umgekehrt, daß, wo sie sichtbar sind, sie stufenweise zu gleicher Zeit sichtbar sein m üssen, daß also hier an keine diverse Refrangibilität der Farben zu denken, sondern daß allein der hellere oder dunklere Grund die Ursache der deutlichern oder undeutlichern Erscheinung jener Z üge sein m üsse. Um aber sein Spiel zu verdecken, dr ückt Newton sich hochst unbestimmt aus; er spricht von sensiblem Rot, da es doch eigentlich die schwarzen Buchstaben sind, die im helleren Roten noch sensibel bleiben. Sensibel ist das Rot noch ganz zuletzt am Spektrum in seiner großten Tiefe und Dunkelheit, wenn es auch kein gedrucktes Blatt mehr erleuchten kann und die Buchstaben darin nicht mehr sensibel sind. Ebenso dr ückt sich Newton auch  über das Violette und die  übrigen Farben aus. Bald stehen sie wie in abstracto da, bald als Lichter, die das Buch erleuchten; und doch konnen sie als leuchtend und scheinend f ür sich bei diesem Versuche keineswegs gelten; sie m üssen allein als ein heller oder dunkler Grund in bezug auf die Buchstaben und Faden betrachtet werden.

315.   Dieser Versuch also wird von dem zweiten, auf den er sich bezieht, zer- stört und hilft dagegen auch den zweiten zerstören, da wir das Bekenntnis Newtons vor uns haben, daß von beiden Seiten die Bemerkbarkeit der unter- liegenden schwarzen Z üge aufhöre, und zwar wegen des eintretenden Dunklen; woraus denn folgt, daß bei zunehmender Hellung die Deutlichkeit dieser Z ü- ge durchaus mitwachsen wird, die Farbe mag sein, welche sie will. Alles, was hier über zu sagen ist, werden wir nochmals bei Beschreibung des Apparats zusammenfassen.

 

Achte Proposition. Zweites Problem

Die Fernröhre zu verk ürzen.

316.   Hier f ührt nun Newton sein katoptrisches Teleskop vor, eine Erfindung, die auch nach Verbesserung der dioptrischen Fernröhre bei Ehren und W ürden

 

geblieben ist, und von der wir unsererseits, da wir uns nur mit den Farben beschaftigen, nichts zu sagen haben.

 

 

Der Newtonischen Optik Erstes Buch, Zweiter

Teil

 

317.   Auch in diesem Teile sind falsche und kaptiöse Versuche, konfus genug, aber doch absichtlich, zusammengestellt. Man kann sie in eine polemische und in eine didaktische Maße sondern.

318.   Polemisch fangt der Verfasser an; denn nachdem er unumstößlich dar- getan zu haben glaubt, die Farben seien wirklich im Lichte enthalten, so muß er die altere, auf Erfahrung gegr ündete Vorstellungsart, daß namlich zu den Farbenerscheinungen in Refraktionsfällen eine Grenze notig sei, widerlegen, und er wahnt, solches mit den vier ersten Versuchen geleistet zu haben.

319.   Didaktisch urgiert er sodann aufs neue die Unveränderlichkeit des ein- mal hervorgebrachten homogenen Lichtes und die verschiedenen Grade der Refrangibilität. Hiermit beschaftigt er sich vom f ünften bis zum achten Expe- riment. Spaterhin im siebzehnten limitiert er, ja hebt er wieder auf, was er im f ünften bewiesen hat.

320.   Nun aber beschaftigt er sich vom neunten bis zum f ünfzehnten Versuch, etwas hervorzubringen und zu beweisen, woran ihm sehr viel gelegen sein muß. Wenn er namlich aus dem farblosen Lichte und aus weißen Flächen die Farben hervorgelockt oder vielmehr das reine weiße Licht in Farben gespalten hat, so muß er ja auch, wenn er das Herausgebrachte wieder hineinbringt, das Geson- derte wieder zusammendrängt, jenes reine korperliche Weiß wiederherstellen.

321.   Da wir aber genugsam  überzeugt sind, daß die Farbe nicht aus einer Teilung des Lichtes entstehe, sondern vielmehr durch den Zutritt einer au- ßeren Bedingung, die unter mancherlei empirischen Formen, als des Tr üben, des Schattens, der Grenze, sich ausspricht, so erwarten wir wohl, Newton wer- de sich seltsam gebärden m üssen, um das bedingte, getr übte,  überschattete, beschattete Licht mit Inbegriff dieser Bedingung als reines weißes Licht dar- zustellen, um aus dunklen Farben ein helles Weiß zu mischen.

 

322.   Indem er also hier gleichsam die Probe auf sein erstes Rechnungsexem- pel machen will, zeigen will, daß dasjenige, was er durch bloße Trennung her- vorgebracht, abermals durch bloße Verbindung jenes erste Resultat geben m üs- se, so stellt sich ihm durchaus das dritte, die außere Bedingung, die er beseitigt zu haben glaubt, in den Weg, und so muß er Sinne, sinnlichen Eindruck, Men- schenverstand, Sprachgebrauch und alles verleugnen, wodurch sich jemand als Mensch, als Beobachter, als Denker betatigt.

323.  Wie dies zugehen konnte, glauben wir im historischen Teil von der psychischen und ethischen Seite unter der Rubrik:  Newtons Persönlichkeit“

hinreichend entwickelt zu haben. Hier bleibt uns ” ts  übrig, als unsre pole-

mische Pflicht abermals im besondern zu erf üllen.

 

Erste Proposition. Erstes Theorem

Die Farbenphänomene bei gebrochenem oder zur ückgeworfenem Lichte werden nicht durch neue Modifikationen des Lichtes verursacht, welche nach der Verschiedenheit der Begrenzungen des Lichtes und Schattens verschiedentlich eingedr ückt w ürden.

324.   Da wir in unserm Entwurf gezeigt, daß bei der Refraktion gar keine Farben entstehen als da, wo Licht und Dunkel aneinander grenzen, so werden diejenigen, welche sich durch unsern Vortrag von der Wahrheit dieser Verhält- nisse  überzeugt haben, neugierig sein, zu erfahren, wie sich Newton benehme, um nunmehr das Wahre unwahr zu machen. Er verfährt hierbei wie in dem ersten Falle, da er das Unwahre wahr zu machen gedachte, wie wir bald im einzelnen einsehen werden.

Erster Versuch

Siehe Fig. 4, Taf. XIII

325.   Lasset die Sonne in eine dunkle Kammer scheinen durch eine langliche ö ff- nung F .

326.   Diese ö ffnung muß notwendig in die H¨ohe gehen, obgleich die Figur nur einen Punkt vorstellt und also dadurch sogleich die Einsicht in die Sache erschwert.

327.   Die Breite kann sechs oder acht Teile eines Zolls sein, auch weniger.

 

328.   Diese erste Vorrichtung bestehe also in einer etwa sechs Zoll hohen und außerst schmalen Spalte im Bleche des Fensterladens.

329.   Nun gehe der Strahl F H

330.   Nun ist es schon wieder ein Strahl, da es doch eigentlich nur ein von einer Seite sehr verschmalertes, von der andern sehr verlängertes Sonnenbild ist.

331.   zuerst durch ein ziemlich großes Prisma ABC , das ungefähr zwanzig Fuß von der ö ffnung steht.

332.   Warum denn nun wieder zwanzig Fuß?  ü ber dieses Einf ühren von Be- dingungen, ohne daß man die Ursachen davon entdeckt, haben wir uns ofters beklagt und durchaus gefunden, daß sie entweder  überfl üssig oder kaptiös sind. Hier ist die Bedingung kaptiös. Denn eigentlich will er nur ein ganz schwaches Licht haben, ganz schwache Farben hervorbringen, ja vielleicht gar den Ver- such gleichsam unmöglich machen. Denn wer hat gleich eine dunkle Kammer von zwanzig Fuß Tiefe und dr über, und wenn er sie hat, wie lange steht denn die Sonne niedrig genug, um in der Mittagszeit die dem Fenster entgegenge- setzte Wand oder ein Prisma, das doch wenigstens in einiger H¨ohe vom Boden stehen muß, zu bescheinen?

333.   Wir erklären daher diese Bedingung f ür ganz unnötig, da der Versuch mit dem Prisma geschieht und keine Linse mit ins Spiel kommt, wo sich wegen der Brenn- und Bildweite die Bedingungen der Entfernung allenfalls notwendig machen.

334.   Dieses Prisma sei parallel zu der ö ffnung.

335.   Das heißt parallel zur Tafel, worin die ö ffnung sich befindet, parallel zur Fensterbank, eigentlich aber, wie bei allen prismatischen Versuchen, so, daß eine aus dem Mittelpunkt des Sonnenbildes gedachte Linie rechtwinklig auf dem Prisma stehe.

336.   Dann gehe dieser Strahl mit seinem weißen Teile

337.   Hier haben wir also wieder einen weißen Teil eines schon gebrochnen Strahles. Es ist aber weiter nichts als die weiße Mitte des sehr verlängerten Bildes.

 

338.   durch eine langliche ö ffnung H ,

339.   Diese langliche ö ffnung ist auch wieder als ein Punkt gezeichnet, wo- durch die Darstellung ganz falsch wird; denn diese ö ffnung muß bei dem Ver- such auch langlich sein und vertikal stehen wie die ö ffnung F im Fensterladen.

340.   welche breit sei den vierten oder sechsten Teil eines Zolles.

341.   Das heißt doch also nur eine schmale Ritze. Und warum soll denn diese Ritze so schmal sein? Bloß damit man nicht sehe, was denn eigentlich vorgeht und was getrieben wird.

342.   Diese ö ffnung H sei in einen schwarzen, dunklen Korper GI gemacht.

343.   Daß das Blech oder die Pappe GI schwarz sei, ist gar nicht notig; daß sie aber undurchsichtig sei, versteht sich von selbst.

344.   und stehe zwei oder drei Fuß vom Prisma

345.   Diese Entfernung ist aber auch wieder gleichg ültig oder zufällig.

346.   in einer parallelen Lage zu dem Prisma und zu der vordern ö ffnung.

347.   Weil Newton seine Versuche nicht in einer nat ürlichen Ordnung, son- dern auf eine k ünstlich verschränkte Weise vorbringt, so ist er genötigt, bei einem jeden Versuch den ganzen Apparat zu beschreiben, da derselbe Apparat doch schon ofter dagewesen ist und Newton sich, wenn er redlich wäre, nur auf den vorigen beziehen konnte. Allein bei ihm wird jeder Versuch f ür sich aufgebaut und das Notwendige mit unnötigen Bedingungen durchwebt, so daß eben dadurch das Helldunkel entsteht, in dem er so gern operiert.

348.   Wenn nun das weiße Licht durch die ö ffnung H durchgegangen, so falle es auf ein weißes Papier pt, das hinter der ö ffnung ungefähr drei bis vier Fuß

345  Siehe Anm. zu 142.

entfernt steht, damit sich die gewöhnlichen Farben des Prismas darauf abbilden m¨ogen, namlich Rot in t, Gelb in s, Gr ün in r, Blau in q und Violett in p.

349.   Man gebe wohl acht! Das Licht ist an der Spalte weiß angekommen und bildet hinter derselben das Spektrum. Auf das, was folgt, wende man nun aber alle Aufmerksamkeit.

 

350.   Man nehme einen Eisendraht oder sonst einen d ünnen undurchsichtigen Kor- per, dessen Stärke ungefähr der zehnte Teil eines Zolls ist; damit kann man die Strahlen ki in no auffangen.

351.   Nun nehme man die Figur vor sich und sehe, wo sich denn diese Strah- len ki in no finden sollen. Diese Buchstaben stehen vor dem Prisma gegen die Sonne zu und sollen also, wie auch die f ünf Linien bezeichnen, farbige Strah- len vorstellen, wo noch keine Farbe ist. In keiner Figur des ganzen Werkes, in keinem Experiment ist noch dergleichen vorgekommen, ist uns zugemutet worden, etwas, das selbst gegen den Sinn des Verfassers ist, anzunehmen und zuzugeben.

352.   Was tut denn also das Stäbchen R, indem es an der Außenseite des Prismas herumfährt? Es schneidet das farblose Bild in mehrere Teile, macht aus einem Bild mehrere Bilder. Dadurch wird freilich die Wirkung in pqrst verwirrt und verunreinigt; aber Newton legt die Erscheinung dergestalt aus:

353.   Sind die Strahlen ki in no sukzessiv aufgefangen, so werdet  ihr auch die Farben tsrq oder p eine nach der andern dadurch wegnehmen, indessen die  übrigen auf dem Papier bleiben wie vorher; oder mit einem etwas starkeren Hindernis konnt ihr zwei, drei oder vier Farben zusammen wegnehmen, so daß der  ü berrest bleibt.

354.   Die drei ersten Figuren unserer 13. Tafel stellen die Erscheinungen die- ses ersten Versuchs der Wahrheit gemäß vor. Da wir bei Beschreibung und Erklärung dieser Tafel die Sache umständlicher entwickeln, so erlauben wir uns, unsre Leser dorthin zu verweisen, und fragen nur vorläufig: Was hat denn Newton vorgenommen, um seinen Satz zu beweisen?

355.   Er behauptet, daß Rander, daß Grenzen des Hellen und Dunklen keinen Einfluß auf die Farbenerscheinung bei der Refraktion haben; und was tut er in seinem Experiment? Er bringt dreimal Grenzen hervor, damit er beweise, die Grenze sei ohne Bedeutung!

356.   Die erste Grenze ist oben und unten an der ö ffnung F im Fensterla- den. Er behält noch weißes Licht in der Mitte, gesteht aber nicht, daß schon Farben an den beiden Enden sich zeigen. Die zweite Grenze wird durch die Ritze H hervorgebracht. Denn warum wird denn das refrangierte Licht, das weiß auf der Tafel GI ankommt, farbig, als weil die Grenze der Ritze H oben und unten die prismatischen Farben hervorbringt? Nun halt er das dritte Hin- dernis, einen Draht oder sonst einen andern zylindrischen Korper, vor das Prisma und bringt also dadurch abermals Grenzen hervor, bringt im Bilde ein

 

Bild, die Farbung an den Rändern des Stäbchens umgekehrt hervor. Beson- ders erscheint die Purpurfarbe in der Mitte, an der einen Seite das Blaue, an der andern das Gelbe. Nun bildet er sich ein, mit diesem Stäbchen farbige Strahlen wegzunehmen, wirft aber dadurch nur ein ganz gefärbtes schmales Bild auf die Tafel GI . Mit diesem Bilde operiert er denn auch in die ö ffnung H hinein, verdrängt, verschmutzt die dort abgebildeten Farben, ja verhindert sogar ihr Werden, indem sie in der ö ffnung H erst werdend sind, und setzt denjenigen, der die Verhältnisse einsehen lernt, in Erstaunen, wie man sich so viele unredliche M ühe geben konnte, ein Phanomen zu verwirren, und wie ein Mann von solchen Talenten in diesem Fall gerade dasjenige tun konnte, was er leugnet. So ist denn auch das, was hierauf folgt, keineswegs der Erfahrung gemaß.

357.   Auf diese Weise kann jede der Farben so gut als die violette die letzte an der Grenze des Schattens, gegen p zu, werden, und eine jede kann so gut als das Rote die letzte an der Grenze des Schattens t sein.

358.   Einem unaufmerksamen Zuschauer k¨onnte man wohl dergleichen vor- spiegeln, weil durch das Hindernis R neue Farben entstehen, indem die alten verdrängt werden; aber man kann geradezu sagen: wie Newton die Sache aus- dr ückt, ist sie nicht wahr; bei den mittlern Farben kann er wohl eine Konfusion hervorbringen, doch nicht an der Grenze; weder in p noch in t wird man jemals Gr ün sehen konnen. Man beherzige genau die folgende Stelle, wo er wieder an- fangt, wie Bileam das Entgegengesetzte von dem zu sagen, was er sagen will.

359.   ja, einige Farben konnen auch den Schatten begrenzen, welcher durch das

Hindernis R innerhalb des Farbenbildes hervorgebracht worden.

360.   Nun gesteht er also, daß er durch sein Hindernis R Schatten hervor- bringt, daß an diesen Schatten Farbensäume gesehen werden, und dies sagt er zum Beweis, daß die Grenze des Lichtes und Schattens auf die Farbe nicht einfließe! Man gebe uns ein Beispiel in der Geschichte der Wissenschaften, wo Hartnäckigkeit und Unverschamtheit auf einen so hohen Grad getrieben worden.

361.   Zuletzt kann jede Farbe, wenn man alle  übrigen weggenommen hat und sie allein bleibt, zugleich an beiden Seiten vom Schatten begrenzt sein.

362.   Daß die schon entstandene Farbe des prismatischen Bildes einzeln durch irgendeine ö ffnung gelassen und isoliert werden konne, wird nicht geleugnet; daß man durch das Stabchen etwas ä hnliches hervorbringen konne, ist nat ür-

 

lich; allein der aufmerksame Beobachter wird selbst an dieser entstandenen Farbe die durch diese Einklemmung abgenötigte entgegengesetzte Farbe ent- stehen sehen, die bei der Unreinlichkeit dieses Versuchs dem Unerfahrenen entgehen mochte. Ganz vergeblich also zieht er den Schluß:

363.   Alle Farben verhalten sich gleichg ültig zu den Grenzen des Schattens.

364.   Daß die Grenzen des Schattens nach ganz bestimmten Gesetzen bei der Refraktion auf die Farben wirken, haben wir in dem Entwurf umständlich gezeigt.

365.   Und deswegen entstehen die Unterschiede dieser Farben voneinander nicht von den Grenzen des Schattens, wodurch das Licht verschiedentlich modifiziert w ür- de, wie es bisher die Meinung der Philosophen gewesen.

366.   Da seine Prämissen falsch sind, seine ganze Darstellung unwahr, so ist seine Konklusion auch nichtig, und wir hoffen, die Ehre der alten Philosophen wiederherzustellen, die bis auf Newton die Phanomene in wahrer Richtung verfolgt, wenn auch gleich manchmal auf Seitenwege abgelenkt hatten.

Der Schluß seiner Darstellung laßt uns noch etwas tiefer in die Karte sehen.

367.   Wenn man diese Dinge versucht, so muß man bemerken, daß, je schmaler die ö ffnungen F und H sind, je großer die Intervalle zwischen ihnen und dem Prisma, je dunkler das Zimmer, um desto mehr werde das Experiment gelingen, vorausgesetzt, daß das Licht nicht so sehr vermindert sei, daß man die Farben bei pt nicht noch genugsam sehen konne.

368.   Daß also wegen der Entfernung vom Fenster, wegen der Entfernung der Tafeln vom Prisma die Lichter sehr schwach sind, mit denen man operiere, gesteht er. Die ö ffnungen sollen kaum Ritzen sein, so daß das Farbenbild auch nicht einmal einige Breite habe, und man soll denn doch genau beobachten konnen, welche Farbe denn eigentlich die Grenze macht. Eigentlich aber ist es nur darauf angelegt, das Ganze den Sinnen zu entziehen, blasse Farben hervorzubringen, um innerhalb derselben mit dem Stäbchen R desto besser operieren zu konnen. Denn wer den Versuch, wie wir ihn nachher vortragen werden, beim energischen Lichte macht, der wird das Unwahre der Assertion auffallend genug finden.

369.   Ein Prisma von massivem Glas, das groß genug zu diesem Experiment wa- re, zu finden, w ürde schwer sein, weswegen ein prismatisches Gefaß, von polierten Glasplatten zusammengef ügt und mit Salzwasser oder ö l gef üllt, notig ist.

 

370.   Wie wir Newton schon oben den Vorwurf gemacht, daß er die Beschrei- bung seines Apparats bei jedem Experiment wiederholt, ohne daß man das Verhältnis der Experimente, die mit gleichem Apparat hervorgebracht wer- den, gewahr wird, so laßt sich auch hier bemerken, daß Newton immer sein Wasserprisma bringt, wenn er die weiße Mitte braucht und also ein großes Bild durch Refraktion verr ücken muß.

371.   Merkw ürdig ist es, wie er erstlich diese weiße Mitte durch eine Hinter- t üre hereinschiebt und sie nach und nach so  überhand nehmen laßt, daß von den sie begrenzenden Randern gar die Rede nicht mehr ist; und das alles geht vor den Augen der gelehrten und experimentierenden Welt vor, die doch sonst genau und widersprechend genug ist!

Zweiter Versuch

 

372.   Da dieser Versuch gleichfalls unter die zusammengesetzten gehört, wo- bei Prismen und Linsen vereinigt gebraucht werden, so konnen wir denselben nur erst in unserm mehr erwahnten supplementaren Aufsatz entwickeln. Auch d ürfen wir ihn um so eher hier  übergehen, als Newton einen vollig gleich gelten- den nachbringt, der, wie er selbst gesteht, bequemer ist und, genau betrachtet, den gegenwärtigen vollig unnötig macht.

Dritter Versuch

Siehe Fig. i, Taf. XIV

373.   Ein anderes ahnliches Experiment läßt sich leichter anstellen, wie folgt. Laßt einen breiten Sonnenstrahl

374.   Nun ist der Sonnenstrahl breit. Es heißt aber weiter nichts als: man mache die ö ffnung groß, wodurch das Licht hereinfällt; ja, welches bei diesem Versuch ganz einerlei ist, man stelle das Prisma ins freie Sonnenlicht. Hier aber soll es

375.   in eine dunkle Kammer fallen durch eine ö ffnung im Fensterladen und durch ein großes Prisma ABC gebrochen werden,

376.   Unser gewohnliches Wasserprisma ist zu diesem Versuche sehr geschickt.

377.   dessen brechender Winkel C mehr als sechzig Grad hat,

 

378.   Diese Vermehrung der Grade des Winkels ist bei diesem Versuch be- sonders ganz unn ütz, nur eine Bedingung, die einen sehr leichten Versuch erschwert, indem sie einen umständlicheren Apparat fordert, als er sich ge- wohnlich findet.

379.   und sobald es aus dem Prisma kommt, laßt es auf das weiße Papier DE, das auf eine Pappe gezogen ist, fallen, und dieses Licht, wenn das Papier perpendikular gegen dasselbe steht, wie es in DE gezeichnet ist, wird vollkommen weiß auf dem Papier erscheinen.

380.   Hier haben wir nun also endlich ein durchs Prisma gegangnes, gebroch- nes und vollig weißes Licht. Wir m üssen hier abermals, und ware es unsern Lesern verdrießlich, aufmerksam machen, wie es hereingekommen.

381.   Erstlich, im dritten Experiment des ersten Teils wird uns ein vollig farbiges Spektrum vorgef ührt und an demselben durch mancherlei Versuche und Folgerungen die diverse Refrangibilität bewiesen. Ist der Verfasser damit zustande, so kommt am Ende der Illustration des f ünften Experiments ein zwar refrangiertes, aber doch noch weißes Licht unangemeldet zum Vorschein. Nun bringt er auch bald das sonst stetig gefärbte Bild mit einer weißen Mitte. Dann fangt er an, in dieser weißen Mitte zu operieren, manchmal sogar, ohne es zu gestehen, und jetzt, weil er die Wirkung der Grenze zwischen Licht und Schatten nicht anerkennt, leugnet er auf der Tafel DE jede farbige Erschei- nung. Warum sind denn aber die an den beiden Enden AC der inneren Seite des Prismas hervortretenden farbigen Rander verschwiegen? Warum ist denn die Tafel DE nicht großer angegeben? Doch wohl nur darum, weil er sonst, wenn sie großer ware, notwendig jener auf ihr erscheinenden Rander gedenken m üßte.

382.   Man betrachte nun die Figur und sehe, wie ein Linienstrom auf das Prisma herankommt, durch dasselbe durchgeht und hinter demselben wieder heraustritt, und dieser Linienstrom  soll einen durchaus  weißen Raum vor- stellen. Indessen werden uns durch diese fingierten Linien die hypothetischen Strahlen doch wieder vor die Augen gebracht. Nun bemerke man aber wohl, was mit der Tafel DE vorgeht. Sie wird in die Stellung de gebracht, und was geschieht in e? Das gebrochene Licht gelangt weiß an den Rand der Tafel und beginnt an diesem Rande sogleich die in eine Seite der Farben hervorzubrin- gen, und zwar in dieser Lage die gelbe und gelbrote. Dieser hier entstehende Rand und Saum verbreitet sich  über die ganze Tafel wegen der schiefen Lage derselben, und also da, wo Newton einen Rand, eine Grenze leugnet, muß er gerade einen Rand hervorbringen, um das Phänomen, wovon er spricht, dar-

 

zustellen. In der Lage GF entsteht die umgekehrte Erscheinung, namlich der violette Rand, und verbreitet sich gleichfalls  über die ganze Tafel, wie man sich dessen genugsam an unserer wahrheitsgemäßen Figur unterrichten kann.

Da also Newton nicht einsehen konnte, daß hier der Rand der Tafel voll- kommen wirksam sei, so bleibt er bei seiner starren  ü berzeugung, indem er

fortfährt:

383.   Und wenn das Licht, ehe es auf das Papier fallt, zweimal in derselben Rich- tung durch zwei parallele Prismen gebrochen wird, so werden diese Farben viel deut- licher sein.

384.   Also ein Licht kann zweimal durch zwei hintereinanderstehende Pris- men gebrochen werden und immer weiß bleiben und so auf der Tafel DE ankommen? Dies merke man doch ja! Daß aber nachher, wenn man in diesem doppelt gebrochnen weißen Lichte operiert, die Farben lebhafter erscheinen, ist nat ürlich, weil die Verr ückung des Bildes verdoppelt wird. Aber diese Vor- richtung, die keineswegs leicht zu machen ist, weil man nach seiner Forderung zwei Wasserprismen und beide am Ende gar  über sechzig Grade haben sollte, diese Steigerung des Versuchs hier anzuempfehlen, ist abermals ganzlich un- n ütz; denn bei der Operation mit einem Prisma sind die Farben schon deutlich genug, und wer da nicht sieht, wo sie herkommen, der wird es durch das zweite Prisma auch nicht lernen. Indessen fahrt Newton fort:

385.   Hier geschah es nun, daß alle die mittleren Teile des breiten Strahls vom weißen Lichte, das auf das Papier fiel, ohne eine Grenze von Schatten, die es hatte modifizieren k¨onnen,  über und  über mit einer gleichen Farbe gefarbt wurden.

386.   Wir haben oben gezeigt, daß der Rand der Pappe hier selbst die Grenze mache und seinen gefarbten Halbschatten  über das Papier hinwerfe.

387.   Die Farbe aber war ganz dieselbe in der Mitte des Papiers wie an den Enden.

388.   Keineswegs! Denn der genaue Beobachter wird recht gut einmal an der Grenze das Gelbrote, aus dem das Gelbe sich entwickelt, das andre Mal das Blaue, von dem das Violette herstrahlt, bemerken konnen.

389.   Die Farbe wechselte nur nach der verschiedenen Schiefe der Tafel, ohne daß in der Refraktion oder dem Schatten oder dem Licht etwas wäre verandert worden.

390.   Er biegt seine Pappe hin und wieder und behauptet, es sei in den

Umständen nichts verändert worden. Dasselbe behauptete er mit ebenso wenig

 

Genauigkeit beim vorigen Experimente. Da er nun immer die Hauptmomente  übersieht und sich um seine Prämissen nichts bek ümmert, so ist sein ergo immer dasselbige.

391.   Es fallt uns bei dieser Gelegenheit ein, daß Basedow, der ein starker Trinker war und in seinen besten Jahren in guter Gesellschaft einen sehr er- freulichen Humor zeigte, stets zu behaupten pflegte, die Konklusion ergo bi- bamus passe zu allen Prämissen. Es ist schon Wetter, ergo bibamus! Es ist ein haßlicher Tag, ergo bibamus! Wir sind unter Freunden, ergo bibamus! Es sind fatale Burschen in der Gesellschaft, ergo bibamus! So setzt auch New- ton sein ergo zu den verschiedensten Pramissen. Das gebrochene Lichtbild ist ganz und stetig gefarbt; also ist das Licht divers refrangibel. Es hat eine weiße Mitte, und doch ist es divers refrangibel. Es ist einmal ganz weiß, und doch ist es divers refrangibel. Und so schließt er auch hier, nachdem er in diesen drei Experimenten doppelt und dreifach Rander und Grenzen des Lichts und Schattens gebraucht:

392.   Deswegen muß man diese Farben aus einer andern Ursache herleiten als von neuen Modifikationen des Lichtes durch Refraktion und Schatten.

393.   Diese Art Logik hat er seiner Schule  überliefert, und bis auf den heu- tigen Tag wiederholen sie ihr ewiges ergo bibamus, das ebenso lacherlich und noch viel lastiger ist, als das Basedowische manchmal werden konnte, wenn er denselben Spaß unaufhörlich wiederbrachte.

394.   Daß der Verfasser nunmehr bereit sein werde, die Ursache nach seiner

Weise anzugeben, versteht sich von selbst. Denn er fahrt fort:

395.   Fragt man nun aber nach ihrer Ursache, so antworte ich: das Papier in der Stellung de ist schiefer gegen die mehr refrangiblen Strahlen als gegen die weniger refrangiblen gerichtet und wird daher starker durch die letzten als durch die ersten erleuchtet, und deswegen sind die weniger refrangiblen Strahlen in dem von der Tafel zur ückgeworfnen Lichte vorherrschend.

396.   Man bemerke, welche sonderbare Wendung er nehmen muß, um sein Phanomen zu erklären. Erst hatte er ein gebrochnes und doch vollig weißes Licht. In demselben sind keine Farben sichtbar, wenn die Tafel gerade steht; diese Farben aber kommen gleich zum Vorschein, sobald die Tafel eine schiefe Richtung erhält. Weil er von den Rändern und Saumen nichts wissen will, die nur einseitig wirken, so supponiert er, daß bei schieferer Lage der Tafel wirklich das ganze Spektrum entstehe, aber nur das eine Ende davon sichtbar werde.

 

Warum wird denn aber das ans Gelbe stoßende Gr ün niemals sichtbar? Warum kann man das Gelbe  über die weiße Tafel hin und her f ühren, so daß es immer im Weißen endigt? Wobei niemals ein Gr ün zum Vorschein kommt, und dieses ganz naturgemäß, weil hier der gelbe und gelbrote Rand nur einseitig wirkt und ihm der andere nicht entgegenkommen kann. Im zweiten Falle außert der Rand wieder seine einseitige Wirkung; Blau und Violett entstehen, ohne daß Gelb und Gelbrot entspringen und entgegenstrahlen konnen.

397.   Um recht deutlich zu machen, daß diese Farben hier bloß von dem Ran- de entstehen, so haben wir zu diesem Versuch eine Tafel mit Erhöhungen, mit Stiften, mit Kugelsegmenten angegeben, damit man sich sogleich  überzeugen konne, daß nur eine schattenwerfende Grenze innerhalb des gebrochenen, aber noch weißen Lichtes Farben hervorzubringen imstande sei.

398.   Und wo diese weniger refrangiblen Strahlen im Lichte pradominieren, so far- ben sie es mit Rot oder Gelb, wie es einigermaßen aus der ersten Proposition des ersten Teils dieses Buchs erscheint,

399.   Dieses Newtonische einigermaßen heißt auch hier in der Hetmanischen Manier – gar nicht. Denn aus der Proposition kann nichts erscheinen oder hervortreten, als insofern sie bewiesen ist; nun haben wir umständlich gezeigt, daß sie nicht bewiesen ist, und sie laßt sich also zu keiner Bestätigung anf ühren.

400.   und wie k ünftig noch ausf ührlicher erscheinen wird.

401.   Mit dem K ünftigen hoffen wir so wohl als mit dem Vergangenen fertig zu werden.

Vierter Versuch

 

402.   Hier f ührt Newton den Fall mit Seifenblasen an, welche ihre Farbe verandern, ohne daß man sagen konne, es trete dabei eine Veränderung der Grenze des Lichts und Schattens ein. Diese Instanz paßt hier gar nicht. Die Erscheinungen an den Seifenblasen gehören in ein ganz anderes Fach, wie in unserem Entwurfe genugsam auseinandergesetzt ist.

403.   Wenn man zwar im ganzen behauptet, daß zur Entstehung der Farbe ein Licht und Schatten, ein Licht und Nichtlicht notig sei, so kann doch diese Bedingung auf gar vielerlei Weise eintreten. Beim Refraktionsfall spricht sich

 

aber jene allgemeine Bedingung als eine besondere, als Verr ückung der Grenze zwischen Licht und Schatten aus.

404.   Zu diesen Versuchen kann man noch das zehnte Experiment des ersten

Teils dieses Buchs hinzuf ügen.

405.   Wir konnen das, was hier gesagt ist,  übergehen, weil wir bei Auslegung jenes Versuches schon auf die gegenwartige Stelle R ücksicht genommen.

 

Zweite Proposition. Zweites Theorem

Alles homogene Licht hat seine eigene Farbe, die seinem Grade  der Refrangibili- tat entspricht, und diese Farbe kann weder durch Reflexionen noch Refraktionen verändert werden.

406.   Bei den Versuchen zu der vierten Proposition des ersten Teils dieses ersten

Buchs, als ich die heterogenen Strahlen voneinander geschieden hatte,

407.   Wie reinlich diese Scheidung geschehen, ist unsern Freunden schon oben klar geworden, und Newton wird sogleich wieder selbst bekennen, wie es denn eigentlich mit dieser Absonderung aussehe.

408.   erschien das Spektrum pt, welches durch die geschiedenen Strahlen hervor- gebracht war, im Fortschritt

409.   Hier ist also ein Fortschritt! Doch wohl ein stetiger?

410.   von dem Ende p, wohin die refrangibelsten Strahlen fielen, bis zu dem andern Ende t, wohin die wenigst refrangiblen Strahlen anlangten, gefärbt mit den Reihen von Farben,

411.   Man bemerke wohl: Reihen.

412.   Violett, Dunkel- und Hellblau, Gr ün, Gelb, Orange und Rot zugleich,

413.   Man merke wohl: zugleich.

414.   mit allen ihren Zwischenstufen

 

415.   Die Reihen standen also nicht voneinander ab, sondern sie hatten Stu- fen zwischen sich. Nun bemerke man, was folgt.

416.   in einer beständigen Folge, die immer abwechselte,

417.   Also oben hatten wir separierte Farben, und hier haben wir eine be- ständige Folge derselben; und mit wie leisem Schritt, man mochte auch wohl sagen, in welcher stetigen Folge wird hier L üge mit Wahrheit verbunden: L üge, daß die Farben in jenem Experiment separiert worden, Wahrheit, daß sie in einer stetigen Folge erscheinen.

418.   dergestalt, daß sie als ebenso viele Stufen von Farben erschienen, als es Arten von Strahlen gibt, die an Refrangibilität verschieden sind.

419.   Hier sind es nun wieder Stufen. In einer nach Newtons Weise dargestell- ten stetigen Reihe gibt es keine nat ürlichen Stufen, wohl aber k ünstliche; wie jedoch seinem k ünstlichen Stufenwesen die Natur, die er leugnet, heimlich zu Hilfe kommt, wissen teils unsre Leser schon, teils m üssen wir spater nochmals darauf zur ückkommen.

F ünfter Versuch

 

420.   Diese Farben also konnten durch Refraktion nicht weiter verandert werden. Ich erkannte das, als ich durch ein Prisma einen kleinen Teil bald dieses, bald jenes Lichtes wieder der Brechung unterwarf; denn durch eine solche Brechung ward die Farbe des Lichtes niemals im mindesten verandert.

421.   Wie es sich damit verhält, haben wir schon oben gezeigt, und man gebe nur acht, wohin diese absoluten Assertionen, niemals, im mindesten, sogleich hinauslaufen werden.

422.   Wir antizipieren hier eine Bemerkung, die eigentlich in die Geschich- te der Farbenlehre gehört. Hauy in seinem Handbuch der Physik wiederholt obige Behauptung mit Newtons entschiedenen  Worten;  allein der deutsche

 

ü bersetzer ist genötigt, in einer Note anzuf ügen:

heit nehmen, zu sagen, von welchen Lichtarten

 

Ich werde unten Gelegen-

” Farbenspektrums meinen

 

des

eigenen Versuchen zufolge dies eigentlich gilt und von welchen nicht.“ Das- jenige also, von dessen absoluter Behauptung ganz allein die Haltbarkeit der Newtonischen Lehre abhinge, gilt und gilt nicht. Hauy spricht die Newtonische Lehre unbedingt aus, und so wird sie im Lyc´en Unterricht jedem jungen Fran-

 

zosen unbedingt in den Kopf geprägt; der Deutsche muß mit Bedingungen hervortreten, und doch ist jene durch Bedingungen sogleich zerstörte Lehre noch immer die g ültige; sie wird gedruckt,  übersetzt, und das Publikum muß diese Marchen zum tausendsten Mal bezahlen. Aber in solchen Bedingungen ist Newton seinen Sch ülern schon musterhaft vorangegangen, wie wir gleich wieder horen werden.

423.   Ward ein Teil des roten Lichtes gebrochen, so blieb es vollig von derselben roten Farbe wie vorher.

424.   Er fangt mit seinem g ünstigen Rot wieder an, damit ja jeder Experi- mentator auch wieder mit demselben anfange und, wenn er sich genug damit herumgequält, die  übrigen Farben entweder fahrenlasse oder die Erscheinun- gen wenigstens mit Vorurteil betrachte. Deswegen fahrt auch der Verfasser mit so bestimmter Sicherheit fort:

425.   Weder Orange noch Gelb, weder Gr ün noch Blau noch irgendeine neue Farbe ward durch diese Brechung hervorgebracht, auch ward die Farbe durch wiederholte Refraktionen keineswegs verandert, sondern blieb immer das vollige Rot wie zuerst.

426.   Wie es sich damit verhalte, ist oben umständlich ausgef ührt.

427.   Die gleiche Beständigkeit und Unveranderlichkeit fand ich ebenfalls in blauen, gr ünen und andern Farben.

428.   Wenn der Verfasser ein gut Gewissen hat, warum erwahnt er denn der Farben hier außer der Ordnung? Warum erwahnt er das Gelbe nicht, an wel- chem die entgegengesetzten Ränder so deutlich erscheinen? Warum erwahnt er des Gr ünen zuletzt, an dem sie doch auch nicht zu verkennen sind?

429.   Ebenso, wenn ich durch ein Prisma auf einen Korper sah, der von einem Teil dieses homogenen Lichtes erleuchtet war, wie im vierzehnten Experiment des ersten Teils dieses Buchs beschrieben ist, so konnte ich keine neue Farbe, die auf diesem Weg erzeugt worden ware, gewahr werden.

430.   Wie es sich damit verhalte, haben wir auch dort schon gewiesen.

431.   Alle Korper, die mit zusammengesetztem Lichte erleuchtet sind, erscheinen durch Prismen verworren, wie schon oben gesagt ist, und mit verschiedenen neuen Farben gefarbt; aber die, welche mit homogenem Lichte erleuchtet sind, schienen

 

durch die Prismen weder undeutlicher noch anders gefarbt, als wenn man sie mit bloßen Augen sah.

432.   Die Augen m üssen außerst schlecht oder der Sinn muß ganz von Vor- urteil umnebelt sein, wenn man so sehen, so reden will.

433.   Die Farben dieser Korper waren nicht im mindesten verandert durch die

Refraktion des angewendeten Prismas.

434.   Man halte dieses absolute nicht im mindesten nur einen Augenblick fest und hore!

435.   Ich spreche hier von einer merklichen (sensible) Veränderung der Farbe:

436.   Merklich muß doch freilich etwas sein, wenn man es bemerken soll.

437.   denn das Licht, das ich homogen nenne,

438.   Hier haben wir den Kosaken-Hetman wieder.

439.   ist nicht absolut homogen, und es konnte denn doch von seiner Heterogenität eine kleine Veranderung der Farbe entspringen. Ist aber jene Heterogenität so klein, als sie bei jenen Experimenten zur vierten Proposition gemacht worden, so war diese Veranderung nicht merklich.

440.   Man gehe zu dem zur ück, was wir bei jenen Experimenten gesagt ha- ben, wobei auch auf gegenwartige Stelle R ücksicht genommen worden, und man wird sich  überzeugen, daß die sogenannte Newtonische Heterogenität gar nicht vermindert werden kann, und daß alles nur Spiegelfechtereien sind, was er zu seinen sophistischen Zwecken vornimmt. Eben so schlecht ist es mit der Homogenität bestellt. Genug, alles, was er erst in seinen Propositionen absolut ausspricht, bedingt er nachher und fl üchtet sich entweder ins Unendliche oder ins Indiszernible, wie er denn gegenwartig auch tut, indem er schließt:

441.   Deswegen bei Experimenten, wo die Sinne Richter sind,

442.   Auch ein eigner Ausdruck. Die Sinne sind keineswegs Richter, aber vor- treffliche Zeugen, wenn sie außen gesund sind und von innen nicht bestochen.

443.   jene allenfalls  übrige Heterogenität f ür gar nichts gerechnet werden darf.

 

444.   Hier beißt sich die Schlange wieder in den Schwanz, und wir erleben zum hundertsten Mal immer eben dieselbe Verfahrungsart. Erst sind die Far- ben vollig unveränderlich, dann wird eine gewisse Veranderung doch merklich, dieses Merkliche wird so lange gequält, bis es sich vermindert und wieder ver- mindert, aber doch den Sinnen nicht entzogen werden kann, und doch zuletzt f ür ganz und gar nichts erklärt. Ich mochte wohl wissen, wie es mit der Physik aussähe, wenn man durch alle Kapitel so verfahren ware.

Sechster Versuch

 

445.   Wie nun diese Farben durch Refraktion nicht zu verandern sind, so sind sie es auch nicht durch Reflexion. Denn alle weiße, graue, rote, gelbe, gr üne, blaue, violette Korper, als Papier, Asche, Mennige, Auripigment, Indigo, Bergblau, Gold, Silber, Kupfer, Gras, blaue Blumen, Veilchen, Wasserblasen mit verschiedenen Far- ben gefärbt, Papageienfedern, die Tinktur des nephritischen Holzes u. dgl. erschienen im roten homogenen Lichte vollig rot, im blauen Licht vollig blau, im gr ünen Licht v¨ollig gr ün, und so in den andern Farben.

446.   Wenn wir nicht von Newton gewohnt waren, daß dasjenige, was er angibt, der Erfahrung geradezu widerspricht, so w ürde es unbegreiflich sein, wie er hier etwas vollig Unwahres behaupten kann. Der Versuch ist so einfach und laßt sich so leicht anstellen, daß die Falschheit dieser Angabe einem jeden leicht vor die Augen gebracht werden kann.

Eigentlich gehört dieser Versuch in das Kapitel der scheinbaren Mischung, wo wir ihn auch (E. 565, 566) angef ührt haben.

447.   Warum nimmt denn aber Newton zu seinem Zwecke farbige Pulver, Blumen, kleine Korper, die sich nicht gut handhaben lassen, da doch der Versuch sich sehr viel bequemer und demjenigen, dem es ums Rechte zu tun ist, sehr viel deutlicher auf großeren farbigen Flächen, z. B. auf farbigem Papier, am deutlichsten zeigt?

448.   Es versteht sich zuerst, daß die weiße Fläche die samtlichen Farben des Bildes am reinsten und mächtigsten zeigen wird. Das Graue zeigt sie zwar auch rein, aber nicht so machtig, und dies immer weniger, je mehr sich das Graue dem Schwarzen nahert. Nimmt man aber farbige Flächen, so entsteht die scheinbare Mischung, und die Farben des Spektrums erscheinen entweder, insofern sie mit der Farbe des Papiers  übereinkommen, machtiger und scho- ner, oder insofern sie der Farbe des Papiers widersprechen, unscheinbarer und undeutlicher; insofern sie aber sich mit der Farbe des Papiers vermischen und

 

eine dritte hervorbringen konnen, wird diese dritte Farbe wirklich hervorge- bracht. Dieses ist das wahre und naturgemäße Verhältnis, von welchem sich jedermann  überzeugen kann, der nur ein Prisma in die Sonne stellen und das Spektrum mit weißem, grauem oder farbigem Papier der Reihe nach auffangen will.

449.   Man bemerke nun, daß in dem Nachstfolgenden der Verfasser auf seine alte Manier das erst Ausgesprochene wieder bedingt.

450.   In dem homogenen Lichte einer jeden Farbe erschienen alle korperlichen Far- ben vollig von jener einen Farbe, mit dem einzigen Unterschied, daß einige derselben das Licht starker, andre schwacher zur ückwarfen.

451.   Mit stark und schwach laßt sich die Erscheinung nur bei Weiß und Grau und Schwarz ausdr ücken; bei allen farbigen Flächen aber muß, wie gesagt, auf die Mischung gesehen werden, da sich denn das ereignet, was wir eben angezeigt haben.

452.   Und doch fand ich niemals einen Korper, der, wenn er das homogene Licht zur ückwarf, merklich dessen Farbe verandern konnte.

453.   Hier haben wir das Wort merklich schon wieder, und doch ist es wohl sehr merklich, wenn das gelbrote Ende des Spektrums auf ein blaues oder violettes Papier geworfen wird, da denn sogleich mehr oder weniger die Pur- purfarbe entsteht, und so mit allen  übrigen Mischungen, wie sie uns bekannt sind. Doch haben wir noch zu bemerken, daß die Art, wie Newton den Versuch mit Korpern oder korperlichen Gegenständen, mit Pulvern u. dgl. anstellt, et- was Kaptiöses im Hinterhalt hat, weil alsdann nicht von einer reinen Flache, sondern aus Hohen und Tiefen, aus erleuchteten und beschatteten Stellen das Licht zur ück ins Auge kommt und der Versuch unsicher und unrein wird. Wir bestehen daher darauf, daß man ihn mit schonen farbigen, glatt auf Pappe gezogenen Papieren anstelle. Will man Taffent, Atlas, feines Tuch zu dem Versuche nehmen, so wird er mehr oder weniger schon und deutlich ausfallen.

Daß nunmehr Newton abermals mit seinem ergo bibamus schließen werde, laßt sich erwarten; denn er setzt sehr glorios hinzu:

454.   Woraus denn klar ist, daß, wenn das Sonnenlicht nur aus einer Art Strahlen best ünde, nur eine Farbe in der ganzen Welt sein w ürde. Auch wird es nicht moglich sein, irgendeine neue Farbe durch Reflexionen und Refraktionen hervorzubringen, und folglich hangt die Verschiedenheit der Farben von der Zusammensetzung des Lichtes ab.

 

455.   Unsre Leser, welche einsehen, wie es mit den Prämissen steht, werden die Schlußfolge von selbst w ürdigen konnen.

 

Definition

 

456.   Das homogene Licht, die homogenen Strahlen, welche rot erscheinen oder vielmehr  die Gegenstände so erscheinen  machen,  nenne ich rubrifik  oder rotma- chend, diejenigen, durch welche die Gegenstände gelb, gr ün, blau, violett erscheinen, nenne ich gelbmachend, gr ünmachend, blaumachend, violettmachend, und so mit den  übrigen. Denn wenn ich manchmal von Licht und Strahlen rede, als wenn sie gefarbt oder von Farben durchdrungen waren, so will ich dieses nicht philosophisch und eigentlich gesagt haben, sondern auf gemeine Weise nach solchen Begriffen, wie das gemeine Volk, wenn es diese Experimente sahe, sie sich vorstellen konnte. Denn eigentlich zu reden, sind die Strahlen nicht farbig, es ist nichts darin als eine gewisse Kraft und Disposition, das Gef ühl dieser oder jener Farbe zu erregen; denn wie der Klang einer Glocke, einer Musiksaite, eines andern klingenden Korpers nichts als eine zitternde Bewegung ist, und in der Luft nichts als diese Bewegung, die von dem Objekt fortgepflanzt wird, und im Sensorium das Gef ühl dieser Bewegung unter der Form des Klanges: ebenso sind die Farben der Gegenstände nur eine Disposition, diese oder jene Art Strahlen haufiger als die  übrigen zur ückzuwerfen; in den Strah- len aber ist nichts als ihre Disposition, diese oder jene Bewegung bis zum Sensorium fortzupflanzen, und im Sensorium sind es Empfindungen dieser Bewegungen unter der Form von Farben.

457.   Wie unter der Rubrik einer Definition diese wunderliche theoretische Stelle hier eingeschaltet wird, einigermaßen begreiflich zu machen, ist hier vor allen Dingen unsre Pflicht, weil wir allein dadurch zu einer bessern Einsicht in die Stelle selbst gelangen konnen. Die Geschichte der Farbenlehre benach- richtigt uns, daß sogleich, als Newton mit seiner Erklärung des prismatischen Phanomens hervortrat, die Naturforscher der damaligen Zeit, wohl bemerkend, daß nach dieser Art, sich die Sache zu denken, die Farben korperlich in dem Lichte enthalten sein m üßten, ihm die damals sehr in Gunst stehende Theorie der Schwingungen entgegensetzten und behaupteten, daß die Farben beque- mer und besser auf diesem Wege erklärt oder gedacht werden konnten. Newton erwiderte, daß es ganz gleichg ültig sei, was man f ür eine hohere Theorie zur Erklärung dieser Phänomene anwenden wolle; ihm sei es nur um die Tatsache zu tun, daß diese farbebringenden Eigenschaften des Lichtes durch Refrakti- on manifestiert w ürden und sich eben auch so durch Reflexion, Inflexion usw. manifestierten. Diese Schwingungslehre, diese Vergleichung der Farbe mit dem

 

Ton ward durch Malebranche abermals beg ünstigt, und man war also auch in Frankreich geneigt dazu. Gegenwartige Definition oder Deklaration steht al- so hier, um jene theoretische Differenz aufzuheben und zu neutralisieren, das Atomistische der Newtonischen Vorstellungsart mit der dynamischen seiner Gegner zu amalgamieren, dergestalt, daß es wirklich aussehe, als sei zwischen beiden Lehren kein Unterschied. Der Leser kommentiere sich die Stelle selbst und bemerke das Zusammenkneten dynamischer und atomistischer Ausdr ücke.

458.   In dieser unserer Erläuterung liegt die Antwort f ür diejenigen, welche die Frage aufwerfen, wie sich die Newtonische Farbenlehre noch habe allgemein erhalten konnen, da späterhin Euler die Schwingungslehre wieder angeregt und in Gunst gebracht. Man ließ sich namlich gefallen, daß die verschiedenen Schwingungsmöglichkeiten, die im Lichte sich heimlich befinden, durch Re- fraktion und andere außere Bestimmungen zur Erscheinung gebracht w ürden; wodurch man denn auch nicht weiter kam, wie Newton selbst bei Gelegenheit seiner Kontrovers und in der oben angef ührten Stelle anmerkt und behauptet.

459.   Dieser Verhältnisse aber hier zu erwähnen, hat Newton noch einen be- sondern Anlaß. Er bereitet sich vor, das Verhältnis der Farben seines Spek- trums zu messen, und diese Verhältnisse mit denen des Tons zu vergleichen; wobei ihm denn jene Schwingungslehre zur Einleitung dient.

 

Dritte Proposition. Erstes Problem

Die Refrangibilität der verschiedenen Arten des homogenen Lichts, wie sie den ver- schiedenen Arten Farben entspricht, zu bestimmen.

Siebenter Versuch

 

460.   Der Verfasser, welcher wohl gef ühlt haben mag, daß seine Farbenlehre sich im physikalischen Kreise vollig isoliere, daß seine Erklärung der Phano- mene mit der Erklärung andrer Naturerscheinungen sich nicht wohl verbinden lasse, geht nun darauf aus, die Maßverhältnisse seines Spektrums an die Ton- verhältnisse anzuschließen und durch diese Verbindung seiner Meinung einigen R ückenhalt zu verschaffen.

461.   Ganz vergeblicherweise kn üpft er daher gegenwartigen Versuch an den f ünften des ersten Teils und an dasjenige, was bei Gelegenheit der vierten Pro- position gesagt worden; denn eigentlich nimmt er sein gewohnlich Spektrum, laßt es aufs Papier fallen, auf welchem der Umriß gezeichnet ist, und zieht

 

alsdann an der Grenze jeder Farbe Querlinien, um den Raum, den eine jede einnimmt, und die Verhältnisse der Distanzen voneinander zu messen.

462.   Nachdem er also im Vorhergehenden viele Zeit und Papier verdorben, um gegen die Natur zu beweisen, daß das Spektrum aus unendlichen ineinan- dergreifenden Farbenzirkeln bestehe, so lassen sich nun auf einmal Querlinien ziehen durch die Grenzen, wo eine die andere ber ührt, eine von der andern zu unterscheiden ist.

463.   Wie nun bei dem Verfasser Wahrheit und Irrtum innig miteinander verbunden sind, weswegen sein Amalgama sich um so schwerer beurteilen laßt, so tritt auch hier das Wahre, daß die Farben im perpendikularen Spektrum sich ziemlich mit horizontalen Strichen bezeichnen lassen, zum erstenmal auf; allein der Irrtum, daß diese Farben unter sich ein feststehendes Maßverhältnis haben, wird zugleich mit eingef ührt und gewinnt durch Messungen und Berechnungen ein ernsthaftes und sichres Ansehen.

464.   Wie es sich mit diesen beiden Punkten verhalte, ist unsern Lesern schon genugsam bekannt. Wollen sie sich’s k ürzlich wiederholen, so d ürfen sie nur nochmals unsre f ünfte Tafel vor sich nehmen. Wir haben auf derselben das verr ückte helle Bild viereckt angenommen, wobei man am deutlichsten se- hen kann, wie es sich mit der Sache verhält. Die Farben der gezeichneten Durchschnitte erscheinen zwischen horizontalen parallelen Linien. Erst sind sie durch das Weiße getrennt, dann tritt das Gelbe und Blaue  übereinander, so daß ein Gr ünes erscheint. Dieses nimmt endlich  überhand; denn das Gelbe und Blaue verliert sich in demselben. Man sieht deutlich, indem man diese Tafel betrachtet, daß jeder Durchschnitt, den man durch die fortschreiten- de Erscheinung macht, anders ausfällt, und daß nur derjenige,  über den ein punktiertes Oval gezeichnet ist, mit dem Newtonischen Spektrum allenfalls  übereinkommt. Ebenso verhält es sich mit dem verr ückten dunklen Bilde auf der sechsten Tafel, wodurch die Sache vollkommen ins Klare gesetzt wird.

465.   Uns scheint sie so außer allem Streit, daß wir die Messungen und die darauf gegr ündeten Zahlen und Berechnungen ohne weiteres  ü bergehen, um so mehr als man dieses Scheingebäude bei dem Autor selbst beliebig nachse- hen kann, behaupten aber ausdr ücklich, daß diese hier ausgegr übelten Terzen, Quarten, Quinten bloß imaginär seien und daß sich von dieser Seite keine Vergleichung der Farbe und des Tons denken lasse.

 

Achter Versuch

 

466.   Wie nun in dem vorigen Versuche das durchs Glasprisma hervorge- brachte Spektrum angeblich gemessen und seine Verhältnisse falschlich be- rechnet worden, so geht der Verfasser auf Verbindung mehrerer Mittel  über, um die verschiedene Farbenerscheinung nach dem einmal gefundenen Gesetz zu bestimmen.

467.   Zu diesem Zwecke nimmt er ein Wasserprisma mit unterwärts gekehr- tem brechenden  Winkel, setzt in dasselbe ein Glasprisma, den brechenden Winkel oberwarts gekehrt, und laßt alsdann das Sonnenlicht durchfallen. Nun versucht er so lange, bis er ein Glasprisma findet, das bei geringerem Winkel als das Wasserprisma durch starkere Refraktion die Refraktion des Wasser- prismas verbessert, dergestalt daß die einfallenden und ausfallenden Strahlen miteinander parallel werden; da denn nach verbesserter Brechung die Farben- erscheinung verschwunden sein soll.

468.   Wir  übersetzen und bestreiten dieses Experiment nicht, indem dessen Unstatthaftigkeit von jedermann anerkannt ist; denn daß Newton hier einen wichtigen Umstand  übersehen, mußte sogleich in die Augen fallen, als die Achromasie bei fortdauernder Refraktion oder umgekehrt die Chromasie bei aufgehobener Refraktion entdeckt war.

469.   Indessen war es sehr verzeihlich, daß Newton hier nicht genau nach- sp ürte. Denn da er den Grund der Farbenerscheinung in die Refraktion selbst legte, da er die Brechbarkeit, die verschiedene Brechbarkeit, ausgesprochen und festgesetzt hatte, so war nichts nat ürlicher, als daß er die Wirkung der Ursache gleich setzte, daß er glaubte und behauptete, ein Mittel, das mehr breche, m üsse auch die Farben stärker hervorbringen, und indem es die Bre- chung eines andern aufhebe, auch zugleich die Farbenerscheinung wegnehmen. Denn indem die Brechbarkeit aus der Brechung entspringt, so muß sie ja mit ihr gleichen Schritt halten.

470.   Man hat sich verwundert, daß ein so genauer Experimentator, wof ür man Newton bisher gehalten, daß ein so vortrefflicher Beobachter ein solches Experiment anstellen und den Hauptumstand dabei  übersehen konnte. Aber Newton hat nicht leicht einen Versuch angestellt, als insofern er seiner Meinung g ünstig war; wenigstens beharrt er nur auf solchen, welche seiner Hypothese schmeicheln. Und wie sollte er eine diverse Refrangibilität, die von der Re- fraktion selbst wieder divers wäre, auch nur ahnen? In der Geschichte der Far-

 

benlehre werden wir die Sache weiter auseinandersetzen, wenn von Dollonds Erfindung die Rede sein wird, da wir in unserm Entwurf das Naturverhältnis deutlich gemacht haben (E. 682–687 )

471.  Eigentlich war die Newtonische Lehre auf der Stelle tot, sobald die Achromasie entdeckt war. Geistreiche Männer, z. B. unser Kl ügel, empfanden es, dr ückten sich aber unentschieden dar über aus. Der Schule hingegen, wel- che sich schon lange gewohnt hatte, an dieser Lehre zu leimen, zu flicken und zu verkleistern, fehlte es nicht an Wundärzten, welche den Leichnam balsa- mierten, damit er auf agyptische Weise auch nach seinem Tode bei physischen Gelagen präsidieren moge.

472.   Man brauchte neben der verschiedenen Brechbarkeit auch noch den Ausdruck einer verschiedenen Zerstreubarkeit, indem man das unbestimmte, schon von Grimaldi,  Rizzetti, Newton selbst und andern gebrauchte Wort Zerstreuen hier in einem ganz eigenen Sinne anwendete und, so ungeschickt es auch war, der neu bekannt gewordenen Erscheinung anpaßte, ihm ein großes Gewicht gab und eine Lehre durch Redensarten rettete, die eigentlich nur aus Redensarten bestand.

 

473.

 

übergehen wir nun die bei dieser Gelegenheit vorgebrachten Messun-

 

gen und Berechnungen, welche schon von der physischen und mathematischen Welt f ür falsch erklärt worden, so  übersetzen und beleuchten wir doch die Schlußrede, welche den  ü bergang zu neuen Kunstst ücken macht, durch die wir nicht ins Licht, sondern hinter das Licht gef ührt werden sollen. Denn also spricht der Verfasser:

474.   Nimmt man nun diese Theoreme in die Optik auf,

475.   Es ist sehr wunderbar, daß er diese Empfehlung gerade an einer Stelle anbringt, welche nun schon durchaus f ür falsch anerkannt ist.

476.   so hatte man Stoff genug, diese Wissenschaft weitläufig (voluminously) nach einer neuen Manier zu behandeln, nicht allein bei dem Vortrag alles dessen, was zur Vollkommenheit des Sehens beitragt, sondern auch, indem man mathematisch alle Arten der Farbenphänomene, welche durch Refraktion entstehen konnen, bestimmte.

477.   Daß man aber ebendieses auf Newtons Weise nach Anleitung des letz- ten Experiments tat, dadurch ist die Verbesserung der dioptrischen Fernröhre und die wahre Einsicht in die Natur  der Farbe  überhaupt, besonders aber

 

der Farbe, insofern sie durch Refraktion entsteht, auf lange Zeit unmöglich gemacht worden.

Nun folgt ein ganz leiser  ü bergang zu dem, was wir uns zunächst sollen

gefallen lassen.

478.   Denn hierzu ist nichts weiter notig, als daß man die Absonderung der hete- rogenen Strahlen finde,

479.   Welche wunderlichen Anstalten er hierzu gemacht, wie wenig er damit zustande gekommen, ist von uns genau und weitläufig ausgef ührt. Aber man merke wohl, was noch weiter n¨otig ist!

480.   und ihre verschiedenen Mischungen und Proportionen in jeder Mischung.

481.   Also erst soll man sie absondern und dann wieder mischen, ihre Pro- portion in der Absonderung, ihre Proportion in der Mischung finden. Und was hat man denn davon? Was aber der Autor darunter hat, wird sich bald zeigen, indem er uns mit den Mischungen in die Enge treiben will. Indessen fahrt er fort, goldne Berge zu versprechen.

482.   Auf diesem Wege zu denken und zu schließen (way of arguing) habe ich die meisten Phänomene, die in diesem Buche beschrieben sind, erfunden,

483.   ja, wohl hat er sie erfunden oder sie vielmehr seinem Argumentieren angepaßt.

484.   und andre mehr, die weniger zu der gegenwartigen Abhandlung gehören. Und ich kann bei den Fortschritten, die ich in den Versuchen gemacht habe, wohl verspre- chen, daß derjenige, der recht denken und folgern und alles mit guten Glasern und hinreichender Vorsicht unternehmen wird, des erwarteten Erfolgs nicht ermangeln soll.

485.   Der erwartete Erfolg wird nur der sein, wie er es denn auch gewesen ist, daß eine Hypothese immer mehr ausgeputzt wird und die vorgefaßte Meinung im Sinn immer mehr erstarrt.

486.   Aber man muß zuerst  erkennen, was f ür Farben von andern, die man in bestimmter Proportion vermischt, entstehen konnen.

 

487.   Und so hatte uns der Verfasser ganz leise wieder an eine Schwelle hinge- f ührt,  über die er uns in eine neue Konkameration seines Wahnes hoflicherweise hineinnötigt.

 

Vierte Proposition. Drittes Theorem

Man kann Farben durch Zusammensetzung hervorbringen, welche den Farben des homogenen Lichts gleich sind dem Ansehn der Farben nach, aber keineswegs, was ihre Unveranderlichkeit und die Konstitution des Lichtes betrifft. Und je mehr man diese Farben zusammensetzt, desto weniger satt und stark werden sie; ja, sie konnen, wenn man sie allzu sehr zusammensetzt, so diluiert und geschwächt werden, daß sie verschwinden und sich in Weiß oder Grau  verwandeln. Auch lassen sich Farben durch Zusammensetzung hervorbringen, welche nicht vollkommen den Farben des homogenen Lichtes gleich sind.

488.   Was diese Proposition hier bedeuten  solle, wie sie mit dem Vorher- gehenden eigentlich zusammenhänge und was sie f ür die Folge beabsichtige, m üssen wir vor allen Dingen unsern Lesern deutlich zu machen suchen. Die falsche Ansicht des Spektrums, daß es urspr ünglich aus einer stetigen Far- benreihe bestehe, hatte Newton in dem Vorhergehenden noch mehr befestigt, indem er darin eine der Tonleiter ahnliche Skale gefunden haben wollte.

489.   Nun wissen wir aber, daß man, um der Erscheinung auf den Grund zu kommen, zugleich ein verr ücktes helles und ein verr ücktes dunkles Bild betrachten muß. Da finden sich nun zwei Farben, die man f ür einfach anspre- chen kann, Gelb und Blau, zwei gesteigerte, Gelbrot und Blaurot, und zwei gemischte, Gr ün und Purpur. Auf diese Unterschiede hatte Newton keine acht, sondern betrachtete nur die bei starker Verr ückung eines hellen Bildes vorkom- menden Farben, unterschied, zahlte sie, nahm ihrer f ünf oder sieben an, ja ließ deren, weil in einer stetigen Reihe sich unendliche Einschnitte machen lassen, unzählige gelten, und diese alle sollten nun, soviel ihrer auch sein mochten, primitive, primäre, in dem Licht f ür sich befindliche Urfarben sein.

490.   Bei genauerer Betrachtung mußte er jedoch finden, daß manche von diesen einfachen Urfarben gerade so aussahen wie andere, die man durch Mi- schung hervorbringen konnte. Wie nun aber das Gemischte dem Urspr üng- lichen und das Urspr üngliche dem Gemischten ahnlich, ja gleich sein konne, dies ware freilich in einem naturgemäßen Vortrag schwer genug darzustellen gewesen; in der Newtonischen Behandlung wird es jedoch moglich, und wir wollen, ohne uns weiter im allgemeinen aufzuhalten, gleich zu dem Vortrag

 

des Verfassers  übergehen und in kurzen Anmerkungen wie bisher unsere Le- ser aufmerksam machen, worauf es denn eigentlich mit diesem Mischen und Wiedermischen am Ende hinausgeht.

491.   Denn eine Mischung von homogenem Rot und Gelb bringt ein Orange her- vor, gleich an Farbe dem Orange, das in der Reihe von ungemischten prismatischen Farben zwischeninne liegt; aber das Licht des einen Orange ist homogen, die Re- frangibilität betreffend, das andere aber ist heterogen; denn die Farbe des ersten, wenn man sie durch ein Prisma ansieht, bleibt unverandert, die von dem zweiten wird verandert und in die Farben zerlegt, die es zusammensetzen, nämlich Rot und Gelb.

492.   Da uns der Verfasser mit so verschiedenen umständlichen Versuchen gequält hat, warum gibt er nicht auch hier den Versuch genau an? Warum bezieht er sich nicht auf einen der vorigen, an den man sich halten konnte? Wahrscheinlicherweise ist er denjenigen ahnlich, die wir oben (154 und 155) mit eingef ührt haben, wo ein paar prismatische Bilder entweder im ganzen oder teilweise objektiv  übereinandergeworfen und dann, durch ein Prisma an- gesehen, subjektiv auseinanderger ückt werden. Newtons Intention hierbei ist aber keine andere, als eine Ausflucht sich zu bereiten, damit, wenn bei aberma- liger Verr ückung seiner homogenen Farbenbilder sich neue Farben zeigen, er sagen konne, jene seien eben nicht homogen gewesen; da denn freilich niemand einem, der auf diese Weise lehrt und disputiert, etwas anhaben kann.

493.   Auf dieselbe Weise konnen andere benachbarte homogene Farben neue Far- ben hervorbringen, den homogenen gleich, welche zwischen ihnen liegen, z. B. Gelb und Gr ün.

494.   Man bemerke, wie listig der Verfasser auftritt! Er nimmt hier sein ho- mogenes Gr ün, da doch Gr ün als eine zusammengesetzte Farbe durchaus an- erkannt ist.

495.   Gelb und Gr ün also bringen die Farbe hervor, die zwischen ihnen beiden liegt.

496.   Das heißt also ungefähr ein Papageigr ün, das nach der Natur und in unserer Sprache durch mehr Gelb und weniger Blau hervorgebracht wird. Aber man gebe nur weiter acht!

497.   Und nachher, wenn man Blau dazutut, so wird es ein Gr ün werden von der mittlern Farbe der drei, woraus es zusammengesetzt ist.

 

498.   Erst macht er also Gr ün zur einfachen Farbe und erkennt das Gelb und Blau nicht an, woraus es zusammengesetzt ist; dann gibt er ihm ein  ü berge- wicht von Gelb, und dieses  ü bergewicht von Gelb nimmt er durch eine Bei- mischung von Blau wieder weg, oder vielmehr, er verdoppelt nur sein erstes Gr ün, indem er noch eine Portion neues Gr ün hinzubringt. Er weiß aber die Sache ganz anders auszulegen.

499.   Denn das Gelbe und Blaue an jeder Seite, wenn sie in gleicher Menge sind, ziehen das mittlere Gr ün auf gleiche Weise zu sich und halten es, wie es war, im Gleichgewicht, so daß es nicht mehr gegen das Gelbe auf der einen, noch gegen das Blaue an der andern sich neigt, sondern durch ihre gemischten Wirkungen als eine Mittelfarbe erscheint.

500.   Wie viel k ürzer war er davongekommen, wenn er der Natur die Ehre erzeigt und das Phänomen, wie es ist, ausgesprochen hatte, daß namlich das prismatische Blau und Gelb, die erst im Spektrum getrennt sind, sich in der Folge verbinden und ein Gr ün machen, und daß im Spektrum an kein einfaches Gr ün zu denken sei. Was hilft es aber! Ihm und seiner Schule sind Worte lieber als die Sache.

501.   Zu diesem gemischten Gr ün kann man noch etwas Rot und Violett hinzutun, und das Gr üne wird nicht gleich verschwinden, sondern nur weniger voll und lebhaft werden. Tut man noch mehr Rot und Violett hinzu, so wird es immer mehr und mehr verd ünnt, bis durch das  ü bergewicht von hinzugetanen Farben es  überwaltigt und in Weiß oder in irgendeine andre Farbe verwandelt wird.

502.   Hier tritt wieder das Haupt übel der Newtonischen Lehre herein, daß sie das (. . . ) der Farbe verkennt und immer glaubt, mit Lichtern zu tun zu haben. Es sind aber keineswegs Lichter, sondern Halblichter, Halbschatten, welche durch gewisse Bedingungen als farbig erscheinen. Bringt man nun die- se verschiedenen Halblichter, diese Halbschatten  übereinander, so werden sie zwar nach und nach ihre Spezifikation aufgeben, sie werden aufhören, Blau, Gelb oder Rot zu sein, aber sie werden keineswegs dadurch diluiert. Der Fleck des weißen Papiers, auf den man sie wirft, wird dadurch dunkler; es entsteht ein Halblicht, ein Halbschatten, aus soviel andern Halblichtern, Halbschatten zusammengesetzt.

502  Vgl. Anm. zu 25

503.   So wird, wenn man zu der Farbe von irgendeinem homogenen Lichte das weiße Sonnenlicht, das aus allen Arten Strahlen zusammengesetzt ist, hinzutut, diese

 

Farbe nicht verschwinden oder ihre Art verandern, aber immer mehr und mehr verd ünnt werden.

504.   Man lasse das Spektrum auf eine weiße Tafel fallen, die im Sonnenlicht steht, und es wird bleich aussehen wie ein anderer Schatten auch, auf welchen das Sonnen- licht wirkt, ohne ihn ganz aufzuheben.

505.   Zuletzt, wenn man Rot und Violett mischt, so werden nach verschiedenen Proportionen verschiedene Purpurfarben zum Vorschein kommen, und zwar solche, die keiner Farbe irgendeines homogenen Lichtes gleichen.

506.   Hier tritt denn endlich der Purpur hervor, das eigentliche, wahre, reine Rot, das sich weder zum Gelben noch zum Blauen hinneigt. Diese vornehmste Farbe, deren Entstehung wir im Entwurf in physiologischen, physischen und chemischen Fallen hinreichend nachgewiesen haben, fehlt dem Newton, wie er selbst gesteht, in seinem Spektrum ganz, und das bloß deswegen, weil er nur das Spektrum eines verr ückten hellen Bildes zum Grunde seiner Betrachtung legt und das Spektrum eines verr ückten dunklen Bildes nicht zugleich auff ührt, nicht mit dem ersten parallelisiert. Denn wie bei Verr ückung des hellen Bildes endlich in der Mitte Gelb und Blau zusammenkommen und Gr ün bilden, so kommen bei Verr ückung des dunklen Bildes endlich Gelbrot und Blaurot zu- sammen. Denn das, was Newton am einen Ende seiner Farbenskala Rot nennt, ist eigentlich nur Gelbrot, und er hat also unter seinen primitiven Farben nicht einmal ein vollkommenes Rot. Aber so muß es allen ergehen, die von der Na- tur abweichen, welche das Hinterste zuvörderst stellen, das Abgeleitete zum Urspr ünglichen erheben, das Urspr üngliche zum Abgeleiteten erniedrigen, das Zusammengesetzte einfach, das Einfache zusammengesetzt nennen. Alles muß bei ihnen verkehrt werden, weil das erste verkehrt war; und doch finden sich Geister vorz üglicher Art, die sich auch am Verkehrten erfreuen.

507.   Und aus diesen Purpurfarben, wenn man Gelb und Blau hinzumischt, konnen wieder andre, neue Farben erzeugt werden.

508.   Und so hatte er denn sein Mischen und Mengen auf die konfuseste Weise zustande gebracht; worauf es aber eigentlich angesehn ist, zeigt sich im folgenden.

Durch diese Mischung der Farben sucht er ihre spezifische Wirkung end- lich zu neutralisieren und mochte gar zu gern aus ihnen Weiß hervorbringen, welches ihm zwar in der Erfahrung nicht gerät, ob er gleich mit Worten immer versichert, daß es moglich und tulich sei.

 

F ünfte Proposition. Viertes Theorem

Das Weiße und alle grauen Farben zwischen Weiß und Schwarz konnen aus Farben zusammengesetzt werden, und die Weiße des Sonnenlichts ist zusammengesetzt aus allen Urfarben (primary), in gehörigem Verhaltnis vereinigt.

509.   Wie es sich mit dem ersten verhalte, haben wir in den Kapiteln der realen und scheinbaren Mischung genugsam dargelegt, und die zweite Hälfte der Proposition wissen unsre Leser auch zu schatzen. Wir wollen jedoch sehen, wie er das Vorgebrachte zu beweisen gedenkt.

509  Das Weiß darf nicht mit dem Licht als solchem identifiziert  werden. Denn Weiß entsteht dort, wo die Materie sich dem Lichte widersetzt. Weiß ist demnach eine Eigenschaft des Lichtes, insofern es an einer undurchsichtigen Materie erscheint, von der es in keiner Weise sonst verändert wird, also wo namentlich keine Farbenerscheinung auftritt. Man sollte also nicht von weißem Licht sprechen, denn das Licht ist als solches vollig unsichtbar und enthält nur die Moglichkeit der Sichtbarkeit der K¨orper. Und Weiß ist eine Art, wie die Korper uns sichtbar werden.

Neunter Versuch

 

510.   Die Sonne schien in eine dunkle Kammer durch eine kleine runde ö ffnung in dem Fensterladen und warf das gefarbte Bild auf die entgegengesetzte Wand. Ich hielt ein weißes Papier an die Seite, auf die Art, daß es durch das vom Bild zur ückgeworfene Licht erleuchtet wurde, ohne einen Teil des Lichtes auf seinem Wege vom Prisma zum Spektrum aufzufangen, und ich fand, wenn man das Papier naher zu einer Farbe als zu den  übrigen hielt, so erschien es von dieser Farbe; wenn es aber gleich oder fast gleich von allen Farben entfernt war, so daß alle es erleuchteten, erschien es weiß.

511.   Man bedenke, was bei dieser Operation vorgeht. Es ist namlich eine unvollkommene Reflexion eines farbigen halbhellen Bildes, welche jedoch nach den Gesetzen der scheinbaren Mitteilung geschieht(E. 588–592).Wir wollen aber den Verfasser ausreden lassen, um alsdann das wahre Verhältnis im Zu- sammenhang vorzubringen.

512.   Wenn nun bei dieser letzten Lage des Papiers einige Farben aufgefangen wur- den, verlor dasselbe seine weiße Farbe und erschien in der Farbe des  übrigen Lichtes, das nicht aufgefangen war. Auf diese Weise konnte man das Papier mit Lichtern von

 

verschiedenen Farben erleuchten, namentlich mit Rot, Gelb, Gr ün, Blau und Violett, und jeder Teil des Lichts behielt seine eigene Farbe, bis er aufs Papier fiel und von da zum Auge zur ückgeworfen wurde, so daß er, wenn entweder die Farbe allein war und das  übrige Licht aufgefangen, oder wenn sie pradominierte, dem Papier seine eigene Farbe gab; war sie aber vermischt mit den  übrigen Farben in gehörigem Verhältnis, so erschien das Papier weiß und brachte also diese Farbe in Zusammensetzung mit den  übrigen hervor. Die verschiedenen Teile des farbigen Lichtes, welche das Spek- trum reflektiert, indem sie von daher durch die Luft fortgepflanzt werden, behalten beständig ihre eigenen Farben; denn wie sie auch auf die Augen des Zuschauers fal- len, so erscheinen die verschiedenen Teile des Spektrums unter ihren eigenen Farben. Auf gleiche Weise behalten sie auch ihre eigenen Farben, wenn sie auf das Papier fal- len; aber dort machen sie durch Verwirrung und vollkommene Mischung aller Farben die Weiße des Lichts, welche von dorther zur ückgeworfen wird.

513.   Die ganze Erscheinung ist, wie gesagt, nichts als eine unvollkommene Reflexion. Denn erstlich bedenke man, daß das Spektrum selbst ein dunkles, aus lauter Schattenlichtern zusammengesetztes Bild sei. Man bringe ihm nah an die Seite eine zwar weiße, aber doch rauhe Oberfläche, wie das Papier ist, so wird jede Farbe des Spektrums von derselben, obgleich nur schwach, re- flektieren, und der aufmerksame Beobachter wird die Farben noch recht gut unterscheiden konnen. Weil aber das Papier auf jedem seiner Punkte von al- len Farben zugleich erleuchtet ist, so neutralisieren sie sich gewissermaßen einander, und es entsteht ein Dammerschein, dem man keine eigentliche Far- be zuschreiben kann. Die Hellung dieses Dammerscheins verhält sich wie die Dammerung des Spektrums selbst, keineswegs aber wie die Hellung des weißen Lichtes, ehe es Farben annahm und sich damit  überzog. Und dieses ist immer die Hauptsache, welcher Newton ausweicht. Denn man kann freilich aus sehr hellen Farben, auch wenn sie korperlich sind, ein Grau zusammensetzen, das sich aber von weißer Kreide z. B. schon genugsam unterscheidet. Alles dies ist in der Natur so einfach und so kurz, und nur durch diese falschen Theorien und Sophistereien hat man die Sache ins Weite, ja ins Unendliche gespielt.

514.   Will man diesen Versuch mit farbigen Papieren, auf die man das Son- nenlicht gewaltig fallen und von da auf eine im Dunklen stehende Flache re- flektieren laßt, anstellen, in dem Sinne, wie unsere Kapitel von scheinbarer Mischung und Mitteilung der Sache erwahnen, so wird man sich noch mehr von dem wahren Verhältnis der Sache  überzeugen, daß namlich durch Verbin- dung aller Farben ihre Spezifikation zwar aufgehoben, aber das, was sie alle gemein haben, das (. . . ) nicht beseitigt werden kann.

 

515.   In den drei folgenden Experimenten bringt Newton wieder neue Kunst- st ückchen und Bosseleien hervor, ohne das wahre Verhältnis seines Apparats und der dadurch erzwungenen Erscheinung anzugeben. Nach gewohnter Weise ordnet er die drei Experimente falsch, indem er das komplizierteste voransetzt, ein anderes, das dieser Stelle gewissermaßen fremd ist, folgen laßt und das ein- fachste zuletzt bringt. Wir werden daher, um uns und unsern Lesern die Sache zu erleichtern, die Ordnung umkehren und wenden uns deshalb sogleich zum

Zwolften Versuch

 

516.   Das Licht der Sonne gehe durch ein großes Prisma durch, falle sodann auf eine weiße Tafel und bilde dort einen weißen Raum.

517.   Newton operiert also hier wieder in dem zwar refrangierten, aber doch noch ungefärbten Lichte.

518.   Gleich hinter das Prisma setze man einen Kamm.

519.   Man gebe doch acht, auf welche rohe Weise Newton sein weißes Licht zusammenkrempeln und -filzen will.

520.   Die Breite der Zähne sei gleich ihren Zwischenräumen, und die sieben Zahne

521.   Doch als wenn f ür jeden Hauptlichtstrahl einer präpariert ware.

522.   nehmen mit ihren Intervallen die Breite eines Zolles ein. Wenn nun das Papier zwei oder drei Zoll von dem Kamm entfernt stand, so zeichnete das Licht, das durch die verschiedenen Zwischenräume hindurchging, verschiedene Reihen Farben,

523.   Warum sagt er nicht: die prismatischen Farbenreihen?

524.   die parallel unter sich waren und ohne eine Spur von Weiß.

525.   Und diese Erscheinung kam doch wohl bloß daher, weil jeder Zahn zwei Rander machte und das gebrochene ungefärbte Licht sogleich an diesen Gren- zen, durch diese Grenzen zur Farbe bestimmt wurde, welches Newton in der ersten Proposition dieses Buchs so entschieden leugnete. Das ist eben das Un- erhörte bei diesem Vortrag, daß erst die wahren Verhältnisse und Erscheinun- gen abgeleugnet werden, und daß, wenn sie zu irgendeinem Zwecke brauchbar

 

sind, man sie ohne weiteres hereinf ührt, als ware gar nichts geschehen noch gesagt worden.

526.   Diese Farbenstreifen, wenn der Kamm auf- und abwärts bewegt ward, stiegen auf- und abwärts.

527.   Keineswegs dieselben Farbenstreifen; sondern wie der Kamm sich be- wegte, entstanden an seinen Grenzen immer neue Farbenerscheinungen, und es waren ewig werdende Bilder.

528.   Wenn aber die Bewegung des Kamms so schnell war, daß man die Farben nicht voneinander unterscheiden konnte,  so erschien das ganze Papier durch ihre Verwirrung und Mischung dem Sinne weiß.

529.   So kardätscht unser gewandter Naturforscher seine homogenen Lich- ter dergestalt durcheinander, daß sie ihm abermals ein Weiß hervorbringen, welches wir aber auch notwendig verk ümmern m üssen. Wir haben zu diesem Versuche einen Apparat ersonnen, der seine Verhältnisse sehr gut an den Tag legt. Die Vorrichtung, einen Kamm auf- und abwarts sehr schnell zu bewe- gen, ist unbequem und umständlich. Wir bedienen uns daher eines Rades mit zarten  Speichen, das an die Walze unseres Schwungrades befestigt werden kann. Dieses Rad stellen wir zwischen das erleuchtete große Prisma und die weiße Tafel. Wir setzen es langsam in Bewegung, und wie eine Speiche vor dem weißen Raum des refrangierten Bildes vorbeigeht, so bildet sie dort einen farbigen Stab in der bekannten Folge: Blau, Purpur und Gelb. Wie eine and- re Speiche eintritt, so entstehen abermals diese farbigen Erscheinungen, die sich geschwinder folgen, wenn man das Rad schneller herumdreht. Gibt man nun dem Rade den volligen Umschwung, so daß der Beobachtende wegen der Schnelligkeit die Speichen nicht mehr unterscheiden kann, sondern daß eine runde Scheibe dem Auge erscheint, so tritt der schone Fall ein, daß einmal das aus dem Prisma hervorkommende weiße, an seinen Grenzen gefärbte Bild auf jener Scheibe vollig deutlich erscheint und zugleich, weil diese scheinba- re Scheibe doch noch immer als halbdurchsichtig angesehen werden kann, auf der hinteren weißen Pappe sich abbildet. Es ist dieses ein Versuch, der sogleich das wahre Verhältnis vor Augen bringt, und welchen jedermann mit Vergn ü- gen ansehen wird. Denn hier ist nicht von Krempeln, Filzen und Kardätschen fertiger Farbenlichter die Rede, sondern eben die Schnelligkeit, welche auf der scheinbaren Scheibe das ganze Bild auffangt, laßt es auch hindurch auf die wei- ße Tafel fallen, wo eben wegen der Schnelligkeit der vorbeigehenden Speichen keine Farben f ür uns entstehen konnen, und das hintere Bild auf der weißen Tafel ist zwar in der Mitte weiß, doch etwas tr über und dammernder, weil es

 

ja vermittelst der f ür halbdurchsichtig anzunehmenden Scheibe gedampft und gemaßigt wird.

530.   Noch angenehmer  zeigt sich der Versuch, wenn man durch ein klei- neres Prisma die Farbenerscheinung dergestalt hervorbringt, daß ein schon ganz fertiges Spektrum auf die Speichen des umzudrehenden Rades fallt. Es steht in seiner volligen Kraft alsdann auf der schnell umgetriebenen scheinba- ren Scheibe und ebenso unverwandt und unverandert auf der hintern weißen Tafel. Warum geht denn hier keine Mischung, keine Konfusion vor? Warum quirlt denn das auf das schnellste herumgedrehte Speichenrad die fertigen Far- ben nicht zusammen? Warum operiert denn diesmal Newton nicht mit seinen fertigen Farben? Warum mit entstehenden? Doch bloß darum, daß er sagen konne, sie seien fertig geworden und durch Mischung ins Weiße verwandelt; da der Raum doch bloß darum vor unsern Augen weiß bleibt, weil die vor-  übereilenden Speichen ihre Grenze nicht bezeichnen und deshalb keine Farbe entstehen kann.

531.   Da nun der Verfasser einmal mit seinem Kamme operiert, so hauft er noch einige Experimente, die er aber nicht numeriert, deren Gehalt wir nun auch k ürzlich w ürdigen wollen.

532.   Laßt nun den Kamm still stehen  und das Papier sich weiter vom Prisma nach und nach entfernen, so werden die verschiedenen Farbenreihen sich verbreitern und eine  über die andre  mehr hinausr ücken, indem sie ihre Farben miteinander vermischen, einander verd ünnen, und dieses wird zuletzt so sehr geschehen, daß sie weiß werden.

533.   Was vorgeht, wenn schmale schwarze und weiße Streifen auf einer Tafel wechseln, kann man sich am besten durch einen subjektiven Versuch bekannt machen. Die Ränder entstehen namlich gesetzmäßig an den Grenzen sowohl des Schwarzen als des Weißen, die Saume verbreiten sich sowohl  über das Weiße als das Schwarze, und so erreicht der gelbe Saum geschwind den blauen Rand und macht Gr ün, der violette Rand den gelbroten und macht Purpur, so daß wir sowohl das System des verr ückten weißen als des verr ückten schwarzen Bildes zugleich gewahr werden. Entfernt man sich weiter von der Pappe, so greifen Rander und Saume dergestalt ineinander, vereinigen sich innigst, so daß man nur noch gr üne und purpurne Streifen  übereinander sieht.

534.   Dieselbe Erscheinung kann man durch einen Kamm, mit dem man vor einem großen Prisma operiert, objektiv hervorbringen und die abwechselnden purpurnen und gr ünen Streifen auf der weißen Tafel recht gut gewahr werden.

 

535.   Es ist daher ganz falsch, was Newton andeutet, als wenn die samtli- chen Farben ineinandergriffen, da sich doch nur Farben der entgegengesetzten Rander vermischen konnen und gerade, indem sie es tun, die  übrigen aus- einanderhalten. Daß also diese Farben, wenn man mit der Pappe sich weiter entfernt, indem es doch im Grunde lauter Halbschatten sind, verd ünnter er- scheinen, entsteht daher, weil sie sich nicht mehr ausbreiten, weil sie schwächer wirken, weil ihre Wirkung nach und nach fast aufhört, weil jede f ür sich un- scheinbar wird, nicht aber weil sie sich vermischen und ein Weiß hervorbringen. Die Neutralisation, die man bei andern Versuchen zugesteht, findet hier nicht einmal statt.

536.   Ferner nehme man durch irgendein Hindernis

537.   Hier ist schon wieder ein Hindernis, mit dem er bei dem ersten Experi- ment des zweiten Teils so ungl ücklich operiert hat, und das er hier nicht besser anwendet.

538.   das Licht hinweg, das durch irgendeinen der Zwischenräume der Kammzähne durchgefallen war, so daß die Reihe Farben, welche daher entsprang, aufgehoben sei, und man wird bemerken, daß das Licht der  übrigen Reihen an die Stelle der weggenommenen Reihe tritt und sich daselbst farbt.

539.   Keineswegs ist dieses das Faktum, sondern ein genauer Beobachter sieht ganz etwas anders. Wenn man namlich einen Zwischenraum des Kammes zu- deckt, so erhält man nur einen breitern Zahn, der, wenn die Intervalle und die Zahne gleich sind, dreimal so breit ist wie die  übrigen. An den Grenzen dieses breitern Zahns geht nun gerade das vor, was an den Grenzen der schmäleren vorgeht: der violette Saum erstreckt sich hereinwarts, der gelbrote Rand be- zeichnet die andre Seite. Nun ist es moglich, daß bei der gegebenen Distanz diese beiden Farben sich  über den breiten Zahn noch nicht erreichen, wahrend sie sich  über die schmalen Zahne schon ergriffen haben; wenn man also bei den  übrigen Fallen schon Purpur sieht, so wird man hier noch das Gelbrote vom Blauroten getrennt sehen.

540.   Laßt man aber diese aufgefangene Reihe wieder wie vorher auf das Papier fallen, so werden die Farben derselben in die Farben der  übrigen Reihen einfallen, sich mit ihnen vermischen und wieder das Weiße hervorbringen.

541.   Keineswegs; sondern, wie schon oben gedacht, werden die durch die schmalen Kammöffnungen durchfallenden Farbenreihen in einer solchen Ent-

 

fernung nur unscheinbar, so daß ein zweideutiger, eher bunt als farblos zu nennender Schein hervorgebracht wird.

542.   Biegt man nun die Tafel sehr schräg gegen die einfallenden Strahlen, so daß die am starksten refrangiblen häufiger als die  übrigen zur ückgeworfen werden, so wird die Weiße der Tafel, weil gedachte Strahlen häufiger zur ückgeworfen werden als die  übrigen, sich in Blau und Violett verwandeln. Wird das Papier aber im ent- gegengesetzten Sinne gebeugt, daß die weniger refrangiblen Strahlen am haufigsten zur ückgeworfen werden, so wird das Weiße in Gelb und Rot verwandelt.

543.   Dieses ist, wie man sieht, nur noch ein Septleva auf das dritte Experi- ment des zweiten Teils.

Man kann, weil wir einmal diesen Spielausdruck gebraucht haben, Newton einem falschen Spieler vergleichen, der bei einem unaufmerksamen Bankier ein Paroli in eine Karte biegt, die er nicht gewonnen hat, und nachher teils durch Gl ück, teils durch List ein Ohr nach dem andern in die Karte knickt und ihren Wert immer steigert. Dort operiert er in dem weißen Lichte und hier nun wieder in einem durch den Kamm gegangenen Lichte, in einer sol- chen Entfernung, wo die Farbenwirkungen der Kammzähne sehr geschwächt sind. Dieses Licht ist aber immer noch ein refrangiertes Licht, und durch je- des Hindernis nahe an der Tafel kann man wieder Schatten und Farbensäume hervorbringen. Und so kann man auch das dritte Experiment hier wiederho- len, indem die Rander, die Ungleichheit der Tafel selbst entweder Violett und Blau oder Gelb und Gelbrot hervorbringen und mehr oder weniger  über die Tafel verbreiten, je nachdem die Richtung ist, in welcher die Tafel gehalten wird. Bewies also jenes Experiment nichts, so wird auch gegenwartiges nichts beweisen, und wir erlassen unsern Lesern das ergo bibamus, welches hier auf die gewohnliche Weise hinzugef ügt wird.

Elfter Versuch

 

544.   Hier bringt der Verfasser jenen Hauptversuch, welchen wir so oft erwah- nen und den wir in dem neunzehnten Kapitel von Verbindung objektiver und subjektiver Versuche (E. 350–355) vorgetragen haben. Es ist namlich derjeni- ge, wo ein objektiv an die Wand geworfenes Bild subjektiv heruntergezogen, entfärbt und wieder umgekehrt gefärbt wird. Newton h ütet sich wohl, dieses Versuchs an der rechten Stelle zu erwähnen; denn eigentlich gabe es f ür densel- ben gar keine rechte Stelle in seinem Buche, indem seine Theorie vor diesem Versuch verschwindet. Seine fertigen, ewig unveränderlichen Farben werden hier vermindert, aufgehoben, umgekehrt und stellen uns das Werdende, im-

 

merfort Entstehende und ewig Bewegliche der prismatischen Farben recht vor die Sinne. Nun bringt er diesen Versuch so nebenbei als eine Gelegenheit, sich weißes Licht zu verschaffen und in demselben mit Kammen zu operieren. Er beschreibt den Versuch, wie wir ihn auch schon dargestellt, behauptet aber nach seiner Art, daß diese Weiße des subjektiv heruntergef ührten Bildes aus der Vereinigung aller farbigen Lichter entstehe, da die vollige Weiße doch hier wie bei allen prismatischen Versuchen den Indifferenzpunkt und die nahe Um- wendung der begrenzenden Farben in den Gegensatz andeutet. Nun operiert er in diesem subjektiv weiß gewordnen Bilde mit seinen Kammzähnen und bringt also durch neue Hindernisse neue Farbenstreifen von außen herbei, keineswegs von innen heraus.

Zehnter Versuch

 

545.   Hier kommen wir nun an eine recht zerknickte Karte, an einen Versuch, der aus nicht weniger als f ünf bis sechs Versuchen zusammengesetzt ist. Da wir sie aber alle schon ihrem Wert nach kennen, da wir schon  überzeugt sind, daß sie einzeln nichts beweisen, so werden sie uns auch in der gegenwartigen Verschränkung und Zusammensetzung keineswegs imponieren.

Anstatt also dem Verfasser hier, wie wir wohl sonst getan, Wort vor Wort zu folgen, so gedenken wir die verschiedenen Versuche, aus denen der gegen- wartige zusammengesetzt ist, als Glieder dieses monstrosen Ganzen nur k ürz- lich anzuzeigen, auf das, was schon einzeln gesagt ist, zur ückzudeuten und auch so  über das gegenwartige Experiment abzuschließen.

Glieder des zehnten Versuchs

 

546.   1) Ein Spektrum wird auf die bekannte Weise hervorgebracht.

2) Es wird auf eine Linse geworfen und von einer weißen Tafel auf gefangen. Das farblose runde Bild entsteht im Fokus.

3) Dieses wird subjektiv herunterger ückt und gefärbt.

4) jene Tafel wird gebogen. Die Farben erscheinen wie beim zweiten Ver- such dieses Teils.

5) Ein Kamm wird angewendet.

S. den zw¨olften Versuch dieses Teils.

547.   Wie Newton diesen komplizierten Versuch beschreibt, auslegt und was er daraus folgert, werden diejenigen, welche die Sache interessiert, bei ihm selbst nachsehen, so wie die, welche sich in den Stand setzen, diese samtlichen

 

Versuche nachzubilden, mit Verwunderung und Erstaunen das ganz Unn üt- ze dieser Aufhäufungen und Verwicklungen von Versuchen erkennen werden. Da auch hier abermals Linsen und Prismen verbunden werden, so kommen wir ohnehin in unserer supplementaren Abhandlung auch auf gegenwartigen Versuch zur ück.

Dreizehnter Versuch

Siehe Fig. 3, Taf. XIV

548.   Bei den vorerwähnten Versuchen tun die verschiedenen Zwischenräume der Kammzähne den Dienst verschiedener Prismen, indem ein jeder Zwischenraum das Phanomen eines Prismas hervorbringt.

549.   Freilich wohl, aber warum? Weil innerhalb des weißen Raums, der sich im refrangierten Bilde des großen Prismas zeigte, frische Grenzen hervorge- bracht werden, und zwar durch den Kamm oder Rechen wiederholte Grenzen, da denn das gesetzliche Farbenspiel sein Wesen treibt.

550.   Wenn ich nun also anstatt dieser Zwischenräume verschiedene Prismen ge- brauchen und, indem ich ihre Farben vermischte, das Weiße hervorbringen wollte, so bediente ich mich dreier Prismen, auch wohl nur zweier.

551.   Ohne uns weitläufig dabei aufzuhalten, bemerken wir nur mit weni- gem, daß der Versuch mit mehreren Prismen und der Versuch mit dem Kamm keineswegs einerlei sind. Newton bedient sich, wie seine Figur und deren Erklä- rung ausweist, nur zweier Prismen, und wir wollen sehen, was durch dieselben oder vielmehr zwischen denselben hervorgebracht wird.

552.   Es m¨ogen zwei Prismen ABC und abc, deren brechende Winkel B und b gleich sind, so parallel gegeneinander gestellt sein, daß der brechende Winkel B des einen den Winkel c an der Base des andern ber ühre, und ihre beiden Seiten C B und cb, wo die Strahlen heraustreten, m¨ogen gleiche Richtung haben; dann mag das Licht, das durch sie durchgeht, auf das Papier M N , etwa acht oder zwolf Zoll von dem Prisma, hinfallen: alsdann werden die Farben, welche an den innern Grenzen B und c der beiden Prismen entstehen, an der Stelle P T vermischt und daraus das Weiße zusammengesetzt.

553.   Wir begegnen diesem Paragraphen, welcher manches Bedenkliche ent- halt, indem wir ihn r ückwarts analysieren. Newton bekennt hier, auch wieder nach seiner Art, im Vorbeigehen, daß die Farben an den Grenzen entstehen,

 

eine Wahrheit, die er so oft hartnäckig geleugnet hat. Sodann fragen wir billig, warum er denn diesmal so nahe an den Prismen operiere, die Tafel nur acht oder zwolf Zoll von denselben entferne. Die verborgene Ursache ist aber keine andere, als daß er das Weiß, das er erst hervorbringen will, in dieser Entfer- nung noch urspr ünglich hat, indem die Farbensäume an den Rändern noch so schmal sind, daß sie nicht  übereinandergreifen und kein Gr ün hervorbringen konnen. Falschlich zeichnet also Newton an den Winkeln B und c f ünf Linien, als wenn zwei ganze Systeme des Spektrums hervorträten, anstatt daß nur in c der blaue und blaurote, in B der gelbrote und gelbe Rand entspringen konnen. Was aber noch ein Hauptpunkt ist, so ließe sich sagen, daß, wenn man das Experiment nicht nach der Newtonischen Figur, sondern nach seiner Beschreibung anstellt, so namlich, daß die Winkel B und c sich unmittelbar ber ühren und die Seiten C B und cb in einer Linie liegen, daß alsdann an den Punkten B und c keine Farben entspringen konnen, weil Glas an Glas un- mittelbar anstößt, Durchsichtiges sich mit Durchsichtigem verbindet und also keine Grenze hervorgebracht wird

554.   Da jedoch Newton in dem Folgenden behauptet, was wir ihm auch zugeben konnen, daß das Phanomen stattfinde, wenn die beiden Winkel B und c sich einander nicht unmittelbar ber ühren, so m üssen wir nur genau erwagen, was alsdann vorgeht, weil hier die Newtonische falsche Lehre sich der wahren annahert. Die Erscheinung ist erst im Werden; an dem Punkte c entspringt, wie schon gesagt, das Blaue und Blaurote, an dem Punkte B das Gelbrote und Gelbe. F ührt man diese nun auf der Tafel genau  übereinander, so muß das Blaue das Gelbrote und das Blaurote das Gelbe aufheben und neutralisieren, und weil alsdann zwischen M und N , wo die andern Farbensäume erscheinen, das  übrige noch weiß ist, auch die Stelle, wo jene farbigen Rander  übereinander fallen, farblos wird, so muß der ganze Raum weiß erscheinen.

555.   Man gehe nun mit der Tafel weiter zur ück, so daß das Spektrum sich vollendet und das Gr üne in der Mitte sich darstellt, und man wird sich verge- bens bem ühen, durch  übereinanderwerfen der Teile oder des Ganzen farblose Stellen hervorzubringen. Denn das durch Verr ückung des hellen Bildes hervor- gebrachte Spektrum kann weder f ür sich allein, noch durch ein zweites gleiches Bild neutralisiert werden, wie sich k ürzlich dartun laßt. Man bringe das zweite Spektrum von oben herein  über das erste; das Gelbrote, mit dem Blauroten verbunden, bringt den Purpur hervor; das Gelbrote, mit dem Blauen verbun- den, sollte eine farblose Stelle hervorbringen; Weil aber das Blaue schon mei- stens auf das Gr üne verwandt ist und das  überbliebene schon vom Violetten partizipiert, so wird keine entschiedene Neutralisation moglich. Das Gelbrote  über das Gr üne gef ührt, hebt dieses auch nicht auf, weil es allenfalls nur dem

 

darin enthaltenen Blauen widerstrebt, von dem Gelben aber sekundiert wird. Daß das Gelbrote, auf Gelb und Gelbrot gef ührt, nur noch machtiger werde, versteht sich von selbst. Und hieraus ist also vollkommen klar, inwiefern zwei solche vollendete Spektra sich zusammen verhalten, wenn man sie teilweise oder im ganzen  übereinander bringt.

556.   Will man aber in einem solchen vollendeten Spektrum die Mitte, d. h. das Gr üne aufheben, so wird dies bloß dadurch Moglich, daß man erst durch zwei Prismen vollendete Spektra hervorbringt, durch Vereinigung von dem Gelbroten des einen mit dem Violetten  des andern einen Purpur darstellt und diesen nunmehr mit dem Gr ünen eines dritten vollendeten Spektrums auf eine Stelle bringt. Diese Stelle wird alsdann farblos, hell und, wenn man will, weiß erscheinen, weil auf derselben sich die wahre Farbentotalität vereinigt, neutralisiert und jede Spezifikation aufhebt. Daß man an einer solchen Stelle das (. . . ) nicht bemerken werde, liegt in der Natur, indem die Farben, welche auf diese Stelle fallen, drei Sonnenbilder und also eine dreifache Erleuchtung hinter sich haben.

557.   Wir m üssen bei dieser Gelegenheit des gl ücklichen Gedankens erwah- nen, wie man das Lampenlicht, welches gewohnlich einen gelben Schein von sich wirft, farblos zu machen versucht hat, indem man die bei der Argan- dischen Lampe angewendeten Glaszylinder mäßig mit einer violetten Farbe tingierte.

558.   Jenes ist also das Wahre an der Sache. Jenes ist die Erscheinung, wie sie nicht geleugnet wird; aber man halte unsere Erklärung, unsere Ableitung gegen die Newtonische: die unsrige wird  überall und vollkommen passen, jene nur unter k ümmerlich erzwungenen Bedingungen.

Vierzehnter Versuch

 

559.   Bisher habe ich das Weiße hervorgebracht, indem ich die Prismen vermischte.

560.   Inwiefern ihm dieses Weiße geraten, haben wir umständlich ausgelegt.

561.   Nun kommen wir zur Mischung korperlicher Farben, und da laßt ein d ünnes Seifenwasser dergestalt in Bewegung setzen, daß ein Schaum entstehe, und wenn der Schaum ein wenig gestanden hat, so wird derjenige, der ihn recht genau ansieht, auf der Oberflache der verschiedenen Blasen lebhafte Farben gewahr werden. Tritt er

 

aber so weit davon, daß er die Farben nicht mehr unterscheiden kann, so wird der

Schaum weiß sein und zwar ganz vollkommen.

562.   Wer sich diesen  ü bergang in ein ganz anderes Kapitel gefallen laßt, von einem Refraktionsfalle zu einem epoptischen, der ist freilich von einer Sinnes- und Verstandesart, die es auch mit dem K ünftigen so genau nicht nehmen wird. Von dem Mannigfaltigen, was sich gegen dieses Experiment sagen laßt, wollen wir nur bemerken, daß hier das Unterscheidbare dem Ununterscheid- baren entgegengesetzt ist, daß aber darum etwas noch nicht aufhört zu sein, nicht aufhört, innerhalb eines Dritten zu sein, wenn es dem außern Sinne un- bemerkbar wird. Ein Kleid, das kleine Flecken hat, wird deswegen nicht rein, weil ich sie in einiger Entfernung nicht bemerke, das Papier nicht weiß, weil ich kleine Schriftz üge darauf in der Entfernung nicht unterscheide. Der Che- miker bringt aus den diluiertesten Infusionen durch seine Reagentien Teile an den Tag, die der gerade, gesunde Sinn darin nicht entdeckte. Und bei New- ton ist nicht einmal von geradem, gesundem Sinn die Rede, sondern von einem verk ünstelten, in Vorurteilen befangenen, dem Aufstutzen gewisser Vorausset- zungen gewidmeten Sinn, wie wir beim folgenden Experiment sehen werden.

F ünfzehnter Versuch

 

563.   Wenn ich nun zuletzt aus farbigen Pulvern, deren sich die Maler bedienen, ein Weiß zusammenzusetzen versuchte, so fand ich, daß alle diese farbigen Pulver einen großen Teil des Lichts, wodurch sie erleuchtet werden, in sich verschlingen und auslöschen.

564.   Hier kommt der Verfasser schon wieder mit seiner Vorklage, die wir so wie die Nachklagen an ihm schon lange gewohnt sind. Er muß die dunkle Natur der Farbe anerkennen, er weiß jedoch nicht, wie er sich recht dagegen benehmen soll, und bringt nun seine vorigen unreinen Versuche, seine falschen Folgerungen wieder zu Markte, wodurch die Ansicht immer tr über und uner- freulicher wird.

565.   Denn die farbigen Pulver erscheinen dadurch gefarbt, daß sie das Licht der Farbe, die ihnen eigen ist, haufiger und das Licht aller andern Farben sparlicher zur ückwerfen, und doch werfen sie das Licht ihrer eigenen Farben nicht so haufig zur ück, als weiße Korper tun. Wenn Mennige z. B. und weißes Papier in das rote Licht des farbigen Spektrums in der dunklen Kammer gelegt werden, so wird das Papier heller erscheinen als die rote Mennige und deswegen die rubrifiken Strahlen haufiger als die Mennige zur ückwerfen.

 

566.   Die letzte Folgerung ist nach Newtonischer Weise wieder  übereilt. Denn das Weiße ist ein heller Grund, der, von dem roten Halblicht erleuchtet, durch dieses zur ückwirkt und das prismatische Rot in voller Klarheit sehen laßt; die Mennige aber ist schon ein dunkler Grund, von einer Farbe, die dem prisma- tischen Rot zwar ahnlich, aber nicht gleich spezifiziert ist. Dieser wirkt nun, indem er von dem roten prismatischen Halblicht erleuchtet wird, durch das- selbe gleichfalls zur ück, aber auch schon als ein Halbdunkles. Daß daraus eine verstärkte, verdoppelte, verd üsterte Farbe hervorgehen m üsse, ist nat ürlich.

567.   Und wenn man Papier und Mennige in das Licht anderer Farben halt, so wird das Licht, das vom Papier zur ückstrahlt, das Licht, das von der Mennige kommt, in einem weit großeren Verhältnisse  übertreffen.

568.   Und dieses naturgemäß, wie wir oben genugsam auseinandergesetzt ha- ben. Denn die samtlichen Farben erscheinen auf dem weißen Papier, jede nach ihrer eigenen Bestimmung, ohne gemischt, gestört, beschmutzt zu sein, wie es durch die Mennige geschieht, wenn sie nach dem Gelben, Gr ünen, Blauen, Violetten hinger ückt wird. Und daß sich die  übrigen Farben ebenso verhalten, ist unsern Lesern schon fr üher deutlich geworden. Die folgende Stelle kann sie daher nicht mehr  überraschen, ja das Lächerliche derselben muß ihnen auffallend sein, wenn er verdrießlich, aber entschlossen fortfährt:

569.   Und deswegen, indem man solche Pulver vermischt, m üssen wir nicht er- warten, ein reines und vollkommenes Weiß zu erzeugen, wie wir etwa am Papier sehen, sondern ein gewisses d üsteres dunkles Weiß, wie aus Mischung von Licht und Finsternis entstehen mochte,

570.   Hier springt ihm endlich auch dieser so lang zur ückgehaltene Ausdruck durch die Zahne; so muß er immer wie Bileam segnen, wenn er fluchen will, und alle seine Hartnäckigkeit hilft ihm nichts gegen den Damon der Wahrheit, der sich ihm und seinem Esel so oft in den Weg stellt. Also aus Licht und Finsternis!  Mehr wollten wir nicht. Wir haben die Entstehung der Farben aus Licht und Finsternis abgeleitet, und was jeder einzelnen, jeder besonders spezifizierten als Hauptmerkmal, allen nebeneinander als gemeines Merkmal zukommt, wird auch der Mischung zukommen, in welcher die Spezifikationen verschwinden. Wir nehmen also recht gerne an, weil es uns dient, wenn er fortfährt:

571.   oder aus Weiß und Schwarz, namlich ein graues, braunes, rotbraunes, der- gleichen die Farbe der Menschennägel ist, oder mäusefarben, aschfarben, etwa stein- farben oder wie der Mortel, Staub oder Straßenkot aussieht und dergleichen. Und so

 

ein dunkles Weiß habe ich oft hervorgebracht, wenn ich farbige Pulver zusammen- mischte.

572.   Woran denn freilich niemand zweifeln wird; nur w ünschte ich, daß die samtlichen Newtonianer dergleichen Leibwasche tragen m üßten, damit man sie an diesem Abzeichen von andern vern ünftigen Leuten unterscheiden konnte.

573.   Daß ihm nun sein Kunstst ück gelingt, aus farbigen Pulvern ein Schwarz- weiß zusammenzusetzen, daran ist wohl kein Zweifel; doch wollen wir sehen, wie er sich benimmt, um wenigstens ein so helles Grau als nur moglich her- vorzubringen.

574.   Denn so setzte ich z. B. aus einem Teil Mennige und f ünf Teilen Gr ünspan eine Art von Mäusegrau zusammen.

575.   Der Gr ünspan, pulverisiert, erscheint hell und mehlig, deshalb braucht ihn Newton gleich zuerst, sowie er sich durchaus h ütet, satte Farben anzuwen- den.

576.   Denn diese zwei Farben sind aus allen andern zusammengesetzt, so daß sich in ihrer Mischung alle  übrigen befinden.

577.   Er will hier dem Vorwurf ausweichen, daß er ja nicht aus allen Farben seine Unfarbe zusammensetze. Welcher Streit unter den späteren Naturfor- schern  über die Mischung der Farben  überhaupt und  über die endliche Zu- sammensetzung der Unfarbe aus drei, f ünf oder sieben Farben entstanden, davon wird uns die Geschichte Nachricht geben.

578.   Ferner mit einem Teil Mennige und vier Teilen Bergblau setzte ich eine graue Farbe zusammen, die ein wenig gegen den Purpur zog, und indem ich dazu eine ge- wisse Mischung  von Operment und Gr ünspan in schicklichem  Masse hinzuf ügte, verlor die Mischung ihren Purpurschein und ward vollkommen grau. Aber der Ver- such geriet am besten ohne Mennige folgendermaßen. Zum Operment tat ich nach und nach satten glanzenden Purpur hinzu, wie sich dessen die Maler bedienen, bis das Operment aufhörte, gelb zu sein, und blaßrot erschien. Dann verd ünnte ich das Rot, indem ich etwas Gr ünspan und etwas mehr Bergblau als Gr ünspan hinzutat, bis die Mischung ein Grau oder ein blasses Weiß annahm, das zu keiner Farbe mehr als zu der andern hinneigte. Und so entstand eine Farbe an Weiße der Asche gleich oder frisch gehauenem Holze oder der Menschenhaut.

 

579.   Auch in dieser Mischung sind Bergblau und Gr ünspan die Hauptingre- dienzien, welche beide ein mehliges, kreidenhaftes Ansehen haben. Ja, Newton hatte nur immer noch Kreide hinzumanschen konnen, um die Farben immer mehr zu verd ünnen und ein helleres Grau hervorzubringen, ohne daß dadurch in der Sache im mindesten etwas gewonnen ware.

580.   Betrachtete ich nun, daß diese grauen und dunklen Farben ebenfalls hervor- gebracht werden konnen, wenn man Weiß und Schwarz zusammenmischt, und sie daher vom vollkommenen Weißen nicht in der Art der Farbe, sondern nur in dem Grade der Hellung verschieden sind:

581.   Hier liegt eine ganz eigene T ücke im Hinterhalt, die sich auf eine Vor- stellungsart bezieht, von der an einem andern Orte gehandelt werden muß, und von der wir gegenwartig nur so viel sagen. Man kann sich ein weißes Papier im volligen Lichte denken, man kann es bei hellem Sonnenscheine in den Schatten legen, man kann sich ferner denken, daß der Tag nach und nach abnimmt, daß es Nacht wird, und daß das weiße Papier vor unsern Augen zuletzt in der Finsternis verschwindet. Die Wirksamkeit des Lichtes wird nach und nach gedämpft und so die Gegenwirkung des Papieres, und wir konnen uns in diesem Sinne vorstellen, daß das Weiße nach und nach in das Schwarze  übergehe. Man kann jedoch sagen, daß der Gang des Phänomens dynamischer, idealer Natur ist.

582.   Ganz entgegengesetzt ist der Fall, wenn wir uns ein weißes Papier im Lichte denken und ziehen erst eine d ünne schwarze Tinktur dar über. Wir ver- doppeln, wir verdreifachen den  ü berzug, so daß das Papier immer dunkler grau wird, bis wir es zuletzt so schwarz als moglich farben, so daß von der weißen Unterlage nichts mehr hindurchscheint. Wir haben hier auf dem atomistischen, technischen Weg eine reale Finsternis  über das Papier verbreitet, welche durch auffallendes Licht wohl einigermaßen bedingt und gemildert, keineswegs aber aufgehoben werden kann. Nun sucht sich aber unser Sophist zwischen diesen beiden Arten, die Sache darzustellen und zu denken, einen Mittelstand, wo er, je nachdem es ihm n ützt, eine von den beiden Arten braucht, oder vielmehr, wo er sie beide  übereinander schiebt, wie wir gleich sehen werden.

583.   So ist offenbar, daß nichts weiter nötig ist, um sie vollkommen weiß zu ma- chen, als ihr Licht hinlänglich zu vermehren, und folglich, wenn man sie durch Ver- mehrung ihres Lichtes zur vollkommnen Weiße bringen kann, so sind sie von der- selben Art Farbe wie die besten  Weißen und unterscheiden sich allein durch die Quantität des Lichtes.

 

584.   Es ist ein großes Unheil, das nicht allein durch die Newtonische Op- tik, sondern durch mehrere Schriften, besonders jener Zeit, durchgeht, daß die Verfasser sich nicht bewußt sind, auf welchem Standpunkt sie stehen, daß sie erst mitten in dem Realen stecken, auf einmal sich zu einer idealen Vorstel- lungsart erheben und dann wieder ins Reale zur ückfallen. Daher entstehen die wunderlichsten Vorstellungs- und Erklärungsweisen, denen man einen gewis- sen Gehalt nicht absprechen kann, deren Form aber einen innern Widerspruch mit sich f ührt. Ebenso ist es mit der Art, wie Newton nunmehr sein Hellgrau zum Weißen erheben will.

585.   Ich nahm die dritte der oben gemeldeten grauen Mischungen und strich sie dick auf den Fußboden meines Zimmers, wohin die Sonne durch das offne Fenster schien, und daneben legte ich ein St ück weißes Papier von derselbigen Große in den Schatten.

586.   Was hat unser Ehrenmann denn nun getan? Um das reell dunkle Pulver weiß zu machen, muß er das reell weiße Papier schwarzen; um zwei Dinge miteinander vergleichen und sie gegeneinander auf heben zu konnen, muß er den Unterschied, der zwischen beiden obwaltet, wegnehmen. Es ist eben, als wenn man ein Kind auf den Tisch stellte, vor dem ein Mann st ünde, und behauptete nun, sie seien gleich groß.

587.   Das weiße Papier im Schatten ist nicht mehr weiß: denn es ist ver- dunkelt, beschattet; das graue Pulver in der Sonne ist doch nicht weiß: denn es f ührt seine Finsternis unauslöschlich bei sich. Die lacherliche Vorrichtung kennt man nun; man sehe, wie sich der Beobachter dabei benimmt.

588.   Dann ging ich etwa zwolf oder achtzehn Fuß hinweg, so daß ich die Uneben- heiten auf der Oberflache des Pulvers nicht sehen konnte, noch die kleinen Schatten, die von den einzelnen Teilen der Pulver etwa fallen mochten; da sah das Pulver voll- kommen weiß aus, so daß es gar noch das Papier an Weiße  übertraf, besonders wenn man von dem Papiere noch das Licht abhielt, das von einigen Wolken her darauf fiel. Dann erschien das Papier, mit dem Pulver verglichen, so grau als das Pulver vorher.

589.   Nichts ist nat ürlicher! Wenn man das Papier, womit das Pulver vergli- chen werden soll, durch einen immer mehr entschiedenen Schatten nach und nach verdunkelt, so muß es freilich immer grauer werden. Er lege doch aber das Papier neben das Pulver in die Sonne oder streue sein Pulver auf ein weißes Papier, das in der Sonne liegt, und das wahre Verhältnis wird hervortreten.

 

590.   Wir  übergehen, was er noch weiter vorbringt, ohne daß seine Sache dadurch gebessert w ürde. Zuletzt kommt gar noch ein Freund herein, welcher auch das graue, in der Sonne liegende Pulver f ür weiß anspricht, wie es einem jeden, der  überrascht in Dingen, welche zweideutig in die Sinne fallen, ein Zeugnis abgeben soll, gar leicht ergehen kann.

591.   Wir  überschlagen gleichfalls sein triumphierendes ergo bibamus, in- dem f ür diejenigen, welche die wahre Ansicht zu fassen geneigt sind, schon im Vorhergehenden genugsam gesagt ist. Sechste Proposition. Zweites Problem In einer Mischung von urspr ünglichen Farben, bei gegebener Quantität und Qualität einer jeden, die Farbe der zusammengesetzten zu bestimmen.

592.   Daß ein Farbenschema sich bequem in einen Kreis einschließen lasse, daran zweifelt wohl niemand, und die erste Figur unserer ersten Tafel zeigt sol- ches auf eine Weise, welche wir f ür die vorteilhafteste hielten. Newton nimmt sich hier dasselbige vor; aber wie geht er zu Werke? Das flammenartig vor- schreitende, bekannte Spektrum soll in einen Kreis gebogen und die Raume, welche die Farben an der Peripherie einnehmen, sollen nach jenen Tonmaßen bestimmt werden, welche Newton in dem Spektrum gefunden haben will.

593.   Allein hier zeigt sich eine neue Unbequemlichkeit; denn zwischen sei- nem Violetten und Orange, in dem alle Stufen von Rot angegeben werden m üssen, ist er genötigt, das reine Rot, das ihm in seinem Spektrum fehlt, in seinen Urfarbenkreis mit einzuschalten. Es bedarf freilich nur einer kleinen Wendung nach seiner Art, um auch dieses Rot zu interkalieren, einzuschwar- zen, wie er es fr üher mit dem Gr ünen und Weißen getan. Nun sollen centra gravitatis gefunden, kleine Zirkelchen in gewissen Proportionen beschrieben, Linien gezogen und so auf diejenige Farbe gedeutet werden, welche aus der Mischung mehrerer gegebenen entspringt.

594.   Wir m üssen einem jeden Leser  überlassen, diese neue Quakelei bei dem Verfasser selbst zu studieren. Wir halten uns dabei nicht auf, weil uns nur zu deutlich ist, daß die Raumeinteilung der Farben um gedachten Kreis nicht naturgemäß sei, indem keine Vergleichung des Spektrums mit den Toninter- vallen stattfindet; wie denn auch die einander entgegenstehenden, sich for- dernden Farben aus dem Newtonischen Kreise keineswegs entwickelt werden konnen.  ü brigens, nachdem er genug gemessen und gebuchstabt, sagt er ja

 

selbst: ”

 

Regel finde ich genau genug f ür die Praktik, obgleich nicht mathema-

 

tisch vollkommen.“ F ür die Aus übung hat dieses Schema und die Operation an

demselben nicht den mindesten Nutzen, und wie wollte es ihn haben, da ihm nichts theoretisch Wahres zum Grunde liegt!

 

Siebente Proposition. F ünftes Theorem

Alle Farben des Universums, welche durch Licht hervorgebracht werden und nicht von der Gewalt der Einbildungskraft abhängen, sind entweder die Farben homogener Lichter oder aus diesen zusammengesetzt, und zwar entweder ganz genau oder doch sehr nahe der Regel des vorstehenden Problems gemäß.

595.   Unter dieser Rubrik rekapituliert Newton, was er in dem gegenwartigen zweiten Teile des ersten Buchs nach und nach vorgetragen, und schließt daraus, wie es die Proposition ausweist, daß alle Farben der Korper eigentlich nur integrierende Teile des Lichts seien, welche auf mancherlei Weise aus dem Licht herausgezwängt, geangstigt, geschieden und sodann auch wohl wieder gemischt worden. Da wir den Inhalt des zweiten Teils Schritt vor Schritt gepr üft, so brauchen wir uns bei dieser Wiederholung nicht aufzuhalten.

596.   Zuletzt erwähnt er derjenigen Farben, welche wir unter der Rubrik der physiologischen und pathologischen bearbeitet haben. Diese sollen dem Lichte nicht angehören, und er wird sie dadurch auf einmal los, daß er sie der Einbildungskraft zuschreibt.

 

Achte Proposition. Drittes Problem

Durch die entdeckten Eigenschaften des Lichts die prismatischen Farben zu erklaren.

597.   Sollte man nicht mit Verwunderung fragen, wie denn eigentlich dieses Problem hierher komme? Vom ersten Anfang seiner Optik an ist Newton be- m üht, vermittelst der prismatischen Farben die Eigenschaften des Lichts zu entdecken. Ware es ihm gelungen, so w ürde nichts leichter sein, als die De- monstration umzukehren und aus den offenbarten Eigenschaften des Lichts die prismatischen Farben herzuleiten.

598.   Allein es liegt diesem Problem abermals eine T ücke zum Grunde. In der hierher gehörigen Figur, welche zu seinem zweiten Teil die zwolfte ist und auf unserer siebenten Tafel mit Nr. 9 bezeichnet worden, bringt er zum er- stenmal das zwischen den beiden farbigen Randerscheinungen unveränderte Weiß entschieden vor, nachdem er solches fr üher mehrmals und zuletzt bei dem dreizehnten Versuch, wo er zwei Prismen anwendete, stillschweigend ein- gef ührt hatte. Dort wie hier bezeichnet er jede der beiden Randerscheinungen mit f ünf Linien, wodurch er anzudeuten scheinen mochte, daß an beiden En- den jedesmal das ganze Farbensystem hervortrete. Allein genau besehen, laßt

 

er die uns wohlbekannten Randerscheinungen endlich einmal gelten; doch an- statt durch ihr einfaches Zusammenneigen das Gr ün hervorzubringen, laßt er, wunderlich genug, die Farben hintereinander aufmarschieren, sich einander decken, sich mischen und will nun durch diese Wort- und Zeichenmengerei das Weiß hervorgebracht haben, das freilich in der Erscheinung da ist, aber an und f ür sich, ohne erst durch jene farbigen Lichter zu entspringen, die er hypothetisch  übereinanderschiebt.

599.   So sehr er sich nun auch bem üht, mit griechischen und lateinischen Buchstaben seine so falsche als ungereimte und abstruse Vorstellungsart faß- lich zu machen, so gelingt es ihm doch nicht, und seine treuen, glaubigen Sch ü- ler fanden sich genotigt, diese linearische Darstellung in eine tabellarische zu verwandeln.

600.   Green in Halle hat, indem er sich unsern unschuldigen optischen Bei- trägen mit pfäffischem Stolz und Heftigkeit widersetzte, eine solche tabellari- sche Darstellung mit Buchstaben ausgearbeitet, was die Verr ückung des hellen Bildes betrifft. Der Rezensent unserer Beiträge in der Jenaischen Litteratur- Zeitung hat die namliche Bem ühung wegen Verr ückung eines dunklen Bildes  übernommen. Weil aber eine solche Buchstabenkrämerei nicht von jedem an- und durchgeschaut werden kann, so haben wir unsere neunte und zehnte Tafel einer anschaulichen Darstellung gewidmet, wo man die prismatischen Farben- systeme teils zusammen, teils in Divisionen und D´etachements, en ´echelon hintereinander, als farbige Quadrate vertikal aufmarschieren sieht, da man sie denn horizontal mit den Augen sogleich zusammensummieren und die la- cherlichen Resultate, welche nach Newton und seiner Schule auf diese Weise entspringen sollen, mit bloßem Geradsinn beurteilen kann.

601.   Wir haben auf denselbigen Tafeln noch andere solche Farbenreihen auf- gef ührt, um zugleich des wunderlichen W ünsch seltsame Reduktion der pris- matischen Farbenerscheinung deutlich zu machen, der, um die Newtonische Darstellung zu retten, dieselbe epitomisiert und mit der wunderlichsten In- trige, indem er das Geschaft zu vereinfachen glaubte, noch mehr verunnaturt hat.

602.   Wir versparen das Weitere hier über bis zur Erklärung der Tafeln, da es uns denn mit Gunst unserer Leser wohl erlaubt sein wird, uns  über diese Gegner und Halbgegner sowohl als ihren Meister zur Entschadigung f ür so viele M ühe billigermaßen lustig zu machen.

 

Sechzehnter Versuch

 

603.   Dieses aus der bloßen Empirie genommene und dem bisherigen hypo- thetischen Verfahren nur gleichsam angeklebte, durch eine ungeschickte Figur, die dreizehnte des zweiten Teils, keineswegs versinnlichte Phänomen m üssen wir erst zum Versuch erheben, wenn wir verstehen wollen, worauf er eigentlich deute.

604.   Man stelle sich mit einem Prisma an ein offenes Fenster, wie gewohnlich den brechenden Winkel unter sich gekehrt; man lehne sich so weit vor, daß nicht etwa ein oberes Fensterkreuz durch Refraktion erscheine; alsdann wird man oben am Prisma unter einem dunklen Rand einen gelben Bogen erblicken, der sich an dem hellen Himmel herzieht. Dieser dunkle Rand entspringt von dem außern oberen Rande des Prismas, wie man sich sogleich  überzeugen wird, wenn man ein St ückchen Wachs  über denselben hinaus klebt, welches innerhalb des farbigen Bogens recht gut gesehen werden kann. Unter diesem gelben Bogen erblickt man sodann den klaren Himmel, tiefer den Horizont, er bestehe nun aus Hausern oder Bergen, welche nach dem Gesetz blau und blaurot gesäumt erscheinen. Nun biege man das Prisma immer mehr nieder, indem man immer fortfährt, hineinzusehen. Nach und nach werden die Gebäu- de, der Horizont sich zur ücklegen, endlich ganz verschwinden, und der gelbe und gelbrote Bogen, den man bisher gesehen, wird sich sodann in einen blau- en und blauroten verwandeln, welches derjenige ist, von dem Newton spricht, ohne des vorhergehenden und dieser Verwandlung zu erwahnen.

605.   Dieses ist aber auch noch kein Experiment, sondern ein bloßes empiri- sches Phänomen. Die Vorrichtung aber, welche wir vorschlagen, um von dieser Erscheinung das Zufällige wegzunehmen und sie in ihren Bedingungen zugleich zu vermannigfaltigen und zu befestigen, wollen wir sogleich angeben, wenn wir vorher noch eine Bemerkung gemacht haben. Das Phänomen, wie es sich uns am Fenster zeigt, entspringt, indem der helle Himmel  über der dunklen Erde steht. Wir konnen es nicht leicht umkehren und uns einen dunklen Himmel und eine helle Erde verschaffen. Eben dieses gilt von Zimmern, in welchen die Decken meistens hell und die Wande mehr oder weniger dunkel sind.

606.   In diesem Sinne mache man in einem maßig großen und hohen Zim- mer folgende Vorrichtung. In dem Winkel, da, wo die Wand sich von der Decke scheidet, bringe man eine Bahn schwarzes Papier neben einer Bahn weißen Papiers an; an der Decke dagegen bringe man, in gedachtem Winkel zusammenstoßend,  über der schwarzen Bahn eine weiße,  über der weißen eine

 

schwarze an und betrachte nun diese Bahnen neben- und  übereinander auf die Weise, wie man vorher zum Fenster hinaussah. Der Bogen wird wieder erscheinen, den man aber freilich von allen andern, welche Rander oder Lei- sten verursachen, unterscheiden muß. Wo der Bogen  über die weiße Bahn der Decke geht, wird er wie vorher, als er  über den weißen Himmel zog, gelb, wo er sich  über die schwarze Bahn zieht, blau erscheinen. Senkt man nun wieder das Prisma, so daß die Wand sich zur ückzulegen scheint, so wird der Bogen sich auf einmal umkehren, wenn er  über die umgekehrten Bahnen der Wand herläuft; auf der weißen Bahn wird er auch hier gelb und auf der schwarzen blau erscheinen.

607.   Ist man hiervon unterrichtet, so kann man auch in der zufälligen Em- pirie, beim Spazieren gehen in beschneiten Gegenden, bei hellen Sandwegen, die an dunklen Rasenpartien herlaufen, dasselbige Phanomen gewahr werden. Um diese Erscheinung, welche umständlich auszulegen, ein großerer Aufsatz und eine eigene Tafel erfordert w ürde, vorlaufig zu erklären, sagen wir nur soviel, daß bei diesem Refraktionsfalle, welcher die gerade vor uns stehenden Gegenstände herunterzieht, die  über uns sich befindenden Gegenstände oder Flächen, indem sich wahrscheinlich eine Reflexion mit in das Spiel mischt, ge- gen den obern Rand des Prismas getrieben und an demselben, je nachdem sie hell oder dunkel sind, nach dem bekannten Gesetze gefärbt werden. Der Rand des Prismas erscheint als Bogen, wie alle vor uns liegende horizontale Linien durch das Prisma die Gestalt eines Bogens annehmen.

 

Neunte Proposition. Viertes Problem

Durch die entdeckten Eigenschaften des Lichts die Farben des Regenbogens zu er- klären.

608.   Daß alles, was von den Prismen gilt, auch von den Linsen gelte, ist nat ürlich; daß dasjenige, was von den Kugelschnitten gilt, auch von den Kugeln selbst gelten werde, wenn auch einige andere Bestimmungen und Bedingungen mit eintreten sollten, laßt sich gleichfalls erwarten. Wenn also Newton seine Lehre, die er auf Prismen und Linsen angewandt, nunmehr auch auf Kugeln und Tropfen anwendet, so ist dieses seinem theoretischen und hypothetischen Gange ganz gemäß.

609.   Haben wir aber bisher alles anders gefunden als er, so werden wir na- t ürlicherweise ihm auch hier zu widersprechen und das Phanomen des Regen- bogens auf unsere Art auszulegen haben. Wir halten uns jedoch bei diesem

 

in die angewandte Physik gehorigen Falle hier nicht auf, sondern werden, was wir deshalb zu sagen notig finden, in einer der supplementaren Abhandlungen nachbringen.

 

Zehnte Proposition. F ünftes Problem

Aus den entdeckten Eigenschaften des Lichtes die dauernden Farben der nat ürlichen

Korper zu erklaren.

610.   Diese Farben entstehen daher, daß einige nat ürliche Korper eine gewisse Art Strahlen haufiger als die  übrigen Strahlen zur ückwerfen und daß andre nat ürliche Korper eben dieselbe Eigenschaft gegen andre Strahlen aus üben.

611.   Man merke hier gleich: haufiger; also nicht etwa allein oder ausschließ- lich, wie es doch sein m üßte, wenigstens bei einigen ganz reinen Farben. Be- trachtet man ein reines Gelb, so konnte man sich die Vorstellung gefallen las- sen, daß dieses reine Gelb die gelben Strahlen allein von sich schickt; ebenso mit ganz reinem Blau. Allein der Verfasser h ütet sich wohl, dieses zu behaup- ten, weil er sich abermals eine Hintert üre auflassen muß, um einem dringenden Gegner zu entgehen, wie man bald sehen wird.

612.   Mennige wirft die am wenigsten refrangiblen Strahlen am haufigsten zur ück und erscheint deswegen rot. Veilchen werfen die refrangibelsten Strahlen am häufig- sten zur ück und haben ihre Farben daher, und so verhält es sich mit den  übrigen Korpern. Jeder Korper wirft die Strahlen seiner eigenen Farbe haufiger zur ück als die  übrigen Strahlen, und von ihrem  ü bermaße und Vorherrschaft im zur ückgeworfenen Licht hat er seine Farbe.

613.   Die Newtonische Theorie hat das Eigene, daß sie sehr leicht zu lernen und sehr schwer anzuwenden ist. Man darf nur die erste Proposition, womit die Optik anfangt, gelten lassen oder glaubig in sich aufnehmen, so ist man auf ewig  über das Farbenwesen beruhigt. Schreitet man aber zur nahern Un- tersuchung, will man die Hypothese auf die Phanomene anwenden, dann geht die Not erst an; dann kommen Vor- und Nachklagen; Limitationen, Restrik- tionen, Reservationen kommen zum Vorschein, bis sich jede Proposition erst im einzelnen und zuletzt die Lehre im ganzen vor dem Blick des scharfen Be- obachters vollig neutralisiert. Man gebe acht, wie dieses hier abermals der Fall ist.

 

Siebzehnter Versuch

 

614.   Denn wenn ihr in die homogenen Lichter, welche ihr durch die Auflosung des Problems, welches in der vierten Proposition des ersten Teiles auf gestellt wurde, erhaltet,

615.   Daß wir auch dort durch alle Bem ühung keine homogeneren Lichter als durch den gewohnlichen prismatischen Versuch erhielten, ist seines Ortes dargetan worden.

616.   K¨orper von verschiedenen Farben hineinbringt, so werdet  ihr finden, daß jeder Korper, in das Licht seiner eigenen Farbe gebracht, glänzend und leuchtend erscheint.

617.   Dagegen ist nichts zu sagen; nur wird derselbe Effekt hervorgebracht, wenn man auch das ganz gewohnliche und ungequälte prismatische Bild bei diesem Versuche anwendet. Und nichts ist nat ürlicher, als wenn man Gleiches zu Gleichem bringt, daß die Wirkung nicht vermindert werde, sondern viel- mehr verstärkt, wenn das eine Homogene dem Grade nach wirksamer ist als das andre. Man gieße konzentrierten Essig zu gemeinem Essig, und diese so verbundene Fl üssigkeit wird stärker sein als die gemeine. Ganz anders ist es, wenn man das Heterogene dazu mischt, wenn man Alkali in den gemeinen Es- sig wirft. Die Wirkung beider geht verloren bis zur Neutralisation. Aber von diesem Gleichnamigen und Ungleichnamigen will und kann Newton nichts wis- sen. Er quält sich auf seinen Graden und Stufen herum und muß doch zuletzt eine entgegengesetzte Wirkung gestehen.

618.   Zinnober glanzt am meisten im homogenen roten Licht, weniger im gr ünen und noch weniger im blauen.

619.   Wie schlecht ist hier das Phanomen ausgedr ückt, indem er bloß auf den Zinnober und sein Glänzen R ücksicht nimmt und die Mischung verschweigt, welche die auffallende prismatische Farbe mit der unterliegenden korperlichen hervorbringt.

620.   Indigo im veilchenblauen Licht glänzt am meisten.

621.   Aber warum? Weil der Indigo, der eigentlich nur eine dunkle satte blaue Farbe ist, durch das violette Licht einen Glanz, einen Schein, Hellung

 

und Leben erhält, und sein Glanz wird stufenweise vermindert, wie man ihn gegen Gr ün, Gelb und Rot bewegt.

622.   Warum spricht denn der Verfasser nur vom Glanz, der sich vermindern soll? Warum spricht er nicht von der neuen gemischten Farbenerscheinung, welche auf diesem Wege entsteht? Freilich ist das Wahre zu nat ürlich, und man braucht das Falsche, Halbe, um die Unnatur zu beschonigen, in die man die Sache gezogen hat.

623.   Ein Lauchblatt

624.   Und was soll nun der Knoblauch im Experimente und gleich auf die Pulver? Warum bleibt er nicht bei gleichen Flächen, Papier oder aufgezogenem Seidenzeug? Wahrscheinlich soll der Knoblauch hier nur so viel heißen, daß die Lehre auch von Pflanzen gelte.

625.   wirft das gr üne Licht und das gelbe und blaue, woraus es zusammengesetzt ist, lebhafter zur ück, als es das rote und violette zur ückwirft.

626.   Damit aber diese Versuche desto lebhafter erscheinen, so muß man solche Korper wahlen, welche die vollsten und lebhaftesten Farben haben, und zwei sol- che Korper m üssen miteinander verglichen werden. Z. B. wenn man Zinnober und Ultramarinblau

627.   Mit Pulvern sollte man, wie schon oft gesagt, nicht operieren; denn wie kann man hindern, daß ihre ungleichen Teile Schatten werfen?

628.   zusammen (nebeneinander) in rotes homogenes Licht halt, so werden sie bei- de rot erscheinen;

629.   Dies sagt er hier auch nur, um es gleich wieder zur ückzunehmen.

630.   aber der Zinnober wird von einem starken leuchtenden und glänzenden Rot sein und der Ultramarin von einem schwachen dunklen und finstern Rot.

631.   Und das von Rechts wegen; denn Gelbrot erhebt das Gelbrote und zerstört das Blaue.

632.   Dagegen, wenn man sie zusammen in das blaue Licht halt, so werden sie beide blau erscheinen; nur wird der Ultramarin machtig leuchtend und glanzend sein, das Blau des Zinnobers aber schwach und finster.

 

633.   Und zwar auch, nach unserer Auslegung, von Rechts wegen. Sehr un- gern wiederholen wir diese Dinge, da sie oben schon so umständlich von uns ausgef ührt worden. Doch muß man den Widerspruch wiederholen, da Newton das Falsche immer wiederholt, nur um es tiefer einzuprägen.

634.   Welches außer Streit setzt, daß der Zinnober das rote Licht häufiger als das

Ultramarin zur ückwirft und der Ultramarin das blaue Licht mehr als der Zinnober.

635.   Dieses ist die eigene Art, etwas außer Streit zu setzen, nachdem man erst eine Meinung unbedingt ausgesprochen und bei den Beobachtungen nur mit Worten und deren Stellung sich jener Behauptung genahert hat. Denn das ganze Newtonische Farbenwesen ist nur ein Wortkram, mit dem sich deshalb so gut kramen laßt, weil man vor lauter Kram die Natur nicht mehr sieht.

636.   Dasselbe Experiment kann man nach und nach mit Mennige, Indigo oder andern zwei Farben machen, um die verschiedene Stärke und Schwache ihrer Farbe und ihres Lichtes einzusehen.

637.   Was dabei einzusehen ist, ist den Einsichtigen schon bekannt.

638.   Und da nun die Ursache der Farben an nat ürlichen Korpern  durch diese

Experimente klar ist,

639.   Es ist nichts klar, als daß er die Erscheinung unvollständig und unge- schickt ausspricht, um sie nach seiner Hypothese zu bequemen.

640.   so ist diese Ursache ferner bestatigt und außer allem Streit gesetzt durch die zwei ersten Experimente des ersten Teils, da man an solchen Korpern bewies, daß die reflektierten Lichter, welche an Farbe verschieden sind, auch an Graden der Refrangibilität verschieden sind.

641.   Hier schließt sich nun das Ende an den Anfang k ünstlich an, und da man uns dort die korperlichen Farben schon auf Treu und Glauben f ür Lichter gab, so sind diese Lichter endlich hier vollig fertige Farben geworden und werden nun abermals zu Hilfe gerufen. Da wir nun aber dort aufs umständlichste dargetan haben, daß jene Versuche gar nichts beweisen, so werden sie auch hier weiter der Theorie nicht zustatten kommen.

642.   Daher ist es also gewiß, daß einige Korper die mehr, andre die weniger re- frangiblen Strahlen haufiger zur ückwerfen.

 

643.   Und uns ist gewiß, daß es weder mehr noch weniger refrangible Strahlen gibt, sondern daß die Naturerscheinungen auf eine echtere und bequemere Weise ausgesprochen werden konnen.

644.   Und dies ist nicht allein die wahre Ursache dieser Farben, sondern auch die einzige, wenn man bedenkt, daß die Farben des homogenen Lichtes nicht verandert werden k¨onnen durch die Reflexion von nat ürlichen Korpern.

645.   Wie sicher muß Newton von dem blinden Glauben seiner Leser sein, daß er zu sagen wagt, die Farben des homogenen Lichtes konnen durch Re- flexion von nat ürlichen Korpern nicht verandert werden, da er doch auf der vorhergehenden Seite zugibt, daß das rote Licht ganz anders vom Zinnober als vom Ultramarin, das blaue Licht ganz anders vom Ultramarin als vom Zin- nober zur ückgeworfen werde. Nun sieht man aber wohl, warum er dort seine Redensarten so k ünstlich stellt, warum er nur vom Glanz und Hellen oder vom Matten und Dunklen der Farbe, keineswegs aber von ihrem andern Bedingt- werden durch Mischung reden mag. Es ist unmöglich, ein so deutliches und einfaches Phänomen schiefer und unredlicher zu behandeln; aber freilich, wenn er recht haben wollte, so mußte er sich, ganz oder halb bewußt, mit Reineke Fuchs zurufen:  Aber ich sehe wohl, L ügen bedarf ’s, und  über die Maßen!“

Denn nachdem ”  oben die Veränderung der prismatischen Farben auf den

verschiedenen Korpern ausdr ücklich zugestanden, so fahrt er hier fort:

646.   Denn wenn Korper durch Reflexion auch nicht im mindesten die Farbe ir- gendeiner Art von Strahlen verandern konnen, so konnen sie nicht auf andre Weise gefarbt erscheinen, als indem sie diejenigen zur ückwerfen, welche entweder von ihrer eigenen Farbe sind, oder die durch Mischung sie hervorbringen konnen.

647.   Hier tritt auf einmal die Mischung hervor, und zwar dergestalt, daß man nicht recht weiß, was sie sagen will; aber das Gewissen regt sich bei ihm, es ist nur ein  ü bergang zum Folgenden, wo er wieder alles zur ücknimmt, was er behauptet hat. Merke der Leser auf; er wird den Verfasser bis zum Unglaublichen unverschamt finden.

648.   Denn wenn man diese Versuche macht, so muß man sich bem ühen, das Licht soviel als m¨oglich homogen zu erhalten.

649.   Wie es mit den Bem ühungen, die prismatischen farbigen Lichter homo- gener zu machen, als sie bei dem einfachen Versuch im Spektrum erscheinen, beschaffen sei, haben wir oben umständlich dargetan, und wir wiederholen es nicht. Nur erinnere sich der Leser, daß Newton die schwierigsten, ja gewis-

 

sermaßen unmögliche Vorrichtungen vorgeschrieben hat, um dieser beliebten Homogenität naherzukommen. Nun bemerke man, daß er uns die einfachen, einem jeden moglichen Versuche verdächtig macht, indem er fortfährt:

650.   Denn wenn man Korper mit den gewöhnlichen prismatischen Farben erleuch- tet, so werden sie weder in ihrer eigenen Tageslichtsfarbe noch in der Farbe erschei- nen, die man auf sie wirft, sondern in einer gewissen Mittelfarbe zwischen beiden, wie ich durch Erfahrung gefunden habe.

651.   Es ist recht merkw ürdig, wie er endlich einmal eine Erfahrung ein- gesteht, die einzig mogliche, die einzig notwendige, und sie sogleich wieder verdächtig macht. Denn was von der einfachsten prismatischen Erscheinung, wenn sie auf korperliche Farben fallt, wahr ist, das bleibt wahr, man mag sie durch noch soviel ö ffnungen, große und kleine, durch Linsen von nahem oder weitem Brennpunkt qualen und bedingen; nie kann, nie wird etwas anders zum Vorschein kommen.

652.   Wie benimmt sich aber unser Autor, um diese Unsicherheit seiner Sch ü- ler zu vermehren? Auf die verschmitzteste Weise. Und betrachtet man diese Kniffe mit redlichem Sinn, hat man ein lebendiges Gef ühl f ürs Wahre, so kann man wohl sagen, der Autor benimmt sich schandlich; denn man hore nur:

653.   Denn die Mennige, wenn man sie mit dem gewöhnlichen prismatischen Gr ün erleuchtet, wird nicht rot oder gr ün, sondern orange oder gelb erscheinen, je nachdem das gr üne Licht, wodurch sie erleuchtet wird, mehr oder weniger zusammengesetzt ist.

654.   Warum geht er denn hier nicht grad- oder stufenweise? Er werfe doch das ganz gewohnliche prismatische Rot auf die Mennige, so wird sie ebenso schon und glanzend rot erscheinen, als wenn er das gequälteste Spektrum dazu anwendete. Er werfe das Gr ün des gequältesten Spektrums auf die Mennige, und die Erscheinung wird sein, wie er sie beschreibt, oder vielmehr, wie wir sie oben, da von der Sache die Rede war, beschrieben haben. Warum macht er denn erst die moglichen Versuche verdächtig, warum schiebt er alles ins  ü berfeine, und warum kehrt er dann zuletzt immer wieder zu den ersten Ver- suchen zur ück? Nur um die Menschen zu verwirren und sich und seiner Herde eine Hintert ür offenzulassen. Mit Widerwillen  übersetzen wir die fratzenhaf- te Erklärungsart, wodurch er nach seiner Weise die Zerstörung der gr ünen prismatischen auf die Mennige geworfenen Farbe auslegen will.

 

655.   Denn wie Mennige rot erscheint, wenn sie vom weißen Licht erleuchtet wird, in welchem alle Arten Strahlen gleich gemischt sind, so muß bei Erleuchtung der- selben mit dem gr ünen Licht, in welchem alle Arten von Strahlen ungleich gemischt sind, etwas anders vorgehen.

656.   Man bemerke, daß hier im Gr ünen alle Arten von Strahlen enthalten sein sollen, welches jedoch nicht zu seiner fr üheren Darstellung der Hetero- genität der homogenen Strahlen paßt; denn indem er dort die supponierten Zirkel auseinanderzieht, so greifen doch nur die nachsten Farben ineinander; hier aber geht jede Farbe durchs ganze Bild, und man sieht also gar die Mog- lichkeit nicht ein, sie auf irgendeine Weise zu separieren. Es wird k ünftig zur Sprache kommen, was noch alles f ür Unsinn aus dieser Vorstellungsart, in einem System f ünf bis sieben Systeme en ´echelon aufmarschieren zu lassen, hervorspringt.

657.   Denn  einmal wird das  übermaß der gelbmachenden, gr ünmachenden und blaumachenden Strahlen, das sich in dem auffallenden gr ünen Lichte befindet, Ur- sache sein, daß diese Strahlen auch in dem zur ückgeworfenen Lichte sich so haufig befinden, daß sie die Farbe vom Roten gegen ihre Farbe ziehen. Weil aber die Mennige dagegen die rotmachenden Strahlen häufiger in R ücksicht ihrer Anzahl zur ückwirft und zunächst die orangemachenden und gelbmachenden Strahlen, so werden diese in dem zur ückgeworfenen Licht haufiger sein, als sie es in dem einfallenden gr ünen Licht waren, und werden deswegen das zur ückgeworfene Licht vom Gr ünen gegen ihre Farbe ziehen, und deswegen wird Mennige weder rot noch gr ün, sondern von einer Farbe erscheinen, die zwischen beiden ist.

658.   Da das ganze Verhältnis der Sache oben umständlich dargetan worden, so bleibt uns weiter nichts  übrig, als diesen baren Unsinn der Nachwelt zum Musterbilde einer solchen Behandlungsart zu empfehlen. Er f ügt nun noch vier Erfahrungen hinzu, die er auf seine Weise erklärt, und die wir nebst unsern Bemerkungen mitteilen wollen.

659.   In gefärbten durchsichtigen Liquoren laßt sich bemerken, daß die Farbe nach ihrer Masse sich verandert. Wenn man z. B. eine rote Fl üssigkeit in einem konischen Glase zwischen das Licht und das Auge halt, so scheint sie unten, wo sie weniger Masse hat, als ein blasses und verd ünntes Gelb; etwas hoher, wo das Glas weiter wird, erscheint sie orange, noch weiter hinauf rot und ganz oben von dem tiefsten und dunkelsten Rot.

660.   Wir haben diese Erfahrung in Stufengefäßen dargestellt (E 5, 17, 18)

und an ihnen die wichtige Lehre der Steigerung entwickelt, wie namlich das

 

Gelbe durch Verdichtung und Beschattung ebenso wie das Blaue zum Roten sich hinneigt und dadurch die Eigenschaft bewahrt, welche wir bei ihrem ersten Ursprung in tr üben Mitteln gewahr wurden. Wir erkannten die Einfachheit, die Tiefe dieser Ur- und Grunderscheinungen; desto sonderbarer wird uns die Qual vorkommen, welche sich Newton macht, sie nach seiner Weise auszulegen.

661.   Hier muß man sich vorstellen, daß eine solche Feuchtigkeit die indigomachen- den und violettmachenden Strahlen sehr leicht abhält, die blaumachenden schwerer, die gr ünmachenden noch schwerer und die rotmachenden am allerschwersten. Wenn nun die Masse der Feuchtigkeit nicht starker ist, als daß sie nur eine hinlängliche Anzahl von violettmachenden und blaumachenden Strahlen abhält, ohne die Zahl der  übrigen zu vermindern, so muß der  ü berrest (nach der sechsten Proposition des zweiten Teils) ein blasses Gelb machen; gewinnt aber die Feuchtigkeit so viel an Mas- se, daß sie eine große Anzahl von blaumachenden Strahlen und einige gr ünmachende abhalten kann, so muß aus der Zusammensetzung der  übrigen ein Orange entstehen, und wenn die Feuchtigkeit noch breiter wird um eine große Anzahl von den gr ünma- chenden und eine bedeutende Anzahl von den gelbmachenden abzuhalten, so muß der  ü berrest anfangen, ein Rot zusammenzusetzen, und dieses Rot muß tiefer und dunkler werden, wenn die gelbmachenden und orangemachenden Strahlen mehr und mehr durch die wachsende Masse der Feuchtigkeit abgehalten werden, so daß wenig Strahlen außer den rotmachenden durchgelangen konnen.

662.   Ob wohl in der Geschichte der Wissenschaften etwas ahnlich narrisches und lacherliches von Erklärungsart zu finden sein mochte?

663.   Von derselben Art ist eine Erfahrung, die mir neulich Herr Halley erzählt hat, der, als er tief in die See in einer Taucherglocke hinabstieg, an einem klaren Sonnenscheintag, bemerkte, daß wenn er mehrere Faden tief ins Wasser hinabkam, der obere Teil seiner Hand, worauf die Sonne gerade durchs Wasser und durch ein kleines Glasfenster in der Glocke schien, eine rote Farbe hatte, wie eine Damascener Rose, so wie das Wasser unten und die untere Seite seiner Hand, die durch das von dem Wasser reflektierte Licht erleuchtet war, gr ün aussah.

664.   Wir haben dieses Versuchs unter den physiologischen Farben da, wo er hingehört, schon erwähnt. Das Wasser wirkt hier als ein tr übes Mittel, welches die Sonnenstrahlen nach und nach maßigt, bis sie aus dem Gelben ins Rote  übergehen und endlich purpurfarben erscheinen; dagegen denn die Schatten in der geforderten gr ünen Farbe gesehen werden. Man hore nun, wie seltsam sich Newton benimmt, um dem Phänomen seine Terminologie anzupassen.

 

665.   Daraus laßt sich schließen, daß das Seewasser die violett- und blaumachenden Strahlen sehr leicht zur ückwirft und die rotmachenden Strahlen frei und haufig in große Tiefen hinunterläßt; deshalb das direkte Sonnenlicht in allen großen Tiefen, wegen der vorwaltenden rotmachenden Strahlen, rot erscheinen muß, und je großer die Tiefe ist, desto stärker und machtiger muß das Rot werden. Und in solchen Tiefen, wo die violettmachenden Strahlen kaum hinkommen, m üssen die blaumachenden, gr ünmachenden, gelbmachenden Strahlen von unten haufiger zur ückgeworfen werden als die rotmachenden und ein Gr ün zusammensetzen.

666.   Da uns nunmehr die wahre Ableitung dieses Phänomens genugsam be- kannt ist, so kann uns die Newtonische Lehre nur zur Belustigung  dienen, wobei denn zugleich, indem wir die falsche Erklärungsart einsehen, das ganze System unhaltbarer erscheint.

667.   Nimmt man zwei Fl üssigkeiten von starker Farbe, z. B. Rot und Blau, und beide hinlänglich gesättigt, so wird man, wenn jede Fl üssigkeit f ür sich noch durch- sichtig ist, nicht durch beide hindurchsehen konnen, sobald sie zusammengestellt werden. Denn wenn durch die eine Fl üssigkeit nur die rotmachenden Strahlen hin- durch konnen und nur die blaumachenden durch die andre, so kann kein Strahl durch beide hindurch. Dieses hat Herr Hooke zufällig mit keilf¨ormigen Glasgefäßen, die mit roten und blauen Liquoren gef üllt waren, versucht und wunderte sich  über die un- erwartete Wirkung, da die Ursache damals noch unbekannt war. Ich aber habe alle Ursache, an die Wahrheit dieses Experiments zu glauben, ob ich es gleich selbst nicht versucht habe. Wer es jedoch wiederholen will, muß sorgen, daß die Fl üssigkeiten von sehr guter und starker Farbe seien.

668.   Worauf beruht nun dieser ganze Versuch? Er sagt weiter nichts aus, als daß ein noch allenfalls durchscheinendes Mittel, wenn es doppelt genommen wird, undurchsichtig werde, und dieses geschieht, man mag einerlei Farbe oder zwei verschiedene Farben, erst einzeln und dann aneinanderger ückt, betrach- ten.

669.   Um dieses Experiment, welches nun auch schon  über hundert Jahre in der Geschichte der Farbenlehre spukt, loszuwerden, verschaffe man sich mehre- re, aus Glastafeln zusammengesetzte keilförmige aufrechtstehende Gefäße, die, aneinandergeschoben, Parallelepipeden bilden, wie sie sollen ausf ührlicher be- schrieben werden, wenn von unserm Apparat die Rede sein wird. Man f ülle sie erst mit reinem Wasser und gewohne sich, die Verr ückung entgegengestellter Bilder und die bekannten prismatischen Erscheinungen dadurch zu beobach- ten; dann schiebe man zwei  übereinander und tröpfle in jedes Tinte, nach und nach, so lange, bis endlich der Liquor undurchsichtig wird; nun schiebe

 

man die beiden Keile auseinander, und jeder f ür sich wird noch genugsam durchscheinend sein.

670.   Dieselbe Operation mache man nunmehr mit farbigen Liquoren, und das Resultat wird immer dasselbe bleiben, man mag sich nur einer Farbe in den beiden Gefäßen oder zweier bedienen. Solange die Fl üssigkeiten nicht  übersättigt sind, wird man durch das Parallelepipedon recht gut hindurchse- hen konnen.

671.   Nun begreift man also wohl, warum Newton wiederholt zu Anfang und zu Ende seiner Perioden auf gesattigte und reiche Farben dringt. Damit man aber sehe, daß die Farbe gar nichts zur Sache tut, so bereite man mit Lackmus in zwei solchen Keilgläsern einen blauen Liquor dergestalt, daß man durch das Parallelepipedon noch durchsehen kann. Man lasse alsdann in das eine Gefäß durch einen Gehilfen Essig tropfeln, so wird sich die blaue Farbe in eine rote verwandeln, die Durchsichtigkeit aber bleiben wie vorher, ja wohl eher zunehmen, indem durch die Saure dem Blauen von seinem (. . . ) etwas entzogen wird. Bei Vermannigfaltigung des Versuchs kann man auch alle die Versuche wiederholen, die sich auf scheinbare Farbenmischung beziehen.

672.   Will man diese Versuche sich und andern recht anschaulich machen, so habe man vier bis sechs solcher Gefäße zugleich bei der Hand, damit man nicht durch Ausgießen und Umf üllen die Zeit verliere und keine Unbequem- lichkeit und Unreinlichkeit entstehe. Auch lasse man sich diesen Apparat nicht reuen, weil man mit demselben die objektiven und subjektiven prismatischen Versuche, wie sie sich durch farbige Mittel modifizieren, mit einiger  ü bung vorteilhaft darstellen kann. Wir sprechen also, was wir oben gesagt, nochmals aus: ein Durchscheinendes doppelt oder mehrfach genommen, wird undurch- sichtig, wie man sich durch farbige Fensterscheiben, Opalgläser, ja sogar durch farblose Fensterscheiben  überzeugen kann.

673.   Nun kommt Newton noch auf den Versuch mit tr üben Mitteln. Uns sind diese Urphänomene aus dem Entwurf umständlich bekannt, und wir werden deshalb um desto leichter das Unzulängliche seiner Erklärungsart einsehen konnen.

674.   Es gibt einige Feuchtigkeiten, wie die Tinktur des Lignum nephriticum, und einige Arten Glas, welche eine Art Licht häufig durchlassen und eine andre zur ück- werfen und deswegen von verschiedener Farbe erscheinen, je nachdem die Lage des Auges gegen das Licht ist. Aber wenn diese Feuchtigkeiten oder Glaser so dick waren, so viel Masse hatten, daß gar kein Licht hindurch konnte, so zweifle ich nicht, sie

 

w ürden andern dunklen Korpern gleich sein und in allen Lagen des Auges dieselbe

Farbe haben, ob ich es gleich nicht durch Experimente beweisen kann.

675.   Und doch ist gerade in dem angef ührten Falle das Experiment sehr leicht. Wenn namlich ein tr übes Mittel noch halbdurchsichtig ist, und man halt es vor einen dunklen Grund, so erscheint es blau. Dieses Blau wird aber keineswegs von der Oberfläche zur ückgeworfen, sondern es kommt aus der Tie- fe. Reflektierten solche Korper die blaue Farbe leichter als eine andre von ihrer Oberfläche, so m üßte man dieselbe noch immer blau sehen, auch dann, wenn man die Tr übe auf den hochsten Grad, bis zur Undurchsichtigkeit gebracht hat. Aber man sieht Weiß aus den von uns im Entwurf genugsam ausgef ühr- ten Ursachen. Newton macht sich aber hier ohne Not Schwierigkeiten, weil er wohl f ühlt, daß der Boden, worauf er steht, nicht sicher ist.

676.   Denn durch alle farbigen Korper, soweit meine Bemerkung reicht, kann man hindurchsehen, wenn man sie d ünn genug macht; sie sind deswegen gewissermaßen durchsichtig und also nur in Graden der Durchsichtigkeit von gefärbten durchsich- tigen Liquoren verschieden. Diese Feuchtigkeiten so gut wie solche Korper werden bei hinreichender Masse undurchsichtig. Ein durchsichtiger Korper, der in einer ge- wissen Farbe erscheint, wenn das Licht hindurchfällt, kann bei zur ückgeworfenem Licht dieselbe Farbe haben, wenn das Licht dieser Farbe von der hinteren Flache des Korpers zur ückgeworfen wird oder von der Luft, die daran stoßt. Dann kann aber die zur ückgeworfene Farbe vermindert werden, ja aufhören, wenn man den Korper sehr dick macht oder ihn auf der R ückseite mit Pech  überzieht, um die Reflexion der hinteren Flache zu vermindern, so daß das von den farbenden Teilen zur ückgeworfe- ne Licht vorherrschen mag. In solchen Fallen wird die Farbe des zur ückgeworfenen Lichtes von der des durchfallenden Lichtes wohl abweichen konnen.

677.   Alles dieses Hin- und Widerreden findet man unn ütz, wenn man die Ableitung der korperlichen Farben kennt, wie wir solche im Entwurf versucht haben, besonders wenn man mit uns  überzeugt ist, daß jede Farbe, um gesehen zu werden, ein Licht im Hintergrunde haben m üsse, und daß wir eigentlich alle korperliche Farbe mittelst eines durchfallenden Lichts gewahr werden, es sei nun, daß das einfallende Licht durch einen durchsichtigen Korper durchgehe, oder daß es bei dem undurchsichtigen Korper auf seine helle Grundlage dringe und von da wieder zur ückkehre. Das ergo bibamus des Autors  übergehen wir und eilen mit ihm zum Schlusse.

 

Elfte Proposition. Sechstes Problem

Durch Mischung farbiger Lichter einen Lichtstrahl zusammenzusetzen von derselben Farbe und Natur wie ein Strahl des direkten Sonnenlichts, und dadurch die Wahrheit der vorhergehenden Propositionen zu bestätigen.

678.   Hier verbindet Newton nochmals Prismen mit Linsen, und es gehort deshalb dieses Problem in jenes supplementare Kapitel, auf welches wir aber- mals unsere Leser anweisen. Vorlaufig gesagt, so leistet er hier doch auch nichts; denn er bringt nur die durch ein Prisma auf den hochsten Gipfel ge- f ührte Farbenerscheinung durch eine Linse auf den Nullpunkt zur ück; hinter diesem kehrt sie sich um, das Blaue und Violette kommt nun unten, das Gelbe und Gelbrote oben hin. Dieses so gesäumte Bild fallt abermals auf ein Prisma, das, weil es das umgekehrt anlangende Bild in die Hohe r ückt, solches wieder umkehrt, die Rander auf den Nullpunkt bringt, wo denn abermals von einem dritten Prisma, das den brechenden Winkel nach oben richtet, das farblose Bild aufgefangen wird und nach der Brechung wieder gefärbt erscheint.

679.   Hieran konnen wir nichts Merkw ürdiges finden; denn daß man ein ver- r ücktes und gefärbtes Bild auf mancherlei Weise wieder zurechtr ücken und farblos machen konne, ist uns kein Geheimnis. Daß ferner ein solches ent- farbtes Bild auf mancherlei Weise durch neue Verr ückung wieder von vorn anfange, gefarbt zu werden, ohne daß diese neue Farbung mit der ersten auf- gehobenen auch nur in der mindesten Verbindung stehe, ist uns auch nicht verborgen, da wir, was gewisse Reflexionsfälle betrifft, unsere achte Tafel mit einer umständlichen Auslegung diesem Gegenstand gewidmet haben.

680.   So ist denn auch aufmerksamen Lesern und Experimentatoren keines- wegs unbekannt, wann solche gefarbte, auf den Nullpunkt entweder subjektiv oder objektiv zur ückgebrachte Bilder nach den Gesetzen des ersten Ansto- ßes oder durch entgegengesetzte Determination ihre Eigenschaften behaupten, fortsetzen, erneuern oder umkehren.

 

 

Abschluß

 

Wir glauben nunmehr in polemischer Behandlung des ersten Buches der Optik, unsre Pflicht erf üllt und ins Klare gesetzt zu haben, wie wenig Newtons hypo- thetische Erklärung und Ableitung der Farbenerscheinung beim Refraktions- fall Stich halte. Die folgenden B ücher lassen wir auf sich beruhen. Sie beschaf- tigen sich mit den Erscheinungen, welche wir die epoptischen und paroptischen genannt haben. Was Newton getan, um diese zu erklären und auszulegen, hat eigentlich niemals großen Einfluß gehabt, ob man gleich in allen Geschichten und Worterb üchern der Physik historische Rechenschaft davon gab. Gegen- wartig ist die naturforschende Welt, und mit ihr sogar des Verfassers eigene Landsleute, vollig davon zur ückgekommen, und wir haben also nicht Ursache, uns weiter darauf einzulassen. Will jemand ein  übriges tun, der vergleiche un- sere Darstellung der epoptischen Erscheinungen mit der Newtonischen. Wir haben sie auf einfache Elemente zur ückgef ührt; er hingegen bringt auch hier wieder Notwendiges und Zufälliges durcheinander vor, mißt und berechnet, erklärt und theoretisiert eins mit dem andern und alles durcheinander, wie er es bei dem Refraktionsfalle gemacht hat, und so m üßten wir denn auch nur unsere Behandlung des ersten Buches bei den folgenden wiederholen. Blicken wir nun auf unsre Arbeit zur ück, so w ünschten wir wohl in dem Falle jenes Kardinals zu sein, der seine Schriften ins Konzept drucken ließ. Wir w ürden alsdann noch manches nachzuholen und zu bessern Ursache finden. Besonders w ürden wir vielleicht einige heftige Ausdr ücke mildern, welche den Gegner aufbringen, dem Gleichg ültigen verdrießlich sind und die der Freund wenig- stens verzeihen muß. Allein wir bedenken zu unserer Beruhigung, daß diese ganze Arbeit mitten in dem heftigsten Kriege, der unser Vaterland ersch ütter- te, unternommen und vollendet wurde. Das Gewaltsame der Zeit dringt leider bis in die friedlichen Wohnungen der Musen, und die Sitten der Menschen werden durch die nachsten Beispiele, wo nicht bestimmt, doch modifiziert. Wir haben mehrere Jahre erlebt und gesehen, daß es im Konflikt von Mei- nungen und Taten nicht darauf ankommt, seinen Gegner zu schonen, sondern ihn zu  überwinden, daß niemand sich aus seinem Vorteil herausschmeicheln oder herauskomplimentieren laßt, sondern daß er, wenn es ja nicht anders sein kann, wenigstens herausgeworfen sein will. Hartnäckiger als die Newtonische Partei hat sich kaum eine in der Geschichte der Wissenschaften bewiesen. Sie hat manchem wahrheitsliebenden Manne das Leben verk ümmert, sie hat auch

 

mir eine frohere und vorteilhaftere Benutzung mehrerer Jahre geraubt; man verzeihe mir daher, wenn ich von ihr und ihrem Urheber alles mogliche Bose gesagt habe. Ich w ünsche, daß es unsern Nachfahren zugute kommen moge.

Aber mit allem diesem sind wir noch nicht am Ende. Denn der Streit wird in dem folgenden historischen Teile gewissermaßen wieder aufgenommen, in- dem gezeigt werden muß, wie ein so außerordentlicher Mann zu einem solchen Irrtum gekommen, wie er bei demselben verharren und so viele vorz ügliche Menschen, ihm Beifall zu geben, verf ühren konnen. Hierdurch muß mehr als durch alle Polemik geleistet, auf diesem Wege m üssen der Urheber, die Sch ü- ler, das einstimmende und beharrende Jahrhundert nicht sowohl angeklagt als entschuldigt werden. Zu dieser milderen Behandlung also, welche zu Vollen- dung und Abschluß des Ganzen notwendig erfordert wird, laden wir unsere Leser hiermit ein und w ünschen, daß sie einen freien Blick und guten Willen mitbringen mogen.

 

 

Tafeln

 

Die sowohl auf die Farbenlehre  überhaupt als zunächst auf diesen ersten Band bez üglichen Tafeln hat man, des bequemeren Gebrauchs wegen, in einem be- sondern Heft gegeben und dazu eine Beschreibung gef ügt, welche bestimmt ist, den Hauptzweck derselben noch mehr vor Augen zu bringen und sie mit dem Werke selbst in nahere Verbindung zu setzen. Die Linearzeichnungen, welche sie enthalten, stellen die Phänomene, wie es gew¨ohnlich ist, insofern es sich tun ließ, im Durchschnitte vor; in andern Fallen hat man die aufrechte Ansicht ge- wahlt. Sie haben teils einen didaktischen, teils einen polemischen Zweck.  ü ber die didaktischen belehrt der Entwurf selbst; was die polemischen betrifft, so stellen sie die unwahren und kaptiosen Figuren Newtons und seiner Schule teils wirklich nachgebildet dar, teils entwickeln sie dieselben auf mannigfaltige Weise, um, was in ihnen verborgen liegt, an den Tag zu bringen. Man hat fer- ner die meisten Tafeln illuminiert, weil bisher ein gar zu auffallender Schaden daraus entsprang, daß man eine Erscheinung wie die Farbe, die am nachsten durch sich selbst gegeben werden konnte, durch bloße Linien und Buchstaben bezeichnen wollte. Endlich sind auch einige Tafeln so eingerichtet, daß sie als Glieder eines anzulegenden Apparats mit Bequemlichkeit gebraucht werden konnen.

Ist erst eine dunkle Kammer gemacht Und finstrer als eine agyptische Nacht, Durch ein gar winzig Lochlein bringe Den feinsten Sonnenstrahl herein,

Daß er dann durch das Prisma dringe: Alsbald wird er gebrochen sein. Aufgedröselt bei meiner Ehr’

Siehst ihn, als ob’s ein Stricklein wär’, Siebenfarblg statt weiß, oval statt rund. Glaube hierher des Lehrers Mund:

Was sich hier auseinander reckt, Das hat alles in Einem gesteckt.

Und dir, wie manchem seit hundert Jahr, Wachst dar über kein graues Haar.

Aus: Spr üche in Reimen – Zahme Xenien. VII

 

 

Statt eines Nachworts

 

Newtonische Lehre:

1. Das Licht ist zusammengesetzt: heterogen.

2. Das Licht ist aus farbigen Lichtern zusammengesetzt.

3. Das Licht wird durch Refraktion, Reflexion und Inflexion dekomponiert.

4. Es wird in sieben, vielmehr in unzählige dekomponiert.

5. Wie es dekomponiert worden, kann es wieder zusammengesetzt werden.

6. Die apparenten Farben entstehen nicht durch eine Determination des

Lichtes von außen, nicht durch eine Modifikation durch Umstände.

 

Resultate meiner Erfahrung:

1. Das Licht ist das einfachste, unzerlegteste, homogenste Wesen, das wir kennen. Es ist nicht zusammengesetzt.

2. Am allerwenigsten aus farbigen Lichtern. Jedes Licht, das eine Farbe angenommen  hat, ist dunkler als das farblose Licht. Das Helle kann nicht aus Dunkelheit zusammengesetzt sein.

3. Reflexion, Refraktion, Inflexion sind drei Bedingungen, unter denen wir oft apparente Farben erblicken; aber alle drei sind mehr Gelegenheit zur Erscheinung als Ursache derselben. Denn alle drei Bedingungen konnen ohne Farbenerscheinung existieren. Es gibt auch noch andere Bedingun- gen, die sogar bedeutender sind als z. B. die Maßigung des Lichtes, die Wechselwirkung des Lichtes auf die Schatten.

4. Es gibt nur zwei reine Farben, Blau und Gelb. Eine Farbeigenschaft, die beiden zukommt, Rot, und zwei Mischungen, Gr ün und Purpur; das  übrige sind Stufen dieser Farben oder unrein.

5. Weder aus apparenten Farben kann farbloses Licht, noch aus farbigen Pigmenten ein weißes zusammengesetzt werden. Alle aufgestellten Ex- perimente sind falsch oder falsch angewendet.

 

6. Die apparenten Farben entstehen durch Modifikation des Lichtes durch außere Umstände. Die Farben werden an dem Licht erregt, nicht aus dem Licht entwickelt. Horen die Bedingungen auf, so ist das Licht farblos wie vorher, nicht weil die Farben wieder in dasselbe zur ückkehren, sondern weil sie zessieren. Wie der Schatten farblos wird, wenn man die Wirkung des zweiten Lichtes hinwegnimmt.

Gesetz der Tr übe

Freunde, flieht die dunkle Kammer, Wo man euch das Licht verzwickt und mit k ümmerlichstem Jammer Sich verschrobnen Bildern b ückt. Abergläubische Verehrer

Gab’s die Jahre her genug, In den Kopfen eurer Lehrer

Laßt Gespenst und Wahn und Trug.

Wenn der Blick an heitern Tagen Sich zur Himmelsbläue lenkt, Beim Sirok der Sonnenwagen Purpurrot sich niedersenkt:

Da gebt der Natur die Ehre, Froh, an Aug’ und Herz gesund, Und erkennt der Farbenlehre Allgemeinen ewigen Grund!