Nohl, Hermann - Zitate

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Herman Nohl

(1844-1900)

 


Pädagoge und Philosoph (Deutschland)

 

 


"Die Kunst ist immer nur Glied des Lebens, das in Ausdruck,Gestaltung und Besinnung vorwärtsschreitet, sie hat auch keinen metaphysischen Glauben mehr als Hintergrund wie bei Goethe, sondern ist eine schöpferische Tat des Menschen, der das kleine Stück der Welt, das seinem Formwillen zugänglich ist, organisiert: eine prometheische Leistung, die die eigene Existenz und ihre Umgebung gestaltet und die Außenwelt symbolisch interpretiert."

 


"Damit ist die Kunst als geistiger Akt erkannt, der charakterisiert ist durch die Leistung, daß er Einheit erfaßt und Einheit schafft. Sie ist nicht sinnloses Anstaunen, bloßer Reiz der Sinne, sondern ein Verhalten, das zwar nur in der Anschauung vor sich geht, in ihr aber eine Tätigkeit ausübt, die ausschließlich geistigen Funktionen zukommt, nämlich die Einheit in der Mannigfaltigkeit zu ergreifen. Die Einheit ist in jedem Werk die zentrale Macht, die seine Mannigfaltigkeit organisiert, und die Beziehung der Teile zu dieser Einheit ergibt den entscheidenden künstlerischen Begriff, nämlich den der Form. Alle diese Männer, von Battista Alberti an, haben das gesehen. Wie immer man die Kunst fasse: der Gegenstand der Ästhetik ist die Form, Schönheit ist »Einheit in der Mannigfaltigkeit«. Das bleibt die Formel bis zu Leibniz, Kant und Herder, Hölderlin und Hegel, nur ihr Gehalt vertieft sich."

 


"Dann ist Kunst nicht mehr ein Element der Trennung, sondern der Verbindung, nicht mehr eine rätselhafte Sache für Ästheten, sondern Ausdruck eines Ideals, das alle verstehen und das einem Volke sagt, was es will, weil in ihm das dunkle Gefühl, der unbestimmte Trieb des Volkes Form und Gestalt annahm."

 


"Vielleicht sind wir heute in der ganzen Unsicherheit unserer Existenz eher fähig, das Unsagbare in den Dingen zu sehen als in den Zeiten der bürgerlichen Behaglichkeit mit ihren Philisteraugen, und ist uns die Kunst nicht nur eine ästhetische Dekoration eines an Leib und Seele verhungernden Daseins, sondern der Blick in die ewige Heimat des Geistes."

 


"Die Kunst ist auf dieser Stufe die eigentliche Trägerin der religiösen und damit überhaupt der wesentlichen Entwicklung, sie schafft die Götter, und es gibt hier kein höheres Bewußtsein von den Göttern als eben in den Darstellungen der Kunst."

 


"Kunst ist neben Religion und Wissenschaft ein Versuch, die Unvollkommenheit des Daseins, seine Leiden und Kämpfe vergessen zu machen, aber sie tut es, indem sie die Vollkommenheit im Kunstwerk als naturgemäß, ja notwendig erscheinen läßt, wo die Religion ins Transzendente greift und die Wissenschaft nie zum Abschluß kommt. Sie macht den Kosmos sichtbar, das Gesetz der bildenden Natur."

 


"Da die Kunst nichts anderes ist als die Darstellung des Ewigen im Sinnlichen, Einzelnen, Endlichen, so ist die Gestalt der metaphysischen Realität und die Kunstform im Grunde identisch."