Mauer, Otto - Zitate

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Otto Mauer

(1907-1973)

 


Priester, Kunstsammler und Mäzen (Österreich)

 

 


"Kunst ist mehr als Wiedergabe: sie ist seherische Entdeckung innerer Wirklichkeiten, die dem Durchschnittsmenschen verborgen sind - und oft auch nach ihrer Aufspürung durch das Kunstwerk noch verborgen bleiben! —, sie ist Deutung, die ein eigenes seelisches Organ voraussetzt und keinewegs geringe seelische Kräfte. Darum ist die Forderung, daß Kunst von jedem verstanden werden müßte, von Grund auf albern und nichts als ein einziges und sehr schädliches Mißverständnis. Man kann allenfalls die Forderung stellen, daß die äußere Darstellung im Kunstwerk begreiflich sein müsse — das ist möglich und setzt auch im Betrachter nicht allzuviel voraus; die innere und vollständige Erfassung hoher Kunstwerke aber wird nach wie vor Sache der Esoteriker sein - die allerdings weder mit den Kunstkritikern noch mit den Kunsthistorikern identisch sein müssen!"

 


"Kunst ist nichts anderes als die Entdeckung dieser wesenhaften Symbolik alles Geschöpflichen durch die Schau des künstlerischen Menschen und der echte Ausdruck derselben im Leibhaftigen, in plastischer Gestalt, in linearer Form und Farbe. Kunst setzt Symbolfähigkeit der Welt voraus. Sie ist keineswegs eine absolute Erfindung des künstlerischen Geistes; sie ist doch Intuition, das heißt: Einblick, Tiefenblick in das Wesen der Dinge, wie es gegeben ist. Kunst ist deshalb objektiv gebunden. Sie kennt keine Willkürlichkeit. Solche objektive Grundlage garantiert auch ihre Begreiflichkeit."

 


"Der Künstler aber und der Gläubige wissen die Wege der Gnade. Kunst lebt von Intuition, und die kann nicht willentlich erzeugt werden; sie ist ein »Einfall« von oben her. Kunst ist Ekstase des Herzens."

 


"Kunst ist - wie das Leben - ein sinnlos grausamer Versuch, wenn Christus nicht auferstanden; sie zerschellt an der eisernen Wand des Unmöglichen, sie bedeutet nichts anderes als die tragisch-»perverse« Veranlagung des Menschen auf ein nicht Existentes hin; das Dasein des Künstlers, des Denkers und des Menschen überhaupt erschiene als ein Produkt blutiger Ironie eines sadistischen Zynismus."

 


"Kunst ist kein Opiumat. Sie ist weit davon ab, eine unwirkliche, phantastische Welt des Märchenhaften hervorzaubern zu wollen, in der der Mensch vergessen könnte. Im Gegenteil: Kunstschöpfung ist Durchstoß zur Realität, ja, gerade zu den tieferen Schichten der Weltwirklichkeit."

 

 


"Kunst ist allerdings nicht Kunst durch die Darstellung »moralischer« Themen; auch nicht bloß durch die ethische Gesinnung des Schaffenden. Sie ist Kunst durch Fähigkeit der bildhaften Intuition und die Kraft zum Ausdruck derselben; ihre Wertigkeit und Qualität wird nach Tiefe, Echtheit und Ursprünglichkeit der Entdeckung, an der Eindringlichkeit und Kongenialität der Deutung, am Feuer und der symbolischen Kraft des Ausdrucks gemessen. Kunst ist außerdem kein bloßes Werkzeug zur Versittlichung der Massen, kein Zweckinstitut im Dienst der Seelsorge, wie sie ja ebensowenig und noch weniger der Unterhaltung und dem Vergnügen zugeordnet ist. Kunst trägt Sinn in sich selbst als Erfüllung einer wesentlichen menschlichen Leidenschaft, als Lebensvorgang, der in letzter Ausrichtung auf den Schöpfergott hinzielt, von dem aus er Anstoß und Urtrieb bekommen hat; sie braucht nicht erst durch außer ihr liegende Zwecke gerechtfertigt werden."

 


"Kunst ist eine Schöpfung des Menschen, die Gottes Schöpfung »übertrifft« und ihrem Ziele näher führt. Sie ist, wie jede »Schöpfung«, Wiedergeburt, ist Neuschöpfung, Palingenesia, dynamisch auf das Ende hin, das eschatologi-sche »Gott alles in allem«. Der Mensch als »alter creator« aber ist auch als Künstler Werkzeug göttlicher Vollendung."