1901 Otzen, J. - Moderne Architektur

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Die moderne Kunst in der Architektur und

deren Einfluss auf die Schule.

 

Vortrag von JOHANNES OTZEN

 

gehalten in Paris den 1. August in der Ecole des Beaux Arts.

(Anmerkung: Der Vortrag, den Geheimrat Professor Otzen auf dem internationalen Architektenkongress in Paris gehalten hat, ist bereits durch die technischen Wochenblätter bekannt gemacht worden, dennoch drucken wir ihn zur Orientierung unserer Leser noch einmal ab, weil wir der hier behandelten Sache grosse Bedeutung bemessen. Nach Bekanntwerden des Vortrags hat sich sofort ein Meinungsstreit entsponnen, dem schon mehrfach öffentlich Ausdruck gegeben wurde. Auch an uns sind verschiedene Zeitschriften gelangt, von denen wir heute einen Artikel des Professor Cornelius Gurlitt bringen. Wir veröffentlichen Otzens Vortrag und Gurlitts Entgegnung, ohne unsererseits dazu Stellung zu nehmen. Die Redaktion.)

 

 

Eine grosse mächtige Bewegung umfasst alle Gebiete der Kunst und versucht auf jedem derselben, teils reformatorisch, teils revolutionär, umstürzend zu wirken. Solcher Perioden hat die Kunstgeschichte viele aufzuweisen, aber wenn sich auch die Vorgänge und Gesamt-Erscheinungen wiederholen, das Gepräge ist stets ein anderes geworden. Soweit ältere Völker in Frage kommen, und soweit wir die Vorgänge der Kunstwälzungen jener Zeiten kennen, erscheinen dieselben stets als eine langsam aber unwiderstehlich sich vollziehende Aenderung der Denk- und Empfindungsweise eines ganzen Volkes. Die Grund-Ursachen waren wohl immer ähnlich, Erschöpfung der eigenen geistigen Kraft und das Eindringen der überlegenen Kultur- Elemente eines andren oft politisch überwundenen Volks. Sicher sind wohl bei jeder derartigen Bewegung auch starke Individualitäten der Mittelpunkt gewesen, aber in die Erscheinung treten sie nicht, oder ihre Arbeiten wurden schon im Entstehen zum allgemeinen Eigentum.

 

Je weiter die allgemeine Kultur-Entwickelung fortschreitet, desto mehr scheint sich dies Verhältnis der führenden Geister zu der durch sie geleiteten Bewegung zu ändern. In der antiken und der durch sie beeinflussten Welt sehen wir schon Individualitäten und Schulen derselben im Kampfe mit einander.

Das, was damals moderne Kunst war, erscheint schon nicht mehr als ein feststehender allgemeiner Begriff, sondern wie eine Wellenbewegung, in welcher, je nach dem glücklichen Einfluss von Persönlichkeiten, Klima, Material und vor allem nach dem Verhältnis der Menschen zu ihrem Kunst- Ideal – Höhen und Tiefen zu Tage treten. Immer aber bleibt das letztere die Hauptsache und auch im ganzen Mittelalter und den in demselben beständig zu Tage geförderten modernen Kunstweisen steht die Persönlichkeit weit zurück hinter den leitenden Gedanken und erscheinen jene immer nur als die Vollstrecker des allgemeinen Willens, als die Pfadfinder auf dem Wege nach dem Ziel des künstlerischen im ganzen Volke ruhenden Ideals. Erst die Renaissance und die aus derselben sich entwickelnden Kunstperioden zeigen Persönlichkeiten, die wie herrische Fürsten auftreten und mit gewaltiger Kraft und rücksichtsloserer Energie ihre eigenen Wege verfolgen und die Allgemeinheit scheinbar zur Nachfolge zwingen.

Aber nur scheinbar, denn im Grunde waren es genau wie im Mittelalter die geistigen Strömungen der Völker, die auch dem Wirken dieser Herrennaturen seine Grenzen zogen, und aus denen sie ihre Kraft und künstlerische Macht empfingen.

Noch wichtiger aber für die Betrachtung und die Beurteilung der Erscheinung einer neuen modernen Kunst ist der Umstand, dass in keiner geschichtlichen Periode auch die gewaltigsten und schöpferischsten Künstler daran dachten, sich von dem Boden der Tradition loslösen und sich selbst an die Stelle derselben zu setzen. Jede derartig moderne Kunstbewegung der Vergangenheit erfüllte nur das in den Massen unbewusst schlummernde Bedürfnis, und die leitenden Personen waren keine Revolutionäre und Anarchisten, sie erschienen vielmehr als Propheten.

Gilt das vorstehend Gesagte von der Kunst im allgemeinen, so gilt es im besonderen von der Architektur.

Die Architektur als Kunst war in erster Reihe dazu angethan, jede absolute Willkür auszuschliessen und an ihr, an der unerbittlichen Logik ihrer Gedanken zeigt sich am klarsten das Entwickelungsbild menschlicher Kultur und am wenigsten die Willkür und die Augenblickswirkung kranker Regungen.

 

Das 19. Jahrhundert macht durch diese bis dahin beinahe unentwegte Entwickelung in der Kunst einen grossen Strich, und nichts dürfte schwerer sein, als von unserem nahen Standpunkte aus alle Momente desselben zu würdigen, welche durch die letzten Decennien hindurch uns zu dem interessanten Problem geführt haben, welches wir mit heutiger moderner Kunst bezeichnen.

Ich spreche zu einer Versammlung ausgezeichneter Fachgenossen, ich darf mich daher aller breiteren historischen Reminiscenzen enthalten und im Rahmen dieser Skizze nur diejenigen Thatsachen kurz hervorheben, von welchen wir einen entscheidenden Einfluss auf den kunsthistorischen Verlauf des 19. Jahrhunderts annehmen dürfen.

In erster Reihe ist es die litterarische Bewegung am Ende des 18. Jahrhunderts und die in engem Zusammenhang damit stehende grosse Revolution, welche als Eckstein der eklektischen Kunstströmung des vorigen Jahrhundert aufgefasst werden muss.

So verschieden deren Einfluss in den einzelnen Kulturländern sich auch gestaltete, ihre Wirkung auf die Kunst war so ziemlich überall die gleiche. Nachdem man im heissen Bemühen die klassische und die romantische Welt wieder zu beleben versucht hatte, und nachdem diesem Bestreben die mechanische Aufnahme aller Denkmäler durch die Photographie in ungeahnter Weise entgegengekommen war, lag es nahe, dass sowohl ruhmsüchtige, junge Gelehrte als das veränderungslüsterne Publikum und die spekulativen Künstler alle späteren historischen Stilformen auszugraben und zu verwerten suchten.

Waren in jenen ersten Bemühungen noch ein gut Teil Vertiefung, ehrliches, ideales Streben und nicht zu vergessen, auch schöpferische Thaten auf eklektischen Hintergrunde zu verzeichnen, so hatte die geschäftliche Verwertung aller Stile dieses Streben und damit wohl auch die tiefere Berechtigung desselben ganz verloren.

Es ist kein Wunder, dass es nun nur einer starken innerlichen Anregung bedurfte, um eine gewaltige Reaktion gegen dieses Tagestreiben hervorzurufen und dabei wie üblich das Kind mit dem Bade auszuschütten. Die Anregung war wiederum litterarischer Natur, der Kultus des Persönlichen war das neue geistige Panier, um das sich alle unzufriedenen Geister scharten und unter dessen Einfluss in rascher Folge erst litterarische, dann auch Kreise der bildenden Kunst von der grossen Masse sich ablösten, um in gegenseitiger Unterstützung die neue Lehre von der persönlichen Kunst und deren Träger auf den Schild zu heben.

Ich muss es mir an dieser Stelle bei dem knappen Zeitmaass versagen, der allgemeinen Kunstbewegung nachzugehen, um mich nun ausschliesslich der Einwirkung zuzuwenden, welche unsere Kunst, die Architektur, durch diese Strömungen erfuhr.

Sind nach dieser Richtung:

I. Die nur zu getreue Klassenpublikation historischer Denkmäler aller Zeiten;

II.   die grosse Vermehrung nicht fachmännisch gebildeter Architekturgelehrten und deren begreifliches Bedürfnis, Bücher zu schreiben und neues zu entdecken;

III.  die allgemeine menschliche Sucht nach Wechsel der äusseren Erscheinungsformen des

Lebens;

IV.  die künstlerische Spekulation auf diese menschliche Schwäche;

V.   die Ueberschätzung des eigenen Ichs u. a.

die unerfreulichen Gründe der modernen Kunstbewegung, so giebt es deren ebenso viele achtungswerte und berechtigte.

Vor allen Dingen liegt in dem oberflächlichen Stiltreiben der letzten Decennien des 19. Jahrhunderts für jede tiefer angelegte Natur etwas Abstossendes und Niedriges. Dieselbe wird, je keuscher sie empfindet, um so leichter geneigt sein, lieber auf alle Stilformen zu verzichten, als dieselben durch ihre rein äusserliche Verwendung, gewissermaassen nur als Kostüm

zu benutzen.

Dann biegt das heutige moderne Leben in seinen völlig veränderten Formen und seinen zum Teil neuen Materialien Aufgaben, denen mit der Schablone überlieferter Stilformen allein nicht mehr beizukommen ist. Ferner musste die wissenschaftliche Erkenntnis aller wirkenden Naturkräfte notwendig das Auge schärfen für deren richtige künstlerische Darstellung und geneigt machen zur Ablehnung derjenigen historischen Formen, welche dieser Kenntnis widerstreiten.

 

Endlich konnte sich kein Verständiger dem Eindruck entziehen, dass die geschilderten Umstände in Architektur wie Kunstgewerbe einen Zustand der Versumpfung herbeigeführt hatten, aus welchem die Kunstwelt zu erlösen scheinbar jedes Mittel recht sein musste.

Wollen wir Architekten der heutigen modernen Kunst uns nicht willenlos treiben lassen, sondern mit einem so klaren Bewusstsein, als dies innerhalb einer bewegten Periode stehend möglich ist, unsere Ziele stecken und verfolgen, so dürfen wir weder die Schatten- noch die Lichtseiten der Bewegung auf sich beruhen lassen, sondern müssen versuchen, soweit wir es vermögen, klar zu trennen Gesundes vom Ungesunden, Hoffnungsloses vom Zukunftsreichen, und aus der höchsten und der heiligsten Auffassung unseres Berufes heraus die Kraft und den Mut schöpfen, unsere Ueberzeugungen in Wort und That zu vertreten, unbekümmert um das Urteil der Menge, die unsere Kunst jetzt meist noch durch gelehrte aber gefärbte Brillen sieht, die dem tieferen Geheimnis unsrer schaffenden Werkstatt fernstehen.

Meine hochgeehrten Herren Kollegen! Wie schwer dies ist, wie wenig selbst die hochstehenden Meister unserer Nationen unsere Bestrebungen, wenn sie die Oberfläche des Scheins verlassen, zu verstehen im Stande sind, zeigt die von „l' Architecture“ angestellte Enquete; aber seien wir ehrlich, zu gestehen, dass auch unsererseits wenig geschieht, um dies Verhältnis zu ändern.

Unsere Bauten sollen unsere Sprache sein! Dies früher richtige Wort gilt heute nicht mehr, wo unsere Sprache nicht mehr ein Gemeingut, sondern wie die Keilschrift eine Specialwissenschaft unserer Zunft geworden ist. Heute gilt es nicht allein für uns zu erkennen, welche gesunden Bahnen wir wandeln wollen, sondern wir müssen auch dafür sorgen, dass wir von diesem Bestreben verstanden werden, dass man unsere Sprache versteht, und damit den Inhalt unserer Reden aus Eisen und Stein.

Die Erkenntnis dieses Mangels ist auch der Grund, weshalb von der Vereinigung Berliner Architekten der ungewöhnliche Versuch unternommen ist, künstlerische Thesen aufzustellen und diese als ihre Ueberzeugung und als ein Warnungszeichen aufzurichten, welches die unentschiedenen Kunstgenossen daran erinnern soll, dass es in der Architektur unwandelbare ewige Gesetze giebt, welche nie preisgegeben werden dürfen, und dass unsere Kunst zu heilig ist, um als Schauplatz frecher frivoler Modeströmungen zu dienen.

Die aber ferner auch der zumeist in den Händen gelehrter Laien befindlichen architektonischen Publizistik ein Halt zurufen sollen und sie verantwortlich machen für alle Schäden, die durch die maass- und ziellose Kritik unserer Tage herbeigeführt werden, ohne welche eine so heillose Verwirrung der Geister nicht möglich gewesen wäre.

Wir sind uns bewusst, dass es unmöglich ist, den geistigen Inhalt einer Zeit zu kodifizieren: die Regungen der modernen Volksseele schillern in tausend Farben, aber ebenso sicher sind wir, dass es für jede Kunst, insbesondere aber für die Baukunst Grundsätze giebt, deren keine wirklich schöpferische Zeit entraten hat und entraten kann.

Es könnte scheinen, als ob es ebenso überflüssig wäre, diese zu nennen, wie man die Bedingungen gesunden Lebens anzugeben braucht, aber in Zeiten wie heute, wo die Kritiklosigkeit und das persönliche Belieben alle Grundsätze zu überwuchern drohen, ist es schon von Wert, wenn die Geister der Besonnenheit das Wort nehmen, um alte und ewige Wahrheiten von neuem an die Warnungstafeln zu nageln. Der internationale Architekten-Kongress des denkwürdigen Ausstellungsjahres 1900 steht inmitten der moderner Kunstbewegung und es ist von unabsehbarem Einfluss, wenn er seine Stimme erhebt, um seiner Kunst diejenigen Wege ins Gedächtnis zu rufen, welche sie durch Jahrtausende unentwegt gewandelt ist und hat wandeln müssen.

Die gesunden und die ungesunden Regungen, aus denen im wesentlichen die modernen Kunst in der Architektur ihre Nahrung zieht, sind vorstehend kurz angegeben. Wir wollen versuchen, im nachstehenden für die einzelnen Momente, auf welche es ankommt, feste Formen zu finden:

I. Das Ausklingen der grossen eklektischen Bewegung des 19. Jahrhunderts in einen geist- und sinnlosen Formalismus aller Stilformen ist als Verfall zu betrachten. Soweit die moderne Kunst dies bekämpft und einschränkt, ist sie als eine gesunde Reaktion anzusehen.

II.   Das Bauwerk als Kunstwerk soll zwar aus dem Bedürfnis heraus sich entwickeln, aber es soll auch der grossen Aufgabe alles architektonischen Schaffens sich bewusst bleiben, der Aufgabe: – das Reale zu idealisieren. – Ebenso wie es verwerflich ist, akademisch vorgehend eine bauliche Aufgabe in ein beabsichtigtes historisches Gewand zu kleiden, genau so falsch würde es sein, die Zweckmässigkeit allein zur Richtschnur der Gesamt-Erscheinung zu machen. In beiden Fällen entsteht kein Kunstwerk, vielmehr kann dieses nur ein Produkt sein aus einer völligen und zwanglosen Verschmelzung aller Bedingungen, bei welcher als Resultat nur eine kritiklose Empfindung des Schönen und Zweckmässigen übrig bleibt.

III.  Bei jedem Bauwerk, welches Anspruch auf künstlerische Bedeutung erheben will, muss jedes Material seiner Eigentümlichkeit entsprechend verwendet und behandelt werden. Jede architektonische Lüge, jede absichtliche Täuschung ist verwerflich. Der architektonische Schmuck soll der charakteristischer Material-Behandlung dienstbar gemacht werden.

IV.  Klima, Gegend, ländliche oder städtische Umgebung müssen beim Werk der Baukunst entsprechend gewürdigt sein.

V.   Die richtige Frage nach dem Maass und dem Umfang der Verwendung traditioneller Kunstmotive kann nicht allgemein beantwortet werden. Unzweifelhaft können durch schöpferische Behandlung einer dem Künstler in Fleisch und Blut übergegangenen und durch seine Persönlichkeit gewissermaassen neu belebten Tradition, welche unbefangen auf moderne Aufgaben angewendet wird, ebensowohl wirklich moderne Kunstwerke entstehen, wie durch grosse Enthaltsamkeit in Verwendung von historischen Stilformen und Vorwiegen der Material-Stilistik. Vergessen aber soll man nie, dass die Grundbedingungen architektonischen Gestaltens sich wiederholt haben, so lange es eine Baukunst giebt, und dass bei Säulen, Kapitälen, Basen, Licht- und Thüröffnungen, Bögen und Gewölben dieselben Funktionen hundertfach verschiedene Ausprägungen erhalten haben, aber niemals in grossen Zeiten der Vergangenheit einfach aus Laune oder Selbstsucht ignoriert sind. Hat der moderne Architekt soviel schöpferische Kraft, um den grossen Vorbildern noch bessere zu substituieren, oder wenigstens soviel Selbstgefühl, um es sich zuzutrauen, so möge er es ruhig versuchen. Darin liegt ein Vorwurf nicht, wohl aber fängt die Rohheit des Empfindens da an, wo der moderne Künstler die ewigen Gesetze des Bauens und der Ausbildung baulicher Glieder einfach ignoriert, weil er – modern sein möchte, und es nicht in anderer Weise machen kann.

VI.  Das Ornament soll vornehmlich dazu dienen, das Wesen einer baulichen Funktion zu betonen; die reine Willkür in seiner Verwendung oder gar eine der Funktion widerstreitende Ausbildung des Ornaments ist zu vermeiden.

VII. Der Maassstab der architektonischen Gliederung und des ornamentalen oder figürlichen Schmuckes muss sich dem Gesamt-Maassstab des Bauwerks anschliessen und soll für denselben Bau ein gleichmässiger sein.

VIII. Die Rückkehr zum Studium der Natur als immer frischer Quelle jeder künstlerischen Vertiefung ist an sich gesund.

Eingeschränkt wird diese Wahrheit indessen durch Gesetze, welche von keiner grossen und schöpferischen Vorzeit vernachlässigt worden sind und zwar vor allem durch das Gesetz einer architektonischen Stilisirung der Naturformen, welche je nach Objekt, Stoff, Maassstab u. s. w. ein anderer sein wird und muss.

IX.  Die Farbenfreude ist eine natürliche Begleiterin jeder gesunden und frischen Kunstperiode und daher zu befördern, ohne in die Gefahren der Rohheit des modernen Plakatstils zu geraten.

X.   Eine gesunde logische Konstruktion, basierend auf klarer Erkenntnis aller statischen Vorgänge, muss die Grundlage eines tüchtigen Bauwerks nicht nur sein, sondern auch als solche in die Erscheinung treten.

Kann man sich entschliessen, die vorstehend dargelegten Grundsätze als solche anzuerkennen, denen eine gesunde Baukunst von jeher gefolgt ist, und deren Anwendung auch heute bei aller Freiheit des Schaffens doch allein eine fortschreitende Entwickelung und nicht nur eine Modethorheit gewährleistet, so ist die Kritik der Auswüchse und Zerrbilder der modernen Kunst in der Architektur darin bereits enthalten.

Diese Grundsätze gestatten nicht die Anwendung eines schrankenlosen Individualismus auf die Werke der Baukunst. Sie gestatten nicht die völlige und absichtliche Abstreifung jeder traditionellen Ausbildung der Bauglieder. Sie verbieten eine lediglich effekthaschende, den Organismus des Baues ignorierende Ornamentik; ebenso wie Ungeheuerlichkeiten im Maassstab derselben.

 

Die Grundsätze wollen ebensowohl die blinde Nachahmung der Zufälligkeiten der Naturformen vermeiden als umgekehrt das Erstarren der Ornamentik in geistlose Schnörkel und müde Linien verhindern, wenn diese auch den zweifelhaften Vorzug besitzen, das werte „Ich“ der schaffenden Persönlichkeit richtig wiederzugeben.

Sie untersagen ferner die Misshandlung des verschiedenen Baumaterials einer persönlichen Willkür zu Liebe und sind unverträglich mit einer Architekturwelt des Scheins, der Täuschung und der Heuchelei und sie führen endlich von dem bedenklichen und künstlerisch hoffnungslosen Wege ab, in der einseitigen Entwickelung der Nützlichkeit und Zweckmässigkeit das Heil der Zukunft zu suchen.

Mit bedingtem Recht dürfen zwar die Lobredner der modernen Kunstbewegung hervorheben, dass die Zeichen der Zeit als Heilmittel zu betrachten sind, als anarchistische Zertrümmerungs-Versuche, um das Feld für eine neu erblühende Kunst frei zu machen.

Sie vergessen aber dabei die Lehre der Geschichte, dass in der Kunst etwas absolut Neues noch nie entstanden ist und dass die gewaltigsten und schöpferischsten Perioden immer auf den Ueberlieferungen der Vergangenheit sich aufbauen. Das wollen wir auch; wir wollen Befreiung von dem toten Formalismus der letzten Decennien, wir wollen ein frisches unbefangenes Lösen der Aufgaben unserer modernen Zeit, aber wir wollen an diese Aufgabe herantreten mit dem wertvollen Rüstzeug einer nicht äusserlich gelernten, sondern einer begriffenen und verstandenen Tradition und nicht mit dem Dynamit der Anarchisten, welche wohl eine Kultur zerstören können, aber nie und nimmer mit dem kleinen persönlichen Ich eine solche aufzubauen vermögen.

Täuschen wir uns nicht über den Ernst der Lage, und noch weniger darüber, dass in unserer Zeit, in welcher auf allen Kunstgebieten die Persönlichkeit, welche gern den Spuren des Uebermenschen folgen möchte, die grosse Menge beeinflusst, dass in solcher Zeit das Laientum und, was viel gefährlicher ist, das kritiklose Litteratentum der Kunst von den bizarren Erscheinungen des Anarchismus in der Baukunst fasciniert wird und in diesen äusseren Formen das Heil der Zukunft zu erkennen glaubt. Wir Fachgenossen können es allenfalls verstehen und begreifen, wie talentvolle und phantasiebegabte Baumeister am Ende des 19. Jahrhunderts auf die Abwege einer schrankenlosen Willkür geraten können.

Wir können den besseren unter ihnen ihre Schmerzen und ihre Verzweiflung nachfühlen und herzlich mit ihnen empfinden.

Der Laie kann das nicht; er sieht und hält sich allein an den sichtbaren Formalismus und verwechselt Armut mit Geistesstärke, Unwissenheit mit Grösse, Frechheit mit Uebermenschentum und staunt die Ergebnisse trauriger, wenn auch entschuldbarer Verwirrung als ungeheuere schöpferische Thaten an.

Am verhängnisvollsten ist diese Zeit des Zusammenbruchs aller Ideale und der Unfruchtbarkeit der Schulen bestimmter Stilrichtungen für die studierende Jugend. Kein Beruf und kein Geschlecht und späteres Alter ist so wie die Jugend geneigt, kritiklos neuen Gedanken und neuen Formen zuzujubeln.

Die fehlende Reife des Urteils lässt nur zu leicht die Hohlheit der Phrase übersehen und die natürliche Neigung jeder Jugend, der unbequem empfundenen Autorität des Alten den scheinbar mühelos fliessenden Quell moderner Kunstübung vorzuziehen, geht entweder mit Unlust oder gar nicht an ein ernsthaftes sich in die Grundbedingungen architektonischer Formbildung versenkendes Studium.

Noch nie ist der Jugend mit griesgrämiger Pedanterie in schwieriger Lage geholfen, gewisse Probleme im Leben wie in der Kunst können nur durch das Leben selbst gelöst werden, und so wird auch die moderne Kunst in der Architektur ihre unvermeidlichen Opfer fordern.

An uns, den Lehrern der Jugend, ist es aber, diese Opfer einzuschränken und ebenso rückhaltlos, wie wir den gesunden Grundgedanken der künstlerischen Reaktion zustimmen müssen, haben wir bei den Auswüchsen derselben der Jugend den Spiegel der Zukunft vorzuhalten. Den Spiegel der Zukunft mit dem Spiegel der Vergangenheit zu prüfen und nicht den Formalismus der letzteren, sondern die unwandelbaren Gesetze der bauenden Kultur in die jungen Seelen zu pflanzen.

Dass diese Aufgabe sich schön anhört, aber schwer zu erfüllen ist, verkennen wir nicht.

Sie stellt an den Lehrer die Aufgabe, sich über die Strömung seiner Zeit zu erheben und dabei meist mit seiner persönlichen Vergangenheit zu brechen, sie erfordert eine andere Methode des kunst- und architekturgeschichtlichen Unterrichts, eine Methode, die unendlich viel mehr den Geist als die Erscheinungsform der Kunstperiode betont und die an die Stelle der Einprägung der Aeusserlichkeit der Formen soweit wie möglich die Entwickelungsgeschichte der selben setzt.

Sie erfordert eine viel engere Verbindung der Kulturgeschichte mit der Architekturgeschichte, wie dies üblich ist, und den fortwährenden Hinweis darauf, dass die Form an sich nichts ist und nichts bedeutet, sondern erst auf ihrem natürlichen kulturellen Nährboden zur Sprache ihrer Zeit wird.

 

Ich richte an dieser bedeutungsvollen Stelle und in dieser ernsten Zeit die Mahnung an alle, denen die Kunst nicht nur die Ernährerin, sondern auch die heilige Flamme des geistigen Herdes ist, dieser Wahrheiten zu gedenken, und jeder an seiner Stelle, als Lehrer des ganzen Volkes durch seine Bauten oder als Lehrer der architektonischen Jugend dafür zu sorgen, dass aus dem gährenden Most unserer Tage aus kraftvollem aber oft wildem Ringen unserer stark persönlich empfindenden Zeit eine Zukunft moderner Baukunst sich entwickelt, an deren Anfängen wir selbst noch Freude erleben und an deren Fortschritt wir wieder im Reiche der grossen technischen Familie zu der uns gebührenden Stellung uns emporheben.

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Otzen, Johannes: Die moderne Kunst in der Architektur und deren Einfluss auf die Schule

In: Berliner Architekturwelt. – 3(1901). – S. 225–230