Matisse, Henri - Zitate

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Henri Matisse

(1869-1954)

 


Maler, Grafiker, Plastiker (Frankreich)

 

 


"Was ich vor allem zu erreichen suche, ist der Ausdruck. - Aber die Idee eines Malers darf nicht losgelöst von seinen Ausdrucksmitteln betrachtet werden, denn sie taugt nur, soweit sie von den Mitteln gestützt wird, die um so vollständiger sein müssen - und unter vollständig verstehe ich nicht kompliziert - je tiefer der Gedanke ist. - Der Ausdruck steckt für mich nicht etwa in der Leidenschaft, die auf einem Gesicht losbricht oder sich durch eine heftige Bewegung kundgibt. Er ist vielmehr in der ganzen Anordnung meines Bildes: Der Raum, den die Körper einnehmen, die leeren Partien um sie, die Proportionen: das alles hat seinen Teil daran." (1908)

 


"Mein Traum ist eine Kunst voll Gleichgewicht, Reinheit, Ruhe ohne beunruhigende, die Aufmerksamkeit beanspruchende Sujets, eine Kunst, die für jeden geistig Arbeitenden, wie für den Künstler, ein Linderungsmittel ist, ein geistiges Beruhigungsmittel, das seine Seele milde glättet, ihm eine Beruhigung von den Mühen des Tages und von seiner Arbeit bedeutet." (1908)

 


"Der Maler braucht sich nicht mehr um kleinliche Einzelheiten zu bemühen, dafür ist die Photographie da, die es viel besser und schneller macht. - Es ist nicht mehr Sache der Malerei, Ereignisse aus der Geschichte darzustellen; die findet man in Büchern. Wir haben von der Malerei eine höhere Meinung. Sie dient dem Künstler dazu, seine inneren Visionen auszudrücken." (1909)

 


"Bei einer richtigen Grundeinstellung würde sich erweisen, dass man nicht minder logisch vorgeht, wenn man ein Bild macht, wie wenn man ein Haus baut. Mit der menschlichen Seite soll man sich nicht beschäftigen, man hat sie oder man hat sie nicht." (1939)

 


"Ein neues Bild soll ein einmaliges Ereignis sein, eine Geburt, die das Weltbild, wie es der Menschengeist erfasst, um eine neue Form bereichert. - Das Glück aus sich selbst schöpfen, aus einem reichen Arbeitstag und der Erhellung, die er in den Nebel um uns hineintragen konnte! - Glücklich sind jene, die aus vollem und aufrichtigem Herzen singen können." (1947)

 


"Der Fotograf soll so wenig wie möglich sich einmischen, sonst geht jener objektive Charme verloren, den die Fotografie ihrer Natur nach besitzt ... Die Fotografie soll registrieren, sie soll uns Dokumente der Anschauung liefern."

 

 


"Der Fauvismus erschütterte die Tyrannei des Divisionismus. Es läßt sich in einem allzu ordentlichen Haushalt nicht leben. Also bricht man in die Wildnis auf, um sich einfachere Mittel zu schaffen, die den Geist nicht ersticken. Dann stößt man auf Gauguin und van Gogh. Hier sind ursprünglichere Ideen: Aufbau mit Farbflächen, Aufsuchen der stärksten Farbwirkung - der Stoff ist gleichgültig. Das Licht wird nicht unterdrückt, aber es findet sich im Zusammenklang von leuchtenden Farbflächen."

 


"Ich habe nie den Gegenstand verlassen. Der Gegenstand ist an sich nicht interessant. Es ist die Umgebung, die den Gegenstand schafft. So habe ich mein Leben lang vor denselben Gegenständen gearbeitet, die mir immerfort die Kraft der Wirklichkeit gaben, indem sie meinen Geist zu allem hinführten, das diese Gegenstände für mich und mit mir durchgemacht haben. Ein Glas Wasser mit einer Blume unterscheidet sich von einem Glas Wasser mit einer Zitrone. Der Gegenstand ist ein Schauspieler: ein guter Schauspieler kann eine Rolle in zehn verschiedenen Stücken spielen; ein Gegenstand kann eine unterschiedliche Rolle in zehn verschiedenen Gemälden spielen."

 


"Man sagt mir: 'Dieser Zauberer, der sich darin gefällt, Ungeheuer zu verzaubern.' Ich war nie der Meinung, daß meine Schöpfungen verzauberte oder zauberhafte Ungeheuer seien. Als mir jemand sagte, daß ich die Frauen nicht so sehe, wie ich sie darstelle, antwortete ich: 'Wenn mir solche Geschöpfe auf der Straße begegnen würden, dann würde ich mich schleunigst retten.' Schließlich — ich erschaffe keine Frau, ich mache ein Bild."

 


"Die Künste haben eine Entwicklung, die nicht allein vom Einzelnen ausgeht, sondern auch vom Willen der Generation, deren Erbe er angetreten hat. Man kann nicht einfach irgend etwas machen. Ein begabter Künstler kann nicht etwas Beliebiges machen. Wenn er nur seine eigenen Gaben gebrauchen würde, könnte er nicht existieren. Wir sind nicht Herr über unser Schaffen. Es ist uns auferlegt."

 


"Ich glaube, daß man die Vitalität und Kraft eines Künstlers danach beurteilen kann, ob er von dem Schauspiel der Natur direkt impressioniert wird und doch fähig ist, seine Empfindungen zu organisieren. — Eine solche Fähigkeit setzt einen Menschen voraus, der ganz Herr seiner selbst ist, um sich eine Disziplin aufzuerlegen."

 


"Die mit reinen Farben aufgebauten Bilder der Impressionisten bewiesen der nächsten Generation, daß diese Farben, die man zur Beschreibung von Naturerscheinungen verwenden kann, auch ganz unabhängig von diesen Erscheinungen, in sich selbst die Kraft haben, die Gefühle der Betrachter anzusprechen. Es ist sogar so, daß einfache Farben auf die Gefühle um so stärker wirken können, je einfacher sie sind. Ein Blau z. B., von seiner Komplementärfarbe gesteigert, wirkt auf das Gefühl wie ein energischer Gong. Dasselbe gilt auch für Gelb und Rot, und der Künstler muß fähig sein, sie zum Tönen zu bringen, so wie er es braucht."

 


"Das Wort Impressionismus kann nicht aufrechterhalten werden für neuere Maler, die den ersten Eindruck vermeiden und ihn fast für trügerisch halten. [...] Hinter der Folge von Momenten, die die flüchtige Existenz von Wesen und Dingen bildet und ihnen wechselnde Erscheinungsformen verleiht, kann man einen wahren, wesentlichen Charakter aufsuchen, an den der Künstler sich halten wird, um eine dauerhaftere Interpretation der Wirklichkeit zu geben."

 


"Es ist mir nicht möglich, die Natur sklavisch abzubilden; ich bin gezwungen, sie zu interpretieren und dem Geist des Bildes unterzuordnen. Wenn alle meine Beziehungen der Farbtöne gefunden sind, so muß sich daraus ein lebendiger Akkord von Farben ergeben, eine Harmonie analog der einer musikalischen Komposition. [...] Die Wahl der Farben beruht auf keiner wissenschaftlichen Theorie [wie bei den Neoimpressionisten]. [...] Ich gebe die Farben ohne Voreingenommenheit. [...] Die Farben drängen sich mir in ganz instinktiver Weise auf."

 


"Sehen ist in sich selbst schon eine schöpferische Tat, die eine Anstrengung verlangt. Alles, was wir im täglichen Leben sehen, wird mehr oder weniger durch unsere erworbenen Gewohnheiten entstellt. [...] Die zur Befreiung von den Bildfabrikaten [durch Photo, Film, Reklame] notwendige Anstrengung verlangt einen gewissen Mut, und dieser Mut ist für den Künstler unentbehrlich, der alles so sehen muß, als ob er es zum erstenmal sähe. Man muß zeitlebens so sehen können, wie man als Kind die Welt ansah, denn der Verlust dieses Sehvermögens bedeutet gleichzeitig den Verlust jeden originalen Ausdrucks. Ich glaube z. B., daß nichts für den Künstler schwieriger ist, als eine Rose zu malen, weil er, um sie zu schaffen, zuerst alle vor ihm gemalten Rosen vergessen muß."

 


"Wenn die Mittel so verbraucht sind, daß ihre Aussagekraft erschöpft ist, dann muß man zu den Grundlagen zurückkehren. Das sind die Prinzipien, die wieder aufsteigen, die Leben annehmen und uns Leben schenken. Dann werden unsere Bilder Läuterungen, Stufen behutsamen Abbaus, mühelose Verschmelzungen mit dem Urgrund, sie sprechen unmittelbar an mit schönem Blau, mit schönem Rot, mit schönem Gelb, mit Elementarstoffen, welche die menschliche Seele in ihrer Tiefe aufwühlen. Das ist der Ausgangspunkt des Fauvismus: der Mut, die Reinheit der Mittel wiederzufinden."

 


"Meine Federzeichnung ist meine unmittelbarste Ausdrucksform mit größter Vereinfachung des Mittels. Dennoch enthalten diese Zeichnungen mehr, als die Leute darin sehen wollen. Es sind Lichtquellen, denn wenn man sie an einem düsteren Tag oder bei indirekter Beleuchtung betrachtet, sieht man nicht nur den Lebenssaft in der Linie pulsieren, sondern ganz deutlich das Licht und verschiedene der Farbe entsprechende Werte aufleuchten. Diese Eigenschaften rühren davon her, daß den Zeichnungen immer Studien mit einem weniger harten Mittel als der Feder vorausgehen, das erlaubt, den Charakter des Modells, das es umfließende Licht, sein Ambiente und all das gleichzeitig zu berücksichtigen. Erst wenn ich die Empfindung habe, daß diese Arbeit alle meine Möglichkeiten restlos erschöpft hat, kann ich mit geklärtem Geist meine Feder gehen lassen. Ich habe dann den bestimmten Eindruck, daß sich mein Empfinden der gestaltenden Schrift als Mittel der Aussage bedient. Sobald mein bewegter Strich das Licht auf meinem weißen Papier modelliert hat, ohne daß es seiner rührenden Weiße verlustig gegangen wäre, kann ich nichts mehr zufügen, nichts mehr wegnehmen, die Seite ist geschrieben. — Sie enthält, soweit mir dies möglich ist, eine Synthese all jener verschiedenen Ansichten, die ich mir während der vorausgegangenen Studien mehr oder weniger zu eigen machen konnte. — Obwohl sich überkreuzende Linien und Halbtöne fehlen, verbiete ich mir das Spiel der Valeurs, der Modulationen nicht. Ich modelliere mit meinem mehr oder weniger breiten Strich und vor allem mit den Flächen, die er auf meinem weißen Papier umgrenzt. Ich modifiziere die verschiedenen Teile meines weißen Papiers, ohne daran zu rühren, nur durch die Nachbarschaften. — Zur Perspektive: Meine endgültigen Federzeichnungen haben stets ihre Lichtfläche, und die Gegenstände, die sie ausmachen, sind verschieden gestuft, d. h. perspektivisch, aber in der Perspektive des Gefühls, in einer Perspektive, die vom Gefühl eingegeben worden ist."

 


"Es gelang mir nur allmählich, das Geheimnis meiner Kunst zu entdecken. Es liegt in einer Meditation nach der Natur, im Ausdruck eines stets von der Wirklichkeit inspirierten Traums. Mit mehr Hingabe und Regelmäßig lerne ich, jede Studie in einer bestimmten Richtung zu verfolgen. Schritt für Schritt drängte sich die Erkenntnis auf, daß Malen eine Art des Ausdrucks ist und daß man dasselbe auf verschiedene Weise ausdrücken kann."

 


"Ich will nicht sagen, daß Sie nicht übertreiben sollten, aber ich sage, daß Ihre Übertreibung mit dem Charakter des Modells übereinstimmen müsse - keine sinnlose Übertreibung, die Sie nur wegführen würde von eben jener Aussage, die Sie anstreben... Übertreiben Sie daher den besonderen Charakter, dem Ausdruck zuliebe."

 


"Um die Wahrheit zu sagen, es sind meine bescheidenen Verhältnisse, denen ich meinen Erfolg verdanke. In der Tat ernährte die Malerei zu jener Zeit ihren Mann ziemlich schlecht, selbst wenn sie akademisch war. Ich wäre beinahe gezwungen gewesen, einen anderen Beruf zu ergreifen. Ich beschloß, mir eine Frist von einem Jahr zu gönnen, während welcher Zeit ich jede Einmischung zurückweisen wollte und so malen, wie es mir gefiel. Ich arbeitete nur noch für mich. Ich war gerettet. Bald überkam mich eine Offenbarung die Liebe zu den Materialien um ihrer selbst willen. Ich fühlte, wie sich in mir die Leidenschaft für die Farbe entwickelte."

 


"Aber, wenn man nicht immer ein ein Gefühl hat, was dann? Dann malen Sie nicht. Als ich heute morgen hiereinkam, um zu malen, hatte ich kein Gefühl. So ging ich reiten, und als ich zurückkam, war es mir ums Malen, und ich hatte alle Gefühle, die ich brauchte."

 


"Ein Maler, der sich an das Publikum wendet, nicht um ihm seine Werke vorzustellen, sondern um ihm einige Einblicke in seine Vorstellung von der Kunst des Malens zu geben, setzt sich verschiedenen Gefahren aus ... Es ist mir denn auch ganz klar, daß ein Maler keinen besseren Fürsprecher haben kann als sein Werk ... Vor allem müssen Sie sich Ihre Zunge abschneiden, denn Ihr Entschluß nimmt Ihnen jedes Recht, sich mit irgend etwas anderem als mit Ihrem Pinsel auszudrücken."

 


"Heutzutage ist alles teuer für den Maler - Farben, Material, das Leben überhaupt. Wenn ich ein junger Maler wäre, würde ich eine bezahlte Arbeit annehmen, dann wäre ich unabhängig und könnte frei malen. Meine Kunst würde nicht darunter leiden. Wenn ich mich mit kitschiger Malerei befassen würde, wenn ich Weihnachtsgebäck verzierte, dann würde das meine Kunst beeinträchtigen, aber eine Arbeit als Bankangestellter oder das Beladen von Güterzügen würde mir nicht schaden. Nietzsche sagte: >Alle Künstler sollten einen Beruf lernen, um frei zu sein.< Man braucht nur drei oder vier Stunden täglich zu arbeiten. Dann kann man ehrlich malen und braucht sich nicht um den Geschmack der anderen zu kümmern."

 


"Als ich Jahre später mein Atelier eröffnete, malte ich eine Zeitlang wie alle anderen, aber ich kam überhaupt nicht vorwärts und war sehr unglücklich. Dann begann ich nach und nach so zu malen, wie ich fühlte."

 


"In seiner Arbeit muß man ein Können mitbringen, viel Einfühlung in das Modell oder den sonstigen Gegenstand, und dann muß man das Geschaute mit seiner Phantasie anreichern. Schließen Sie die Augen, und halten Sie die Vision fest, und dann tun Sie Ihre Arbeit mit Hilfe Ihrer eigenen Gefühlskräfte."

 


"Gerade mit den einfachsten Mitteln kann der Maler sich am besten ausdrücken. Wenn er die Banalität fürchtet, wird er ihr weder durch ein befremdliches Äußeres entgehen noch durch Absonderlichkeiten der Zeichnung oder Exzentrik der Farbe. Seine Mittel müssen sich beinahe mit Notwendigkeit aus seinem Temperament ergeben. Er muß die Naivität besitzen, die ihn glauben läßt, daß er nur gemalt habe, was er gesehen hat."

 


"Ich beschloß dann, auf Ähnlichkeiten nicht zu achten. Es interessiert mich nicht, einen Gegenstand zu kopieren. Warum sollte ich den äußeren Aspekt eines Apfels malen, und wäre es noch so genau? Welchen Sinn könnte es haben, ein Ding zu kopieren, das in der Natur in unbegrenzten Mengen vorkommt und das man sich jederzeit noch schöner vorstellen kann? Wichtig ist die Beziehung des Gegenstandes zum Künstler, zu seiner Persönlichkeit, und seine Eindrücke und Gefühle zu ordnen."

 


"Der Maler entlädt seine Gemütsbewegung, indem er malt."

 


"Ein Bild sollte für mich immer dekorativ sein. Wenn ich arbeite, versuche ich nie zu denken, nur zu fühlen."

 


"Ich stütze mich bei der Wahl der Farben auf keinerlei wissenschaftliche Theorie: sie beruht auf der Beobachtung, auf dem Gefühl, auf der Erfahrung meiner Sinne."

 


"Man muss sicher auf festem Boden gehen können, ehe man mit dem Seiltanzen beginnt."

 


"Heute ist es möglich, in wenigen Sekunden ein Bild auf einer photographischen Platte festzuhalten - genauer und wirklichkeitsgetreuer, als es ein Mensch zeichnen kann. Mit dem Aufkommen der Photographie verschwand in der Kunst die Notwendigkeit exakter Reproduktion."

 


"Malen heißt nicht Formen färben, sondern Farben formen."

 


"Ich träume von einer Kunst des Gleichgewichts, der Reinheit, der Ruhe, ohne beunruhigende und sich aufdrängende Gegenstände, von einer Kunst, die für jeden Geistesarbeiter, für den Geschäftsmann so gut wie für den Literaten ein Beruhigungsmittel ist, eine Erholung für das Gehirn, so etwas wie ein guter Lehnstuhl, in dem man sich von physischen Anstrengungen erholen kann."

 


"Wer eine Rose malen will, muß zuerst alle Rosen vergessen, die jemals gemalt geworden sind."

 


"Wir gelangen zu einer heiteren Ruhe durch die Vereinfachung der Ideen und der Form. Der Einklang ist unser einziges Ideal. Die Details stören die Reinheit der Linien, sie schaden der Intensität des Gefühls, wir verzichten auf sie."

 


"Ich habe Plastik gemacht, wenn ich von der Malerei ermüdet war. Um das Medium zu wechseln. Aber ich habe Plastik als ein Maler gemacht. Ich machte nicht Plastik wie ein Bildhauer. Was die Plastik aussagt, ist nicht das, was die Malerei aussagt. Das, was die Malerei sagt, ist nicht das, was die Musik sagt. Das sind parallele Wege, aber man darf sie nicht vermischen."