2004 Keine Angst vor Picasso

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Georg Baselitz

(1938)

 


Bildhauer, Schriftsteller und Zeichner (Deutschland)

 

 


Keine Angst vor Picasso

Auf jenem Bild in Köln, von 1922, von Max Ernst, das Rendezvous der Freunde heißt, sitzt Jean Paulhan als Nr. 10, ausgewiesen durch die Schriftrolle im linken Bildteil, in der Mitte des Bildes, in genau der gleichen Haltung wie Benjamin Péret, auf der rechten Schriftrolle als Nr. 11 bezeichnet, der also neben ihm sitzt. Péret trägt auch den gleichen, man kann schon sagen denselben Anzug wie Paulhan, nur ist dieser blau und jener von Paulhan ist grau. Beide halten die rechte Hand mit abgespreizten kleinen Finger als würden sie im Schattenspiel den beißenden Hundekopf darstellen wollen.

Max Ernst, der links vom Betrachter aus gesehen neben Paulhan sitzt, hält ebenso seine linke Hand als Hundekopf, wobei vielleicht noch auffällig ist, dass Max Ernst auf dem rechten Oberschenkel von Dostojewski, auf der Banderole links als Nr. 6 ausgewiesen, sitzt und mit seinen Beinen baumelt. Paulhan hingegen sitzt auf dem linken Oberschenkel von Fjodor und seine Füße bzw. Schuhe liegen fest am Fußboden auf, der hier ein Ausläufer des Mont Blanc ist. Hier wiederum ist deutlich zu sehen, dass der rechte Fuß von Péret auf dem linken Fuß von Paulhan steht. Paulhan, genau in der Mitte des Bildes, hat seine Beine in Hosen weit auf gespreizt, was nämlich viel Sinn macht für die beiden aufeinander zustrebenden Freundesgruppen hinten im Bild rechts und links.

Paulhans geschriebene Worte lesend und gesprochen sich denkend, lassen sogleich ihre wunderbare Wirkung spüren. Die große Begeisterung für die Bilder Braques wird deutlich und vielfach begründet, und sogleich werden viele andere Bilder und Maler abgemurkst, um diesen einen Sockelheiligen nicht wanken zu lassen. Eigentlich ist es schade, dass er nach Gründen sucht. Die einfache Fahrt ohne Rückfahrt, aufgesprungen und ein Stück mitgefahren mit Braque unterm Arm, ohne Start und Ziel, und nachdem es heiß wurde, wie die Kinder sagen, ist es wieder kalt geworden, wie die Meteorologen sagen, und endlich sind wir aus jener Moderne in eine andere Zeit gefahren. Jetzt sagen wir wieder Moderne, Post War Art, Postmoderne und malen wieder ab, bilden ab, ahmen nach und wollen überhaupt nicht bilden und in keinen

Wettstreit treten. Wir erkennen uns jetzt besser auf unseren Porträts wieder als im Spiegel.

Die Camouflage (Kriegstarnung) wurde von den Kubisten erfunden, den Krieg erfanden die Popartisten und Warhol erfand das Tarnbild. "Man weiß im vorhinein nie woher der Ruf kommen wird, man muß warten." Nachher weiß man nicht mal mehr, ob man gerufen wurde. Immer nur persönliche Sichtweisen werden verbreitet und verschmutzen die Welt, das ist doch wirklich angenehm, die Adepten und die Meister, Meister, sagt noch Jean P., sind Schmutzfinken, Maler auch. Warum ist Georges nicht auf dem Bild von Max, schließlich hat sein Großvater immerhin die gemalte Holzmaserung erfunden.

Die Geschichte der Malerei, auch der von Braque, ist die Geschichte von Irrtümern, Vortäuschungen, fehlgeschlagenen Entdeckungen, unbewiesenen Behauptungen usw., in dieser Weise gäbe es die Bilderrätsel nicht. Auf Seite 28 (im Manuskript/Gachnang) wird klar und deutlich, worum es geht: Wir wollen die Menschen aufrecht auf zwei Beinen stehend sehen! Und später dann kam es umgekehrt heraus. Man hat auf Kanonen und Panzern Bäume gemalt, damit man die Kanonen und Panzer nicht sieht, aber wir wollen bitte hier nicht vergessen, dass man auch auf Leinwand Kanonen und Panzer gemalt hat, Attrappen, damit man Kanonen und Panzer sieht, die nicht da sind. Welcher dieser malenden Realos ist friedliebender und Gott näher? Und im übrigen, haben nicht die französischen Maler das Trompe-'oeil erfunden?

Auf dem Bild Rendezvous der Freunde tragen alle Künstler, außer Raffaello Sanzio, Krawatten und Halbschuhe.


Derneburg, 6. Januar 2004