1997 Wir besuchen den Rhein

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Georg Baselitz

(1938)

 


Bildhauer, Schriftsteller und Zeichner (Deutschland)

 

 


Wir besuchen den Rhein

Im Sommer 1995 habe ich einige Selbstporträts zu machen versucht, aus Punkten, rot und grün, wobei ich unbewusst dazu neige, mich jünger darzustellen, als ich jetzt bin, nicht nur um Jahre jünger, sondern um Jahrzehnte. Im Herbst dieses Jahres '95 machte ich dann einen Besuch im Leseraum der Stasibehörde in Berlin und las verwundert eine Akte über den Verdacht der Westspionage gegen mich – zu jener Zeit war ich 18 Jahre alt. Danach kamen elende Erinnerungen auf und ich wurde ziemlich sentimental. Nun begann ich, nach alten Fotos meine Eltern und Geschwister zu malen. Warum? Wie? Wozu? Warum begann ich diese Bilder?

In einem Anfall von Sentimentalität erinnerte ich mich an die Zeit während des Krieges und die Zeit kurz danach. Indem mir die einzelnen Gesichter beim Farbeausschütten einfielen, formten sie sich wie von selbst in dieser leichten Aquarelltechnik. Sie lächelten von weit weg herüber in einer ruhigen, offenen und freundlichen Art. Das 'Warum' enthält auch gleich das 'Wie', denn meine Sentimentalität war ziemlich theatralisch, also eine große, laute und drohende Weingebärde.

Das ist der Grund für die großen Formate, auf denen die Gesichter weit nach vorn rücken, auch für die Technik: die Farbe wasserdünn, ohne Kontur, wie es bei Aquarellen sein soll, eben riesige Aquarelle, also künstliche Gebilde ohne Schatten. Oder ein Grundton, Gelb zum Beispiel, und die Konturzeichnung darauf, wie bei Picasso 1923, meine gelbe Periode. Das ist auch die Bildidee und das 'Wozu', also das, was ich als Zeitgenosse zum Zeitgeist zu sagen habe, oder zu Geistern. Als ich nämlich schließlich alle sechs Porträts, meine Brüder Andreas und Günter, meine Schwester Rosi, meine Mutter, meinen Vater und mich, auf einer Leinwand malte, die ganze Familie eben, waren es nur diese Köpfe ohne Leiber, wie bei Max Ernsts Freundesbild in Köln, alle Körper sitzend ohne Stuhl.

Tatsächlich, beim Imaginieren meiner Familie fiel mir Max Ernst ein, den ich bis dahin gar nicht besonders mochte, aber plötzlich war sein starres oder erstarrtes, sein tiefgefrorenes Bildkonzept auf meiner Leinwand, wo seine Freunde auf einem Gletscher sitzen. Einige davon sind auch meine Freunde. Breton weist den Weg in den Surrealismus. Wir besuchen den Rhein, den Westen, das war unsere Sehnsucht. Die Filzstiefel zurücklassen, aus dem Birkenwäldchen treten und fröhlich auf den Rhein hin. Das 'Wozu' bringt ein Geschichtenbildgeheul mit dem Wunsch, aus der Vergangenheit das Beste oder das Richtige, ich weiß nicht genau, zu wählen. Eigentlich war alles nur Scheiße.


Derneburg, 13. März 1997