1995 Christa Dichgans

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Georg Baselitz

(1938)

 


Bildhauer, Schriftsteller und Zeichner (Deutschland)

 

 


Christa Dichgans

Henri Rousseau, der Vertreter der modernen Schule, malte den Ballon, in den Christa stieg. Als er losgezurrt war, flog er ostwärts mit ihr in die Zeit, die ist – von Paris über Berlin nach Russland. Die Augen rund und offen. Drunten, auf der Haut des Bären, Wiesen, Felder, Wälder riesig. Seen und Flüsse gewaltig und Städte. Seit damals, der Zeit des Ballonbildes, haben die Leute die Bastschuhe weggeschmissen, die feineren Leute die Galoschen. Und sie tragen sich so wie wir. Bücher, aus denen wir mehr wissen von früher, schreibt man dort noch immer, jetzt von jetzt, und reist mit der Bahn nach Petuschki, aber immer noch mit der Schnapsflasche. Obwohl alle sagen: Wie schrecklich, ich liebe die Ziehharmonikamusik, die sie spielen am Kasernentor gegenüber von meinem Fenster – tagaus, tagein. Kalmükentempel genannt das Tor aus Holz, ganz suprematistisch. Christa dagegen sagt, es fiel ihr auf, vom Osten weiß sie nichts, den hat man ihr vorenthalten, an der Schule und überhaupt. Den Westen kannte sie, bevor sie dorthin fuhr. Den Osten nicht. Als sie jetzt dorthin fuhr, war ihr alles unbekannt, was sie sah. Was sie sah, dieses und jenes, hat sie aufgemalt, noch nicht geordnet nach gut und böse. Es fehlen auch noch manche Worte, die Bilder sind schon da. Auch das Alphabet, kyrillisch, die Köpfe der Zeitungen Prawda, Iswestija, das Parteibuch, rote Hefte, Handel verboten, Tschaikowskis Grabstein, das Programm von Bolschoi und die Birke, und der Wolf, das Rentier, der Bär, und die Balalaika für die Musik, und das Akkordeon, und der rote Pionier, und der Reiter, und Gold und Schmuck, und der Samowar, Ostern, der Pope, der Soldat und die Dinge für den Krieg, Kalaschnikow, U-Boot, Flugzeug, Panzerkreuzer, Brüderchen und der Alkohol, Muschiks Schuhe, Babuschkas und Trachten aus Georgien, Gold und Geld, Intourist und ganz viel Sport und Schach, der Zuckerbäckerstil und Zwiebeltürme, das Weihrauchfass, die Zarenkrone, Kirchen, Kreml, Gum, die Lomonossowuniversität, das Zimmer im Smolny, die Metro, Sonnenblumen und Weizen, Schnee und Flüsse und Seen, und alle kaputten Zimmer, Leitern, Brücken, Stühle und Holzhäuser, und der großfüßige Malewitsch.

Es sieht so aus, als müssten die alten Fotos mit den bärtigen und glatzköpfigen Kosaken neu gestellt werden. Es sieht nicht so aus wie zu Repins Zeiten, als die gemalte Geschichte schon Vergangenheit war. Es gab viele Kreuze auf Bildern, dann fünfzackige Sterne und Fahnen. Die Propheten sind wieder da. Die Volksensembles sind auseinander gelaufen. Wir spüren die große Weite, in der die Seele wohnt, vor unserer Tür. Im Smolny sind offensichtlich die Schonbezüge von den Sitzgarnituren abgenommen worden. Die Frauen schmeißen die Produktion, die anderen auch in Soldatenmänteln. Der Osten als großer Klumpen rollt nach Westen, manchmal kommt ein eisiger Wind von dort, aber meist ziehen der Rauch und die Wolken auch ostwärts. Dieses Bild ist ähnlich, aber ganz anders als das Amerikabild: das Gesetz fehlt, mehr Unschuld, mehr Neugier, mehr Freude, mehr Liebe vielleicht, vielleicht wegen der Liebesbriefe des Botschafters, nicht so hart, nicht so aggressiv, nicht so fest gebaut, auch nicht so kalt, mehr Chaos, mehr Leidenschaft. Die alten Programme zum besseren Leben sind weg, das neue Programm noch nicht angeschlagen am großen Tor, vielleicht in Kiew. Fast in der Mitte, etwas östlich noch im Bild, im großen Bild von Christa, die Ikone, das Bild aus Nowgorod im Kreml. Das ist schon da, und im Zentrum, und glüht.


Derneburg, 30. Januar 1995