1990 Der Maler auf Reisen

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Georg Baselitz

(1938)

 


Bildhauer, Schriftsteller und Zeichner (Deutschland)

 

 


Der Maler auf Reisen

Vom Ort, wo der Maler steht, sieht er jemanden zwischen blauem Himmel und brauner Erde mit sandfarbener Kutte, die nackten Füße in Sandalen, weit entfernt erst, dann näher kommend größer und größer werdend, fast monumental in dieser baumlosen Gegend. An diesem Ort ist es nicht still, ein sägender Ton wird zu stampfenden Beinen. Durch das Ohr in den Kopf und schwerer werdend durch den Körper fällt der Ton in die Füße und Fußsohlen. Der Körper hebt sich hüpfend vom Boden. Mangels Bodenhaftung wird die Spannung größer. Er sieht Kamele über den Sand fliegen und den Tanz der langröckigen Schönen.

Wie ist das mit der Linie?

Die Linie setzt sich zum Beispiel über die ausgebreiteten Arme, die gestreckten Finger zum Horizont fort und über die Silhouette der Berge zum Strich des Meeres, den Strahlen der Sonne. Die Linie, verknotet im Körper, bricht aus dem Auge aus, durch das Fenster, die Tür, biegt um die Ecke, fällt über die Strasse, zur Vorstadt hinaus, zu den Sanddünen, dort trifft sie auf das rennende Kamel. Sie bohrt sich als Baum in die Erde, schießt aufrecht fort nach oben, durch die Wolken. Sie liegt träge als karierter Schatten hinterm Lattenzaun. Sie fängt die Füße ein und lässt die Tänzer stürzen. Der Reiter wirft sein Lasso über das springende Kalb. Die Kanonen des Kreuzers weit draußen vorm Hafen haben das Minarett im Visier. Jemand steht auf dem Feld zwischen unten und oben wie auf Turners Napoleonvision War, the Exile and the Rock Limpet, aus den Stiefeln steigt eine rote Hose, oben flimmert vor silberner Weite der Kopf. Der Muezzin hört weder den Schuss noch sieht er die Kugel. Unter ihm sinkt das Minarett in Trümmer. Auf dem Schuttberg hebt der Hund den Kopf, reckt den Hals und heult (auch Turner), bevor dann später wieder eine Palme Wurzeln in den Steinhaufen schlägt und sich im Winde biegt.

So ein Gewirr von Linien, gesehenen und gedachten, Start, Ziel und was dazwischen geschieht, oder die Vertikalen, Horizontalen, Tangenten und all die Wellen, Kurven und Bögen, die er durchwandert.

Im Breitformat schwankt der Boden. Im Westen fährt das Automobil und die Kaffeetassen dampfen. Es werden, auch ungelesen, Journale zerschnitten auf den Bildern. Stühle tanzen wie Kreisel. Nature morte mit Totenkopf, das ist, wie Kultur ist. Mehr kann man die Bilder nicht dehnen, sie drehen sich im Kreis, wie die Landkarte, von oben gesehen, die Orte, die Seen, Berge, Städte, Dörfer mit Linien verbunden, durch Punkte markiert, dann zischen sie wie Steine im Kessel kreuz und quer, wenn es siedet. Obwohl man ruft, geht die Zeit nicht voran, ganz still stehen die Bilder in der Vergangenheit, sie hängen an der Wand und verdecken nichts. Man spürt und bemerkt, dass die Leinwand zittert, wie eine Membran, vom Apfel getroffen; wie eine Trommelhaut, auf die Finger prasseln; wie das Fangnetz, in das der Vogel saust; und dass die Seele nicht malt, das ist gelogen, es malt der Kopf mit Zubehör, nicht mit den Ohren, und dass es nie um die Wahrheit geht, wie ein Fuß im Schuh. Anachronismus ist durchaus möglich, es waren doch viele Gotiker. Die Frage ist nur, wann er auftritt und wo, dieser Anachronismus. Auf der Strecke von Berlin nach Paris reißt schon der Faden und trudelt sich an den Enden auf. Dagegen ist die Strecke Paris - Berlin nicht unterbrochen. In Moskau sehen dann die Teetassen wie Lokomotiven aus. Schnell ist der Kubismus auf dieser Reise nach Byzanz zum Ornament geworden. Einmal ist es zitronenblau, dann ist es schwarz wie ein Kornfeld oder grün wie Haar, sagt man. Oder solche Geschichten wie: dass Waldesrauschen die Pauke schlägt; oder Räderrattern Geige spielt; oder die elende Dazu lauschige, schattige Plätzchen mit heißem Minztee in Metalltassen. Wieder schauen unter den Kutten knochige Füße in Sandalen hervor.

Sie herrscht nicht, die Ordnung, sie ist da. Als der Charakter der Vernunft ist sie da. Auch brutale Eingriffe verändern letztlich nichts. Es bleibt bei wiederkehrenden Abläufen, der Messblattgeometrie einerseits und dem Chaos zwischen Punkten und Strichen andererseits.

Er reist, um die Bilder zu finden, die er kennt. In den nicht bereisten Gegenden ist er vor Überraschungen sicher, weil er die Bilder nicht kennt, die er nicht sieht. Ein wirklich gutes Rezept zum Bildermalen ist das Spiel mit Zettel und Bleistift – Schiffeabschießen. Schiffe, die in Buchten liegen, hinter Felsen sich verbergen oder im offenen Meer schwimmen, werden von einer schnell gezogenen Linie, einem schnellen  Strich getroffen, von jenen Schiffen des Gegners, die auch versteckt oder offen auf dem Zettel sind. Die kindliche Fantasie schmückt das Spiel aus, der mit dem sicheren Strich gewinnt die Schlacht, nicht der Zufall, der danebenschießt.


Derneburg, 23 April 1990