1988 Lieber Herr

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Georg Baselitz

(1938)

 


Bildhauer, Schriftsteller und Zeichner (Deutschland)

 

 


Lieber Herr!

Vielen Dank für die Zusendung Ihrer Schularbeit. Korrigieren kann ich da nicht. Vielleicht hilft Ihnen das, was ich schreibe.

Zunächst bitte das Folgende bayrisch lesen:

Stellen Sie sich die Erde so klein vor, dass wir darauf nicht stehen können und herunterfallen, die Kugel ist zu klein für unsere Füße, wir wirbeln weg.

Oder stellen Sie sich die Erde so groß vor wie sie ja ist, so dass wir auf dieser riesigen Fläche nicht mal wie ein auftreibender Same uns befinden.

Sich das Erstere vorzustellen fällt leichter, es ist abstrakter. Sich vorzustellen, wie es wirklich ist, ist kein Widerspruch, aber deshalb viel schwerer, weil es von unserem Raumverhalten abhängig ist. Man kann es mit den Bienen vergleichen, hier hat es die Abstraktion schwer.

Wenn Sie sich ganz flach auf die Erde legen, Ihre Nase ins Gras drücken und dann über die Fläche schauen, so werden Sie wahrscheinlich keine Fläche sehen, sondern ein wildes Gekritzel vor den Augen haben. Oder blicken Sie einfach zum Himmel auf, oder schauen Sie sich zwischen die Füße, wenn Sie stehen, usw. Bis hierher bayrisch.

Der Maler macht Bilder nach seinem Wissen und vor, nicht hinter dem Stand der Zeit, der Geschichte sowieso. Diese Bilder sind eine Grübelei über die Malerei.

Die Voraussetzungen, das heißt das soziale Befinden, wie Sie meinen, hat er wie alle. Er will Ruhe haben, er hat Ruhe, er wird nicht in Ruhe gelassen. Er will zerstören, er will aufbauen, er will erschrecken, er will ganz friedlich sein, eben wie jedermann ist er. Wenn Sie sich nun ein Stück Papier vorlegen, auf den Tisch vor oder unter sich, und einen Baum darauf zeichnen und nachher behaupten, dieser Baum stünde genauso aufrecht auf dem Papier wie in Ihrem Garten, so übernehmen Sie damit einfach ungeprüft etwas, was andere behaupten.

Es ist tatsächlich nicht so, sondern nur eine Vereinbarung, wie Ihre Perspektive. Selbst wenn die Tat eine Sache ist oder die Sache eine Tat, so wird trotz dieses starken Wortes keine Tatsache manifestiert, sondern lediglich ein willkürlicher Akt, etwas Gedachtes.

Denken Sie doch so: Auf einer Leinwand, einem Bild kann alles sein, die Grenze zieht sich durch des Malers Kopf, wenn es immer nur so wenig ist, dann ist der Kopf zu eng. Hat der Maler einen großen Kopf, sind die Bilder schon besser, wird die Grenze verschoben. Meistens kommt aber alles so schwerfüßig daher.

Mit den besten Grüßen


Derneburg, 21. März 1988