1868-69 Die Gesänge des Maldoror

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COMTE DE LAUTRÉAMONT

eigentlich ISIDORE LUCIEN DUCASSE (1846-1870)

Chants de Maldoror (Die Gesänge des Maldoror), (1868/69)

Sechster Gesang, dritte Strophe

 

Die Läden der Rue Vivienne breiten ihre Reichtümer vor den staunenden Augen aus. Von zahlreichen Gaslaternen beschienen, senden die Mahagoni-Schatullen und die goldenen Uhren durch die Schaufensterscheiben Strahlenbündel von blendendem Glanz. Acht Uhr hat die große Uhr der Börse geschlagen: das ist nicht spät! Kaum ist der letzte Schlag des Klöppels verhallt, beginnt die Straße, deren Name genannt wurde, zu schwanken und erbebt bis in ihre Grundfesten von der Place Royale bis zum Boulevard Montmartre. Die Spaziergänger beschleunigen ihre Schritte und ziehen sich nachdenklich in ihre Häuser zurück. Eine Frau fällt in Ohnmacht und stürzt auf den Asphalt. Niemand hebt sie auf: jedermann strebt, sich aus dieser Gegend zu entfernen. Die Läden schließen sich mit Wucht, und die Bewohner verkriechen sich unter ihre Bettdecken. Es wirkt so, als habe die asiatische Pest ihre Anwesenheit enthüllt. So ist die Rue Vivienne, während der größte Teil der Stadt sich anschickt, in den Vergnügungen nächtlicher Feste zu baden, durch eine Art Versteinerung erstarrt. Wie ein Herz, das zu lieben aufhört, sah sie ihr Leben erlöschen. Aber bald verbreitet sich die Nachricht von dieser Erscheinung in den anderen Schichten der Bevölkerung, und eine düstere Stille legt sich über die erhabene Hauptstadt. Wohin sind sie gekommen, die Gaslaternen? Was ist aus den Liebeshändlerinnen geworden? Nichts … Einsamkeit und Dunkel! Eine Eule, die in gerader Richtung fliegt, und deren eines Bein gebrochen ist, zieht über die Madeleine dahin und schwingt sich zur Barriere du Trone empor, wobei sie ausruft: »Ein Unglück liegt in der Luft.« Nun werdet ihr an diesem Ort, den meine Feder (dieser wahre Freund, der mir als Komplice dient) gerade geheimnisvoll gemacht hat, wenn ihr zu der Seite hinschaut, wo die Rue Colbert in die Rue Vivienne mündet, eine Gestalt, im Winkel, den die Kreuzung beider Straßen bildet, ihre Umrisse zeigen und leichten Ganges zu den Boulevards hinschreiten sehen. Aber wenn man sich weiter nähert, ohne die Aufmerksamkeit dieses Passanten auf sich zu lenken, stellt man zu seinem angenehmen Erstaunen fest, daß er jung ist! Von fern hätte man ihn wirklich für einen reifen Mann gehalten. Die Summe der Tage zählt nicht mehr, wenn es darum geht, die intellektuelle Kapazität eines ernsthaften Gesichtes zu würdigen. Ich verstehe mich darauf, das Alter an den physiognomischen Linien der Stirn abzulesen: er ist sechzehn Jahre und vier Monate alt! Er ist schön wie die Einziehbarkeit der Fänge von Raubvögeln; oder auch wie die Unsicherheit der Muskelbewegungen in den Wunden der Weichteile in der Gegend des hinteren Nackens; oder noch eher wie diese dauernd wirksame Rattenfalle, die immer vom gefangenen Tier neu gespannt wird, also selbsttätig unendlich Nager autnehmen kann und sogar unter Stroh verborgen funktioniert; und vor allem wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Operationstisch! Mervyn, dieser Sohn des blonden England, hat gerade bei seinem Lehrer eine Fechtstunde genommen und kehrt, in seinen schottischen Tartan gehüllt, zu seinen Eltern zurück. Es ist halb neun, und er hofft, um neun Uhr zu Hause anzukommen: es ist eine große Vermessenheit von ihm vorzugeben, er wäre sicher, die Zukunft zu kennen. Könnte ihn nicht irgendein unvorhergesehenes Hindernis auf seinem Weg aufhalten? Und wäre solch ein Umstand so selten, daß er es wagen könnte, ihn als Ausnahme zu betrachten? Sollte er es nicht lieber als eine anomale Tatsache betrachten, daß er sich bisher unbeeinträchtigt und sozusagen glücklich gefühlt hat? Und in der Tat, mit welchem Recht nahm er an, unbeschädigt seine Behausung zu erreichen, wenn ihn jemand beobachtet und hinterrücks wie eine künftige Beute verfolgt? (Es hieße, von seinem Beruf als Sensationsschriftsteller wenig Ahnung zu haben, führte man nicht anfangs diese einschränkenden Fragen auf, nach denen sofort der Satz folgt, den ich im Begriff bin, zu beenden.) Ihr habt den imaginären Helden erkannt, der seit langer Zeit durch den Druck seiner Individualität meine unglückliche Intelligenz zerbricht! Manchmal nähert sich Maldoror Mervyn, um die Züge dieses Jünglings in sein Gedächtnis einzuprägen; manchmal weicht er, den Körper zurückgeworfen, auf seinen Schritten zurück wie der australische Bumerang in der zweiten Phase seiner Flugbahn, oder eher noch wie eine Höllenmaschine. Unentschieden, was er tun soll. Aber sein Gewissen kennt kein Symptom einer noch so embryonalen Gemütsbewegung, wie ihr zu Unrecht vermuten könntet. Ich sah ihn sich einen Augenblick in der entgegengesetzten Richtung entfernen; hatten ihn Gewissensbisse befallen? Aber er kommt mit neuer Entschlossenheit auf seinen Spuren zurück. Mervyn weiß nicht, warum seine Schläfenadern mit Macht pochen, und er beschleunigt den Schritt, von einer Angst gepackt, deren Ursache er und ihr vergeblich herauszufinden sucht. Man muß ihm sein Bestreben anrechnen, das Rätsel zu lösen. Warum dreht er sich nicht herum? Er würde alles verstehen. Denkt man jemals an die einfachsten Mittel, einen beängstigenden Zustand zu beenden? Wenn ein Vagabund von den Stadtgrenzen einen Vorort des Weichbildes durchquert, eine Salatschüssel Weißwein im Hals und die Bluse in Fetzen, und an der Ecke eines Grenzsteins einen alten muskulösen Kater erblickt, einen Zeitgenossen der Revolutionen, denen unsere Väter beiwohnten, wie er melancholisch die Mondstrahlen betrachtet, die auf die schlafende Ebene niederfallen, schleicht er schief auf einer gekrümmten Linie, und gibt einem krummbeinigen Hund ein Zeichen loszustürzen. Das edle Tier aus dem Geschlecht der Pelinen erwartet mutig seinen Gegner und verkauft sein Leben teuer. Morgen wird irgendein Lumpensammler eine elektrisierbare Haut erwerben. Warum floh er denn nicht. Es wäre so einfach gewesen. Aber in dem Fall, der uns gerade beschäftigt, spitzt Mervyn noch die Gefahr durch seine eigene Ignoranz zu. Es gibt so etwas wie einige extrem seltene Lichtblicke, das stimmt, und ich werde mich nicht damit aufhalten, das Verschwommene, das sie überlagert, aufzuweisen; jedoch ist es ihm unmöglich, die Wirklichkeit zu erraten. Er ist kein Prophet, ich behaupte nicht das Gegenteil, und er erkennt sich nicht das Vermögen zu, ein solcher zu sein. Auf der großen Straße angekommen, wendet er sich nach rechts und überquert den Boulevard Poissonniere und den Boulevard Bonne-Nouvelle. An diesem Punkt seines Weges betritt er die Rue du Faubourg-Saint-Denis, läßt die Bahnstation Strasbourg hinter sich und hält vor einem hohen Portal, bevor er die senkrechte Überlagerung der Rue Lafayette erreicht. Da ihr mir anratet, an diesem Ort die erste Strophe zu beenden, möchte ich gern dieses Mal eurem Wunsch gehorchen. Wißt ihr, daß mir, wenn ich an den Eisenring denke, den die Hand eines Irren unter dem Stein verborgen hat, ein unbezähmbares Schaudern über die Haare läuft?