1886 Henne am Rhyn - Kulturgeschichte der Deutschen

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OTTO HENNE AM RHYN:

Kulturgeschichte des deutschen Volkes

Einleitung, Berlin 1886. S. 8-12

 

... Jedenfalls standen diese vorgeschichtlichen Bewohner Deutschlands, wie ganz Europas, deren Zeitalter zu ergründen eine vergebliche Mühe wäre, auf einem tieferen Standpunkte der Kultur, als die heutigen, oft noch „Wilde“, meist aber „Naturvölker“ genannten Bewohner ferner Erdteile. Ihre Beschäftigung war die Jagd und an den Ufern des Meeres und der Flüsse der Fischfang und das Sammeln von Muscheln, Krabben und anderen Seetieren, deren Reste namentlich in Dänemark zu Küchenabfallhaufen (Kjökkenmöddingr) aufgeschichtet sind. Sie nährten sich daher von Fleisch, vom Marke der Knochen, die sie zerschlugen, teilweise sogar wahrscheinlich von Menschenfleisch, daneben auch von Früchten, Wurzeln usw.

 

Den Gebrauch des Feuers kannten sie, wie denn überhaupt niemals die Kunde von einem Teile der Menschheit zu uns gedrungen ist, dem dieses wohl älteste Kennzeichen der Kultur fremd gewesen wäre. Auch die Anwendung von Werkzeugen, die im Alter mit der Feuerzündung wetteifert, war ihnen vertraut. Man hat die Perioden vorgeschichtlicher Kultur nach dem Stoffe der von ihren Trägern bearbeiteten Werkzeuge, Waffen und Geräte auf mannigfache Weise eingeteilt; jetzt ist ausgemacht, dass es deren nur zwei geben kann, welche durch die Erfindung des Schmelzens der Metalle geschieden sind: die vormetallische und die metallische Zeit. In der ersteren wurde der Stoff jener Gegenstände teils dem Mineralreiche (Stein), teils dem Pflanzenreiche (Holz) und teils dem Tierreiche (Horn und Knochen) entnommen, in der letzteren aber, welche indessen weit jünger ist, als die Zeit der Höhlen, vorwiegend der metallischen Gruppe des Mineralreiches, und zwar waren die ersten benutzten Metalle Kupfer und Eisen und die Mischung der ersteren mit Zink oder Zinn, welche als Bronze bekannt ist; es wurden aber neben den Metallen Holz, Horn, Knochen und Stein so wenig aufgegeben, wie es jemals eine Zeit ausschließlicher Verwendung des einen oder anderen Metalls gab.

Die Kleidung der Höhlenmenschen und ihrer Zeitgenossen war sehr ärmlich aus Tierfellen mit Hilfe von hörnernen oder beinernen Nadeln und Fäden aus Tiersehnen gefertigt und deckte den Leib nur teilweise, während andere Teile bemalt wurden. Dazu kamen noch Arm- oder Halsbänder aus Muscheln, Zähnen usw. Die Wohnungen bestanden, wo es keine Höhlen gab, aus leichten Hütten von Baumästen und Lehm; aber auch zur Aufspeicherung der Jagdbeute usw.

Den Höhlenbewohnern fehlte es indessen nicht ganz an höheren Bestrebungen. Man hat unter ihren Resten und denen ihrer Fertigung notwendiger und kunstloser Geräte auch Spuren eines primitiven Kunstsinnes gefunden. Dieselben bestehen vorwiegend in Tierfiguren, die teils aus Horn und Bein geschnitzt, teils in Mammutzähnen und Renhirschgeweihen und auf Schieferplatten mit Feuerstein eingegraben sind und vielfach große Naturwahrheit und Gewandtheit im Zeichnen verraten. Einige dieser „Kunstwerke“ sind jedoch als moderne Fälschungen nachgewiesen, was dann auch gegen die übrigen, wenn schon wohl größtenteils mit Unrecht misstrauisch gemacht hat.

Auch die Totenbestattung vorgeschichtlicher Menschen hat in Deutschland Zeugnisse verschiedener Art hinterlassen. In den Küstenländern der Nord- und Ostsee trifft man die (in Frankreich und Großbritannien weit häufigeren) sog. Dolmen (aus dem bretonischen dol, Tafel und men, Stein), bestehend aus großen rohen Steinen, die über andere, in den Erdboden eingelassene und senkrecht stehende, schief oder waagerecht gelegt sind und Gräber decken, in denen die Toten in hockender Stellung mit ihren Waffen und Geräten beigesetzt sind. Weiter finden sich, namentlich in Westfalen, Menhirs, d.h., reihenweise, und Kromlechs, d.h., kreisförmig oder im Viereck aufgestellte Steinblöcke, welche letzteren auch Dolmen oder Grabhügel umgeben. Häufiger und weiter verbreitet sind in Deutschland die über Gräbern oder steinernen Grabkammern (Steinkisten) aufgeworfenen und oft mit Steinkreisen umgebenen hügelartigen Hünengräber oder Hünenbetten, die oft eine große Menge von Toten, oder da wo Leichenverbrennung stattfand, Urnen mit der Asche derselben, oft sogar beiderlei, oder auch nur teilweise verbrannte Leichen umfassen. Zu den Hünengräbern, auch „Steinhäuser“ genannt, die fast alle von Nordwest nach Südost gerichtet sind, haben wir das erste annähernd sichere Zeugnis germanischen Stammes; doch ist die Vorstellung von der großen Gestalt der darin Bestatteten höchst übertrieben. Auch rückt das Vorkommen von Metallgeräten in denselben ihr Alter teilweise in eine ziemlich späte Zeit herab.

Eine weitere Gruppe von Überbleibseln der vorgeschichtlichen Zeit bilden die Pfahlbauten, welche aber auch jetzt noch, nicht nur bei sämtlichen an Gewässern lebenden Naturvölkern fremder Erdteile, als Wohnungen dienen, sondern auch in zivilisierten Gegenden in der Errichtung von Bauten auf sumpfigem oder überschwemmtem Boden ihre Analogie haben. Vorgeschichtliche Pfahlbauten wurden zuerst 1853-1854 bei Meilen im Zürchersee entdeckt, dann in den meisten übrigen Seen, in den Elsterniederungen bei Leipzig, Pommern, Mecklenburg usw. Es waren Hütten auf Querpfählen, die auf senkrecht in den Wassergrund eingetriebenen Pfählen von Holz ruhten, denen oft Faschinenwerk und Kiesanhäufungen zu Hilfe kamen, und oft bildeten sie ganze Dörfer, von denen aber nichts, was das Wasser überragte, erhalten ist. In diesen Pfahlwerken wurden Geräte aller Art gefunden, in manchen, natürlich den älteren, bloß solche aus nicht metallischen, in anderen jüngeren auch solche aus metallenen Stoffen. Besonders charakteristisch sind die Steinbeile und Steinkeile („Kelten“), ein Universalwerkzeug, oft aus Nephrit, einem Mineral, dessen Bezug man früher aus Asien hergeleitet, weil man es nur dort einheimisch glaubte, welche Ansicht aber durch sich mehrende Auffindungen desselben in Europa immer mehr erschüttert wird. Man fand auch Schlittschuhe aus Tierknochen, Webstühle, Töpferwaren, zum Teil von recht hübscher Ausführung, Handmühlen, Korbgeflechte, Fischernetze, dann Getreide, Brot, getrocknete Früchte, Hirsch-, Wildschwein-, Auerochsen- und andere Tierknochen, Geräte aus Hirsch- und anderem Horn, Waffen verhältnismäßig wenig.

Von den Pfahlwerken unterscheiden sich die Packwerkbaue, z.B. der im Steinhäuser Riet bei Schuffenriet /d.h., in dem jetzt trockenen Teile des ehemals weit größeren Federsees), bei welcher Bauart die waagerechten Holzlagen unmittelbar auf dem Seegrund lagen. Seltsame Opfergegenstände, namentlich einen bronzenen Kessel auf einem vierrädrigen Wägelchen, fand man in einem Hügelgrabe bei Pekkatel in Mecklenburg, von dem merkwürdiger Weise schon früher die Sage gegangen, dass Zwerge („Unterirdische“), die in einem anderen Hügel wohnten, wenn sie Tafel hielten, den Kessel aus jenem Hügel entlehnten; ja man fand auch die „Tafel“ aus Stein in dem anderen Hügel. Es musste sich also die Erinnerung an diese Kultgegenstände Jahrhunderte lang im Volke erhalten haben.