1892 Hase, C.W. - Gothik

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CONRAD WILHELM HASE (1818-1902)

Zur Stellung der Gotik in der modernen Baukunst.

Oktober 1892.

 

Der lange Zeit in Mecklenburg verhaltene Groll über die Berufung des Baurates Möckel von Dresden nach Mecklenburg hat sich endlich in einem Artikel in No. 82 der Deutschen Bauzeitung vom 12. Oktober 1892 Luft gemacht.

Der Hr. Verfasser tadelt die von Hrn. Möckel im Mecklenburger Lande ausgeführten gotischen Bauten, namentlich an denselben, dass bei Anwendung enormer Mittel und schlechter Konstruktion kein monumentaler Eindruck erreicht sei. Er geht endlich zu dem Schlusse über;  dass außer für katholische Kirchenbauten die Gotik überhaupt monumentale Bauwerke nie geschaffen habe, ja nie würde schaffen können, dass die Gotik franzmännischer Erfindung, also undeutsch und nur für den Katholizismus passe (die romanische Weise lobt er als echt deutsch).

Wir hätten jetzt in Deutschland den rechten Stil gefunden, Alles sei glücklich darüber und nun werde durch gotische Bauten das Publikum stets wieder irre geführt! Darum nieder mit der Gotik, nieder mit der Hannoverschen Schule, die dies ganze Unglück verschuldet habe!

Der Unterzeichnete, der die im Besondern auf Hrn. Möckels Werke in Mecklenburg gerichteten Angriffe nicht zu widerlegen vermag, da er jene leider nicht gesehen hat, möchte sich doch erlauben, das über Gotik im allgemeinen Gesagte auch vom anderen Standpunkte zu beleuchten.

Es herrschen in jenem Schreiben eine Menge Irrtümer. Frankreich ist ein älteres Kulturland als Deutschland, und unsere Vorfahren haben sehr vieles von den Franzosen gelernt; wenn wir aus der romanischen Periode in Deutschland etwa mehr Bauwerke als es in Frankreich in romanischer Form gibt, vom 11. bis Anfang des 13. Jahrhunderts im romanischen Stile  durchgeführt besitzen, so liegt dies wohl hauptsächlich daran, dass viele große und kleine  Kirchen in Frankreich in romanischer Zeit angefangen, mit dem Auftauchen der Gotik aber in dem System der letzteren vollendet sind. Anzuerkennen ist, dass unter den großen deutschen Kaisern des  11. und 12. Jahrhunderts eine erstaunliche Tätigkeit in Deutschland im Kirchenbau herrschte, dass aber der größte Teil dieser Kirchen mit Holzdecken ausgeführt ist, während Frankreich wie Italien ihre Kirchen um dieselbe Zeit schon wölbten. Es kann ja nicht geleugnet werden, dass die deutsche romanische Kunst eine schöne Abrundung mit deutschem Typus erlangt hat; wenn wir aber sehen, dass (neben tausend anderen Beispielen) Motive an Säulen- Kapitälen der Restauration von St. Michael in Hildesheim von 1160 in eben so großer und weit eleganter ausgeführter Form schon 1060 in Périgueux vorkommen, so dürfen wir wohl sagen, dass die Deutschen immer noch von den Franzosen gelernt haben, wie sie auch das Strebesystem von  den Franzosen übernahmen, und von den Lombarden, im Ornament namentlich, entschieden beeinflusst sind. Die eigentümlichste Entwicklung des deutschen Romanismus liegt aber in der Zeit, als der Strebebogen von den Franzosen übernommen wurde, und Monumente der Art, wenn auch teilweise noch ohne Strebebogen, sind: die Kirche von Limburg a. d. Lahn, die Gelnhausener Kirche, die Thürme der beiden Hauptkirchen in Mühlhausen i. Th., von letzten beiden namentlich die der Untermarktskirche daselbst, ferner Teile des Domes zu Bamberg und viele andere Beispiele in Mitteldeutschland. Es ist diese Periode die sogen.

„Übergangszeit”, deren künstlerische Produkte am ehesten als spezifisch deutsche anerkannt werden dürften; denn ähnliche Architekturformen kennt man in den anderen Ländern nicht, während der Bogenfries und das Ornament in Ober-Italien bis Pisa hinunter den deutschen Formen teils völlig gleichen und in Marmor in Italien eine feinere Bildung als in Deutschland erfahren haben.

Nach alledem können wir die romanische Formbildung auf keinen Fall als deutsche Erfindung hinstellen; Italien, Frankreich, Spanien, Deutschland und England haben allesamt Ansprüche auf Ausbildung der im südlichen Frankreich von den Westgoten zuerst nachgebildeten Form der römischen Basilika; und die Zeit der Ausbildung jener Basilika ist die romanische Kunstepoche, in welcher sich die Normannen in England noch länger bewegt haben, als die Deutschen. — Also, alle die genannten Völker haben Ansprüche auf eigentümliche Ausbildung der romanischen Formenwelt; und wenn Deutsche glauben, dass die Deutschen gerade die schönste und vorzüglichste Art der Formenbildung errungen haben, so ist das einfach zu viel geglaubt. Auch wenn wir die bescheidene und doch edle Formensprache des Romanismus schön finden dürfen, so ist und bleibt die gewölbte romanische Kirche noch immer ein unvollkommenes Werk.

Ich habe oben dargetan, dass i. J. 1160 die Deutschen immer noch von den Franzosen Formen angenommen haben; welche diese schon 100 Jahre zuvor anwandten. Auch die Grundform der Kirche St. Godehard zu Hildesheim (1133) ist noch eine Kopie derjenigen von N. D. du Port zu Clermont Ferrand von 1060. Nachdem die Franzosen das erste Strebebogensystem an der Kirche ausgeführt hatten und damit Hunderttausende an ihren Kirchenbauten ersparten, dem Innern derselben dadurch große Lichtmassen und den Zauber der Großräumigkeit zuführen konnten, wurde von allen Nationen, so auch von den Deutschen, diese Erfindung nachgemacht; es schwand die Schwerfälligkeit der Massen im Innern wie am Äußern, die Ornamentik fügte sich der lebhaften Weiterentwicklung des Stils und jede Nation betätigte sich nach innerem Vermögen an dieser neuen Aufgabe.

Dass man nun sagen könnte, wie der Verfasser jenes Artikels behauptet, die Gotik sei der Ausdruck des Katholizismus, und es sei daher auch nicht möglich, für protestantische Kirchen die gotische Form ausdrucksvoll zu verwenden, ja es könne überhaupt ausser für katholische Kirchen die Gotik keine monumentalen Werke schaffen, geht nicht wohl an; vielmehr muss ich für beide Fälle gerade das Gegenteil behaupten. Die Gotik ist das Ergebnis klarer Verstandes-Arbeit und künstlerischen Vermögens, wie die ganze Entstehung der Gotik solches sehr deutlich zeigt. In der frühen und schönsten Blütezeit bewahrt sie noch edle Ruhe und ist ohne jede Überladung. Sie schließt ihr Werk mit der kühn himmelan strebenden Spitze, die das erhabenste Symbol des zum ewigen Gotte hinan steigenden Gebetes der in der Kirche versammelten Gemeinde ist. Die Renaissance der Zeit, welche jetzt für mustergültig gehalten wird, wiegt sich vorzugsweise im guten Rhythmus angenehmer Formen, bei möglichster Vermeidung des Sichtbarwerdens mechanischer Tendenzen, d. i. der Konstruktion. Sie schließt ihr Werk nicht mit der Spitze, sondern mit der Kuppel, welche letztere Form, so schön sie zu der großen Ruhe der Gesamtformen stimmt, doch das Insichverschließen, Verbergen, Zudecken — das Geheimnisvolle, das Mystische symbolisiert.

Die Gotik in ihrer Klarheit und Offenheit, wie sie ihre konstruktiven Tendenzen zeigt, und in der großen aufsteigenden Turmspitze den symbolischen Ausdruck des unmittelbaren und ohne Vermittlung sich an die Gottheit wendenden Gebetes der Gemeinde verkörpert, steht in vollstem Maße als der Ausdruck klaren evangelischen Glaubens da, während nichts besser als die Renaissance mit ihrer Kuppel den ganzen Inbegriff des Katholizismus zu verkörpern geeignet ist. Die Kuppel steht auf der Peterskirche in Rom an ihrem richtigen Platze! Wer wird das leugnen?

Tüchtige, namhafte Renaissance-Architekten unserer Zeit bedienen sich auch deshalb noch immer für evangelische Kirchen des ganzen Apparates der gotischen Kirchen im Grundriss und Aufbau mit Spitzendtürmen und Strebepfeiler-System und fügen der gotischen Kirche nur die jetzt modigen Renaissanceformen der Giebel, Gesimse und sonstigen Details hinzu. Ja, die meisten Kirchen werden fortwährend noch in völlig gotischer Form aufgeführt, da die Gebildetsten der Gebildeten außerhalb des Architekten-Kreises die gotische Kirche noch immer am geeignetsten halten, das Wesen der evangelischen Kirche zum Ausdruck zu bringen.

Schließlich will ich den Herrn Verfasser doch noch daran zu erinnern mir erlauben, dass die Formengestaltung der Renaissance auf heidnischer Grundlage basiert; und da wäre dem Christen das Christliche doch wohl gerechter?

Dass die Gotik überhaupt an Profan-Werken nicht imstande sei, monumentale Form hervorzubringen, widerlegen die zahlreichen Stadt- und Rathhäuser Belgiens und Deutschlands und aus neuerer Zeit das Parlamentshaus in London und unter vielen anderen auch das neue Rathhaus in Wien, das seinen Nachbarn griechischen und Renaissance-Stils weder an  Monumentalität noch an großartiger Erscheinung nachsteht. Man wird doch bei  Monumentalität nicht mit Gewalt die drei Säulenordnungen verlangen — und wenn man die zerreißenden Strebepfeiler gotischer Gewölbebauten nach innen verlegt, hat der Gotiker eben so viel Mittel, die äußere Erscheinung zur Großartigkeit und Monumentalität zu bringen als der Renaissancist. Das wird doch wohl niemand bestreiten?

Paläste gab es in der gotischen Periode noch nicht; sie entstanden erst in den Städten, als die Burgen des Adels zerschossen waren. Die hochinteressanten Reste von Kaiser- und Fürsten- Palatien Deutschlands zu Goslar, Gelnhausen, Seligenstadt, Wimpfen a. B., Eger, Braunschweig usw. gehören der romanischen Zeit an und geben schönes Zeugnis monumentaler Erscheinung, selbst in den teils nur noch sehr geringen Resten.

Schulen, die große Frage unserer Zeit in großen Städten, sind in gotischem Stile in würdiger, monumentaler Form in genügender Zahl ausgeführt, und die Marburger Universitäts-Aula lässt an monumentaler imponierender Gestalt nichts zu wünschen übrig.

Und nun frage ich, wie ist man denn in neuester Zeit darauf gekommen, aus der strengen Form der Renaissance auf die romantische Form derselben überzugehen? Doch nicht anders, als durch die vielen Erscheinungen neuer gotischer Bürgerhäuser, Villen usw. von der kleinsten Form bis zur größten burgartigen Erscheinung, durch die zahlreichen Restaurationen von Burgen am Rhein und an Mosel, wie durch den in gewaltiger Weise aufblühenden Kirchenbau!!

Wer hat denn der Kleinkunst, der Kunst im Gewerbe zuerst unter die Arme gegriffen? Doch kein anderer als die Gotik. Die Gotik hat den Eisenguss verbannt und Schmiede- und Schlosser-Kunst, Glaser-, Tonwaren- und sonstige schlafenden gewerblichen Künste in emsigster Weise gefördert, wie bei Ausstattung des Innern der Bauwerke durch kunstvolle Holzarbeiten an Türen und Möbeln in tausendfältigster Form, wie in Ersetzung der Papiertapeten durch prächtige Stoffe von Leinen bis zur Seide (an das Haus Giani in Wien sei dankbar erinnert) usw., vielen Menschen in vielen Feldern Gelegenheit zur Übung ihrer künstlerischen Kräfte gegeben!

Wer dies leugnen will, ist noch zu jung, um zurückblicken zu können in die Zeiten der 50er und 60er Jahre. — Die Hannoversche Schule war es, welche das Vermächtnis der Arbeit des großen Meisters Ungewitter übernommen hatte, und neben all den genannten Bestrebungen hauptsächlich es sich zur Aufgabe stellen musste, die Konstruktion im Bauwerke in schöner Form zu zeigen und das Material nie zu verleugnen, die daher den Putz verbannte und dem Hausteine wie dem Backsteine in vollster Weise seine Ehre gab. — Das war der Grund, weshalb so viele Stimmen in Deutschland sich damals bei der verhältnismäßig geringen Bautätigkeit Hannovers so freundlich über das architektonische Leben in Hannover und den daraus hervorgehenden Charakter der Stadt aussprachen.

Wenn der Herr Verfasser jenes Artikels gegen das Leben der Hannoverschen Schule eifert, so irrt er sich wohl in der quantitativen Wirksamkeit derselben. Während hier jährlich etwa 10 Gotiker ausgebildet werden, stellt die Berliner technische Hochschule jährlich wohl 200 Gotiker fertig, und doch reicht diese Summe nicht aus, das Bedürfnis zu befriedigen, wie ich aus den zahlreichen, an mich gerichteten Anfragen ersehen kann.

Übrigens halte ich dafür, dass alle solche Streitfragen, wie hier eine derartige vorliegt, ganz unnütz sind. Einzelne Menschen, selbst ganze Vereinigungen, Ringe u. dgl. entscheiden nichts — die einzige Entscheidung bringt die Zeit! Die Wahl des Weges eines Kunst-Jüngers beruht auf  Überzeugung und wird zur heiligen Glaubenssache! Möge Jeder alles, was Gutes und  Tüchtiges in irgendeiner Kunstrichtung geschaffen wird, auch freudig anerkennen. Nur das eine behalte er im Gedächtnis, dass in jeder edlen Kunstrichtung gute Konstruktion und die Wahl des besten, außen sichtbar zu belassenden Materials Grundbedingung ist und Zement- und sonstiges Surrogatenwerk ausgeschlossen bleibt, weil durch Anwendung solcher Mittel der Willkür Tür und Tor geöffnet und hierdurch der Weg zum Untergange der Kunst angebahnt wird.