1921 Synthetischer Kubismus

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JUAN GRIS (1887-1927)

Synthetischer Kubismus

(1921, Auszug)

 

… Ich arbeite mit den Elementen des Geistes, mit der Einbildungskraft, ich versuche, das Abstrakte konkret zu machen, ich gehe vom Allgemeinen zum Besonderen, d.h. ich gehe von einer Abstraktion aus, um zu einer konkreten Wirklichkeit zu gelangen, meine Kunst ist eine Kunst der Synthese, eine deduktive Kunst. Ich will dazu gelangen, neue Einzeldinge herzustellen, indem ich von allgemeinen Grundformen ausgehe. Meiner Meinung nach ist das Allgemeine die rein bildnerische, die künstlerisch gesetzmäßige, die abstrakte Seite [Gris verwendet  hier etwas missverständlich die Worte "architecture" und "mathematique"], ich will sie vermenschlichen: Cézanne macht aus einer Flasche einen Zylinder, ich gehe von einem Zylinder aus, um ein Einzelding vom Typus Flasche zu machen. Cézanne strebt der Bildarchitektur zu, ich gehe von ihr aus, deshalb komponiere ich mit Abstraktionen (Farben), und indem ich diese Farben ordne, lasse ich sie zu Gegenständen werden. Diese Malerei verhält sich zu der anderen Malerei wie die Poesie zur Prosa.

Die Künstler haben geglaubt, mit schönen Modellen oder schönen Motiven zu einem poetischen Ziel zu gelangen, wir glauben, es vielmehr mit schönen Elementen zu erreichen, und die des Geistes sind gewiss die schönsten. Wenn die Art, die Welt zu betrachten, um daraus die ästhetischen Elemente zu ziehen, im Lauf der Epochen gewechselt hat, die Beziehungen der farbigen Formen unter sich waren grundsätzlich sozusagen unveränderlich. - Man hat Bestandteile einer  bestimmten Realität wiedergegeben und hat aus diesen Gegenständen ein Bild herausgezogen. Meine Methode ist gerade umgekehrt, sie ist deduktiv. Nicht das Bild X gelangt zur Übereinstimmung mit meinem Gegenstand, sondern der Gegenstand X gelangt zur Übereinstimmung mit meinem Bild. Ich sage, es ist deduktiv, weil die malerischen Beziehungen zwischen den farbigen Formen mir gewisse Beziehungen zwischen den Elementen einer  vorgestellten  Wirklichkeit suggerieren. Die Qualität oder die Dimension einer Form oder einer Farbe suggeriert mir das Kennzeichen oder die Eigenschaft eines Gegenstandes. Deswegen kenne ich nie im voraus das Aussehen eines dargestellten Objekts. Wenn ich die malerischen [noch gegenstandslosen] Beziehungen bis zur Repräsentation von Objekten partikularisiere, so deswegen, um zu verhindern, dass der Betrachter es selbst tut und ihm so eine von mir nicht vorgesehene Realität durch die Gesamtheit der Farbformen suggeriert wird. - Indem ich mein eigener Betrachter bin, ziehe ich den Gegenstand aus meinem Bild heraus.- Der Gegenstand modifiziert die rein malerischen Beziehungen, ohne sie zu zerstören oder zu verändern. Er verändert die malerischen Beziehungen nicht mehr, als man eine Zahlenbeziehung verändert, wenn man beide Glieder mit der gleichen Zahl multipliziert. Man kann also sagen, dass ein von mir gemalter Gegenstand nur eine Modifikation schon vorher bestehender malerischer Beziehungen ist. Ich weiß bis zur Vollendung des Bildes nicht, welcher Art die Modifikation sein wird, die ihm seinen gegenständlichen Aspekt gibt… (1921)