1903 Fellner v. Feldegg - Moderne Architektur

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FERDINAND FELLNER VON FELDEGG (1855-1936)

Der Kampf um die „Moderne“.

Ein Rückblick (1903)

 

Als vor bald acht Jahren der erste Jahrgang des „Architekt“ beendet war, da konnte ich in einem dem Bande nachträglich gewidmeten Vorworte zitieren: „Ernst ist das Leben, heiter die Kunst“ - und damit in heimlicher Ironie mich über so manche Seltsamkeit trösten, die in dem fertigen Bande, in dem der „neuen Richtung“ Rechnung getragen wurde, enthalten war. Und nicht viel später konnte in einem vom „Architekten“ veranlassten Preisausschreiben über das Thema: „Die alte und die neue Richtung in der Baukunst“ unter den drei als besten anerkannten Arbeiten diejenige an erster Stelle genannt werden, die entschieden konservativen Ansichten huldigte und zur Moderne lediglich in dem Verhältnisse einer kühlen Objektivität stand. Ja - um das, was ich sagen will, nachdrücklich hervorzuheben, und nicht etwa um eine Beichte abzulegen - muss ich hinzufügen, dass in einer Reihe spitzer Aphorismen im selben ersten Jahrgang der Zeitschrift so mancher Pfeil wider die neue Kunst vom Bogen flog - vielleicht ab und zu auch das Ziel traf, jedenfalls ein solches aber zu treffen gesucht hat.

Wie sehr hat sich das alles geändert! Unser „Architekt“ - heute weit davon entfernt, nach den Schwächen, den Angriffspunkten der neuen Richtung zu spähen - hat sich allmählich, getragen von  der Strömung der Zeit, zum Vertreter der Moderne herangebildet, er erblickt nicht zum wenigsten gerade darin seine Berechtigung als fachliches Organ, die ihm denn auch (das kann ja ohne Überhebung gesagt werden) in diesem Sinne heute zuerkannt wird.

Das alles wäre ohne Bedeutung, oder höchstens von der untergeordneten Bedeutung eines persönlichen Gesinnungswechsels, vielleicht gar mit dem leidigen Beigeschmack der geschäftlichen Opportunität versetzt, wenn es willkürlich und bewusst gemacht, wenn es das Ergebnis freier Wahl, mit einem Worte etwas wäre, dem nicht der Stempel einer zwingenden - ich will das Wort ruhig aussprechen: einer historischen Folgerichtigkeit aufgeprägt ist.

Anders unter eben dieser Voraussetzung. Ist eine Zeitung wirklich ein Abbild der Zeit, ist sie - dem Sekundenzeiger einer Uhr vergleichbar - ein Maßstab des in der Zeit pulsierenden Lebens, des Fortschreitens oder doch wenigstens des Weiterrückens jenes unbekannten Etwas in ihr, das das Objekt aller Geschichte ist: dann muß logischerweise jeder Strecke, die jener Sekundenzeiger zurückgelegt hat, auch eine Strecke entsprechen, die im gleichen Verhältnisse, nur in vergrößertem Maßstabe, die Menschheit in derselben Zeit gewandelt ist. Nun haben wir gar keinen Grund, daran zu zweifeln, dass eben dieser Zusammenhang zwischen einer Zeitschrift und dem historischen Geschehen wirklich obwaltet, wir haben keinen Grund, anzunehmen, dass eine Zeitschrift unabhängig und sozusagen gesetzlos eine ihr und nur ihr eigentümliche Bahn durchläuft, während daneben die Geschichte ihren eigenen Weg dahin schreitet. - Zwar „irren ist menschlich“ - wie man banal, aber treffend zu sagen pflegt - und von dieser Selbsterkenntnis erfüllt, werden wir wohl auch jede Art von literarischer Feststellung mit einer gewissen Skepsis zu betrachten haben und die Publizistik als eine Art der literarischen Feststellung, ja nicht einmal

 

der vornehmsten eine, nicht ausnehmen. Was aber - von einer Seite betrachtet - gerade der Journalistik nicht ohne Grund vorgehalten zu werden pflegt und sie in ihrer Rangstellung in der Literatur schmälert, das wird - von der anderen Seite betrachtet - ihr im Sinne unserer Betrachtung nur zum Vorteil gereichen: Nämlich eben ihre vollständige Abhängigkeit von der täglichen historischen Windrichtung. Und in der Tat sind die eigentlichen, die großen Irrtümer, die lapidaren Schnitzer in der Beurteilung der Zeitereignisse stets da unterlaufen, wo man nicht dem Sekundenzeiger des Tages, sondern den großen Pendelschwingungen der Jahrzehnte gefolgt ist - in der Buchliteratur.

Nicht die Zeitung also dürfte so leicht irren, wenn sie, getragen vom Strome ihrer Zeit, für eine Meinung kämpft, die noch von heftiger Gegnerschaft verfolgt wird, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach weit eher diejenigen, die auf vermeintlich hoher Warte stehend, diesem Strome gebieten zu können glauben. Nicht die Zeitung wird dereinst vor dem Urteile der Geschichte beschämt in den dunkelsten Winkel sich zurückziehen müssen mit dem Makel des Unrechts auf  der Stirne, sondern diejenigen, die eine ganze Epoche zu verurteilen wagten, indem sie sie verkannten. Die Zeitung, die da ist und bleibt, was zu sein ihre stete Aufgabe bedeutet: Nicht Kritik - sondern Chronik (und dieses Diktum aus dem eingangs erwähnten Vorworte zum ersten  Jahrgange „Architekt“ bleibe aufrecht), wird freilich Wandlungen mitmachen und am Ende einer Epoche nicht mehr sagen, was sie am Anfang dieser Epoche vielleicht gesagt hat, weil sie es sagen musste. Aber in dieser „Inkonsequenz“ des Wortes liegt nur die „Konsequenz“ der Geschichte, der Entwicklung, liegt nur ausgesprochen, dass das Heute nicht mehr das Gestern ist, dass die Zeit nicht vorbeifließt an den Dingen, die sich ewig gleichen, sondern dass die Zeit in den Dingen ist und diese Dinge mit ihr sich verändern.

Dies vorausgesetzt, also vorausgesetzt, dass eine Zeitung in der Tat im verkleinerten Maßstab ein Abbild, gleichsam ein Diagramm der Kulturbewegung im großen ist, können wir - die vorliegenden acht Jahrgänge unserer Zeitschrift überblickend - wirklich ausrufen: Welch ein Wandel in den Kunstanschauungen der letzten Jahre!

Was vordem noch schüchtern, tastend, scheu, gelegentlich, mit einer höflichen Entschuldigung im Angesichte, so zwischendurch neben dem „anderen“ zu Tage kam - das tritt heute frei (die  Gegner sagen: frech), selbstbewusst - nein: selbstverständlich und durchaus nicht zwischendurch, sondern führend hervor. Eine neue Erscheinung hat sich im wahren Sinne des Wortes „durchgesetzt“. Daran ist nun einmal nicht mehr zu zweifeln. - Und zweifelt denn noch jemand daran? Gibt es noch welche, die da den Vogel Strauß spielen und mit affektiert überm Auge gehaltener Hand blinzeln und blinzeln und schließlich sagen. Nein! Wir sehen nichts! - Ob es noch solche gibt, frage ich. - Aber nein! Die gibt es freilich nicht mehr. Denn schließlich verstummt vor der eindringlichen Gewalt des Tatsächlichen auch der dreisteste Leugner. Mit einem: „Es ist nichts“ wagt also heute doch niemand mehr zu kommen.

Aber freilich, in Umkehrung des billigen Grundsatzes: Was nicht ist, kann noch werden, sagt man dafür: Es wird nichts! Also man sagt: Zwar können wir nicht bestreiten, dass gegenwärtig etwas da ist, das sich höchst ungeniert und uns zum Trotze als neue Kunst gebärdet, aber das wird nicht lange dauern und sehr bald in sich selbst zerfallen. Recht lange prophezeit man schon dergleichen! Die Selbstzersetzung der neuen Kunst wäre ein ungewöhnlicher Prozess, wenn er wirklich bestände.

A priori ist es nun allerdings möglich. Es ist ebenso möglich, dass die neue Kunst, indem sie auf einer falschen Voraussetzung gründet, wieder vergeht, als es möglich ist, dass diese Kunst, auf einer richtigen Voraussetzung fußend, bestehen bleiben wird. Das ist, wie gesagt, a priori beides möglich. Aber welcher Unterschied in der a posteriori darauf angewendeten Wahrscheinlichkeit! Was ist denn wahrscheinlicher: Dass eine Bewegung, die ersichtlich mit allen Merkmalen des Revolutionären, des sich über das Alte Hinwegsetzenden ausgestattet ist, die nicht das letzte Aufleben eines alt gewordenen Kulturgedankens ist, sondern offenbar mit einem solchen bricht (es ist der Gedanke der konventionell gewordenen Renaissance), was ist wahrscheinlicher, frage ich, dass eine solche Bewegung eine auf- oder eine absteigende Kulturwelle ist? Darauf können wir, gestützt auf die Erfahrung der Geschichte, also a posteriori nur antworten: Es ist hundert gegen eins zu wetten, dass eine solche Bewegung eine aufsteigende ist. Überall in der Geschichte finden wir den Verfall nur da, wo die Ergebnisse einer lang währenden Kultur zusammengefasst, gleichsam in einem tiefen Atemzuge noch einmal aufgesaugt und dann in einem großen, aber letzten Worte der Welt nochmals laut verkündet werden. So geschah es zu Perikles' Zeiten, so im kaiserlichen Rom, so unter den französischen Ludwigen, so überall, wo eine glänzende Kultur sich auszuleben anschickte. Nicht Kampf also gegen das Althergebrachte, nicht Ekel vor dem Bestehenden - nein! - Durchdrungenheit von der Größe und Macht eines alten Kulturgedankens löst jene Erscheinungen aus, die wir gemeinverständlich mit dem Worte dekadent bezeichnen. Nicht das bis zu einem gewissen Grade asketische Prinzip des Von-sich-werfens veraltet anmutender Kulturfetzen, wie es auch unsere neue Richtung aufweist, sondern, ganz  im Gegenteil das Schwelgen im Altgewohnten, Hochentwickelten - das bedeutet Verfall. Dagegen haben wir es da, wo Verzicht auf ererbte Kulturwerte, auf gesicherte Güter zum Prinzipe geworden, stets mit starken inneren Kräften zu tun, die unter der Oberfläche der Erscheinung liegen und diese tragen. So z. B. am Anfang der Gotik, die sich mächtig genug fühlte, den Errungenschaften einer Welt erfüllenden Kultur, wie die Antike, in stolzem Trotze den Rücken zu kehren.

Und ähnlich liegen ja die Dinge auch heute. Denn es ist der Gedanke der konventionell gewordenen Renaissancekultur, gegen den im letzten Grunde die neue Richtung in Widerspruch sich heute aufbäumt. „Neue Werte“ werden gesucht und sollen gefunden werden; jenseits von Rom und Athen. Ein Jenseits, das freilich auch wieder ein Diesseits ist. Ein Diesseits nicht minder im geographischen als im geschichtlichen, im räumlichen und im zeitlichen Sinne. Neuzeitliche Kulturwerte, die allmählich in unseren Tagen und unseren Breitegraden herangereift sind, ein Stück modernen Seelenlebens, west-, nord- und mitteleuropäische Sozialerrungenschaften und zu alledem der entscheidende Einschlag eines hoch gesteigerten nervösen Reizbedürfnisses: das sind die Elemente, die ablösend an die Stelle mancher alten und - sit venia verbo: veralteten Renaissancewerte zu treten berufen sind. Und sie werden an ihre Stelle treten.

 

So ist es im Grunde bloß das Ergebnis eines mehr oder weniger sicheren historischen Gefühls, wenn wir die Prognose der neuen Kunst in dem einen oder dem anderen Sinne stellen. Sicherlich wird, wer die Geschichte befragt und wer zudem den Blick für das Tatsächliche der Gegenwart besitzt, die stärkste Präsumtion zu Gunsten der neuen Kunst in eben ihrem Wesen erblicken. Sicherlich aber auch ist die tiefe Gegensätzlichkeit eines Teiles der Kulturmenschen zur Moderne dem „Renaissancefühlen“ zuzuschreiben, dessen letzte Ausläufer durch die neue Richtung bedroht sind. - Achten wir die Bitternis, die denjenigen überkommen muss, der, unzerreißbar verknüpft mit einer Tradition, in ihrem Untergange auch den seinen zu beklagen hat: aber werden wir nicht weich - denn das Recht steht auf unserer Seite.