1948 Briefe an eine Malerin

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MAX BECKMANN

Drei Briefe an eine Malerin (1948)

Vorlesung, gehalten im Frühjahr 1948 in der Columbia University, New York, und an der Art School, Boston.

 

 

Erster Brief

 

Es ist sicher das törichtste und unzulänglichste Unternehmen, Dinge über Kunst in Worte oder Schrift fassen zu wollen, denn ob man will oder nicht, spricht jeder doch nur pro domo seiner eigenen Seele, und eine absolute Objektivität oder Gerechtigkeit ist nicht möglich. Außerdem sind gewisse letzte Dinge nur durch Kunst an sich auszudrücken, sonst brauchten sie nicht gemalt, geschrieben oder musiziert zu werden. - Bleibt also letzten Endes nur ein Vertrauen oder Glauben an die gegebene Persönlichkeit, die mit mehr oder weniger großer Intelligenz oder Energie ihre Meinung vorträgt. - Sie behaupten nun, diesen Glauben zu haben, und wollen ihn auf meine Persönlichkeit konzentrieren und meine Weisheit hören.

 

Nun, ich gebe zu, dass Sie manchmal wirklich für Malerei interessiert sind, und kann ein gewisses Gefühl der Befriedigung über dieses Vertrauen nicht unterdrücken, wenn auch mein Glaube an Ihr wirklich tiefes Interesse für Kunst nicht allzu stark entwickelt ist, da ich mit Betrübnis des öfteren sehen musste, wie Modeschau, Bridgetee, Tennispartie oder Fußballmatch einen großen Teil Ihrer Interessen anderen Bahnen zuführte.

 

Sei es, wie es sei. Sie wissen, dass Sie sehr schön sind, das ist bedauerlich, aber es zwingt mich, etwas zu tun, was mir eigentlich contre Coeur geht.

 

- Also -.

 

Sie haben in der Entwicklung Ihres Geschmacks schon manches hinter sich gelassen, gewisse Herbstlandschaften in braun und weinrot, einige besonders schöne und essbare Stilleben der holländischen alten Schule machen nicht mehr den verführerischen Eindruck auf Sie wie früher. Ja, wie Sie mir versichern, selbst die wundervollen Gebilde, Bilder der letzten Jahre, entwickeln in Ihnen jenes traurige Gefühl der langen Weile, dem Sie so gern entfliehen möchten, und doch waren Sie einst so stolz, gerade diese Dinge verstehen zu können.

 

- Und nun - was ist nun? Sie stehen da und wissen nicht mehr aus noch ein; abstrakte Dinge langweilen Sie genau so wie die akademische Vollkommenheit - und betrübt richten Sie Ihre Augen auf das violette Rot Ihres Nagellacks, als die letzte Realität, die Ihnen geblieben ist.

 

Trotzdem, verzweifeln Sie nicht. Es gibt immer noch Möglichkeiten, wenn sie auch zur Zeit sehr verschüttet sind. - Ich weiß, Ihre größten Feinde für eine wirklich echte Konzentration sind die großen Weltübel, das Auto, die Photographie, das Kino - alle die Dinge, die den Menschen mehr oder weniger bewusst den Glauben an eine eigene Individualität und an transzendente Möglichkeiten nehmen, ihn zum Serien- und Klischeemenschen machen. Trotzdem, wie gesagt, können und dürfen wir die Hoffnung nicht aufgeben, uns aus dem Kreis der Maschinenphantome den Weg zu einer höheren Wirklichkeit zu suchen und auch zu finden. - Was dafür nottut, ist schwer in Worten auszudrücken, da gerade das Dinge sind, die fast mehr Begnadung oder Begabung sind. - Es handelt sich um die wirkliche Liebe zu den Dingen der Erscheinung außer uns und den tiefen Geheimnissen der Ereignisse in uns selbst. - Zu den Dingen außer uns - wie in uns, gehört das ewige Suchen nach der Individualität der eigenen Seele; daher ist auch in der Kunst wieder ein verstärktes Bestreben zu den individuellen Dingen dringend notwendig, so abstrakt auch jedes gute Kunstwerk von Bellini bis Henri Rousseau immer gewesen ist.

 

Denken Sie daran, dass Raumvertiefung im Kunstwerk - auch in der Plastik, die jedoch mit anderen Mitteln arbeiten muss - immer das Entscheidende ist. Raum, dessen wesentliche Bedeutung identisch ist mit Individualität, oder das, was die Menschen Gott nennen. Denn im Anfang war der Raum, diese unheimliche und nicht auszudenkende Erfindung der Allgewalt. Zeit ist eine Erfindung der Menschen, Raum ist der Palast der Götter. Aber wir wollen nicht abschweifen in Metaphysik oder Philosophie. Nur nicht vergessen, dass die Dinge der Erscheinung im Raum etwas göttlich Gegebenes sind, die zu negieren oder durch neue Formen zu ersetzen, leider immer Fluch der Ohnmacht, der Lächerlichkeit oder zum mindesten aber die Idee der Absichtlichkeit in sich tragen.

 

Tiefste Ehrfurcht vor der Erscheinung und ihre Wiederholung oder Darstellung in Tiefe, Höhe und Breite des Bildraums ist notwendig. Dem Gesetz der Fläche folgend, die niemals durch eine falsche realistische Illusionstechnik durchbrochen werden darf, können wir dann mit der allergrößten Anstrengung vielleicht dazu gelangen, uns selbst zu finden - uns selbst zu sehen im Kunstwerk. Denn schließlich münde alles Streben und Suchen doch darin, sich selbst zu finden. Das echte Selbst, von dem wir nur ein schwacher Abglanz sind. Sicher ist es die schwerste und letzte Anstrengung, die wir armen Menschen machen können - und bei all dieser Arbeit wird Ihre gepflegte Schönheit und Ihr Bedürfnis nach dem äußerlichen sinnlichen Anreiz des Lebens manchmal leiden müssen. - Aber seien Sie getrost, Sie werden noch immer viele schöne und nette Dinge erleben -aber intensiver und glutvoller, als wenn Sie sich unter bitterem Gelächter in das Geschrei der Serienmenschen einreihen lassen.

 

Letzthin sprachen wir vom Rausch, sicher ist alle Kunst auch Rausch - aber disziplinierter Rausch. - Trotzdem lieben wir auch die Champagnerurwälder, die großen Hummer- und Austernseen und die giftige Pracht der lüsternen Orchideen - davon einmal in einem anderen Brief. -

 

Zweiter Brief

 

Es ist notwendig für Euch, die Ihr Euch den bunten und lockenden Gefilden der Kunst nähert, es ist sehr notwendig, dass Ihr begreift, wie sehr Ihr nun auch in Gefahr seid.

 

Ergebt Ihr Euch der Askese, der Abkehr von allen menschlichen Dingen, so erreicht Ihr wohl eine gewisse Konzentration, aber Ihr könnt auch vertrocknen dabei. Stürzt Ihr Euch rücksichtslos in die Arme der Leidenschaft, so könnt Ihr leicht verbrennen. Kunst, Liebe und Leidenschaft sind sehr nahe verwandt. Denn mehr oder weniger dreht sich alles um Erkenntnis oder den Genuss der Schönheit in irgendeiner Form. Und der Rausch ist schön - nicht wahr, meine Freundin? -

 

Warst Du nicht manchmal mit mir in der tiefen Höhle der Champagnergläser, wo die roten Lobster herumkriechen und schwarze Kellner die roten Rumbas servieren, die die Glut durch die Adern jagen zum wilden Tanz - wo sich weiße Kleider und schwarze Seidenstrümpfe um die schmalen Hüften der jungen Götter pressen zwischen Orchideenblüten und dem Klirren der Tambourine? Dachtest Du nicht in der höllenheißen Ekstase zwischen Fürsten, Gangstern und Kokotten, das hier ist der Glanz des Lebens - ließen Dich nicht träumen die weiten Meere in heißen Nächten, in denen wir brennende Funken waren, weit über dem Meer und den Sternen auf dem fliegenden Fisch. - Herrlich war Deine Maske des schwarzen Feuers, in dem Dein langes Haar brannte, und Du glaubtest, endlich -endlich den Gott in den Armen zu halten, der Dich erlösen würde aus Armut und Sehnsucht! -

Dann kam das andere - das kalte Feuer - der Ruhm. -

 

Nie wieder, sagtest Du - nie wieder soll mich mein Wille versklaven an einen anderen -jetzt will ich allein sein - allein mit mir und meinem Willen zur Macht - zum Ruhm.

 

Du bautest Dir ein Haus aus Eiskristallen und wolltest Drei-Ecke und Vier-Ecke umschneiden zum Kreis. - Aber Du wirst das Pünktchen nicht los, was in Deinem Gehirn nagt - das Pünktchen, das ist "der Andere". Unter dem kalten Eis nagt noch immer die Leidenschaft, die Sehnsucht, geliebt zu werden von dem Anderen, wenn auch auf einer anderen Ebene wie in der Hölle der tierischen Sinne. Das kalte Eis brennt ebenso wie das heiße Feuer - und unruhig gehst Du allein durch Deine Paläste von Eis. - Denn Du willst noch nicht aufgeben die Gefilde der Täuschung, noch brennt in Dir das Pünktchen - de Andere! Und darum bist du Künstlerin mein armes Kind. Und weiter wandelst Du in Träumen wie ich selber - aber auch durch dies alles müssen wir hindurch, meine geliebte Freundin. Du Traum meines Selbst in Dir - Du Spiegel meiner Seele. -

 

Vielleicht werden wir einmal erwachen, allein oder zusammen, das ist verboten zu wissen.

 

Ein kühlender Wind der jenseitigen Ebenen wird uns erwecken im traumlosen All und wir sehen dann uns und doch nicht uns, entronnen den Gefahren der dunklen Erde, den glühenden Trauergefilden der Mittemacht. Erwacht sind wir dann im Kreis der Atmosphären - und Wille und Leidenschaft, Kunst und Täuschung sinkt herab wie ein Vorhang von grauem Nebel - und ein Licht strahlt auf, dahinter ein unbekanntes riesiges Leuchten, Dort, ja do, werden wir erkennen, meine Freundin allein oder zusammen - wer kann da! wissen?! -

 

Dritter Brief

 

Ich kann Sie nur immer wieder auf Cézanne hinweisen. Ihm ist es gelungen, einen exaltierten Courbet, einen mysteriösen Pissarro und, zum Abschluss, eine gewaltige neue Bildarchitektur zu schaffen, in der er wirklich ein letzter alter Meister - oder besser gesagt, endlich ein neuer "Meister" geworden ist, der gleichberechtigt neben Piero della Francesco, Uccello, Grünewald, Orcagna, Tizian, Greco, Goya und van Gogh steht. Nehmen Sie auf einer ganz anderen Seite noch die alten Zauberer Hieronymus Bosch, Rembrandt und als phantastische Blüte aus dem trockenen England William Blake, so haben Sie eine ganz nette Reihe von Freunden, die Sie auf Ihrem dornenvollen Pfade - dem Entfliehen der menschlichen Leidenschaften in die Phantasiepaläste der Kunst - begleiten können. Vergessen Sie nicht die Natur, durch die Cezanne, wie er sagte, klassisch werden wollte. Gehen Sie viel spazieren, verschmähen Sie möglichst das verderbliche Auto, das Ihnen die Augen wegnimmt, geradeso wie das Kino oder die vielen bunten Newspaper.

 

Lernen Sie die Formen der Natur auswendig, damit Sie sie verwerten können wie Noten in einem Musikstück. Dazu sind diese Formen da. Natur ist ein wundervolles Chaos, und unsere Aufgabe und Pflicht ist es, dieses Chaos zu ordnen und ...zu vollenden. Lassen Sie andere verwirrt in alten Geometriebüchern oder in höheren Arithmetikaufgaben farbenblind herumirren. Wir wollen uns der gegebenen Formen freuen. Ein Menschengesicht, eine Hand, eine weibliche Brust oder ein männlicher Körper, ein freud- und leidvoller Ausdruck, die unendlichen Meere, die wilden Felsen, die melancholische Sprache der schwarzen Bäume im Schnee, die wilde Kraft der Frühlingsblumen und die schwere Lethargie des heißen Sommermittags, wenn Pan, unser alter Freund, schlaft und die Mittagsgespenster sprechen. Das ist schon genug, um das Leid der Welt zu vergessen oder zu gestalten. Der Wille zur Gestalt trägt auf alle Fälle einen Teil der Erlösung in sich, die Sie suchen. Der Weg ist hart und das Ziel endlos, - aber es ist ein Weg. -

 

Nichts liegt mir ferner, als Sie zu einer gedankenlosen Nachahmung der Naturerscheinungen anregen zu wollen. Immer wieder muss jede Form des Natureindrucks zu einem Ausdruck Ihrer eigenen Freude oder Ihres eigenen Leids werden, und daher in der Gestaltung die Veränderungen erhalten, die erst die Kunst, die echte Abstraktion, ausmacht. Aber überschreiten Sie nicht die "Linie": sobald Sie nicht aufpassen, sobald Sie müde werden und doch gestalten wollen, rutschen Sie ab - entweder in gedankenlose Imitation der Natur oder in sterile Abstraktionen, die kaum zu einem anständigen Kunstgewerbe reichen. -

 

Für heute Schluss, meine liebe Freundin. Ich denke sehr an Sie und Ihre Arbeit und wünsche Ihnen von Herzen Kraft und Stärke, den guten Weg, wie Laotse sagt, zu finden und weiter zu verfolgen. Er ist schwer, ich weiß es, mit seinen Fallstricken links und rechts. Wir alle sind Seiltänzer! Bei ihm ist's wie in der Kunst, so auch bei allen Menschen: "Der Wille, das Gleichgewicht zu erreichen und zu behalten."

 


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