EXPRESSIONISMUS

Ernst Ludwig Kirchner (1880 - 1938)
 
1. Aus Schriften und Briefen. In: Kunstwerk V, Baden-Baden 1951, 3
2. Über Leben und Arbeit. In: Omnibus, Galerie Flechtheim 1931
3. WILL GROHMANN. Das Werk E. L. Kirchners (bis 1925), München o. J.; E. L. K., Stuttgart 1958
4. Brief an E. Griesebach, 1.12. 1917
5. Über die Schweizer Arbeiten (unter dem Pseudonym A. de Marsalle). Europa - Almanach. Berlin 1925
 
Gleichnis des Lebens
 
Jedes Bild, das ich schaffe, hat seinen Ursprung in einem Naturerlebnis. Hier gilt mir der Satz DÜRERS: Alle Kunst kommt aus der Natur, wer sie heraus kann reißen, der hat sie. Natur ist für mich alles Sichtbare und Fühlbare in der Welt, der Berg wie das Atom, der Baum und die Zelle, die ihn baut, aber auch alles von Menschen Geschaffene, wie Maschinen usw. Alle biologische, technische, wissenschaftliche Erkenntnis ist wertvoll für meine Arbeit, doch ist mein Verhältnis ein durchaus anderes zu ihr als das des Biologen oder Ingenieurs. Das moderne Licht der Städte, in Verbindung mit der Bewegung der Straßen, gibt mir neue Anregungen. Es breitet sich eine neue Schönheit über die Welt, die nicht in der Einzelheit des Gegenständlichen liegt. Durch die Schulung an diesem so reichen Problem bekam auch die freie Natur draußen ein anderes Gesicht für mein Auge. (2) Aus der Beobachtung der Bewegung kommt mir das gesteigerte Lebensgefühl, das der Ursprung des Kunstwerks ist. Ein in Bewegung befindlicher Körper zeigt mir viele Einzelansichten, diese schmelzen in mir zu einer Gesamtform zusammen, dem inneren Bild... Es ist deshalb nicht richtig, meine Bilder mit dem Maßstab der naturgetreuen Richtigkeit zu beurteilen, denn sie sind keine Abbildungen bestimmter Dinge oder Wesen, sondern selbständige Organismen aus Linien, Flächen und Farben, die Naturformen nur soweit enthalten, als sie als Schlüssel zum Verständnis notwendig sind. Meine Bilder sind Gleichnisse, nicht Abbildungen. (2) Formen und Farben sind nicht an sich schön, sondern die, welche durch seelisches Wollen hervorgebracht sind. Es ist etwas Geheimes, was hinter den Menschen und Dingen und hinter den Farben und Rahmen liegt, und das verbindet alles wieder mit dem Leben und der sinnfälligen Erscheinung, das ist das Schöne, das ich suche. (3)
 
Die Hieroglyphe
 
[Erklärung des Begriffs der <Hieroglyphe> nach einem Selbstzeugnis unter dem Pseudonym Marsalle in der Zeitschrift ‚Genius' 1920 (1) und verstreuten Äußerungen in Briefen.]
 
Wenn man KIRCHNERS Zeichnung aufnimmt, wie man einen Brief oder ein Buch liest, das man schätzt, wird man unmerklich den Schlüssel dieser Hieroglyphenschrift ins Gefühl bekommen. Er zeichnet, wie andere Menschen schreiben. Die Hieroglyphe als Ausdruckszeichen für erlebte, bis zu ihrem Energiequellpunkt durchschaute Wirklichkeit hat nichts mit Stilisierung zu tun, sie ist für jedes Ding neu, und jedes Ding ist jedes Mal etwas anderes Neues, wenn es in mehreren Bildern wiederkehren sollte. Die Verhältnismäßigkeit seiner Teile und Gliederungen folgt keinem überkommenen oder allgemeinen Bau- oder Ausdrucksgesetz, sondern ist Funktion des Gesamtbildlebens, einer Bewegung und Gliederung der ganzen Fläche, nicht addierende Komposition in einem vorgetäuschten Raum. (1) Es werden nicht wie bei den Kubisten Formen der Geometrie verwendet. Die Gestaltung bleibt in der Fläche und täuscht keine Plastik vor. - Mit der Gestaltung der Form geht die der Farbe zusammen. Es gibt weder Licht noch Schatten. Einzig die Farben in ihrem Zusammenhang geben das Erlebnis. Alles ist Fläche, und rein spricht der geistige Wert der Farbe. - Da diese Bilder mit Blut und Nerven geschaffen sind und nicht mit dem kalten Verstand, sprechen sie unmittelbar und suggestiv. Sie machen den Eindruck, als habe der Maler viele Gestaltungen eines Erlebnisses übereinandergeschichtet. (5)
 
Das große Geheimnis, das hinter allen Vorgängen und Dingen der Umwelt steht, wird manchmal schemenhaft sichtbar oder fühlbar, wenn wir mit einem Menschen reden, in einer Landschaft stehen oder wenn Blumen oder Gegenstände plötzlich zu uns sprechen. - Denken Sie: ein Mensch sitzt uns gegenüber, und plötzlich erscheint in dem Gespräch über seine eigenen Erlebnisse dieses Unfassbare. Es verleiht seinen Zügen seine ureigenste Persönlichkeit und erhebt sie doch gleichzeitig über das Persönliche. Wenn es mir gelingt, mit ihm in dieser, ich möchte fast sagen Ekstase in Verbindung zu treten, kann ich ein Bild malen, und doch ist dieses, so nahe es ihm selbst ist, eine Umschreibung des großen Geheimnisses, und es stellt im letzten Grunde nicht die einzelne Persönlichkeit dar, sondern ein Stück der in der Welt schwebenden Geistigkeit oder des Gefühls. Die Möglichkeit, sich so weit zu entselbsten, dass man mit dem anderen diese Verbindung eingehen kann,.. . aus diesem Stadium mit irgendwelchen Mitteln, sei es durch Worte oder Farben oder Töne, zu schaffen, ist Kunst. (4)

 


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