Dadaismus


 

Raoul Hausmann - Synthetisches Cino der Malerei
1918



Unter dem Titel >Das neue Material in der Malerei< trägt Raoul Hausmann dieses Manifest am 12. April 1918 auf der ersten Dada-Veranstaltung in der Berliner Sezession vor. Richard Huelsenbeck steuert Gedanken über den Dadaismus im Leben und in der Kunst bei ("erste theoretische Betrachtung des dadaistischen Prinzips"), Eise Hartwiger futuristische und dadaistische Verse von Marinetti und Tzara, George Grosz eigene Gedichte.
Hausmann hat diesen Text, dessen Abdruck im Dadaistischen Handatlas Dadaco (geplantes Erscheinen 1920 im Kurt Woiff Verlag, München, Aufgabe des Planes 1921) offenbar vorgesehen war, zweimal für Collagen verwendet.


 

Die abgeleitete Konvention stütze wer es will: zunächst erscheint uns das Leben komplett ein ungeheurer Lärm, Spannung in Zusammenbrüchen nie eindeutig gerichteter Expressionen, ein (wenn auch) belangvolles Anschwellen tiefer Belanglosigkeiten zu Gestalt ohne ethische Saltos auf schmaler Grundlage: l'art dada ist der Stand außer den Konflikten protesthafter Schöpferanmaßung; Kunst, die beziehungslose Lüge einer (quasi) inneren Notwendigkeit bis zum Klamauk aufzeigend, Kunst hat niemals einen tieferen Sinn als den Unsinn feierlich genommener Selbstbespiegelung reiner Toren mit Einspielen tragischer Komplexverschränkungen.
 
Der Maler malt wie der Ochs brüllt - diese feierliche Unverfrorenheit festgefahrener Markeure mit Tiefsinn vermengt, ergab wichtige Jagdreviere besonders deutscher Kunsthistoriker. Die weggeworfene Puppe des Kindes oder ein bunter Lappen sind notwendigere Expressionen als die irgend eines Esels, der sich in Ölfarbe ewig in endliche gute Stuben verpflanzen will. Die unklar verschlungenen Komplexauflösungen der inneren Notwendigkeit als einer ethischen Entschuldigung, auf Leinwand projiziert - ein primitiver Versuch psychophysischer Gesundbeterei. Aber Gesundbeterei, wie Psychoanalyse, sind objektive Medizin, statt subjektiver Balancierfähigkeit in Widersprüchen zusammenbruchloser Aullösungen, deren wichtigste bleibt: Sexualität. Alle Äußerungen sind sexuell -die ungeheuersten Differenzierungen, scheinbare Degeneration, zeigen auch noch den Schwindel, der mit Kunst getrieben wird, als eine Verlügung mangelnden Erlebens in ethische Selbstfluchtpositionen.
 
Der Expressionismus, als von hier aus immer noch eindeutig erscheinend, wird nur dem Tier als dem sich komplexmäßig und funktioneil in diesen Selbstbeziehungen vollkommen Erlebenden, Auslebenden zugebilligt werden dürfen.
 
Mensch ist simultan. Ungeheuer von Eigen und Fremd, jetzt, vorher, nachher und zugleich - platzender Buffalo-Bill von Apachenromantik grenzenlosester Realität des fortwährend widersprüchigste Komplexe umfassenden Erlebens, Beziehungen. In Form von Kinderschuhen als Telepathie, Theosophie, Okkultismus, Suggestion, Magnetismus, Schreck vor Verbrechen, Sicherung in Tradition, gegen grenzenauflösende Fähigkeit der Blutschande, der Homosexualität, der Polygamie und Polyandrie, der inneren Notwendigkeit der Kunst und so weiterer Komplexeinschränkungen erlebt der Mensch keimhaft, schamvoll, aus der Not der Verdrängungen eine Tugend herausholend, schon heute, wie unbewußte Versuche - Weltkrieg oder l'art pour l'art - beweisen, die ungeheure Möglichkeit der Aufgeschlossenheit seiner sexual-psychischen Erlebnisfähigkeit, die der ethischen Sprünge irgend welcher Künste nicht mehr bedarf.
 
Versuche einer Steigerung der Sinnesorgane durch Wissenschaft und Kunst, die dennoch bloße Auflösungsgeste, Aggressionsumkehrung, gegen den Menschen gerichtet bleiben - wo die Kunst noch voraus vor der Wissenschaft eine bewußte Unmoral, Unobjektivität behält und als Haben buchen kann.
 
Kubismus, Futurismus, Ausdrucksmaterial visueller Intellektualität mit der großen Geste des Durchbruchs des Erlebens in die vierte Dimension, bleiben Versuche zu einer Komplexerweiterung der Wahrnehmung optischer Chemotropismen. Im orphischen Kubismus und Futurismus sind vielleicht die spontansten Erkenntnisse weit über okkultistische Od-Lehren hinaus gemacht worden - beinahe Naturalismus unserer bislang erst innerst funktionierenden simultanen Kontrastverschlungenheit.
 
Der Expressionismus, Symbolik dieser Triebumkehrung - innerer Notwendigkeit -, immer mehr in ästhetischer Weltüberwindung versinkend, ist heute ein einrubrizierter Begriff, Lebensnotwendigkeit gleich Kohlenkarte oder Schleichhandel für Leute weit vom Schuß, dem Zwang zum Sein.
Das Material des expressionistischen Malers endigend in einer beinahe astralen Blödigkeit der Färb- und Linienwerte zur Ausdeutung sogenannter seelischer Klänge - wo noch nicht einmal der Rhythmus zulangt, abgehackt ausfallenlassend, außer allem beziehungsweisen Erleben stehend als ästhetische Romantik.
 
Kubistischer Orphismus, Futurismus, die ihre Mittel, Farbe auf Leinwand, dann Pappe, künstliche Haare, Holz, Papier in wirkliche Durchdringungsbeziehung zu bringen vermochten, wurden zuletzt von ihrer eigenen wissenschaftlichen Objektivität gehemmt. L'Art Dada wird ihnen eine ungeheure Erfrischung, einen Anstoß zum wirklichen Erleben aller Beziehungen bieten.
 
Dada: das ist die vollendete gütige Bosheit, neben der exakten Fotografie die einzig berechtigte bildliche Mitteilungsform und Balance im gemeinsamen Erleben - jeder, der in sich seine eigenste Tendenz zur Erlösung bringt, ist Dadaist. In Dada werden Sie Ihren wirklichen Zustand erkennen: wunderbare Konstellationen in wirklichem Material, Draht, Glas, Pappe, Stoff, organisch entsprechend Ihrer eigenen geradezu vollendeten Brüchigkeit, Ausgebeultheit: Nur hier gibt es erstmals keinerlei Verdrängungen, Angstobstinationen, wir sind weit entfernt von der Symbolik, dem Totemismus; elektrisches Klavier, Gasangriffe, hergestellte Beziehungen, Brüllender in Lazaretten, denen wir erst durch unsere wunderbaren widerspruchsvollen Organismen zu irgend einer Berechtigung, drehender Mittelachse, Grund zum Stehen oder Fallen verhelfen.
 
Durch die Vorzüglichkeit der Schlagkraft unserer Materialverwertung als letzter Kunst einer in Bewegung begriffenen, fortschreitenden Selbstdarstellung mit Aufgeben der traditionellen Sicherungen der umgebenden Umherstehenden, als einverleibter Atmosphäre.
 


 
Manifest 1918


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